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Würden sie jetzt als Erste zu Verrätern?

Baidan trat zurück von den schreienden Flüchtlingen, die sich um die unruhigen Echsen drängten. Wenn er in der Menge auffallen wollte, dann musste er etwas völlig anderes tun als die Übrigen. Etwas Absurdes, mit dem er Aufmerksamkeit erregte.

Schreiend und fluchend verlor er sich zwischen all den anderen. Er war ein Anführer!

Vielleicht der Letzte, der hier noch klar dachte und richtig entscheiden konnte. Er spürte, dass es ganz allein in seiner Hand lag, ob die Karawane die Schlacht überstehen würde.

Baidan besann sich auf die Kunststückchen, mit denen er als kleiner Junge seinen Vater erfreut hatte. Würde das allein genügen? Er musste sicher sein. Die Zeit lief ihnen davon. In einer halben Stunde würde es zu spät sein, das Blatt noch einmal zu wenden.

Er zog sein Hemd aus. Er hatte sich angepasst. Er trug schon lange nicht mehr die klassischen Kleider der Holden, seines Volkes.

Er setzte sich und streifte die Stiefel ab. Dann zog er auch noch die Hose aus. Er verneigte sich vor den Echsen. Er war vielleicht dreißig Schritt von ihnen entfernt. War er noch nah genug? Würde Liza ihn erkennen können? Er streckte seine Glieder, winkte mit hoch über den Kopf erhobenen Armen und dann schlug er einen Salto rückwärts. Er hatte das lange nicht mehr gemacht und landete unsanft auf seinem Allerwertesten. Sofort war er wieder auf den Beinen. Erneut winkte er mit den Armen.

Diesmal schlug er ein Rad.

Er lief zurück zu seinem Ausgangspunkt und winkte erneut. Er war der Verrückteste in einer Welt, die in Wahnsinn versunken war. Würden sie ihn sehen? Er durfte nicht aufgeben! Wieder schlug er einen Salto. Und noch einen. Diesmal landete er auf den Füßen.

Verzweifelt blickte er zu den Echsen. Er hob die Arme und winkte. Und diesmal winkte eine Gestalt hinter einem der Hornkrägen zurück. Sofort lief Baidan auf die Echsen zu. Ein Lutin, der sich an einem Seil festhielt, kletterte an einem der Kragen hinab. Andere, die mit Speerschäften nach den Flüchtlingen schlugen, schirmten ihn ab. Tretend und um sich schlagend, schaffte es Baidan bis zur Echse. Der junge Lutin wurde noch ein wenig tiefer hinabgelassen. Baidan schaffte es, seine Hand zu packen.

Sofort wurde das Seil wieder hochgezogen.

»Liza!«

Die Lutin sah ihn abschätzend an. Wie konnte sie inmitten dieses Mordens einfach ruhig zusehen. Sie ... Plötzlich begriff Baidan. Sie hatte entschieden, einfach abzuwarten. Und falls der innere Kreis bedroht wurde, würde sie mit den Hornschildechsen womöglich eines der Steppenschiffe dort stürzen und durch den Albenstern flüchten. Sie waren Lutin. Niemand bewegte sich so geschickt durch das Goldene Netz wie sie. Sie würden entkommen, wenn sie es schafften, das magische Tor zu öffnen.

Die Fuchsfrau trug ein kurzes, seitlich geschlitztes Kleid, dazu enge Hosen und Stiefel.

Sie sah sinnlich aus. Sie lächelte. »Das ist selbst unter diesen Umständen ein ungewöhnlicher Aufzug.«

Baidan erwiderte das Lächeln. »Ich weiß eben, wie man selbst unter widrigsten Umständen die Aufmerksamkeit einer schönen Frau erregt.«

Ihr Lächeln entblößte kleine spitze Zähne.

»Du hast großes Glück, dass die Schlacht dich nicht so sehr fesselt, dass du mich übersehen hättest. Das ist auch ein großes Glück für die Deinen.«

»Glück? Ich verstehe dich nicht.«

»Rustur, der Troll, der den inneren Kreis befehligt, hat schon zwei Boten zu euch geschickt, ohne dass ihr seinen Befehlen gefolgt seid.«

»Hier sind keine Boten angekommen!« Sie deutete hinab auf das Gedränge. »Nur ein Troll kann auf die Idee kommen, dass mich in diesem Durcheinander ein Bote erreichen könnte.«

»Er hält dich für eine Verräterin, Liza. Dich und deine ganze Sippe. Er tobt vor Wut.«

Ihre Augen wurden ein wenig schmaler. »Wie kommt er darauf, dass ich eine Verräterin bin?«

»Nun, das liegt doch auf der Hand. Ihr tut das Naheliegende nicht, um die Schiffsburg zu retten. Wie viele Kentauren sind jetzt im äußeren Kreis? Vierhundert? Fünfhundert?

