Mit diesen Worten stieg sie über den Hornkranz. Er schluckte. Verdammtes Lutinflittchen! Wenn er es ihr nicht nachtat, dann würde er bis ans Ende seiner Tage als ein Feigling gelten, der nicht wagte, zu tun, was sogar Frauen auf einem Schlachtfeld taten.
Er band sich das Seil um den Bauch und stieg über den Hornkragen der Echse. Ich hätte die Mangroven nie verlassen sollen, dachte er verzweifelt. Das war überflüssig!
Den Lutin bedeuteten die Echsen alles. Sie lebten mit ihnen. Aber ihm war vollkommen egal, ob eines dieser Viecher vielleicht ein Auge verlor. Es war Lizas Rache dafür, dass er sie so sehr unter Druck gesetzt hatte. Dass er sie gezwungen hatte, die sichere, lebende Festung der Hornschildechsen aufzubrechen, um vielleicht die Schlacht zu retten.
Der große Hornkragen war zwar nicht glatt, doch boten die feinen Rillen nicht einmal Koboldfingern Halt. Er schlitterte daran hinab und schrammte sich die Ellenbogen auf.
Mit dem Hintern voran landete er auf einem der wuchtigen Stirnhörner. Es war unüberhörbar, dass die riesige Echse es gar nicht mochte, wenn man auf ihrem Kopf herumkletterte. Sie schnaubte ärgerlich und schüttelte sich.
Baidan rutschte ein wenig vor, schob den Augenpanzer unter seine Brust und umschlang das Horn dann mit beiden Armen. »Scheiße!«, fluchte er. »Scheiße, Scheiße, Scheiße!« Was hatte er auf dem Horn eines Geschöpfes verloren, vor dem sogar Trolle schreiend davonliefen, wenn sie halbwegs bei Verstand waren? Er war völlig verrückt geworden!
Der Holde blickte zu Liza, um zu sehen, was sie tat. Er musste sich übel den Hals verdrehen, um einen kurzen Blick zu erhaschen. Die Lutin hatte beide Beine um das Horn geschlungen und hing mit dem Kopf nach unten, um die eiserne Halbkugel über das Auge der Echse zu bringen.
Baidan wurde schlecht. Wenn sie es so machte, war das vermutlich die sicherste und effektivste Methode, um das Rüstungsteil an den Haken aufzuhängen.
Wieder schüttelte die verdammte Echse den Kopf. Baidan klammerte sich krampfhaft am Horn fest. Er musste hier weg. Also sollte er möglichst schnell den verfluchten Augenschutz anbringen. Je länger er hier blieb, desto sicherer würde er draufgehen. Er nahm all seinen Mut zusammen, presste beide Beine fest um das Horn, packte die eiserne Halbkugel und schwang sich mit dem Kopf voran hinab. Er blickte in ein Auge, das so groß wie seine Hand war, wenn er die Finger spreizte. Ein gelbes Auge, mit geschlitzter, schwarzer Pupille. Es funkelte wütend, und Baidan schwor sich, nie wieder in die Nähe dieser Echse zu kommen, wenn die Schlacht vorüber war. Das Vieh würde ihn in den Boden trampeln, wenn sie sich noch einmal begegneten.
»Ich will dich nicht ärgern. Ich will dich beschützen«, redete er auf die Echse ein. »Wir sind Freunde! Ich war schon immer ein Echsenfreund. Ich hab nie zu den Kindern gehört, die Echsen die Schwänze abreißen. Ehrlich!«
Seine Hände zitterten, als er versuchte, den Augenschutz aufzuhängen. Und das blöde Mistvieh schüttelte wieder den Kopf. »Ich will dir doch nur helfen!«, schrie er gleichermaßen empört und verzweifelt.
Die drei Metallringe auf der eisernen Halbkugel waren klein. Und zu allem Überfluss waren sie auch noch beweglich und kippten immer wieder nach innen, wenn er versuchte, die Halbkugel aufzuhängen. Dabei sah er die ganze Zeit in das wütende gelbe Auge. Die Echse würde ihn niemals vergessen!
»Bitte, bitte, bitte, halt doch einmal einen Augenblick lang still.«
Ein Pfeil schrammte über das Horn, auf dem er kauerte, und schlug in den großen Nackenschild der Echse. Baidans Herz raste. Jetzt schössen auch noch irgendwelche Kentauren auf ihn. Zumindest schienen ihn noch keine Elfen entdeckt zu haben. Die hätten getroffen!
Es war sein fünfter Versuch, der die Halbkugel endlich zum Halten brachte. Er hatte es geschafft, die beiden äußeren Ringe über die Haken zu bekommen, während der mittlere wieder umgekippt war. Das musste halten! Er würde es nicht nochmal versuchen.
Wieder schüttelte die Echse wild den Kopf. Sie musste jetzt so gut wie blind sein. Wie viel sie wohl durch die schmalen Schlitze in den Halbkugeln noch sehen konnte? Egal!
