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»Berühr nie wieder diese Axt! Lauf in die Wälder und lebe!«

Adrien wandte sich ab. Keinen Augenblick zu früh. Der bärtige Krieger, den er eben niedergestoßen hatte, war wieder auf den Beinen und griff an. Der Heide stieß einen markerschütternden Schlachtruf aus. Er führte einen Schwerthieb mit mehr Wut als Geschick. Adrien machte sich nicht die Mühe, den Schlag zu parieren. Er wich aus und ließ den Mann an sich vorbeitaumeln; dabei sah er, wie sein Schimmel einen weiteren Drusnier zu Tode trampelte. Manchmal war das Pferd ihm unheimlich!

Sein Gegner hatte sich gefangen und griff erneut an. Ein wahrer Hagel von Schlägen ging auf Adrien nieder. Der Barbar hatte dabei noch genug Atem, ihm irgendwelche wirren Beleidigungen über das Liebesleben seiner Mutter ins Gesicht zu brüllen.

»Betest du auch den Gott der blauen Priester an?«

Adrien trat einen Schritt zurück. »Warum?«

»Alle erzählen, dass der weiße Ritter diesem Tjured dient. Vergiss diesen Gott. Das ist ein Gott für Weichlinge und zahnlose alte Weiber. Kein Kriegergott. Gestern haben wir einen der blauen Priester gefangen. Nachdem wir ihm zwei Finger abgeschnitten hatten, hat er uns allen winselnd die Füße saubergeleckt. Kein Priester aus unseren To-tenhainen würde so etwas tun, und wenn man ihn noch so lange prügelt. Dein Priester hingegen hat sogar den Arsch seines Pferdes geküsst, damit wir ihn laufen lassen.«

»Was habt ihr mit ihm gemacht?«, fragte Adrien kühl.

»Dasselbe, was ich mit dir tun werde. Wir haben ihm den Schwanz abgeschnitten und ihn unseren Jagdhunden überlassen. Du hättest sehen sollen, wie …«

Adriens Klinge stieß vor. Pfeilschnell. Es war ein gerader Stoß, der dem Drusnier die Zähne zerschmetterte, bevor der Stahl durch dessen Gaumen drang.

Mit einem Ruck befreite Adrien seine Waffe.

Hinter sich hörte er platschende Schritte auf dem Waldboden. Sie waren nah! Er ließ sich auf ein Knie fallen und stieß das Schwert unter seiner linken Achsel hindurch. Er spürte einen kurzen Widerstand. Er musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass die Klinge etwa eine Hand breit unter dem Nabel des Jungen getroffen hatte.

Er drehte die Waffe leicht und zog sie zurück. Mit einem gurgelnden Schrei fiel der Junge gegen seinen Rücken. Adrien stieß ihn fort.

Eines Tages wird deine verdammte Ritterlichkeit dich noch umbringen. Man dreht einem Feind nicht einfach den Rücken zu, wenn man Gelegenheit hatte, ihn zu töten!

»Das ist der Unterschied zwischen denen und mir.«

Nein, das ist einfach nur dumm!

»Es muss einen Unterschied geben.« Er blickte auf die Toten und Sterbenden. »Es muss einen Unterschied geben! Es darf nicht sein, dass wir alle gleich sind! Dann wäre dies hier nur Wahnsinn!«

Der Schimmel schnaubte.

Der Schlachtlärm vor ihnen im Wald hatte nachgelassen.

Du kommst zu spät.

Adrien saß auf. Das durfte nicht sein. Irgendwo dort vorne im Wald war der Mann, den alle nur den Dicken nannten. Der letzte der versetzten Stadtgardisten aus Nantour, der noch lebte. Der letzte Mann, der ihm noch sagen konnte, was aus Elodia geworden war.

Führungslos

Baidan konnte es nicht fassen. Sie hatten den Rückzug verweigert! Sie wollten stattdessen weitere Verstärkungen schicken. Sechstausend Koboldarmbrustschützen.

Sie hatten ihn kein zweites Mal vor dem Kronrat sprechen lassen.

»Du darfst das nicht persönlich nehmen«, sagte sein Vater ruhig. »Es steckt mehr dahinter, als du ahnst. Sie befürchten, wenn sie sich in der Steppe zurückziehen, dann wird das ein Signal für Unzufriedene in ganz Albenmark sein. Die Enteignung der großen Vermögen, die Abschaffung des Geldhandels und der Trollkodex haben viele mächtige Männer und Frauen zu Todfeinden des Kronrats gemacht. Wenn man eine gerechtere Welt schaffen möchte, ist es unausweichlich, in Konflikt mit den Herrschenden zu geraten. Den einfachen Bauern und Handwerkern geht es besser. Es ist eine Freude, ihr Leben aufblühen zu sehen und auch zu wissen, dass die fetten Pfeffersäcke ihre Gürtel enger schnallen müssen, weil es schwerer geworden ist, auf dem Rücken anderer reich zu werden.«

