Plötzlich sah er einen Drachen. So deutlich, so lebendig, dass er sich erschrocken aus den Gedanken des Elfen zurückzog. Nicht schnell genug! Er hatte Teil an der Erinnerung des alles verzehrenden Schmerzes, als Falrach das Fleisch auf den Knochen geschmolzen war. Jeden Nerv hatte er gespürt.
Das ist der Nachteil, wenn man in anderer Leute Gedanken ist. Jetzt war Ollowain bei ihm.
Nikodemus versuchte sich dagegen zu sperren. Aber wie vertrieb man jemanden aus seinem Kopf?
Es gilt als unhöflich, tiefer in die Gedanken anderer einzudringen, mein kleiner Freund. Es ist sehr leicht. Aber es verstößt gegen die Etikette. Ich gestehe, ich habe dich durch meine Erinnerungen geführt. Ich wollte, dass du diese Erinnerung mit mir teilst, den letzten Augenblick meines Lebens als Falrach. Vielleicht magst du mich von nun an ja mit meinem Namen als Falrach ansprechen? Er ist mir angenehmer. Und ich hoffe, du hast gut verstanden, welche Gefahren darin liegen, Streifzüge durch die Gedanken und Erinnerungen anderer zu machen. Hier, im Reich unter den Wogen, schätzt man das gar nicht. Manch al zu Neugieriger wurde schon ermordet, weil er Dinge gesehen hatte, die ihn nichts angehen.
Ich kannte diese Regeln nicht…
Jetzt kennst du sie. Und sei noch einmal eindringlich gewarnt. Das Reich unter den Wogen ist anders als alles, was du kennst. Ein Leben gilt hier wenig, wenn du einen Fehler machst. Und Unwissenheit wird dich nicht davor schützen, die Folgen deiner Taten zu erfahren.
Nikodemus wollte gar nichts mehr denken. Aber wie stellte man seine Gedanken ab?
Falrach ... Ja, er würde ihn jetzt so nennen! Falrach trieb mit ihm zusammen in einer leichten Strömung. Der Lutin hatte das Gefühl, dass sie nicht mehr tiefer sanken. Er konnte über sich keine Sonnenscheibe mehr sehen. Und unter sich keinen Grund. Sie trieben durch endloses Blau. Ohne einen Anhaltspunkt für Entfernungen. Ohne die Möglichkeit abzuschätzen, wie viel Zeit verstrich. Es machte ihm Angst!
Du musst dich entspannen, Nikodemus. Es kann auch angenehm sein. Versenke dich in dich selbst.
Wie sollte das denn gehen! Falrach hatte leicht reden ... Denken ...
Darf ich in deinen Erinnerungen wandern?
Nikodemus kamen sofort einige Ereignisse in den Sinn, die er auf keinen Fall mit dem Elfen teilen wollte!
Mich interessiert dieses Fuchsmädchen Liza nicht. Du solltest nicht an das denken, was ich nicht wissen soll. Du überhäufst mich in diesem Augenblick mit den Bildern, die du eigentlich vor mir verbergen möchtest. Ich kann mich dem dann nur entziehen, wenn ich ganz aus deinen Gedanken weiche.
Ich mag diese Art nicht, miteinander zu reden!
Du sol test dich besser daran gewöhnen, Nikodemus, so ist es hier, und du wirst nichts daran ändern.
Der Lutin fühlte sich plötzlich verloren. Sicher lag es auch daran, inmitten dieses unendlichen Blaus zu schweben. Er war nichts. Bedeutungslos. Von der Welt abgeschnitten. Ein Sandkorn. So ein Unsinn, schalt er sich in Gedanken. Ich bin Nikodemus Glops, der Bruder des Elija Glops, der ganz Albenmark auf den Kopf gestellt hat und dafür sorgte, dass die Kobolde endlich die Anerkennung bekommen, die sie schon immer verdient hatten.
Du bist mehr als irgendjemandes Bruder.
Ich dachte, es ist unhöflich, sich ungefragt in fremde Gedanken einzumischen.
Ja, du hast Recht. Und dennoch erlaube mir, dir einen Rat zu geben. Messe deinen Wert nicht an deinem Bruder. Was du bist oder nicht, liegt allein in dem begründet, was du tust und was nicht.
Das hörte sich an wie das Gerede seines alten Lehrers Meister Gromjan. Die Wirklichkeit war anders. Er wusste besser, wie viele Leute sich plötzlich für ihn interessierten, weil er Elijas kleiner Bruder war.
