Die Wahrsagerin nahm Alicas Worte gar nicht zur Kenntnis, sondern beantwortete Pias Frage. »Um deine Fragen zu beantworten. Du musst sie nur stellen.«
»Au ja, jetzt kommt das«, sagte Alica abfällig. »Wenn man nicht weiterweiß, dann rettet man sich in ein bisschen esoterisches Blabla, nicht wahr?«
»Verdammt, Alica, halt endlich die Klappe«, sagte Pia. »Ich will mit ihr reden.«
Alica wäre nicht Alica gewesen, hätte sie nicht mit einem trotzigen Schnauben auf diese Worte reagiert – aber sie gehorchte auch und verbiss sich zumindest in diesem Moment eine weitere patzige Antwort.
»Du weißt also, wer wir sind«, begann Pia, »und wie wir hierherkamen.«
»Warum stellst du keine Fragen, deren Antworten du noch nicht kennst?«, erwiderte Valoren.
Vielleicht hatte Alica ja recht, dachte Pia, und das alles war nichts als – wie hatte sie es genannt? Esoterisches Blabla? Sie waren nicht gerade im seriösesten Teil des Marktes, und vielleicht war das alles hier nichts als geschickte Effekthascherei. Eine Antwort wie diese hätte eigentlich Wasser auf Alicas Mühlen sein müssen, aber seltsamerweise ließ sie die Gelegenheit ungenutzt verstreichen, und auch ihr selbst wollte es einfach nicht gelingen, Valoren als das zu sehen, was sie zumindest Alicas Meinung nach war. Diese Frau strahlte eine … Wahrhaftigkeit aus, der sie sich einfach nicht entziehen konnte.
»Bevor wir fortfahren, solltest du wissen, dass wir …«
»… kein Geld haben, um mich zu bezahlen?«, fiel ihr Valoren sanft ins Wort. »Keine Sorge. Du bist nicht deswegen hier.«
»Weshalb dann?«
»Du solltest gar nicht hier sein.«
»Das ist vermutlich wahr, aber keine Antwort«, sagte Pia.
»Das ist wahr, Erhabene.« Valoren senkte demütig das Haupt, und auch mit dieser Bewegung war es wie mit allem anderem hier: Sie sollte lächerlich oder wenigstens aufgesetzt wirken, tat es jedoch nicht. Alles hier wirkte auf eine Art echt, die sie weder in Worte noch in Gedanken kleiden konnte, die aber keinen Zweifel zuließ.
»Was tue ich hier?«, fragte sie noch einmal. »Nicht in diesem Zelt, meine ich.« Schatten flüsterten rings um sie herum, und in der Dunkelheit begannen sich Dinge zu regen, die nicht da, ihr aber dennoch vertraut waren.
»Das ist schon eine bessere Frage«, sagte Valoren. »Aber ich weiß die Antwort nicht.«
»Ich dachte, du weißt alle Antworten auf alle Fragen«, sagte Alica spöttisch. »Oder bessert sich dein Gedächtnis vielleicht schlagartig, wenn ich nach draußen gehe und nachsehe, ob Lasar noch ein paar Münzen übrig hat?«
Valoren lächelte. »Eure Freundin ist eine tapfere junge Frau. Ihr könnt Euch glücklich schätzen, eine solche Weggefährtin zu haben. Gebt gut auf sie acht. Sie wird noch eine wichtige Rolle bei dem spielen, was vor Euch liegt.«
»Darauf kannst du Gift nehmen«, sagte Alica grimmig. »Als Erstes sorge ich dafür, dass dieser Spuk hier aufhört. Gibt es hier so etwas wie Polizei?«
Statt ihre Frage zu beantworten, fuhr Valoren an Pia gewandt fort: »Nicht alle Fragen sind bereits beantwortet. Ich sehe die Dinge, wie sie sind, und die, die noch nicht sind, so wie sie sein sollten. Aber manchmal entwickeln sie sich anders.«
Alica verdrehte die Augen, und Pia fragte sich, ob sie nicht vielleicht doch recht hatte. Das war genau die Art von Antwort, die Alica vorausgesagt hätte: Eine Menge wohlklingender Worte, die im Grunde gar nichts bedeuteten.
»Aber ich kann Euch sagen, dass Ihr nicht hier sein solltet, Erhabene«, fuhr Valoren fort.
»Wie wahr«, spöttelte Alica.
Pia spürte, wie sich ihre Geduld ganz allmählich dem Ende entgegen neigte, aber Valoren reagierte auch jetzt wieder nur mit einem geduldigen Lächeln.
