Als der Kobold das Gefechtsdeck erreichte, kletterten bereits die ersten Trolle auf der anderen Seite des Steppenschiffs wieder hinab. Baidan gab dem Geschützmeister den Befehl, auch mit seinem Wagen das Feuer auf Steppenschiffe zu eröffnen, die er für von Elfen besetzt hielt.
Die niedergedrückte Stimmung der führungslosen Krieger schlug um. Als Baidan über die Zinnen kletterte, um den Trollen zu folgen, begleiteten ihn Hurrarufe. Noch nie hatte ihn jemand mit Hurrageschrei angefeuert. Er hatte fast den Boden erreicht, als er auf einer blutbespritzten Sprosse abrutschte. Er stürzte ins Gras. Benommen schüttelte er den Kopf. Dort, wo er eben noch geklettert war, steckte zitternd ein Pfeil im Holz des Steppenschiffs. Auch andere waren auf ihn aufmerksam geworden!
Die Trolle hatten ihre wuchtigen Schilde zurücklassen müssen, um über den Wagen zu klettern. Der Rudelführer stellte sich breitbeinig über ihn. »Komm auf meinen Arm, dann sind wir schneller.«
Es widerstrebte Baidans Stolz, wie ein Kind auf den Arm genommen zu werden. Aber ein einziger Blick auf das Lager machte klar, wie falsch es gewesen wäre, auf seinen Stolz zu hören. Überall hatten die Arbeiter nun begonnen, die Wagen des inneren Kreises zu bestürmen. Er sah, wie sich Männer gegenseitig an die Kehle gingen, um an die Sprossenleitern auf den Außenwänden zu gelangen. Einige Geschützmeister hatten offensichtlich Befehl gegeben, die Heranstürmenden abzuwehren. Kobolde mit langen Speeren stachen an den Wagenseiten hinab. War ein Gefechtsdeck erst einmal voller Flüchtlinge, dann würden die Geschütze nicht mehr feuern, ja, es stand zu befürchten, dass die großen Wagen kippen könnten, wenn ganze Trauben von Faunen, Minotauren, Kobolden und anderen an den Sprossenleitern hingen.
Baidan sah eine junge Elfe, die verzweifelt schreiend versuchte, ihr Kind zu den Zinnen emporzustrecken. Nicht weit entfernt fuhren Kentauren in Bronzerüstungen unter die Arbeiter. Wahllos hieben sie mit ihren Schwertern auf jeden ein, der in ihre Nähe kam. Sie kamen der Elfe immer näher ...
Sie warf das Bündel mit ihrem Kind zu den Zinnen empor. Baidan sah, wie ein Kobold sich vorbeugte und versuchte es zu schnappen. Er erwischte nur einen Zipfel vom Tuch. Das Bündel fiel zurück und verschwand in der Menge, die wie lebende Gischt gegen das Steppenschiff anbrandete.
»Trag mich«, stimmte Baidan mit tonloser Stimme zu. Der Troll hob ihn auf und begann zu laufen. Doch nun hatte sich ein Trupp der gerüsteten Kentauren zwischen sie und die Hornschildechsen geschoben. Ihr Anführer deutete mit einem wilden Schrei auf die Trolle. Dann preschten sie ihnen entgegen.
Der Ordensgründer
Adrien erreichte eine Lichtung. Sie war zum Schlachthaus geworden. Er hatte nach dem Entsatz für eine der entlegenen Waldburgen gesucht. Wie es schien, waren sie überrascht worden, als sie gerade ihr Lager aufschlagen wollten. Es war nur ein kleiner Trupp. Zwanzig Krieger. Und er musste dabei sein. Wenn er noch lebte. Mehr als die Hälfte der Männer war schon am Boden. Die Drusnier metzelten sie gnadenlos mit ihren großen Äxten nieder.
Adrien trieb seinen Schimmel geradewegs in die Kämpfenden hinein. Diesmal waren es die Drusnier, die überrascht waren. Sein Schwert sauste in funkelndem Bogen hinab.
Er hieb blindwütig um sich. Panik brach unter den Heiden aus. Einige flohen zurück in den Wald. Die Krieger Fargons kämpften nun mit neuer Hoffnung.
Adrien glitt aus dem Sattel und nahm seinen Schild. Er tötete kaltblütig. Er wusste, dass er geschickter war als sie. Im Steinernen Wald hatte er nicht ermessen können, was er lernte. Doch nach den Jahren in Drusna war ihm klar, dass Jules unendlich viel mehr als nur ein Priester gewesen war. Ganz gleich, auf wen Adrien traf. Alle Gegner kamen ihm verglichen mit Jules langsam und ungeschickt vor. Wie ein Schnitter durch das Korn ging er durch die Reihen der Feinde. Die letzten Drusnier warfen ihre Waffen fort, um schneller laufen zu können. Keiner setzte ihnen nach.
Keuchend ließen sich die überlebenden Fargoner zu Boden sinken, wo sie gefochten hatten. Adrien blickte die Männer an. Einen nach dem anderen.
»Danke«, sagte ein abgehärmter, hagerer Mann. Sein schwarzes Haar war vom Schweiß zu dicken Strähnen verklebt. Blutspritzer sprenkelten sein Gesicht. Er stieß sein Schwert in den Boden und kam auf Adrien zu. »Danke.
Ohne dich wären wir jetzt alle tot. Du bist der weiße Ritter. Der Kirchenritter, nicht wahr?«
Adrien nickte. Unter den Lebenden war kein Mann, auf den die Beschreibung zutraf, die er vom Dicken bekommen hatte. Clovis hieß er mit richtigem Namen.
