Ein Kobold, der sein strähniges Haar mit einem roten Stirnband bändigte, stand bei dem Toten. Außer einem Lendenschutz war er nackt. Orgrim erinnerte sich, den Holden schon mehrfach bei den Versammlungen des Kronrats gesehen zu haben.
»Liza von den Lutin hat mir von ihm erzählt«, sagte der Troll. »Sie hat ihn auch hierhergebracht.« Orgrim hasste solche Augenblicke. Er wusste nie, was die richtigen Worte waren, wenn man von einem Toten Abschied nahm. »Er hat die Snaiwamark-Karawane gerettet. Und mich. Er hat die Breschen mit den Hornschildechsen geschlossen. Der Feind wurde zurückgeschlagen. Über hundert Kentauren wurden gefangen genommen. Sie wurden gegen andere Gefangene ausgetauscht, die an den übrigen Baustellen in die Hände der Steppenkrieger geraten sind.«
»Als er klein war, haben ihn die anderen Kinder immer gehänselt, weil er den wirklich großen Krabben aus dem Weg gegangen ist. Er hatte Angst, sie könnten ihm einen Arm oder ein Bein abzwacken. Als Kind war er immer sehr besonnen. Seine Spielkameraden haben ihn oft Feigling genannt.«
Orgrim wollte dem Alten die Hand auf die Schulter legen, aber fürchtete, sie beide könnten zu Boden stürzen. Der Troll stützte sich schwer auf eine Krücke. Er hatte siebzehn Wunden davongetragen. Noch nie war er in einer einzigen Schlacht so oft verletzt worden. Ein Bein war gebrochen. Sein Schultergelenk durch einen Pfeil verletzt, so dass er den rechten Arm nicht bewegen konnte. Der Heiler, der ihn behandelt hatte, hatte gescherzt, er habe eine ganze Rolle Zwirn gebraucht, um ihn wieder zusammenzunähen. Und so fühlte sich sein Leib auch an. Seine Haut schien zu eng auf seinen Muskeln zu sitzen. Sie spannte überall. Selbst die leichteste Bewegung bereitete ihm Schmerzen. Skanga und König Gilmarak hatten ihm verboten, sich von seinem Lager zu erheben. Aber er musste zur Karawane. Er würde sie zurückbringen, ganz gleich, was der Kronrat ihm befahl. Baidan würde noch leben, hätte er den Mut gehabt, diese Entscheidung ein paar Tage früher zu fällen.
Der alte Kobold strich sanft über die Brust seines toten Sohnes. Er vermied es, die Wunde zu berühren. »Wie ...«
»Es war wohl einer der letzten Pfeile, die in der Nacht abgeschossen wurden. Er stand hinter dem Kragen einer Hornschildechse und führte den Befehl an einer der beiden Breschen. Liza sagt, sie hätten sieben Angriffe der Kentauren zurückgeschlagen. Das Gemetzel muss fürchterlich gewesen sein. Eine der Echsen wurde getötet. Ich weiß nicht, ob du jemals eine Hornschildechse gesehen hast, Holder. Sie im Nahkampf zu töten, ist wahrlich nicht leicht. Dein Sohn hat mich dort an der Bresche zwischen den Toten entdeckt und Befehl gegeben, mich hierher nach Burg Elfenlicht zu bringen. Sonst wäre ich wohl verblutet.« Orgrim stockte. Er hätte niemals erwartet, dass er einmal einem Kobold sein Leben verdanken würde. Bisher hatte er ihre kleinen Verbündeten zwar freundlich behandelt, aber als Krieger hatte er stets hochmütig auf sie herabgesehen.
Der Holde legte eine Pfeilspitze auf das weiße Tuch der Bahre. »Das hier hat ihn getötet.« Er stockte. »Wer ... Von wem ist dieser Pfeil?«
Orgrim konnte verstehen, dass sich der Vater diese Frage stellte, aber sie war absurd.
Was würde es ihm nutzen, zu wissen, wer den Pfeil abgeschossen hatte. Baidan wurde davon nicht mehr lebendig.
»Es ist kein Elfenpfeil ...« Er hob in hilfloser Geste die Hände. »Es sind viele hundert Kentauren dort gewesen. Es ist unmöglich, herauszufinden, wer den Pfeil abgeschossen hat. Diese Gedanken werden nur dein weiteres Leben vergiften. Vergiss es besser.«
»Auf dem Pfeil ist ein kleines Zeichen. Könntest du einen Blick darauf werfen, Bruder Herzog? Nur das. Bitte!«
Widerwillig nahm Orgrim das geschmiedete Eisen in die Hand. Es verursachte ihm keine Schmerzen, aber die Berührung war ihm unangenehm. Tatsächlich gab es ein kleines, verschnörkeltes Symbol auf der Tülle der Pfeilspitze. »Ein Schmiedezeichen.
