Выбрать главу

Darauf antwortete Pia gar nicht.

»Dacht ich’s mir doch«, sagte Alica. »Also gut, Durchlaucht. Wenn Ihr Eurer unwürdigen Sklavin vielleicht einige Sekunden Eurer kostbaren Zeit schenken würdet, dann …«

»Hör mit dem Quatsch auf«, sagte Pia, und Alica fuhr vollkommen ungerührt fort:

»… würde diese vielleicht den Vorschlag machen, dass wir es einfach schrittweise angehen.«

»Wie meinst du das?«

»Wir treffen uns mit diesem sogenannten Mittelsmann«, antwortete Alica. »In achtzehn Tagen, genauer gesagt fünfzehn, wenn Valoren nicht gelogen hat und Vollmond hier dasselbe bedeutet wie bei uns. So oder so müssen wir irgendwie eine Weile durchhalten, oder? Und bis es so weit ist, nutzen wir die Zeit und versuchen möglichst viel über das herauszufinden, was hier wirklich vor sich geht.«

»Was hier vor sich geht?«

Alica machte ein beleidigtes Gesicht. »He, ich bin vielleicht nicht so schlau wie eine Elfenprinzessin, aber das heißt noch lange nicht, dass ich ganz blöd bin«, sagte sie. »Sogar mir ist aufgefallen, dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Es sei denn, die Stadtverwaltung von Rio hätte ganz unbemerkt ein paar wirklich drastische Umbauarbeiten durchgeführt.«

»Entschuldige«, sagte Pia. »Ich wollte nicht …«

»Geschenkt«, unterbrach sie Alica. Dann grinste sie. »Aber wenn Ihr Euer schlechtes Gewissen beruhigen wollt, Majestät, dann seid doch so überaus großmütig und schwingt Euren wohlgeformten Hintern hierher und helft mir, aus diesem Müll hier etwas zusammenzubasteln, das wenigstens Ähnlichkeit mit einem Kleid hat.«

Pia seufzte zwar innerlich (schneidern? Sie?), setzte sich aber gehorsam neben Alica auf die Bettkante und griff zögernd nach den ausgebreiteten Stoffstreifen. Der Abfallstoff, den sie auf dem Markt erstanden hatten, war noch das ansehnlichste Stück. Alles andere – von dem sie vermutete, dass die Schneiderin es mitgebracht und in ihrem Zorn einfach nur vergessen hatte – eignete sich nach Pias Dafürhalten allerhöchstens, um Säcke daraus zu schneidern; wenn man es nicht besonders gut mit seinen Kartoffeln meinte. Und was das angefangene Kleid anging, das sie unordentlich zusammengeknüllt neben dem Bett auf dem Boden fand … nun, sie konnte Alicas Reaktion plötzlich ein bisschen besser verstehen.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte Alica aufmunternd. »Das sieht schlimmer aus, als es ist. Mit ein bisschen gutem Willen und Fantasie kriegen wir das schon hin. Ich trenne es auf und schneidere es aus dem anderen Stoff nach … natürlich nicht genauso, keine Panik.«

Pia sah sie noch misstrauischer an. Wenn Alica sagte, sie solle sich keine Sorgen machen, dann war das im Allgemeinen schon Grund genug, sich zu sorgen …

»Ich dachte, du kannst nicht nähen«, sagte sie.

»Kann ich auch nicht«, antwortete Alica fröhlich. »Ich muss es nur nachmachen … na ja, und vielleicht das eine oder andere Detail ändern. Hier könnte zum Beispiel ein Ausschnitt hin – nur ein ganz kleiner, züchtiger, keine Panik – und wenn wir hier und hier und da etwas wegnehmen, dann bekommt dieser Leichensack vielleicht sogar so etwas Ähnliches wie eine Taille. So schwer kann das doch gar nicht sein.«

Das klang so erschreckend optimistisch, dass Pias Sorge neue Nahrung bekam, doch sie reagierte nur mit einem leicht verunglückten Lächeln und machte sich tapfer ans Werk.

Natürlich funktionierte es nicht. Sie gaben zwar ihr Bestes, aber wie sich zeigte, hatte Alica keineswegs übertrieben, als sie behauptete, nichts vom Schneidern zu verstehen. Etliche Meter zerschnittenen Stoffes und schiefer Nähte, ein halbes Dutzend abgebrochene Nadeln und mindestens genauso viele zerstochene Fingerkuppen später kam Brack zurück und erklärte, dass die ersten Gäste eingetroffen seien und ihre Hilfe unten hinter der Theke benötigt werde. Das kurze Gespräch vorhin über dieses Thema schien er vollkommen vergessen zu haben. Vielleicht ignorierte er ja prinzipiell Antworten, die er sich nicht selbst gab. Pia protestierte jedoch nicht. Einerseits ahnte sie, dass es sowieso sinnlos sein würde, und andererseits erschien ihr nach der zurückliegenden Stunde die Vorstellung gar nicht einmal mehr so schlimm, den Rest des Tages hinter der Theke zu verbringen.

