Выбрать главу

Aber ganz gleich, was sein Verstand sagte, er fühlte sich unwohl. Eine Gefahr lauerte.

Er spähte in die fernen Winkel des langen Saales, den er durchquerte. Suchte auf den Podesten hoch über sich nach einem verborgenen Bogenschützen. Ein Schaudern überlief ihn. Er hielt inne und drehte sich um. Alles war ruhig! Eine der Wachen sah ihn an. Spürte er es auch? Oder war ihm nur aufgefallen, dass sich der bandagierte Krüppel merkwürdig verhielt?

Er erreichte den Thronsaal. Auch hier schien alles ruhig. Es gab nichts, das seine Sorgen rechtfertigte. Selbst die Lutin beim Albenstern waren schläfrig. Am Himmel hoch über dem Saal standen noch Sterne. Der erste silberne Streif Morgenlichts lagerte noch dicht über dem Horizont. Den hohen Himmel aber regierte noch immer Dunkelheit.

»Ich will zur Snaiwamark-Karawane«, sagte Orgrim ruhig. Er spürte, dass sie ihn erkannten, und fürchtete, die Lutin würden den Wachen befehlen, ihn aufzuhalten.

Aber nichts dergleichen geschah. Sie schienen noch nicht informiert zu sein, dass König und Kronrat ihn zum Bleiben verdammen wollten.

Einer der Fuchsmänner rief ein Wort der Macht. Orgrim hatte schon oft erlebt, wie ein Tor zum Goldenen Netz geöffnet wurde. Dennoch hatte er nie seinen Respekt davor verloren. Es jagte ihm Schauer über den Rücken. Das waren keine Wege, die den Trollen bestimmt waren. Aber er hatte keine Wahl. Ein Fußmarsch zur Karawane hätte viele Wochen gedauert. Wer zu den Herren Albenmarks gehören wollte, der musste auch bereit sein, durch das Netz der Albenpfade zu reisen. Anders war eine ganze Welt nicht zu beherrschen. Er lächelte zynisch. Dabei war es das Letzte, wonach er strebte ... Weltherrschaft! Hätte er die Wahl gehabt, würde er sich auf die Nachtzinne zurückziehen, um seine toten Welpen trauern und neue Weiber nehmen. Er war des Krieges müde. Die endlosen Kämpfe mit den Kentauren führten zu nichts. Weder konnten sie die verdammten Pferdemänner besiegen, noch hatten diese die Macht, die Herrschaft der Trolle zu beenden. Alle zahlten mit Blut. Mit ganzen Strömen davon.

Und was konnte gewonnen werden? Nichts!

Was wohl aus Baidan geworden wäre? Er war ein guter und umsichtiger Planer gewesen. Sicherlich hätte er eines

Tages einen guten Fürsten abgegeben. Jetzt war er tot. Gestorben für die wirren Träume Gilmaraks. Trolle waren nicht dazu berufen, die ganze Welt zu beherrschen!

Der Bogen aus Licht erhob sich über den stillen Thronsaal. Orgrim blickte mit Sorge in das Dunkel jenseits des goldenen Pfades. Das Nichts. Die Heimat der Yingiz. Sie war nur eine Handbreit entfernt, wenn man die Albenpfade betrat. Gebannt durch die Magie der Alben. Für wie lange?

Klackend hinkte er auf das Tor zu, als ein Schatten das Licht überlagerte. Einer der Lutin musste den Ausdruck auf seinem Gesicht bemerkt haben. Er trat vor, um durch das Tor zu blicken.

»Was ist...« Orgrim warf sich zur Seite und zog Baidans Vater mit sich. Das Nichts spie eine riesige, haarige Kreatur aus. Lange, gebogene Stoßzähne schnitten durch die Luft.

Der Lutin, der durch das Tor geblickt hatte, wurde von einem gewaltigen Fuß zermalmt.

Orgrim kroch rückwärts von dem Tor fort.

Ein Mammut! Schrill trompetend stürmte es auf das hohe Tor des Thronsaals zu. Seine Augen in Panik geweitet. Der Palastboden erbebte unter seinen Tritten.

»Schließt das Tor!«, rief Orgrim den Wachen zu. Doch keiner hatte den Mut, sich dem riesigen Tier in den Weg zu stellen.

Das Leichenfeld

Der Gestank überlagerte jegliche anderen Sinneswahrnehmungen. Er dominierte alles.

Und drückte allen anderen Empfindungen seine Note auf. Warmer Dunst stieg aus den unzähligen toten Körpern. Er berührte einen, wenn man über das Schlachtfeld ging. Und es gab keinen gnädigen Wind, der ihn davontrug.

Mit jedem Atemzug drängte sich ein fauliger Geschmack auf die Zunge und in den Rachen. Er legte sich wie eine zweite Haut dorthin. Und ganz gleich, wie oft man aus-spuckte, diese Haut blieb.