Baidan hatte das Gefühl, dass ein Fremder zu ihm sprach, so sehr hatte sein Vater sich in den letzten Jahren verändert. Er redete buchstäblich in fremden Zungen. Seine Worte hörten sich an wie eine der Streitschriften des Elija Glops. »In der Steppe wird jeden Tag für deine Ideen gestorben, Vater. Ist es das wert?«

»Wer die Welt verändern will, muss Opfer bringen ... « Die Antwort kam so schnell; Baidan spürte, dass sie wohl eingeübt war. Selbst seinem Vater schien das bewusst zu werden. Er hielt inne, wirkte betroffen. »Es tut mir leid um die Toten und die Schrecken, die du dort erlebst. Aber die Snaiwamark-Karawane ist wichtig. Ihre Fracht muss wohlbehalten in den Norden kommen! Wir müssen zehn Jahre durchhalten, dann werden sich die Verhältnisse auf eine Art geändert haben, dass sie für immer unumkehrbar sind. Jede Veränderung bedeutet Schmerzen und Aufruhr. Aber wir dürfen unser Ziel nicht aus den Augen verlieren. Unser Ziel ist zutiefst ehrenwert. Es rechtfertigt jedes Opfer. Unsere Gesellschaft ist wie ein Schmetterling! Eine gefräßige, zerstörerische Raupe, ein Schrecken der Bauern, das war die Gesellschaft der Elfen.

Aber bald wird die Verpuppung beendet sein. Und was der abgestreiften Haut des alten Lebens entsteigt, ist ein wunderbarer Schmetterling!«

Er steckte wohl noch zu sehr in der alten Welt, um diesen Phrasen etwas abgewinnen zu können. Er würde seine Befehle ausführen. Er hatte den Weg des Kriegers gewählt.

Was hier auf Burg Elfenlicht geschah, war ihm fremd. Er wusste nicht einmal, was sich in den schweren Frachtkisten der Karawane befand, um die so erbittert gekämpft wurde. »Bringst du mich noch zum Stern?«

Anderan nickte. »Es war gut, dich zu sehen, Sohn. Wir hatten zu wenig Zeit. Ich wünschte, ich könnte dir mehr von den Wundern der neuen Welt erzählen, die wir erschaffen. Ich spüre deine Missbilligung.« Er lächelte ihn freundlich an. »Ich bin dein Vater. Glaube nicht, dass du

deine Gefühle vor mir verbergen könntest. Du machst dasselbe verschlossene Gesicht, das du schon als kleiner Junge gemacht hast, wenn ich dir einen Ausflug zum Fischen in den Mangroven abgeschlagen habe.«

Sie gingen durch die weite Halle, die zum Thronsaal führte. Trotz allen Schmutzes, der zerrissenen Seidenbanner, der rußgeschwärzten Decke und eines Mosaikbodens, auf dem dicht an dicht Kuhfladen und anderer Unrat lagen, konnte man die einstige Pracht von Burg Elfenlicht noch immer sehen. Das war die Welt gewesen, die der Sieg der Trolle hinweggefegt hatte. Und nun ... War das ihre Zukunft? Schmutz und Unordnung! Oder war dies immer noch die Zeit des Übergangs, in der sich die neue Welt erst noch aus der Asche des Vergangenen erheben musste? Baidan schmunzelte, jetzt gebrauchte er auch schon Phrasen, die sich anhörten, als habe der große Elija Glops sie ersonnen. Oder aber sein Vater. Anderan, der Herr der Wasser, war ein bedeutender Mann geworden. Einer der engen Vertrauten Elijas.

Der Thronsaal war leerer als bei seiner Ankunft. Die Trollwachen schliefen fast alle.

Eine Koboldmutter hatte ihr Kind in das Schneelöwenfell auf dem Thronsessel gebettet und war erschöpft neben ihm eingeschlafen. Niemand störte sich daran. Baidan entschloss sich, dies als das Bild der neuen Welt, die sein Vater erschaffen wollte, im Herzen zu behalten.

Die vier Lutin, die in der Mitte des Schlangenmosaiks beieinander kauerten, wirkten müde. Ganz offensichtlich kannten sie seinen Vater. Als er auf sie zuging, erhoben sie sich und grüßten freundlich. »Mein Sohn ist Gesandter des Kronrats.« Er sagte das voller Stolz. Baidan spürte einen Kloß in seinem Hals aufsteigen. So stolz war sein Vater nicht mehr auf ihn gewesen, seit er vor vielen Jahren eine Winkerkrabbe erlegt hatte, die fast so groß wie er selbst gewesen war.