Das ist in der Tat ungewöhnlich. Schmiede markieren Rüstungen und Schwerter.
Große Arbeiten. Aber eine Pfeilspitze ... Ich kenne mich nicht mit Schmiedezeichen aus, aber ich kann dir versichern, dass dich dieses Symbol zu der Werkstatt führen wird, in der dieser Pfeil entstanden ist. Mehr weiß ich dazu nicht zu sagen.«
»Danke«, sagte der Alte mit brüchiger Stimme. Er nahm die Pfeilspitze zurück. »Er war auch nie besonders kriegerisch ... Keiner, der es mochte, unter wehenden Bannern in eine Schlacht zu ziehen. Er versuchte Kämpfe zu ver meiden, wo es möglich war. Er war kein Feigling! Aber doch anders als die meisten Krieger, denen ich begegnet bin. Ich war sehr überrascht, als er mit der Snaiwamark-Karawane ging.«
»Er war einer meiner besten Männer.« Dem Troll gingen die Worte aus. Was sollte man auch sagen? Du hattest einen guten Sohn? War das nicht Salz in die Wunde streuen?
Wortlos wandte er sich ab.
Schwer auf seine Krücke gestützt, hinkte er zu den weiten Sälen, die zum Thronsaal führten. Jede Bewegung bereitete ihm Schmerzen. Und es quälte ihn, wie er angestarrt wurde. Dass man ihm nachsah, war er seit langem gewohnt. Er war Orgrim, Herzog der Nachtzinne, Sieger in unzähligen Schlachten, ein Troll, der vom einfachen Krieger zu einem der bedeutendsten Herzöge Albenmarks aufgestiegen war. Doch jetzt, auf Krücken, über und über bandagiert. Auch dort, wo keine Verbände lagen, schillerte seine Haut in allen Farben, von Prellungen und kleinen Schnitten, die mit nur wenigen Stichen vernäht waren. Er war ein Symbol des Untergangs, die Fleisch gewordene Niederlage!
Niemand hatte ihm bisher sein Kommando abgenommen. Und so lange dies noch nicht geschehen war, musste er die Zeit nutzen und die Karawane zurückholen. Er war zuversichtlich, dass er einen geordneten Rückzug organisieren konnte. Allerdings würde er wohl etliche Steppenschiffe zurücklassen müssen. Sein letzter Befehl würde lauten, die großen Karren in Brand zu setzen. Orgrim lächelte bitter. Er konnte sich vorstellen, was König Gilmarak dazu sagen würde. Wenn der junge König nicht sein Gesicht verlieren wollte, müsste er die Hinrichtung des Herzogs der Nachtzinne befehlen.
»Herzog?« Baidans Vater lief neben ihm her. »Wäre es sehr vermessen, wenn ich mich dir anschließen möchte? Ich würde gerne den Ort sehen, an dem mein Sohn sein Leben verloren hat.«
Orgrim seufzte. Er wollte den alten Kobold nicht bei sich haben. Andererseits würde er sehr bald auf Fürsprecher im Kronrat angewiesen sein! Es wäre dumm, Baidans Vater diesen Wunsch abzuschlagen.
»Du störst nicht im Mindesten! Im Gegenteil! Ich begrüße es, dass sich endlich ein Mitglied des Kronrates ein Bild vom Schlachtfeld machen möchte. So wird es meinem nächsten Boten vielleicht leichterfallen, offene Ohren für meine Sorgen zu finden.«
Er sah, wie sehr die Worte dem Alten zusetzten. Inzwischen wusste Orgrim, dass Baidans Mission vor dem Kronrat gründlich fehlgeschlagen war.
»Verstärkungen«, brummte der Troll. »Den ganzen Kronrat sollte man zur Schiffsburg schleppen. Ein Tag, und sie würden verstehen, was ich meine.« Er hatte nicht sehr laut gesprochen. Außer Baidans Vater sollte ihn niemand hören.
Es war noch vor Sonnenaufgang. Die hohen Säle des Palastes waren voller Schlafender.
Niemand trieb Herden hinaus zum Lager der ewig hungrigen Bittsteller. Die Wachen waren müde und sehnten sich nach ihrer Ablösung.
Orgrim war unruhig. Es war die Stunde, in der er Angriffe führte, wenn er den Zeitpunkt für eine Schlacht frei wählen konnte. Jetzt hatte er ein ungutes Gefühl. Sein Verstand verspottete ihn dafür. Sie waren inmitten des Herzlands, und abgesehen von den Kentauren gab es niemanden, der in großem Umfang Widerstand leistete. Die überwiegende Mehrheit der Elfen hatte sich erstaunlicherweise unter die Herrschaft Gilmaraks gefügt. Viel eicht lag es daran, dass den meisten von ihnen in der viele Jahrhunderte währenden Herrschaft Emerelles jeder Gedanke an Rebellion gründlich ausgetrieben worden war.