Die Toten waren nicht still, wie es sich gehört hätte und wie es auf einem winterlichen Schlachtfeld in der Snaiwamark gewesen wäre. Ihre Körper rumorten. In ihren Därmen arbeitete es. Sie waren aufgequollen von Gasen, die sich ab und an einen Weg brachen. Selbst die Augen wurden belagert. Es war nicht allein das unsägliche Grauen.

Die Tausenden von Toten, so zerschunden, dass man sie kaum wiedererkennen konnte. Da waren auch die Fliegen. Wie ein schwarzer Schleier hingen sie in der Luft und ließen den Horizont verschwimmen. Ihr Geräusch übertönte selbst das Rumoren der faulenden Gedärme. Und überall quoll ihre Brut aus dem zerrissenen Fleisch.

Orgrim hatte schon viele Schlachtfelder gesehen. Dieses war das erste, auf dem er ein Gast war. Er hätte hier sein sollen. Sie alle waren ihm anvertraut gewesen. Von der Karawane lebten nur noch jene, die mit ihm evakuiert worden waren. Von all den Kriegern, die mit ihm die Nachtzinne verlassen hatten, waren ihm noch drei verblieben. Drei! Er hätte schreien können! Dabei hätte er es wissen müssen. Er hatte gespürt, dass etwas nicht stimmte. Es hatte einen Grund dafür gegeben, dass diese Belagerung stattfand. Die Belagerung, die die Kentauren nicht hatten gewinnen können.

Ihr Angriff in jener Nacht hatte ihn auf den falschen Weg gebracht. Ihm waren Zweifel gekommen, ob sie nicht doch das Zeug hatten, die Schiffsburg zu überrennen. Und seine Zweifel hatten ihm den klaren Blick verstellt! Er hätte sie alle fortbringen müssen, statt den Kronrat um Erlaubnis zu fragen! Er war der Befehlshaber. Das war seine Verantwortung gewesen! Er hatte versagt!

Kein einziges der Steppenschiffe hatte es überstanden. Er hätte das für unmöglich gehalten. Feuer, ja. Eine vernichtende Flut. Daran hatte er gedacht. Die Kentauren hatten eine ganz andere Waffe gefunden. Vom ersten Tag an, an dem sie hier beim großen Albenstern ihr Lager aufgeschlagen hatten, hatten sie gewusst, was kommen würde.

Vielleicht nicht die Stunde oder den Tag. Aber sie hatten es gewusst. Und sie hatten ihn dazu verführt, hierzubleiben.

Fünf Tage waren vergangen, seit das Mammut in den Thronsaal gestürmt war. Er hatte das magische Tor öffnen lassen, als das hier geschah. Es war durch den Lichtbogen gestürmt. Vielleicht auch noch andere Tiere. Bestimmt. Es mussten Hunderte gewesen sein. Doch nur das eine war nicht ins Nichts gestürzt.

Schon am nächsten Tag hatten sie Späher geschickt. Es waren noch Kentauren in der Nähe. Nur einer der Späher hatte es zurückgeschafft. Und auch der mit einem Pfeil in der Brust. Sie hatten Zeit verstreichen lassen. Gilmarak hatte alle Trollkrieger bei Hof versammelt, die sich im Herzland aufhielten. Es waren über Tausend gekommen.

Skanga hatte es nicht gewollt ... Seit ihrem ersten Angriff auf Burg Elfenlicht schreckte sie davor zurück, mit Heerscharen das Goldene Netz zu betreten. Doch Gilmarak hatte selbst ihr getrotzt. Er hatte es durchgesetzt. Sie war mit ihm gekommen. Und mit ihr ihre vermummte Dienerin. Auch der gesamte Kronrat war hier.

Die meisten der Kobolde hielten sich parfümierte Tücher vor ihre langen Nasen.

Allerdings nicht Elija Glops. Und auch nicht Anderan, Baidans Vater. Der Herr der Wasser wanderte über das Leichenfeld und starrte. Die meisten anderen wollten schnell fort von hier. Anderan nicht. Er nahm all das in sich auf. Er stellte sich dem Grauen. War ihm bewusst, welche Mitschuld er trug?

Der Kronrat hatte Gilmarak darin unterstützt, die Snaiwamark-Karawane Wirklichkeit werden zu lassen.

Und diese verrückte Straße. Hätte sich der Kronrat entschieden gegen die Pläne des Königs gestellt, dann hätte sie den jungen Herrscher vielleicht umgestimmt. Orgrim konnte sich immer noch nicht erklären, welchem Zweck diese Straße diente. Er wusste, was in den Karren gewesen war. Gold. Unglaublich viel Gold. Noch immer konnte man Goldstücke, zerhackten Schmuck und Perlen im Schlamm aus Blut und schwarzer Steppenerde sehen. Das meiste Gold hatten die Kentauren eingesammelt. Gilmarak hatte zwar alle Münzwährungen abgeschafft und den Tauschhandel wieder eingeführt, aber nicht alle hielten sich daran. Entgegen dem Willen des Königs war Gold immer noch nicht wertlos. Warum hatte er es in die Snaiwamark schaffen wollen?