Pia musste sich auf die Zunge beißen, um nicht zu antworten. Außerdem hätte sie sich am liebsten selbst geohrfeigt. Also gut, sie hatte gefragt … mit dem Ergebnis, dass Istvan Alica und sie ganz beiläufig unter Hausarrest gestellt hatte. Und dem fast schon verzweifelten Ausdruck in Bracks Augen nach zu schließen, konnte sie vermutlich noch von Glück sagen, dass sie dieses Gespräch hier führten und nicht in Ketten liegend in irgendeinem dunklen und nassen Kellerverlies.
»Geh bitte mit deiner Freundin auf euer Zimmer«, fuhr Istvan fort. »Ich habe noch ein paar Dinge mit Brack zu besprechen.«
»Die mich nichts angehen?«
Für den Bruchteil eines Augenblicks blitzte Wut in Istvans Augen auf, aber er beherrschte sich und schüttelte nur knapp den Kopf. »Die dich vermutlich nicht interessieren.«
Pia stand ohne einen weiteren Kommentar auf, biss sich noch heftiger auf die Lippen und bedeutete Alica mit einem stummen Wink, ihr zu folgen. Sie wäre gerne stolz erhobenen Hauptes und vor allem langsam die Treppe hinaufgegangen, doch das eine wollte ihr so wenig gelingen wie das andere.
»Verrätst du mir, was da unten gerade los war?«, fragte Alica, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.
Pia überlegte einen Moment, Alicas Unkenntnis der Sprache auszunutzen und ihr eine Version der Geschichte zu erzählen, bei der sie selbst ein bisschen besser wegkam, entschied sich aber dann, bei der Wahrheit zu bleiben und nichts zu beschönigen. Entgegen ihrer Erwartung unterbrach Alica sie weder, noch explodierte sie, als sie zum Schluss gekommen war.
»Hausarrest?«, sagte sie nur. »Das hat er gesagt?«
»Nicht direkt«, antwortete Pia. »Aber es läuft darauf hinaus, oder?«
Statt etwas zu sagen, ging Alica zum Fenster und blickte einen Moment hinaus. »Tatsächlich«, murmelte sie dann. »Da unten stehen zwei von seinen Männern und beobachten das Haus.« Sie drehte sich herum und stützte sich lässig mit den Handballen auf dem Fensterbrett ab. »Aber eigentlich hat sich nicht viel geändert. Vorher haben sie uns heimlich beobachtet. Jetzt tun sie es ganz offen. Wo ist da der Unterschied?«
Pia war noch immer sprachlos, dass Alica die Gelegenheit nicht nutzte, ihr eine Standpauke zu halten – aber vielleicht hatte sie ja auch gespürt, dass sie das schon längst selbst getan hatte. Sie konnte nur mit den Achseln zucken.
»Es war trotzdem nicht besonders clever, ihn auch noch mit der Nase daraufzustoßen.« Die alte Alica war wieder da. »Warum hast du das getan?«
»Weil ich es wissen wollte«, antwortete Pia. »Du hast doch gehört, was Valoren gesagt hat.«
»Und du glaubst diesen Unsinn?«, fragte Alica. »All dieses Gerede von Magie und den Nebeln des Schicksals und – wie war das? Die Kraft deines Blutes?« Sie kniff misstrauisch ein Auge zusammen. »Jetzt mal ehrlich, Süße. Denkst du eigentlich selbst, dass du diese Prinzessin bist?«
»Dafür, dass ich knappe tausend Jahre alt bin, habe ich mich doch gut gehalten, oder?«, witzelte Pia lahm.
Alica blieb ernst. »Und wenn es so wäre?«
»Ich würde sagen, dann sitzen wir bis hierhin in der …«, sie legte die flache Hand unter das Kinn, »… im Schlamassel.«
»Du meinst wegen dem, was diese Valoren gesagt hat?« Alica lachte abfällig. »Ich weiß nicht, wer diese komische Tussi war, aber wir kennen sie nicht, und ihr Ruf scheint bestenfalls zweifelhaft zu sein. Eigentlich haben wir keinen Grund, ihr zu glauben.«
»Und keinen, es nicht zu tun.«
Alica seufzte. »Ich versuche ja nur zu begreifen, was hier los ist.«
»Willkommen im Klub.«
»Ich gebe es ja ungern zu«, fuhr Alica fort. »Aber in einem Punkt hatte sie recht. Ob du nun die richtige Gaylen bist oder nicht, ist ziemlich gleichgültig, solange genug andere glauben, du wärst es.«
»Dann sollten wir hoffen, dass ich die richtige Gaylen bin. Vielleicht entdecke ich ja doch noch meine Zauberkräfte und hole uns hier raus.« Nur dass es nicht so einfach sein würde. Sie glaubte nicht, dass Varloren das gemeint hatte, als sie von der Macht ihres Blutes gesprochen hatte. Manchmal hingegen glaubte sie etwas tief in sich zu spüren, etwas wie ein lautloses Wispern tief am Grund ihrer Seele, eine uralte Stimme, die noch ältere Geschichten zu erzählen versuchte, die Pia nie gehört hatte, aber trotzdem kannte.
