»Orks?«, murmelte Pia noch einmal. Dann lächelte sie nervös. »Na ja, warum auch nicht?« Immerhin hatte sie eine leibhaftige Wahrsagerin gesehen, einen Elfenkrieger und menschenfressende Bäume … o ja, und den Pegasus nicht zu vergessen. Warum also nicht auch ein paarOrks?
Was immer das sein mochte.
Lasar wirkte nun vollends verstört, und Pia war ganz sicher nicht die Einzige, die ein deutliches Gefühl von Erleichterung verspürte, als sie um die nächste Abzweigung bogen und der Weiße Eber vor ihnen lag. Sie würde sich noch mal mit Lasar unterhalten müssen, über eine Menge Dinge und sehr ausführlich … aber nicht jetzt, sondern später; vielleicht wenn er aufgehört hatte, vor Ehrfurcht innerlich zur Salzsäule zu erstarren, sobald sie auch nur in seiner Nähe war. Bei der Ehrfurcht, die er ihr gegenüber empfand, dachte Pia, lag die Betonung wohl ganz eindeutig auf der zweiten Hälfte des Wortes … Aber was erwartete sie? Spätestens seit ihrem Gespräch mit Valoren war ihr klar geworden, dass sie für manche hier nicht einfach nur ein Unikum war, sondern fast so etwas wie eine Göttin. Und Lasar gehörte ganz eindeutig zu diesen manchen.
Ohne das fast.
Die beiden wachhabenden Soldaten vor dem Weißen Eber reagierten ganz genau so, wie sie es erwartet hatte: beide fuhren so heftig zusammen, als hätten sie einen elektrischen Schlag bekommen. Der Größere ließ vor Schreck beinahe seinen Speer fallen, und der andere starrte sie aus hervorquellenden Augen an, als hätte er ein Gespenst erblickt. Pia machte extra einen Umweg, um so nahe wie möglich an ihnen vorbeizugehen, und zauberte das verschmitzteste Lächeln auf ihr Gesicht, das sie zustande brachte.
»Keine Angst, Jungs«, sagte sie augenzwinkernd. »Ich verrate eurem Boss nicht, dass ich euch ausgetrickst habe.« Und schon gar nicht, wie.
Obwohl das nun wirklich kein Kunststück gewesen war.
»Das war jetzt … vielleicht nicht besonders klug, Er… Gaylen«, sagte Lasar – vorsichtshalber allerdings erst, nachdem sie wieder außer Hörweite der Männer waren.
»Warum?«, erkundigte sich Pia harmlos.
»Man sollte sich die Männer der Stadtwache nicht zum Feind machen.«
»Du meinst, noch mehr, als ich es schon getan habe?« Pia lachte leise. »Ich wüsste nicht, wie.«
Lasar kam nicht dazu, irgendetwas zu erwidern, denn in diesem Moment flog die Tür des Weißen Ebers auf. Eine ebenso kleinwüchsige wie wohlbeleibte Frau schoss wie eine lebende Kanonenkugel heraus und hätte Lasar und sie um ein Haar über den Haufen gerannt. Ihr Gesicht war rot vor Zorn, und als sie Pias angesichtig wurde, blitzte es in ihren Augen nur noch zorniger auf. Pia warf ihr einen verwirrten Blick hinterher, hob die Schultern und trat ein.
Gleich hinter der Tür wartete ein vollkommen aufgelöster Brack auf sie. Er rang verzweifelt mit den Händen, war aber so fassungslos, dass er kein einziges Wort herausbekam.
Es war auch nicht nötig.
»Alica?«, vermutete sie seufzend.
Brack nickte nur, und Pia ging mit schnellen Schritten an ihm vorbei und die Treppe hinauf.
Alica saß im Schneidersitz auf dem Bett, umgeben von einem Wust von Stoff, Spitzensäumen und kleineren Materialstückchen, Nadeln, Garnrollen und anderen Schneiderutensilien. Als Pia die Tür hinter sich zuschob, registrierte sie aus den Augenwinkeln eine Schere, die einen guten Zentimeter tief in dem harten Holz steckte. Sie fragte vorsichtshalber nicht, wie sie dorthin gekommen war.
»Was hast du mit der armen Frau gemacht?«, erkundigte sie sich stattdessen.
»Der Schneiderin?«, fragte Alica. »Jedenfalls nehme ich an, dass es die Schneiderin war, von der Brack gesprochen hat. Die Unterhaltung war ein bisschen einseitig, weißt du?«
Pia schluckte die scharfe Antwort hinunter, die ihr auf der Zunge lag, streifte stattdessen Umhang und Kopftuch ab und bedachte die Schere in der Tür mit einem zweiten und noch nachdenklicheren Blick. Sie war nicht sicher, ob sie überhaupt wissen wollte, was genau sich hier abgespielt hatte.
