Adrien zog Clovis die Hosen hoch und schloss dessen Gürtel. Der untersetzte Krieger mit dem fleischigen Gesicht sollte nicht in der ganzen Jämmerlichkeit seines Todes als Rabenfraß im Wald liegen bleiben. Er drückte Clovis die Augenlider zu. Der Gardist sollte eine anständige Beerdigung haben. Mit ihm begrub er zugleich auch Elodia. Er hatte ihre letzte Spur verloren. Sie war jetzt wie tot. Vielleicht war sie das ja auch schon lange, und er war die ganze Zeit über nur einem Traum nachgejagt.
Adrien konnte seine Tränen nicht länger zurückhalten. Traum oder nicht, sie war, seit er Nantour verlassen hatte, das Ziel all seiner Bemühungen gewesen. Die Gedanken an sie hatten ihm die Kraft gegeben, die endlosen Stunden des Laufens und Grabens im Tal der Türme durchzustehen. Und als er in die Welt, die ihm fremd geworden war, zurückkehrte, hatte sie seinen Weg bestimmt. Wie ein Leuchtfeuer, das ein Schiff in gefährlicher See zum Hafen führte. Nun gab es kein Leuchtfeuer mehr. Sein Schiff war dazu verdammt, immer auf See zu bleiben. Ziellos zu kreuzen und sich den Stürmen zu stellen, bis es eines Tages spurlos im dunklen Meer verschwand.
Heiße Tränen rannen ihm über die Wangen. Nein, spurlos verschwinden würde er nicht! Er war Michel Sarti! Er würde den Orden vom Aschenbaum gründen, die Kirche beschützen und den Schwachen und Rechtlosen zur Seite stehen.
Kopfüber in die Schlacht
Der Rudelführer drückte Baidan so fest an seine Brust, dass der Kobold fast keine Luft mehr bekam. Nie in seinem ganzen Leben hatte sich Baidan so hilflos gefühlt wie in jenem Augenblick, als Trolle und die großen Kentauren aus Uttika mit wildem Kriegsgeschrei aufeinander zustürmten. Wer das Pech hatte, ihnen in die Quere zu kommen, wurde gnadenlos niedergetrampelt.
Hinter ihnen kletterten immer weitere Trolle vom Steppenschiff hinab. Zu Beginn des Gefechtes würden sie in der Unterzahl sein.
Der Rudelführer, der ihn im Arm hielt, führte eine Kriegskeule mit einem großen, runden Steinkopf, um den sich knorriges Wurzelholz klammerte. Aus dem Steinkopf ragte ein Stoßzahn von einem Seeelefanten. Dass die Trolle keine vernünftigen Metallwaffen verwendeten, würde eines Tages noch ihr Untergang sein.
Über ihre Köpfe pfiffen Geschosse hinweg, kobold faustgroße Steinkugeln, die von den leichteren Torsionsgeschützen auf den Geschützdecken verschossen wurden. Mit lautem Scheppern prallten einige auf Brustpanzer und Helme der Uttiker. Erfreuliche Lücken klafften plötzlich in der Schlachtreihe ihrer Feinde. Dann trafen Trolle und Kentauren aufeinander.
Die Uttiker waren geschickte Kämpfer. Sie waren etwas mehr als zwei Köpfe kleiner als die Trolle, aber mit ihren massigen Pferdeleibern bestimmt nicht viel leichter. Zumindest kam es ihm so vor. Der Nahkampf wurde schnell zu einem mörderischen Drücken und Schieben. Und es machte sich bemerkbar, dass die Trolle ohne Schilde ins Gefecht gezogen waren.
Sein Troll konnte mit seiner großen Keule im dichten Handgemenge nicht mehr richtig ausholen. Zweimal hob er wohl im Reflex den Arm, mit dem er ihn festhielt und an dem er sonst den Schild trug. Eine silberne Klinge hackte dicht an Baidans linkem Ohr vorbei in das Fleisch des Trolls. Nie würde Baidan das leise zischende Geräusch vergessen, mit dem scharfer Stahl lebendes Fleisch zerteilt. Warmes, dunkles Blut durchnässte Baidans Kleider. Der Troll stieß einen grunzenden Laut aus und rammte dem Uttiker mit einem graden Stoß den Seeelefantenzahn seiner Keule ins Gesicht.
