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»Wie wahr«, sagte Brack.

»Aber ich glaube trotzdem nicht, dass das auf Dauer der richtige Job für mich ist«, fuhr Pia fort.

»Dschobb?«

»Die richtige Arbeit«, erklärte Pia.

»Die richtige Arbeit«, wiederholte Brack. »Und was wäre die richtige Arbeit für dich, deiner Meinung nach?« Er gab ihr keine Gelegenheit zu antworten. »Ich verstehe dich, Gaylen. Und ich wollte, ich wüsste eine bessere Lösung … aber ich sage es gerne noch einmaclass="underline" Niemand hier wird dich einstellen. Wenn du es allerdings vorziehst, Istvans Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen …« Er ließ den Satz unvollendet und hob die Schultern.

»Nein, natürlich nicht«, seufzte Pia.

»Warum warten wir nicht einfach ein paar Tage und reden dann noch einmal darüber?«, schlug Brack vor. »Wenn es dir dann immer noch nicht zusagt, denken wir gemeinsam über eine andere Lösung nach.«

Pia schwieg. Was hätte sie auch sagen sollen? Die Alternative zum Weißen Eber waren wahrscheinlich Istvans gemütliche Fremdenzimmer. Und sie waren es ihm schuldig.

Schließlich nickte sie. »Ein fairer Vorschlag.«

»Was ist ein fairer Vorschlag?«, erkundigte sich Alica misstrauisch. Weder Brack noch Pia sahen sie auch nur an.

»Dann werde ich jetzt gehen und nach der Schneiderin schicken«, sagte Brack. Er ließ sogar noch eine Sekunde verstreichen, in der er ihr die Gelegenheit gab zu widersprechen, aber dann wandte er sich zum Gehen. Gerade als er die Hand nach der Tür ausstreckte, rief Pia ihn zurück.

»Noch eine Frage, Brack.«

Schlagartig machte sich wieder Misstrauen auf Bracks Zügen breit. »Ja?«

»Es hat nichts mit der Schneiderin zu tun oder heute Abend«, sagte sie hastig. »Ich wollte nur wissen, wann der nächste Vollmond ist.«

»Vollmond?«, wiederholte Brack. »Warum willst du das wissen?«

»Nur so«, erwiderte Pia. »Es hat … religiöse Gründe.«

»Religiöse Gründe.«

»Die Vollmondnacht ist für uns sehr wichtig«, erklärte Pia ernsthaft. »Wir müssen gewisse Riten vollziehen, um unseren religiösen Pflichten Genüge zu tun.«

Darauf sagte Brack gar nichts mehr, aber er maß sie mit einem Blick, der seine Gedanken ziemlich klarmachte. Der Ausdruck »religiöse Gründe« und sie passten irgendwie nicht zusammen. Dann runzelte er die Stirn. »In … achtzehn Tagen«, sagte er nach kurzem Überlegen. »Neunzehn, wenn du den heutigen mitzählst.«

»Danke«, antwortete Pia.

Brack sah sie an und wartete ganz offensichtlich auf eine weitergehende Erklärung, aber Pia lächelte unerschütterlich weiter, und schließlich hob er nur noch einmal die Schultern und ging.

»Religiöse Gründe?«, wiederholte Alica, als sie allein waren. »Was sollte denn der Schwachsinn?«

»War das Erste, was mir einfiel«, sagte Pia. »Oder hätte ich ihm sagen sollen, dass unser Fluchthelfer drei Tage vor dem nächsten Vollmond eintrifft?«

Alica dachte einen Moment angestrengt nach und nickte schließlich. »Du meinst diesen Kuhhändler, von dem Valoren gesprochen hat … wie war noch mal sein Name? Terion?«

»So ähnlich«, sagte Pia.

»Aber du willst das doch nicht wirklich tun?«, fuhr Alica fort. »Ich meine: Du … Wir kennen diese Valoren doch gar nicht, und von ihrem sogenannten Vertrauensmann wissen wir noch viel weniger! Was ist, wenn der Kerl sich als halbseiden herausstellt? Am Ende ist er ein Sklavenhändler oder so was, der unschuldige junge Frauen verschleppt!«

»Na, dann kann dir ja gar nichts passieren«, antwortete Pia spöttisch.

Alica schenkte ihr zwar einen bösen Blick, blieb aber darüber hinaus vollkommen ernst. »Ich verstehe ja, dass du Brack und vor allem unserem Freund Istvan gegenüber so deine Zweifel hegst. Aber ist es klug, einer vollkommen Fremden unser Leben anzuvertrauen? Oder, um genauer zu sein, dem Bekannten einer vollkommen Fremden, von dem wir rein gar nichts wissen?«

»Nein«, gestand Pia. Aber das war nur das, was sie laut sagte. Was sie fühlte, war das genaue Gegenteil. Sie wusste einfach, sie konnte Valoren trauen, ohne dass es einen Grund dafür gab, aber auch, ohne dass es den geringsten Zweifel an diesem Wissen gegeben hätte.

