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»Du musst dich täuschen«, sagte sie. »Hier ist niemand. Niemand außer uns.«

»Sie war hier!«, beharrte der Mann nervös.

»Nicht, seit wir hereingekommen sind«, erwiderte Pia. »Meine Freundin und ich waren neugierig, und wir wollten für einen Moment aus der Kälte heraus. Hätten wir das nicht gedurft? Ich entschuldige mich, wenn wir etwas Verbotenes getan haben. Wir kennen uns mit euren Gebräuchen noch nicht so gut aus.«

Alica starrte immer noch abwechselnd sie, die beiden Männer und das völlig leere Zelt ringsum an, und Pia trat einen weiteren vorsichtigen Schritt zur Seite und machte zugleich eine deutende Geste mit beiden Händen. »Du siehst es doch selbst.« So wie sie. Und sie konnte es immer noch nicht glauben. Wo war Valoren?

»Das kann nicht sein!«, beharrte der Soldat. »Das ist Zauberei! Schwarze Magie und Hexenwerk!«

»Ja, das muss es wohl sein«, antwortete Pia spöttisch – was ein Fehler war. Die Worte klangen sogar in ihren eigenen Ohren eher unheimlich, und Alica starrte sie für eine Sekunde beinahe entsetzt an. Der Soldat tat dasselbe, und sie konnte sehen, wie die Furcht in seinen Augen regelrecht explodierte. Dann senkte er zwar den Speer ein wenig, sodass er jetzt nicht mehr genau auf ihr Gesicht deutete (dafür auf ihr Herz, was für ein prachtvoller Tausch), schüttelte aber nur den Kopf und machte ein noch grimmigeres Gesicht.

»Das ist übler Zauber!«, behauptete er. »Was habt ihr damit zu tun?«

»Nichts«, beteuerte Pia. »Ich sagte doch, hier drinnen war niemand, als wir …«

Der Mann schnitt ihr mit einer rüden Geste das Wort ab. »Genug!«, fauchte er. »Ich will kein Wort mehr hören!« Er tauschte einen raschen, bezeichnenden Blick mit seinem Begleiter, der bisher kein Wort gesagt und auch seine Waffe nicht auf sie oder Alica gerichtet hatte, aber mindestens genauso nervös und erschrocken aussah wie er, dann machte er mit der freien Hand eine wedelnde Geste zum Ausgang. »Ihr werdet uns begleiten! Sollen andere entscheiden, was mit euch zu geschehen hat!«

Pia war klug genug, nicht zu widersprechen, sondern nur mit einem Nicken zu antworten und sich zum Ausgang zu wenden.

»Würdest du mir freundlicherweise verraten, was hier los ist?«, fragte Alica kläglich.

»Ach, nichts Besonderes«, erwiderte Pia. »Ich schätze, wir sind gerade verhaftet worden.«

»Verhaftet?«, wiederholte Alica verwirrt. »Weswegen?«

Pia überlegte eine Sekunde. »Hexerei?«, schlug sie dann vor.

XVI

Ich bin enttäuscht«, sagte Istvan und gab sich redliche Mühe, eine dazu passende Leichenbittermiene zu machen. »Enttäuscht und sogar ein bisschen ärgerlich, Gaylen. Ich hatte gehofft, dass wir uns wiedersehen, aber nicht so bald und auch nicht unter solchen Umständen.«

Pia schluckte alles hinunter, was ihr dazu auf der Zunge lag. Das Gespräch hatte schon vor einer Weile begonnen, sich im Kreis zu drehen, und es gab nicht mehr viel, was einer von ihnen nicht bereits in der einen oder anderen Form – und meistens mehrmals – gesagt hatte. Die Soldaten hatten sie schnurstracks zurück in den Weißen Eber gebracht, und Istvans Nachrichtendienst schien hervorragend zu funktionieren, denn der Kommandant der Stadtwache hatte sie bereits erwartet, und er war alles andere als guter Laune gewesen. Während der zurückliegenden halben Stunde hatte er praktisch ununterbrochen geredet, und nur sehr wenig von dem, was er gesagt hatte, war angenehm gewesen. Eigentlich gar nichts.

»Aber das war bestimmt nicht ihre Schuld«, sagte Brack, auch nicht zum ersten Mal. »Sie wissen nichts von unseren Sitten und Gebräuchen. Wenn überhaupt, dann ist es Lasars Schuld! Der dumme Bengel hätte sie niemals auf den Gauklermarkt bringen dürfen! Ich werde ihn so windelweich prügeln, dass er sich nicht mehr an seinen eigenen Namen erinnert!«

»Lasar kann nichts dafür«, sagte Pia. »Es war ganz allein meine Schuld. Er hat versucht, uns zurückzuhalten, aber ich habe nicht auf ihn gehört.«

Istvan seufzte tief und sah noch ein bisschen trauriger aus – doch Pia entging auch nicht das tückische Funkeln, das er tief in seinen Augen zu verbergen suchte. »Es ehrt dich, dass du den Jungen schützen willst. Aber Brack hat recht. Er hätte nicht zulassen dürfen, dass ihr dorthin geht. Das ist kein Ort für eine Frau.«

»Und was ist so schlimm daran?«, fragte Pia.