Der Kentaur brach in die Knie. Der Rudelführer drängte in die Lücke der Schlachtreihe. Mit dumpfem Klatschen schlug ihm einer der kleineren Steine, die von den Torsionsgeschützen verschossen wurden, gegen die Stirn. Der Troll fluchte. Auch er wusste, dass dieses Geschoss wohl aus den eigenen Reihen gekommen war.
»Ich werde den Kerl finden, der das war«, versicherte Baidan.
Der Troll schien seine Worte nicht zu beachten. Kaum dass er durch die Reihe der Kentauren gebrochen war, drehte er sich um. Er holte weit mit seiner Keule aus und ließ die Waffe mit all ihrer zerstörerischen Kraft auf den Rückenpanzer eines Uttikers krachen. Er trat dem Sterbenden in den Pferderumpf und ging gleich den nächsten Gegner an. Die Reihe der Uttiker brach auf. Einer der Kentauren ging den Troll an.
Baidan wurde hochgeschoben. »Setz dich in meinen Nacken und halt dich an meinen Ohren fest. Auf dem Arm störst du.«
Der Kentaur schaffte es, dem Angriff des Rudelführers auszuweichen. Pfeifend ging die wuchtige Keule ins Leere, während das Doppelschwert des Uttikers einen tödlichen Bogen beschrieb. Wieder war das zischende Geräusch von zerteiltem Fleisch zu hören. Der Troll strauchelte. Ein klaffender Schnitt ging quer über seine Brust.
Als er in die Knie ging, führte er einen Schlag nach den Läufen des Kentauren. Der Uttiker stieg, um dem Hieb auszuweichen. Dann sausten seine massigen Hufe nieder.
Baidan sprang von den Schultern des Trolls und landete auf einem sterbenden Faun, der das Pech gehabt hatte, zwischen die Kämpfenden zu geraten.
Der Kobold sah, wie ein weiterer Uttiker auf den Rudelführer eindrang und ihm aus sicherem Abstand mit Lanzenstichen zusetzte. »Lauf«, stöhnte der Troll und warf sich seinem Peiniger entgegen.
Baidan nahm all seinen Mut zusammen und rannte zwischen den stampfenden Pferdebeinen hindurch. Er schrie seine Angst hinaus. Alle rings herum schrien. In Wut, im Kampfrausch, vor Schmerzen. Er dachte an seinen Vater. An all die friedlichen Tage in Vahan Calyd. Er wünschte, er wäre noch einmal ein Kind und gemeinsam mit ihm weit draußen in den Mangroven.
Vielleicht war es die Kraft dieser alten Erinnerungen, die ihn lebend aus dem Gefecht von Kentauren und Trollen trug. Vielleicht war es auch einfach nur Glück. Er erreichte die Hornschildechsen. Schreiend und winkend versuchte er auf sich aufmerksam zu machen. Die Lutin hatten alle Strickleitern hochgezogen. Frauen und Kinder bemannten die schweren Armbrüste. Das Fuchsvolk baute seine Hütten auf den breiten Rücken der großen Echsen. Die kleine Herde hatte sich im Kreis aufgestellt. Sie waren eine Festung innerhalb der Festung. Eine lebende Festung! Die wuchtigen Hornkrägen der Echsen bildeten einen Wall. Sie standen dicht an dicht, ihre drei langen, geschwungenen Hörner auf Schnauze und Stirn drohend gesenkt. Selbst Trolle würden zögern, sie anzugreifen.
Sie kannten ihn! Sie mussten ihn erkennen. Er schrie sich schier die Seele aus dem Leib.
»Ich bin Baidan, Bote des Orgrim!«
Um ihn herum kreischten Hunderte andere, die in die Sicherheit der lebenden Festung gelangen wollten. »Holt mich herauf, oder auch ihr werdet verloren sein!« Wäre er mit den verdammten Trollen hier, dann würden sie gewiss nicht zögern, ihn auf die Echsen zu lassen. Hinter einem der Hornkrägen entdeckte er Liza. Die junge Lutin führte die Sippe, die mit der Snaiwamark-Karawane zog. Es war die Sippe, der auch Elija Glops entstammte. Sie waren als Erste ein Bündnis mit den Trollen eingegangen.