Wer weiß ... Gewiss ist nur, es werden mit jedem Herzschlag mehr. Und ihr tut nichts, um die Breschen zu schließen. Ihr müsstet nur mit den Hornschildechsen vorrücken.

Mit ihren breiten Kragen könnten sie ganz leicht die Breschen blockieren.«

»Wir sind keine Krieger«, entgegnete sie kühl. »Das Kämpfen überlassen wir stets anderen.«

»Ich hatte befürchtet, dass du das sagen würdest. Dann lass mich bitte wieder herunter. Ich möchte noch nicht sterben!«

»Du machst Scherze, Baidan.« Wieder maß sie ihn vom Scheitel bis zur Sohle. »Jeder kann sehen, dass du in dieser Nacht zu seltsamen Scherzen aufgelegt bist.«

»Hast du auch gesehen, dass Rustur einige Wagen im äußeren Kreis beschießen lässt?

Jedes Steppenschiff, bei dem auch nur der Verdacht besteht, dass es von Elfen besetzt ist und einen Schuss auf die innere Schiffsburg abgegeben hat, wird unter Feuer genommen. Und dabei ist ihm ganz egal, dass auch die Kobolde auf den Geschützdecks unter dem Gefechtsdeck sterben. Kobolde, die an Orten kämpfen, die kein Elf betreten kann, weil die Decks zu niedrig sind. Ich stand neben Rustur, als er dich und alle Lutin verflucht hat. Auf dem Gefechtsdeck seines Steppenschiffs gibt es eine große Sanduhr. Man muss sie vier Mal in einer Stunde drehen. Als er mich zu dir geschickt hat, hat er sie drehen lassen und dem Geschützmeister den Befehl gegeben, mit Brandkugeln auf die Hornschildechsen schießen zu lassen, sobald das letzte Sandkorn durchgelaufen ist.«

Sie leckte sich über die Schnauze. »Das glaube ich nicht. Alle Lutin stehen unter dem Schutz König Gilmaraks!«

»Du kennst Rustur, Liza. Als ich ging, hat er mir hinterhergeschrien, dass er euch lieber persönlich umbringen würde, als euch den Kentauren zu überlassen. Und du siehst ja, was er mit den halb vom Feind besetzten Steppenschiffen macht. Lass mich bitte herunter! Das Viertel der Stunde muss bald verstrichen sein. Ich bin lieber dort unten zwischen den Hufen der Kentauren als hier oben, wenn sie anfangen, mit den Feuerkugeln zu schießen.«

Lizas Augen durchbohrten ihn. Sie war nicht leicht zu täuschen. Er trat ein Stück zurück. »Das Seil«, sagte er ruhig. »Lebt wohl.«

»Halt!«

»Du wirst mich nicht aufhalten. Wenn du glaubst, Rustur würde nicht schießen lassen, weil ich hier oben bin, irrst du dich. Ihm sind Koboldleben egal.«

Sie nickte. »Ich weiß.« Sie winkte einem jungen Lutin zu. »Wir nehmen Torkelschritt, Mondkragen, Wolfsbeißer und Zweistoß. Das sind allesamt erfahrene Kämpfer. Zieh dich mit den übrigen Echsen zum Inneren Kreis zurück. Sie sollen einen Halbkreis mit dem Rücken zu den Steppenschiffen bilden.«

Baidan jubelte innerlich. Er musste darauf achten, dass Liza es nicht bemerkte. »Bitte, beeil dich. Die Sanduhr kann jeden Augenblick durchgelaufen sein.«

»Er wird sehen, dass wir uns bewegen. Hornschildechsen sind keine Rennpferde.« Sie rief der Echse, auf der sie standen, etwas zu.

Ein junger Lutin brachte ihr zwei eiserne Halbkugeln, die von schmalen Schlitzen durchbrochen waren. »Hast du Mut?«

Baidan verstand nicht, was sie meinte. Daraufhin drückte Liza ihm eine der Halbkugeln in die Hand. »Über den Augenlidern sind drei eiserne Haken in den Knochenwulst eingelassen, der die Augen abschirmt. Da hängst du das ein. Hast du mich verstanden?«

Der Kobold sah sie verständnislos an.

»Wir sind zu wenige, verdammt, und ich werde weder Kinder noch Alte zum Klettern dort hinabschicken. Was glaubst du, worauf Elfen und Kentauren schießen werden, wenn die Hornschildechsen in den Breschen stehen? Die Augen sind ihre verwundbarste Stelle.«

»Du willst, dass ich mit nacktem Arsch über den Hornkragen einer übellaunigen Riesenechse hinabsteige, um an ihren Augenbrauen dieses Ding hier aufzuhängen? Ich bin doch nicht verrückt!«

»Du schlägst nackt Saltos mitten auf einem Schlachtfeld und erzählst mir, du seist nicht verrückt? Bitte, Baidan, nimm mich nicht auf den Arm.« Sie drückte ihm ein Seil-ende in die Hand. »Komm jetzt!«