Das war nicht seine Sorge! Ein Speer verfehlte ihn knapp. Ein Steppenkentaur preschte neben der Echse her und versuchte ihn aufzuspießen. Und er hing unbewaffnet kopfüber von einem Echsenhorn herab.
Ein neuerlicher Speerstoß streifte seinen Rücken. Baidan pendelte hin und her, um aus der Bewegung heraus den Schwung zu holen, wieder bäuchlings auf das Horn zu gelangen.
Er spuckte nach dem Kentauren. »Feigling!«, schrie er ihn an. Wenn er schon keine Waffe in der Hand hatte, konnte er wenigstens die Ehre des Steppenkriegers verletzen.
Der Kentaur wirbelte den Speer herum. »Du bist tot, Kleiner!«
Baidan schwang jetzt wie ein Blatt im Sturmwind. Und die Echse brachte ihn mitten hinein in die größte Ansammlung von Kentauren. Das war der einzige Weg zu den Breschen!
Ein neuerlicher Speerstoß verfehlte ihn knapp. Er spürte sein Blut über den Rücken laufen. Wenn er den Hals verdrehte, tropfte es ihm ins Gesicht. Schmerzen spürte er nicht. Jetzt galoppierte noch ein zweiter Kentaur neben ihnen her.
Baidan packte hoch zum Horn, doch seine Hand glitt ab. Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Steppenreiter versuchte, noch dichter an die Echse heranzukommen. Sein Arm fuhr zurück, um neuerlich zuzustoßen. Da brach die Hornschildechse aus ihrer Bahn aus, senkte den Kopf und führte einen wuchtigen Stoß gegen die beiden Kentauren. Einen erwischte sie mit der Spitze ihres Horns, während der zweite Kentaur einfach nur zur Seite geschleudert wurde.
Jetzt riss sie den Kopf hoch. Der aufgespießte Kentaur musste tot sein, dachte Baidan.
Dennoch zuckten Läufe und Arme des Steppenkriegers noch. Blut lief über das Horn und rann Baidan warm die Beine herab.
Überraschend riss die Echse den Kopf zur Seite. Der Kadaver des Kentauren flog davon, und Baidan verlor den Halt. Hilflos am Seil pendelnd, rutschte er ab, bis er mit einem Ruck zum Halten kam. Er drehte sich und hing jetzt wenigstens mit den Füßen voran nach unten. Das raue Seil schnitt ihm in die Achseln. Wie ein Halsschmuck baumelte er von der Echse hinab. Keinen halben Schritt über dem Boden.
Ein weiterer Kentaur kam heran. Ein Uttiker, der sein Doppelschwert wild schreiend über dem Kopf schwang.
Baidan packte das Seil mit beiden Händen und zog sich mit der Kraft der Verzweiflung daran hoch. Dabei schwang er immer noch wild hin und her. Das war vielleicht sein bester Schutz gegen einen Angriff des Kentauren. Er prallte gegen die Brust der Echse.
Jetzt bemühten sich die Lutin, ihn hochzuziehen. Baidan stieß sich den Kopf am unteren Rand des Hornschilds. Ein Schrei ließ ihn über die Schulter blicken. Das Schwert des Kentauren sauste auf ihn zu. Baidan zog die Beine an. Ein weiterer Ruck am Seil brachte ihn ein Stück weiter hoch. Das Schwert strich so knapp an seinen Fußsohlen vorbei, dass er den Luftzug spüren konnte.
Verzweifelt zog er weiter am Seil. Endlich wurde er über den Hornkragen gehoben.
Die Lutin legten ihn auf den breiten Nackensattel der Echse. Sein Rücken schmerzte.
Liza beugte sich über ihn. Ihre Lefzen waren zurückgezogen. So sah wohl ein Lächeln bei einer Lutin aus, aber Baidan hatte eher den Eindruck, dass sie ihn gleich beißen würde. »Du hast lange gebraucht, Holder.«
»Wenn wir es das nächste Mal machen, werde ich schneller sein.«
»Zweistoß findet, dass du Mut hast!«
»Zweistoß?«
»Der Name der Echse, auf der du sitzt«, entgegnete Liza. »Ich kann in seinen Gedanken lesen. Er meint auch, du solltest das nächste Mal, wenn du auf seinem Kopf herumkletterst, weniger Unsinn reden. Und er ist erfreut darüber, dass du noch nie einer Echse den Schwanz abgerissen hast. Was er damit meint, verstehe ich nicht ganz.«
»Aber ich«, entgegnete Baidan lächelnd. Er fühlte sich leicht, ja unbesiegbar. Das Leben war schön!
Die Ahnung
Orgrim trat an das Lager, auf dem der kleine Kobold aufgebahrt lag. Seine braungrüne Haut hob sich deutlich gegen das weiße Laken ab. Er war ganz nackt. Man hatte ihn gewaschen. Die Wunde in seiner Brust klaffte wie ein kleiner, rotbrauner Krater in seinem Fleisch. Offensichtlich hatte jemand mit viel Kraft und wenig Geschick die Pfeilspitze herausgeholt.