»Das ist sehr witzig.« Alica klang nicht amüsiert. »Nur falls es dir entgangen sein sollte, Prinzessin: Wir sind noch nicht einmal zwei Tage hier, und wir haben schon jede Menge Ärger am Hals. Kein schlechter Durchschnitt. Wenn es so weitergeht, brauchen wir maximal eine Woche, um einen Krieg auszulösen.«
Das wiederum fand Pia nicht komisch, und sie sagte es auch.
Alica, die anscheinend gerade unter einem ganz besonders heftigen Anfall von Vernunft litt, seufzte: »Vielleicht … aber meine Nerven sind zurzeit nicht die besten, weißt du?«
»Meine auch nicht«, antwortete Pia mit einem müden Lächeln. »Ich versuche doch nur einen Weg hier herauszufinden. Was, wenn Varloren die Wahrheit gesagt hat?«
»Dass du die richtige Gaylen bist?«
Einen Moment lang starrte sie geradewegs durch Alica hindurch ins Leere und trat dann neben ihr ans Fenster.
Die Straße bot den gewohnten fast mittelalterlichen Anblick, nur dass die Leute hier alle eine Spur zu klein zu sein schienen und die Häuser …falsch, ohne dass sie den Finger auf diesen Unterschied legen konnte. Sie fragte sich, ob sie sich jemals an diesen Anblick gewöhnen würde, und erschrak dann vor ihrem eigenen Gedanken. Sie hatte ganz bestimmt nicht die Absicht, lange genug hierzubleiben, um sich an irgendetwas zu gewöhnen.
Die Tür ging auf und Brack kam herein, ohne sich mit einer unnötigen Kleinigkeit wie Anklopfen aufzuhalten. »Istvan ist weg«, sagte er. »Er war ziemlich ärgerlich.«
»Das tut mir leid«, sagte Pia. »Wir wollten nicht, dass du Ärger bekommst.«
»Den bin ich gewohnt«, erwiderte Brack und machte eine wegwerfende Geste. »Er war sogar außergewöhnlich sanftmütig – für seine Verhältnisse. Du scheinst ihn beeindruckt zu haben.«
»Und es war wirklich ganz allein meine Schuld«, fuhr Pia fort. »Lasar konnte nichts dafür.«
Brack schüttelte seufzend den Kopf. »Man könnte fast meinen, du wärst tatsächlich die richtige Gaylen. Du machst dir mehr Sorgen um diesen dummen Bengel als um dich selbst, wie? Aber keine Angst, ich werde ihm nichts tun … auch wenn ich ihm eigentlich das Fell über die Ohren ziehen sollte. Wart ihr wenigstens erfolgreich?«
»Erfolgreich?«
»Ihr seid losgegangen, um ein Kleid zu kaufen«, erinnerte Brack. »Ich hoffe doch, ihr habt mein Geld gut angelegt.«
»Wir haben Stoff gekauft«, antwortete Pia. Sie erinnerte sich, dass Lasar das Bündel fallen gelassen hatte, und hoffte inständig für ihn, dass er geistesgegenwärtig genug gewesen war, es wieder aufzuheben.
»Stoff«, wiederholte Brack. »Und ihr könnt nähen, nehme ich an?« Wie es seine Art war, wartete er ihre Antwort gar nicht erst ab. »Wie es der Zufall will, kenne ich eine gute Schneiderin, die mir noch den einen oder anderen Gefallen schuldet. Ich werde sie rufen lassen. Ich kann euch schließlich nicht in Lumpen herumlaufen lassen, wenn unsere Gäste kommen.«
»Nun, das ist etwas, worüber wir … sprechen müssen«, sagte Pia zögernd.
Brack legte den Kopf auf die Seite und sah plötzlich schon wieder ein bisschen misstrauisch aus, enthielt sich aber jeder Antwort. Alica blinzelte.
»Also gestern Abend«, fuhr Pia fort, »da … ähm … also, wir haben dir gerne geholfen, schon weil wir es dir schließlich auch irgendwie schuldig sind …«