»Wenn du schon da stehst, dann mach dich nützlich und gib mir das Ding«, sagte Alica. »Ich fürchte, ich muss hier die eine oder andere kleine Korrektur vornehmen.«
Pia zog die Schere mit einiger Mühe aus der Tür, reichte sie ihr und bedachte das Durcheinander auf dem Bett mit einem zweifelnden Stirnrunzeln. Es sah nicht nach etwas aus, das einmal ein Kleid werden sollte, sondern einfach nur nach …
»Ja. Dasselbe habe ich auch gedacht, als ich gesehen habe, was die Alte mit diesem Stoff vorhatte«, sagte Alica bekümmert. »So etwas …« Sie tat so, als müsse sie nach den richtigen Worten suchen, ohne sie zu finden. »Por Deus! Was tragen die Leute hier für Sachen? In so einem … Sack würde ich nicht einmal freiwillig zum Schafott gehen!«
»In welcher Kleidung würdest du denn freiwillig aufs Schafott steigen?«, erkundigte sich Pia.
Alica schnitt ihr eine Grimasse, und Pia ging an ihr vorbei und trat ans Fenster. Die beiden Männer standen immer noch auf der anderen Straßenseite, aber ihrem heftigen Gestikulieren nach zu schließen, hatten sie aufgehört zu dösen und waren in einen handfesten Streit verstrickt. Vermutlich warfen sie sich jetzt gegenseitig vor, nicht richtig aufgepasst zu haben, dachte Pia amüsiert, nur für den Fall, dass Istvan doch von ihrem kleinen Ausflug erfuhr und sie sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben mussten.
»Die Leute hier haben ein Problem«, fuhr Alica fort.
»Dich?«
Alica ignorierte das. »Entweder haben hier alle schon krankhafte Angst vor Sonnenbrand, oder sie ekeln sich vor dem Anblick nackter Haut. Du hättest das Kleid sehen sollen, das sie für mich zusammenschneidern wollte! Völlig beknackt! Bloß keinen Quadratmillimeter Haut zeigen!«
»Es ist kalt hier«, gab Pia zu bedenken. »Da ist warme Kleidung ganz angemessen.«
»Das hier hat nichts mit warmer Kleidung zu tun«, behauptete Alica. »Das ist … krank! Und du hättest sehen müssen, wie sie ausgeflippt ist, als ich nur ein paar Kleinigkeiten ändern wollte!«
Pia konnte sich ziemlich gut vorstellen, was Alica unter ein paar Kleinigkeiten verstand. »Wir sollten uns vielleicht den Sitten und Gebräuche hier anpassen«, sagte sie vorsichtig.
»Ich laufe bestimmt nicht in so was rum!«
»Vielleicht finden wir ja einen goldenen Mittelweg.«
»Keine Angst, Prinzesschen«, spöttelte Alica. »Ich nehme ein paar kleine Änderungen vor, aber du musst nicht im Tanga rumlaufen. Lass mich nur machen.«
»Weil du ja eine so begnadete Schneiderin bist«, vermutete Pia.
»Jeder ist eine bessere Schneiderin als diese alte Kuh«, sagte Alica überzeugt. »Keine Bange. Ich wollte ja nur die Andeutung eines Ausschnitts machen und den Saum vielleicht hoch genug, um die Knöchel zu sehen. Großer Gott, gegen die Typen hier ist der Papst ja der reinste Porno-Star!«
»Übertreib es nicht«, seufzte Pia.
»Bestimmt nicht! Aber du könntest mir ein bisschen zur Hand gehen. Wir haben nicht mehr allzu viel Zeit. Wenn ich Brack richtig verstanden habe, dann dauert es nicht mehr lange, bis die ersten Gäste kommen.«
»Ich werde nicht als Bedienung arbeiten«, erinnerte Pia.
»Bist du da sicher? Ich habe nachgedacht, weißt du? Bis zum nächsten Vollmond sind es noch fast drei Wochen. Ich halte es zwar für eine Schnapsidee, aber meinetwegen sprechen wir eben wenigstens mit diesem Kuhtreiber.«
Pia drehte sich vom Fenster weg und sah sie fragend an.
»He, ich sage nicht, dass es eine gute Idee ist!«, wiederholte Alica hastig. »Aber irgendetwas müssen wir tun, oder? Es sei denn, es gefällt dir an diesem beschaulichen Fleckchen so sehr, dass du dich häuslich einrichten und deinen Lebensabend hier verbringen willst.«