Etwas in der Tiefe des Blaus erweckte plötzlich seine Aufmerksamkeit. Etwas Dunkleres bewegte sich dort und kam schnell näher. Ein sehr großer Fisch. Er glitt in einigem Abstand an ihnen vorbei, zog eine weite Kurve und kehrte zurück. Ein wenig näher, diesmal. Die Unterseite des Fischs war hell. Sein Rücken gestreift, in einem dunklen und einem helleren Blau. Er besaß eine mächtige, dreieckige Rückfinne. Und kalte, dunkle Augen. Ihnen fehlte jeder Glanz. Seine Kiefer klafften weit auf, während er in langsam enger werdenden Kreisen schwamm. Nikodemus entdeckte noch einen Schatten. Und kurz darauf noch einen dritten. Diese Fische waren zu groß. Fast so groß wie ein Troll.
Was sol en wir tun?
Nichts!
Der Lutin spürte, dass Falrach nicht so gelassen war, wie er mit seiner knappen Antwort Glauben machen wollte. Wir müssen sie bekämpfen!
Womit? Ich bin unbewaf net, Nikodemus. Und wir werden ihnen auch nicht davonschwimmen können. Wir sol ten ruhig bleiben. Sie können unsere Furcht riechen.
Wie sollen sie uns riechen? Wir sind im Wasser!
Vielleicht schmecken sie auch unsere Furcht. Das weiß ich nicht. Aber ich weiß ganz sicher, dass wir ihnen schmackhafter erscheinen werden, wenn wir Angst haben. Vielleicht haben wir auch Glück, und der Seehund kehrt bald zurück. Dann sind sie Boten und keine Jäger.
Wir könnten hinauf zum Albenstern schwimmen und fliehen, dachte Nikodemus.
So weit werden wir nicht kommen.
Der Lutin fluchte. Sie konnten doch nicht einfach aufgeben und darauf warten, ob es diesen verdammten Fischen einfiel, sie zu verspeisen!
Das stimmt, mein Freund, wir könnten auch etwas Sinnvol es tun. Kanntest du Ollowain?
Von jemandem, der allem Anschein nach Ollowain war, eine solche Frage gestellt zu bekommen, war schon einigermaßen befremdlich. Aber dass der Schwertmeister, gelinde gesagt, seltsam war, wusste er ja. Ich kannte ihn in der Zeit, als er Echsendung für die Lagerfeuer meiner Sippe gesammelt hat.
Ollowain, Falrach, Klaves unter all diesen Namen war er dem Elfen schon begegnet.
Und jedes Mal hatte er sich ganz anders verhalten. Nikodemus blickte zu den großen Fischen. Jetzt waren es schon fünf, die weite Kreise um sie zogen. Sein Gefährte hatte Recht, sie würden ihnen nicht entkommen. Ihre Hoffnung bestand darin, dass Emerelle aus ihrer Ohnmacht erwachte und half. Aber vielleicht war sie auch schon tot. Ihre Gedanken jedenfalls vermochte er nicht zu berühren.
Wenn es ans Sterben ging, konnte man auch an etwas Lustiges denken. Und lustig war die Geschichte um Klaves allemal. Er dachte an das Eselskostüm, in das sie den Elfen eingenäht hatten und daran, wie unglaublich naiv er gewesen war.
Alptraum
Skanga erwachte aus unruhigem Schlaf. Ihre Träume waren verworren gewesen.
Zuletzt hatte sie das Gefühl gehabt, eine eiskalte Hand habe sie im Nacken gepackt.
Die Schamanin richtete sich auf ihrem Lager auf. Sie war in ihre Höhle in den Bergen der Snaiwamark zurückgekehrt. Nur für einige Tage. Sie musste Burg Elfenlicht entfliehen. Sie hasste die Betriebsamkeit dort. Das Durcheinander. Dass man nirgends allein war.
Skanga trat an den Eingang ihrer Höhle. Eisiger Wind schnitt in ihr altes Fleisch. Sie begrüßte ihn. Sie fühlte sich lebendiger in der Kälte. Und sie mochte es, auf das karge, harte Land hinabzublicken. Die dunklen Felsen, die durch die endlose Schneelandschaft stießen. Die Wiesen und Wälder des Herzlands konnte sie nicht leiden. Sie sahen selbst im Winter noch lieblich aus. Die Snaiwamark war ganz anders.