»Ihr hättet zu Schaden kommen können«, antwortete Istvan.

»Im Zelt einer Wahrsagerin?«, fragte Pia spöttisch und hätte sich im nächsten Moment am liebsten auf die Zunge gebissen. Istvan sparte sich die Frage, woher sie das eigentlich wissen wollte, wenn das Zelt doch angeblich von Anfang an leer gewesen war, aber sie konnte sie deutlich auf seinem Gesicht lesen.

»Das ist kein Ort für eine Frau«, beharrte er. »Ihr hättet zu Schaden kommen können, und das wäre auf meine Männer zurückgefallen und damit auf mich. So mancher, der dorthin gegangen ist, wurde nie wieder gesehen.«

»Ich möchte trotzdem nicht, dass der Junge bestraft wird«, sagte sie noch einmal. »Er hat alles getan, uns daran zu hindern, diesen Teil des Marktes zu betreten.«

»Da liegen mir andere Informationen vor«, antwortete Istvan kühl. So dumm, nicht zu wissen, dass er damit praktisch zugab, seine Männer hatten Alica und sie beobachtet, konnte er eigentlich gar nicht sein, dachte Pia. Vielleicht war es ihm egal, und vielleicht nicht nur das, vielleichtwollte er, dass sie es wussten. Was sie nicht einmal überraschte. Weder Alica noch sie hatten nur eine Sekunde lang daran geglaubt, dass die beiden Soldaten ganz zufällig im Zelt der Wahrsagerin aufgetaucht waren.

»Dennoch will ich Gnade vor Recht ergehen lassen«, fuhr Istvan fort, »und deine Bitte erfüllen – dieses eine und einzige Mal.« Er maß Brack mit einem Blick, der ebenso befehlend wie gelangweilt zugleich wirkte. »Du wirst dem Jungen nichts tun.«

Brack hütete sich zu antworten, sondern nickte nur knapp und tat so, als wäre die Hitze des prasselnden Kaminfeuers der einzige Grund, aus dem er immer unbehaglicher auf seinem Schemel herumrutschte.

»Gut.« Istvan seufzte noch einmal und auf eine bewusst abschließende Art und erhob sich. »Dann verlasse ich mich darauf, dass wir uns das nächste Mal sehen, wenn du mir ein Bier oder eine Mahlzeit servierst.«

Pia sagte nichts dazu, machte aber eine rasche Geste, als er sich umwenden wollte. »Noch eine Frage, wenn es Euch nichts ausmacht.«

Istvans Miene machte sehr deutlich, dass es ihm etwas ausmachte, doch er nickte trotzdem und ließ sich noch einmal auf den Schemel sinken.

»Da ist etwas, was mich die ganze Zeit beschäftigt«, sagte sie. »Etwas, was Eure Soldaten gesagt haben.«

»Sie waren doch nicht etwa unverschämt zu dir?«

Außer dass der eine mir fast den Speer ins Auge gestochen hätte? Kaum. »Nein«, sagte sie. »Ihr Benehmen war tadellos. Aber der Mann hat von … Zauberei gesprochen. Und schwarzer Magie.«

Istvan sagte nichts dazu, doch etwas in seinem Blick änderte sich.

»So etwas wie Zauberei gibt es nicht wirklich, oder?«, fragte sie.

Der Stadtkommandant schwieg weiter, aber er sah jetzt regelrecht alarmiert aus, und auch Brack wirkte immer nervöser.

»Warum stellst du diese Frage?«, wollte Istvan schließlich wissen.

Pia hob die Schultern. »Vielleicht, um mir nicht noch mehr Ärger einzuhandeln? Es ist leicht, etwas Verbotenes zu tun, wenn man nicht weiß, was erlaubt ist.«

»Eine weise Erkenntnis«, sagte Istvan. »Schade nur, dass sie dir nicht ein bisschen früher gekommen ist. Aber um deine Frage zu beantworten: Dunkle Mächte und Anhänger der verbotenen Künste gibt es überall, auch hier. Wir sind stolz darauf, WeißWald bisher vor diesen üblen Mächten beschützt zu haben, und das soll auch so bleiben.«

Was war das?, dachte sie. Eine Drohung?

»Haltet euch fern von Orten, die ihr nicht kennt«, sagte Istvan ernst. »Wenn ihr Fragen habt, wendet euch an Brack oder einen meiner Männer.« Er überlegte einen Moment, dann nickte er, als wäre er in Gedanken zu einem Entschluss gekommen, und machte eine Handbewegung zur Tür hin. »Ich werde zur Sicherheit zwei Männer draußen postieren, die alle deine Fragen beantworten und dich dorthin bringen, wohin du willst. Geh nicht allein aus dem Haus.«