Den Abschluss bildete das Gefechtsdeck, eine von hölzernen Zinnen umgebene Plattform. Obwohl die Zinnen für einen Troll kaum mehr als hüfthoch waren, benötigten die Kobolde einen eigenen Wehrgang, um über den Zinnenkranz hinwegblicken zu können. Neben etlichen schweren Windenarmbrüsten gab es auch auf diesem Deck zwei schwere Torsionsgeschütze. Sie waren so aufgebockt, dass man sie im Kreis drehen konnte. So war es möglich, in jede Himmelrichtung zu schießen. Sobald das Geschütz geladen und abschussbereit war, klappten die Kobolde einen Teil der hölzernen Brustwehr herab, um ein freies Schussfeld zu haben. Die einzige Beschränkung im Schussfeld war der wuchtige Mast, der bis hinab zum Frachtdeck reichte. An seiner langen Rah konnte ein großes, dreieckiges Segel aufgezogen werden, um das Steppenschiff auf dem Eis der Snaiwamark zu segeln. Ein Teil der Kobolde war der Überzeugung, dass man auch in der Steppe und auf Rädern stehend segeln könnte, doch Orgrim hatte strikten Befehl gegeben, dies zu unterlassen.
Die Steppenschiffe waren unglaublich schwer und ungelenk. Selbst auf trockenem Untergrund kamen sie nur langsam voran. Ein leichter Regenguss genügte schon, und die schweren Räder fuhren sich im Schlamm fest.
Orgrim hasste die ganze Unternehmung, aber es war der ausdrückliche Wille des Königs, die Snaiwamark-Karawane zu einem Erfolg werden zu lassen. Deshalb bauten sie die Straße. Zwölf Schritt breit, bot sie mehr als genügend Platz selbst für die größten Steppenschiffe. Auch diese Straße war von Kobolden ersonnen! Sie war wie eine in die Erde versenkte Mauer. Zwei Schritt tief schachtete man die Erde aus, um dann verschiedene Schichten aus Sand und Geröll als Fundament zu verlegen.
Abgedeckt wurde das schließlich mit einer Schicht fast fugenlos aneinanderpassender Steinquader. Eine weniger aufwendig gebaute Straße hätte das Gewicht der Steppenschiffe nicht getragen. Auch durfte die Straße an keiner Stelle eine größere Steigung als zwei Grad haben, weil die Ochsen die schwerfälligen Gefährte sonst nicht mehr von der Stelle bewegen konnten. Damit das überhaupt möglich war, mussten auf dem Weg von Herzland bis zur Schneegrenze in der Snaiwamark nicht weniger als dreiundsiebzig steinerne Brücken gebaut werden. Jede dieser Baustellen im Windland glich einem Heerlager, denn die Arbeiten mussten gegen die Übergriffe der Kentauren geschützt werden. Anderenorts trug man Hügel ab, um die Straßentrasse so eben wie möglich zu halten.
Für Orgrim war die Idee des Königs ein einziger Alptraum! Zehntausende arbeiteten an der Straße. Aus ganz Albenmark hatte man Arbeiter geholt. Sie wurden bestens versorgt und erhielten einen fürstlichen Lohn. Ein Jahr im Straßenbau brachte einem Arbeiter mehr Tauschwaren, als er in fünf Jahren anderswo hätte verdienen können.
Aber die Arbeit war gefährlich. Die Straße war von unzähligen Gräbern gesäumt.
Dennoch herrschte nie Mangel an Freiwilligen.
Es war unmöglich, alle Baustellen angemessen zu beschützen. Und die Kentauren, die ihnen wohl niemals vergeben würden, dass die Trolle auf ihrem Marsch auf Burg Elfenlicht die Hügelgräber der Pferdemänner als Fleischlager genutzt und versehentlich auch deren tote Fürsten verspeist hatten, führten einen unbarmherzigen Krieg. Es war schwer, sich gegen sie zu wehren. Bisher hatten sie nur kleinere Überfälle verübt. Hatten Baustellen angegriffen, ihre Köcher leergeschossen, ein paar Zelte abgebrannt und waren dann wieder in der Weite der Steppe verschwunden. Nie hatten sie sich auf die Belagerung eines Bautrupps eingelassen. Diese Schlacht konnten sie nicht gewinnen. Nicht bei dem unglaublichen Geschosshagel, den ein Ring aus zweihundertfünfzig Steppenschiffen entfesseln konnte. Warum waren sie hier? Seit Tagen zermarterte sich der Trollherzog das Hirn. Hier zu kämpfen, war vollkommen verrückt. Sie gaben freiwillig ihre größte Stärke auf.
Orgrim konnte sie nicht in die Steppe hinein verfolgen. Er hatte keine Truppen, die sich so schnell bewegten wie die Pferdemänner. Ihm blieb nichts weiter übrig, als deren Angriffe abzuwarten.
Auch die Versuche einiger Rudelführer, die Lager ausfindig zu machen und niederzubrennen, waren kläglich gescheitert. Das wenige Hab und Gut der Steppenkrieger war zu schnell aufgeladen.