»Nicht hier? Du meinst, nicht in diesem Zelt, sondern in WeißWald, nehme ich an.«
»Nein«, antwortete Valoren. »Auf dieser Seite. Die Zeit ist noch nicht reif. Nicht für dich und nicht für uns. Noch lange nicht.«
Pia wünschte sich, diese sonderbare Frau würde endlich aufhören in Rätseln zu sprechen. »Wenn du mit dieser Seite diese ganze verrückte Geschichte hier meinst«, sagte sie mit einem wehmütigen Lächeln, »dann stimmt das wohl. Glaub mir, ich würde lieber heute als morgen wieder nach Hause, und Alica auch, aber wir wissen nicht, wie.« Sie legte fragend den Kopf auf die Seite. »Wenn du uns sagen kannst, wie, dann würde sich wahrscheinlich sogar Alica bei dir bedanken.«
»Auf demselben Wege, auf dem ihr hergekommen seid«, antwortete Valoren.
»Ja, genau das ist die Art von Antwort, die ich erwartet habe«, sagte Alica. »Nur immer hübsch schwammig bleiben. Bloß nie etwas sagen, worauf man dich festnageln könnte, nicht wahr?« Sie schnaubte. »Weißt du was, Va-lo-ren? Da, wo wir herkommen, könntest du Karriere machen. Bei uns wimmelt es nur so von Hirnis, die darauf warten, sich so einen Brei anzuhören. Echt.«
Pia brachte sie mit einer ärgerlichen Geste zum Schweigen. »Du meinst, ich habe das gemacht?«, flüsterte sie.
»Also doch!«, sagte Alica.
»Nutzt die Kraft Eures Blutes, Erhabene«, antwortete Valoren ernst.
»Und wie?«
»Wie soll ich diese Frage beantworten, wenn Ihr selbst sie nicht einmal stellen könnt?«
»Sag ich doch«, meinte Alica böse. »Blabla.«
»Ihr werdet lernen, die Kraft Eures Blutes zu nutzen, Erhabene«, antwortete Valoren. »Mehr zu sagen, steht mir nicht zu – ganz davon abgesehen, dass ich es gar nicht könnte.«
»Obwohl du alles weißt?«, fragte Alica.
»Ich weiß die Antworten«, erwiderte Valoren. »Doch längst nicht alle Fragen sind bereits gestellt. Manche sollte man vielleicht nicht stellen.«
»Blabla«, sagte Alica ernsthaft.
»Und wenn …«, Pia unterbrach sich, versuchte wenigstens den Anschein von Ordnung in das Chaos hinter ihrer Stirn zu zwingen und setzte dann noch einmal neu an: »Kannst du uns sagen, wie wir wieder nach Hause kommen?«
Nach Hause? Aber du bist zu Hause. Valorens Blick sagte das so deutlich, dass Pia einen Moment lang fest davon überzeugt war, sie hätte es laut ausgesprochen. »Es heißt, es gebe Orte, wo die Nebel zwischen den Welten weniger dicht seien als an anderen«, sagte Valoren.
»Ach, heißt es das?«, fragte Alica betont.
»Früher gab es viele solcher Orte, Orte voller Magie und großer Macht, doch heute sind sie selten geworden.«
Benutzt das Tor, Erhabene. »Und ich nehme nicht an, dass es einen solchen … Ort hier in WeißWald gibt?«, fragte Pia.
Valoren zögerte vielleicht den Bruchteil einer Sekunde zu lange, um ihre Antwort so zweifelsfrei glaubhaft zu machen wie alles andere, was sie zuvor gesagt hatte. Und wenn man es genau nahm, antwortete sie eigentlich gar nicht. »Die Magie wird schwächer in diesem Land. Es geschieht langsam und die Menschen merken es kaum, aber der alte Zauber erlischt, mit jedem Jahr ein wenig mehr. Die alten Zeiten gehen und die neuen kommen. Wer will sagen, ob sie besser oder schlimmer sind?«
»Du?«, schlug Alica vor. »Wo du doch alles weißt?«
»Das ist keine Antwort auf meine Frage«, sagte Pia. Es fiel ihr sonderbar schwer, die Worte auszusprechen. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass es ihr nicht zustand, so mit Valoren zu reden.
Dennoch nickte Valoren nur. »Das ist wahr. Doch selbst wenn es einen solchen Ort in den Mauern WeißWalds gäbe, wäre es viel zu gefährlich, ihn zu betreten.«
»Du meinst den Turm des Hochkönigs«, sagte Pia.
Diesmal dauerte Valorens Schweigen noch länger, und es war Pia, als stelle sie ihr in diesem zeitlosen Moment eine Frage, die sie auf dieselbe lautlose Weise beantwortete, ohne sie auch nur gehört zu haben; aber trotzdem richtig. Die Schatten bewegten sich hektischer und ihr Flüstern wurde lauter. Etwas wie dürre Spinnenbeine aus Eis schien an Pias Seele zu kratzen. »Es wäre Euer Tod, dorthin zu gehen«, sagte Valoren schließlich. »Und …« Sie brach ab, hob mit einer fast erschrocken aussehenden Bewegung den Kopf und schien einen Augenblick in sich hineinzulauschen.