»Wie kann ich dir danken?«
»Danke Tjured«, sagte Adrien, ohne den Mann weiter zu beachten.
Du sol test ein wenig höflicher sein. Du bist ein Ritter Gottes. Da sol test du ein anderes Benehmen an den Tag legen.
Adrien straffte sich. Er zwang sich, den Blick vom Boden zu heben. Der Krieger, der vor ihm stand, war offensichtlich der Anführer. Er trug einen teuren Schuppenpanzer.
Adrien lächelte. Dann wurde ihm bewusst, dass man das durch seinen Maskenhelm natürlich nicht sehen konnte. Er ließ sein Schwert sinken, öffnete den Helm und klemmte ihn unter den Arm. »Ich wünschte, ich wäre früher bei euch gewesen.«
»Ich bin froh, dass du überhaupt gekommen bist. Es ist ein Wunder! Ohne dich hätten sie uns alle umgebracht. Dich hat wahrlich Tjured geschickt.«
»Vielleicht war es Vorsehung.« Er wollte dem Krieger nicht alle Illusionen nehmen.
»Ich bin hier, weil ich einen deiner Männer suche. Clovis.«
Der Hauptmann sah ihn mit großen Augen an. »Der Dicke hat dich gekannt? Dich! Er hat nie davon erzählt.«
»Er hat ein Mädchen gekannt, das ich suche.«
Sein Gegenüber sah ihn überrascht an. Dass er nach einem Mädchen suchte, passte offensichtlich überhaupt nicht in das Bild, das sich der Schwarzhaarige von ihm gemacht hatte.
Jetzt musst du ihm nur noch sagen, dass sie eine … Dass sie ein Mädchen war, deren Gunst käuflich war. Dann kannst du dir ganz sicher sein, dass man noch lange von dir reden wird.
Adrien ignorierte Weißer Donner. Er blickte über die kleine Lichtung. »War Clovis nicht bei deiner Truppe? Ich sehe ihn nicht.«
Der Hauptmann deutete auf ein Brombeerdickicht. »Er ist irgendwo dort hinten. Kaum dass wir angehalten hatten, hat er sich zurückgezogen. Er wollte sich ... erleichtern.«
Neue Hoffnung keimte in Adrien. Vielleicht hatte der Dicke es geschafft, unter die Büsche zu kriechen?
Der Hauptmann blieb zurück. Er kümmerte sich um seine Männer. Hielt er die Suche für aussichtslos? Adrien sah die Spuren der Angreifer im Gras. Sie kamen genau aus der Richtung, in die Clovis gegangen war. Aber wie leicht konnte man einen Mann übersehen, der sich in ein Dornendickicht duckte!
Es dauerte nicht lange, bis er den letzten Stadtgardisten fand. Clovis’ Hose war halb heruntergelassen und hatte ihn beim Versuch zu fliehen gehindert. Sie hing ihm immer noch um die Knie. Er lag auf dem Bauch, das Gesicht im Dreck. Seine blaue Tunika war blutgetränkt. Ein Axthieb hatte ihn in den Rücken getroffen.
Adrien kniete sich neben dem Krieger nieder. Clovis’ Hände hatten den weichen Waldboden zerwühlt. Er schien noch ein Stück gekrochen zu sein. Der junge Ritter berührte die Hand des Dicken. Sie war noch warm. Adrien schluckte. Er kämpfte gegen die Tränen an. Mehr als zwei Jahre hatte er in Drusna nach den Stadtgardisten aus Nantour gesucht, die auf die verschiedensten Garnisonen verteilt worden waren.
Ein Fluch schien auf den Männern gelegen zu haben. Keiner hatte überlebt. Jetzt hatte er auch den letzten verloren. Um wie viel war er zu spät gekommen, um zu erfahren, wohin man Elodia gebracht hatte? Um eine Stunde? Oder zwei? War es Gottes Wille, dass er das Mädchen nicht fand? Sollte er sich mit all seiner Kraft der Schaffung des neuen Ritterordens widmen?
Ihm war kalt. Er hockte sich auf den Waldboden. Die Arme um die Knie gelegt. Er fühlte sich kraftlos. Leer! Seit er den Steinernen Wald verlassen hatte, war Elodia immer sein erster Gedanke gewesen. Ihrer Spur zu folgen, hatte all seine Wege bestimmt. Die Aufgabe, zu der er eigentlich auserkoren war, hatte er sträflich vernachlässigt. Er hatte zwei Ordenshäuser gegründet. Aber das war mehr zufällig geschehen. Ohne Plan und Überlegung. Er hatte den Kriegern, unter denen er nach den Stadtgardisten suchte, von Tjured erzählt. Von der Idee, dass die Kirche einen bewaffneten Arm haben sollte, um sich selbst schützen zu können. Manche der Krieger waren so begeistert gewesen, dass sie sich ihm anschließen wollten. Doch er wollte allein sein. Und so hatte er sie überzeugt, dass es klüger war, wenn sie feste Häuser gründeten, um an einem Ort zu bleiben, wo ihr Orden wie eine Eichel zu einem starken Baum wachsen konnte. Sie hatten an seinen Lippen gehangen. Offenbar war es wahr, was Jules immer gesagt hatte. Es fiel ihm leicht, Menschen von etwas zu überzeugen. Er war ein guter Prediger. Er hatte sie überzeugt, dass es seine Aufgabe war, herumzuwandern und den neuen Orden bekanntzumachen, während sie die ersten Schösslinge hüten sollten.