Und die Kundschafter der Pferdemänner waren zu aufmerksam, als dass man jemals eines ihrer Lager überraschend angreifen konnte.
Orgrim blickte über sein Lager innerhalb der mächtigen Schutzmauer aus Steppenschiffen. Dicht an dicht drängten sich Arbeiter und Vieh. Hunderte einfacher Karren waren da, beladen mit Steinplatten und Geröll. Alle erdenklichen Arten von Zelten gab es. Große Garküchen, sogar Freudenhäuser. Es war unglaublich, wie die Schar ihrer Begleiter von Mond zu Mond weiter anwuchs. Näherinnen und Wäscher, Schmiede, Zimmerleute, Pfeilmacher -unmöglich, sie alle aufzuzählen. Im Süden lagerte eine Gruppe von Lutin mit Hornschildechsen. Sie waren dafür zuständig, die Vorratskarawanen über die Albenpfade zu lenken. Um ihren verwundbaren Nachschubweg abzukürzen, hatte Orgrim schon vor zwei Jahren befohlen, den größten Teil der benötigten Güter durch das Goldene Netz zu bringen. Die Trolle schreckten davor zurück, die Gefahr einer Reise über die Albenpfade einzugehen, aber die meisten Kobolde waren da weniger zimperlich. Schließlich verdienten sich die Händler trotz des Gesetzes gegen Wucherei an diesem Handel eine goldene Nase.
Im Norden, so weit wie möglich von den Hornschildechsen entfernt, weidete eine kleine Mammutherde. Die riesigen Tiere wurden gebraucht, um festgefahrene Steppenschiffe wieder flottzumachen. Nur ihre unglaubliche Kraft vermochte die schweren Räder aus dem Schlamm der Steppe zu holen, der die riesigen Karren manchmal wie durch Zauberbann festzuhalten schien.
Freilich hätte man auch die Hornschildechsen der Lutin für solche Arbeiten heranziehen können, doch die aufmüpfigen kleinen Magier weigerten sich, ihre gepan-zerten Echsen niedere Dienste tun zu lassen, wie sie es nannten. Nur die unbarmherzige Anwendung des neuen Gesetzwerkes des Königs machte es möglich, in diesem riesigen Lager, in dem Angehörige aus mehr als zwanzig Völkern lebten und arbeiteten, eine gewisse Ordnung aufrechtzuerhalten. Doch mit jedem Tag, den die Belagerung dauerte, kam es zu mehr Unruhen. Es gab nichts, das sicherer die Disziplin eines solchen zusammengewürfelten Haufens zerstörte als Müßiggang. Da die Straße nicht mehr weitergebaut werden konnte, solange sie im Lager eingeschlossen waren, wurde es von Tag zu Tag schwerer, die Heerschar von Arbeitern zu beschäftigt zu halten. Die Folge waren unzählige kleine Streitereien. Al ein gestern hatte es deshalb gar zwei Hinrichtungen gegeben.
Orgrim hasste es, hier auf dem Hintern zu sitzen. Er musste eigentlich weiterbauen und das Lager als Schutzschild für die langsam vorrückende Baustelle nutzen, aber dann würde er vom Nachschub abgeschnitten werden. Solange er genau auf dem Albenstern saß, bestand diese Gefahr nicht. Wie sollte er aus dem Dilemma herauskommen?
Er sah seine beiden Berater an. Der König musste erfahren, was hier vor sich ging.
Zargub würde Unsinn erzählen und um Verstärkung bitten. Das Letzte, was er hier brauchte, waren noch mehr nutzlose Männer. »Baidan, du wirst mit der nächsten Versorgungskarawane nach Burg Elfenlicht gehen! Du sollst den König über die Lage unterrichten. Und versuche, ihm mit freundlichen Worten klarzumachen, dass seine Steppenschiffe in der Klemme sitzen. Um hier Krieg führen zu können, brauchen wir Reiter. Und die haben wir nicht. Ich empfehle einen Rückzug, damit wir uns an anderer Stelle neu formieren können.«
»Rückzug!«, schrie Zargub. »Die haben bei jedem Angriff doppelt so viele Tote wie wir! Wir werden sie vernichten.«
Orgrim verzichtete darauf, ihm zu antworten. Der Rudelführer würde es nicht verstehen. Was hier geschah, ging weit über seinen militärischen Horizont.
»Dein Vater ist doch der Herr der Wasser«, wandte sich der Herzog erneut an Baidan. »Sitzen wir hier in einem trockenen Flussbett?«
Der Kobold schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe das eingehend überprüft und an verschiedenen Stellen graben lassen. Es gibt keine Lehmablagerungen und auch keine Kiesel oder Geröll, nichts, was darauf hinweist, dass hier einmal Wasser geflossen wäre. Ich hatte auch schon den Verdacht, dass wir in einem trockenen Flussarm festgehalten werden sollen, damit uns bei Regen vielleicht eine plötzliche Flutwelle hinwegspült.«