»Hast du eine besser Idee?«, fragte sie. »Willst du vielleicht hier als Kellnerin arbeiten und auf das nächste Frühjahr warten?«

»Und warum nicht?«

»Und dann?«

»Dann?«

»Dann«, bestätigte Pia. »Verlassen wir dann die Stadt und chartern ein Schiff, das uns zurück zu einer Insel bringt, die es gar nicht gibt?«

»Natürlich nicht!«, fauchte Alica. »Aber vielleicht sollten wir erst einmal herausfinden, was hier wirklich los ist, bevor wir uns blind ins nächste Abenteuer stürzen … o ja, und du solltest dich ab und zu daran erinnern, dass ich die Einzige hier bin, die man nicht versteht.«

Pia sah sie nur verständnislos an, und Alica machte eine Kopfbewegung zur Tür, die Brack hinter sich offen gelassen hatte. Sie glaubte einen Schatten davonhuschen zu sehen und das gedämpfte Geräusch leichter Schritte zu hören.

»Lasar«, sagte Alica. »Ich fürchte, er hat alles gehört. Wenigstens das, was du gesagt hast.«

»Verdammt!« Pia investierte noch eine geschlagene Sekunde dafür, Alica angemessen zornig anzufunkeln, dann fuhr sie auf dem Absatz herum und raste hinter dem Jungen her.

Obwohl sie immer zwei Stufen auf einmal nahm und das letzte Viertel der Treppe mit einem einzigen Satz überwand, kam sie gerade noch rechtzeitig genug im Schankraum an, um zu sehen, wie die schmale Tür hinter der Theke zufiel und Brack ein verdutztes Gesicht machte – das noch viel verdutzter wurde, als sie auf ihn zu fegte und er gerade mal einen hastigen Schritt zur Seite machen konnte, um nicht über den Haufen gerannt zu werden.

»Aber du weißt doch, dass du nicht …«

Der Rest des Satzes ging im Knall der Tür unter, als Pia auf den Hof hinausstürmte.

Diesmal kam sie immerhin rechtzeitig genug, um zu sehen, wie Lasar über die mannshohe Mauer auf die andere Seite des kleinen Innenhofes verschwand.

Pia schritt nur umso schneller aus, hob die Arme und überwand das Hindernis ohne die geringste Mühe und nicht nur eleganter, sondern auch deutlich schneller als Lasar vor ihr. Manchmal war es eben doch ganz praktisch, in Liliput gestrandet zu sein.

Sie gelangte in eine selbst für hiesige Verhältnisse schmale Gasse zwischen zwei Häusern, in der es dunkel war und erbärmlich stank. Der Wind fing sich zwischen den vereisten Mauern und schnitt so mühelos durch ihren Umhang, als wäre er gar nicht da. Von Lasar war selbst verständlich keine Spur zu sehen.

Pia überlegte eine Sekunde lang. Wenn sie sich nach links wandte, kam sie zurück zu dem, was sich hier Hauptstraße nannte. Dorthin würde sich Lasar wohl kaum gewandt haben – zumal die beiden Posten noch dort standen, die Istvan zu ihrer Sicherheit zurückgelassen hatte –, also wandte sie sich nach rechts, begann nach zwei Schritten zu rennen und erreichte nach einem Dutzend weiterer eine zweite Mauer, die die Gasse abschloss und die sie noch müheloser überwand als die erste.

Belohnt wurde sie mit dem Anblick eines vollkommen fassungslosen Lasars, der schwer atmend an einer Mauer lehnte und offensichtlich mit allem gerechnet hatte, nur nicht damit, sie sozusagen mit einem großen Schritt über die Mauer hinwegtreten zu sehen, über die er selbst gerade so mühevoll geklettert war.

»Hi!«, sagte Pia.

Lasar klappte den Mund auf und brachte immerhin ein komisch klingendes Krächzen heraus.

»Entschuldige«, sagte Pia. »Da, wo ich herkomme, heißt das so viel wie hallo, guten Tag, wie geht’s … such dir irgend-was aus.«

Lasar starrte sie nur noch erschrockener an.

»Womit wir beim Thema wären«, fuhr Pia fort. »Da, wo ich herkomme.«

Lasars Augen wurden noch größer, und nun erschien eindeutig ein Ausdruck von Angst darin.

»Du hast gehört, was ich gerade zu Alica gesagt habe, nicht wahr?«, vermutete sie.