XVII

Entgegen ihrer eigenen Erwartung war Pia am Ende dieses Tages (der genauso lang und anstrengend gewesen war, wie sie es befürchtet hatte) nicht nur nach wenigen Augenblicken eingeschlafen, sondern erwachte am nächsten Morgen auch wieder von selbst mit dem ersten Sonnenstrahl, und das ausgeruht und so frisch, wie sie sich schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Und wieder lag Alica nicht mehr neben ihr. Als Pia mit der Hand über das Bett tastete, fühlte sich das Laken so kalt wie Eis an und ein bisschen feucht. Alica musste schon vor einer ganzen Weile aufgestanden sein.

Sie stand auf, stellte sich der allmorgendlichen Herausforderung, sich unter freiem Himmel und mit Wasser zu waschen, von dem sie erst einmal eine Eisschicht hacken musste, und begriff, dass es Dinge gab, an die sie sich weder gewöhnen konnte noch wollte. Vielleicht würde sie etwas wie die Zentralheizung neu erfinden und damit zum WeißWalder Äquivalent einer Multimillionärin werden.

Erst als sie in den Schankraum zurückkam, fiel ihr auf, dass Alica an einem der Tische saß. Sie war nicht allein, sondern in ein hauptsächlich aus heftigem Gestikulieren und Grimassenschneiden bestehendes Gespräch mit einer dicklichen Frau vertieft, in der Pia zu ihrer Überraschung niemand anderes als die Schneiderin erkannte, die gestern so wütend aus dem Haus gerannt war.

»Sieht so aus, als hätte deine Freundin ein kleines Wunder vollbracht, nicht wahr?«, fragte Brack, der in diesem Moment die Treppe herunterkam und schon wieder geradezu unverschämt ausgeruht und frisch aussah. Alica sah kurz auf und lächelte, bedeutete ihr aber zugleich mit einem Blick, nicht näher zu kommen. Pia antwortete auf dieselbe lautlose Art und warf zugleich einen neugierigen Blick auf das Durcheinander auf dem Tisch vor ihr; die kläglichen Ergebnisse ihres gestrigen Versuchs, sich als Hobby-Schneiderinnen zu betätigen.

»Ich habe Aressa noch nie so wütend erlebt wie gestern«, fuhr Brack fort. »Kronn allein weiß, wie es deiner Freundin gelungen ist, sie wieder zu besänftigen.« Er trat hinter die Theke und hob ein Tablett mit kleinen Tonbechern darauf, die er mit einem nicht besonders sauber wirkenden Lappen (und ohne einen Tropfen Wasser) zu polieren begann. Pia trat nach kurzem Zögern neben ihn, nahm ihm den Lappen ab und versuchte wenigstens die Flecken wieder zu entfernen, die er gerade selbst fabriziert hatte.

Sie entdeckte eine Schale mit Wasser auf der Theke, tauchte das Tuch hinein und wrang es sorgfältig aus, bevor sie daranging, die Trinkbecher noch einmal auszuwischen. Brack sah ein bisschen verwirrt aus, fast als wäre ihm nicht ganz klar, was sie da tat.

»Wie war das Geschäft gestern Abend?«, fragte sie – obwohl sie sich flüchtig erinnerte, dabei gewesen zu sein, und die Antwort somit kannte.

»Es waren mehr Gäste da als am Tag zuvor, sagte Brack ernst und zog ein Gesicht, als könne er sich kaum eine größere Katastrophe vorstellen. Dann grinste er plötzlich wieder. »Und heute Abend kommen wahrscheinlich noch mehr Gäste. Ich habe Lasar losgeschickt, um Bier zu holen. Gestern Abend wäre es mir schon beinahe ausgegangen.«

»Mir bricht das Herz«, sagte Pia spöttisch. Sie würde mit Alica reden müssen. Ihre Idee, mit Brack über eine Umsatzbeteiligung zu verhandeln, war vielleicht nicht die schlechteste.

Sie sprachen noch eine kurze Weile über Belanglosigkeiten, dann verschwand Brack in einem Nebenraum und kam mit einem riesigen geflochtenen Korb zurück, in dem sich ungefähr hundert weitere Trinkgefäße aus Ton befanden. Sie sahen nicht so aus, als wären sie jemals sauber gemacht worden, seit sie den Brennofen verlassen hatten. Pia seufzte tief.