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Hart, spröde, abweisend. Wer sie das erste Mal erblickte, der ahnte, dass die Schwachen hier sehr schnell starben. Aber wer hier zu leben vermochte, den erfüllte dieses Land mit Stolz. Deshalb hatte ihr Volk in all den Jahrhunderten der Vertreibung nie aufgehört, von der Snaiwamark zu träumen und sich abends an den Feuern Geschichten über ihre verlorene Heimat zu erzählen. Skanga war stolz darauf, sie hierher zurückgebracht zu haben.

Sie atmete die kalte Luft ein. Jeder Atemzug brachte einen wohligen Schauer mit sich.

Sie wusste, dass die Erzfeindin zurückgekehrt war. Sie wusste nicht, wo sie steckte, aber sie war wieder in Albenmark. Ihr Traum konnte keine andere Bedeutung haben.

Sie hatte nie Albträume! Nie erwachte sie von Angst erfüllt aus dem Schlaf!

Als die drei Shi-Handan nicht zurückkehrten, hatte Skanga zunächst Sorgen gehabt.

Doch als Jahr um Jahr verstrich, ohne dass sie von Emerelle hörte, begann trüge rische Hoffnung in ihr zu keimen. Vielleicht waren sie alle in einem großen Kampf gestorben. Irgendwo in der Wildnis, wo es keine Zeugen gab. Sie hatte Emerelle auf jede erdenkliche Art gesucht und nichts gefunden.

Jetzt war sie zurück. Die verfluchte Elfenschlampe. Skanga konnte es spüren. Emerelle war da. Diesmal würde sie keine Mörder auf die Elfe ansetzen. Sie würde es ganz anders angehen! Sie wusste, wohin Emerelle kommen würde. Und dort sollte sie eine tödliche Falle erwarten. Sie selbst musste zugegen sein, wusste Skanga jetzt. Die Elfe war zu mächtig. Man musste ihr mit der Kraft eines Albensteins begegnen.

Traurig blickte Skanga über das weite Land. Elija Glops hatte ihr den Vorsitz über den Kronrat überlassen. Dass er freiwillig ein Stück seiner Macht aufgab, war beunruhigend. Das entsprach nicht seinem Wesen. Auch auf ihn musste sie aufpassen.

Gilmarak hatte den Lutin für die vielen Jahre seiner treuen Dienste belohnen wollen und ihn zum Fürsten von Tanthalia gemacht. Die Lutin waren unstete Wanderer. Über ein Fürstentum zu herrschen, widersprach ihrer Natur. Daraus würde nichts Gutes erwachsen.

Es war besser, wenn sie heute noch zur Burg Elfenlicht zurückkehrte, dachte Skanga ärgerlich. Sie sollte versuchen herauszufinden, wo Emerelle war. Vielleicht sogar mit Hilfe der Silberschale ...

Die Schläferin

Vater, die Fremde. Es ist etwas Entsetzliches geschehen. Du musst mitkommen. Sofort! Sie muss fort! Am besten setzen wir sie an einem einsamen Strand aus!

Nie hatte Eleborn Ailis so sehr außer sich erlebt. Für gewöhnlich war seine Tochter eher ruhig.

Was ist denn geschehen? Er erwartete die schöne Nailyn und hatte nicht sonderlich viel Lust, die abgelegene Korallengrotte zu verlassen.

Du musst, Vater! Es gibt Hunderte Tote. Sie muss weg!

Der Fürst legte den Kopf schief. Tote? Dann bring mich zu ihr.

Ailis schwamm mit kräftigen Stößen voraus. Sie war hübsch geworden, dachte Eleborn bei sich. Allerdings mochte er nicht recht glauben, was sie erzählte. Ihr Gast war an einem abgelegenen Ort untergebracht. Eine kleine Lagune, von Korallen eingeschlossen. Niemand würde sich dorthin verirren. Schon gar nicht Hunderte!

Was genau hast du eigentlich gesehen, Ailis?

Ich ging am Strand entlang. Ich war neugierig, die Fremde zu sehen. Als ich zur Lagune kam, erschien es mir seltsam stil dort. Es waren keine Papageientaucher mehr in den Felsen. Keine Robben … Und als ich hinab ins Wasser sah. So etwas habe ich noch nie gesehen …Es war entsetzlich. Alles war vol er Toter! Hunderte kleinere Fische trieben an der Wasseroberfläche.

Die verschwundenen Papageientaucher. Zwei Delfine. Einige Pelikane. Die ganze Lagune war vol er Kadaver.

Eleborn hielt inne. Und sie? Hast du sie gesehen?

Nein, Vater. Das war unmöglich. Die ganze Wasseroberfläche war vol er Toter. Und ich bin sofort zu dir geeilt.

Hat es außer dir sonst noch jemand gesehen, Ailis?

Nein, ich glaube nicht. Außer uns ist doch kaum jemand hier.

Bitte, lass mich allein, meine Tochter. Ich muss zu der Fremden. Ich muss sehen, ob sie noch lebt. Aber du kannst doch nicht…

Vertrau darauf, dass ich ein wenig schwerer zu töten bin als ein Papageientaucher. Ailis war eine fügsame Tochter. Sie versuchte nicht weiter, ihn zurückzuhalten. Sie ließ ihn schwimmen. Der farbenprächtigen Mauer entgegen, dem lebendigen Meereswall. Den Korallen, von denen die Lagune umringt war, zu der man auf sein Geheiß Emerelle gebracht hatte. Er hatte sie sofort erkannt, noch bevor Ollowain etwas sagte. Sie sah abgehärmt aus. Sie ruhte in tiefem Schlaf, aus dem sie nichts zu erwecken vermochte. So war es wohl auch damals gewesen, als man sie aus Vahan Calyd fortgebracht hatte. Wenn die Welt brannte, dann schlief sie.

Ein Tunnel zwischen den Korallen war der einzige Zugang zur Lagune. Jedenfalls von See her. Gedankenverloren betrachtete er die Seeanemonen mit ihren farbenfrohen, fleischigen Fangarmen. Sie ernteten das Meer. Er mochte sie. Ihr Spektakel. Ihre Unermüdlichkeit. Er war wie sie.

Langsam schwamm er auf den Tunnel zu. Er spürte den Tod im Wasser. Es schmeckte nach ihm. Nach vielfältigem Tod. Die Anemonen am Eingang des Tunnels starben.

Auch die winzigen Tierchen, die, kaum sichtbar für das Auge, im warmen Wasser lebten, starben!

Eine Flut winziger Lichtpartikel ergoss sich durch den Tunnel in die Lagune. Eine fremde Macht tastete nach ihm. Er fuhr zurück. Ein paar schnelle Stöße brachten ihn vom Eingang der Lagune fort. Er hatte die Berührung des Todes gespürt, obgleich er noch nicht zugegriffen hatte. Er hatte zugelassen, dass er sich entzog. Er war immer noch nah.

Was ging da vor sich? War das Emerelles Werk? Was tat sie? Was war mit ihr geschehen? Fünf Tage war sie schon hier. Und Ollowain erzählte nicht, was geschehen war. Nicht einmal der verdammte kleine Lutin erzählte etwas. Keine Erklärungen.

Kein Wort dazu, wo sie all die Jahre gewesen war, als Albenmark sie gebraucht hätte.

Kein Wort, warum sie schlief und schlafend tötete!

Der Tod einer Legende

»Dieser weiße Ritter ist eine Plage!«

Balduin musste sich über das Gesicht des Königs beugen, um ihn überhaupt verstehen zu können. Der Gestank, der von den frisch geöffneten Eiterbeulen ausging, war überwältigend. Balduin atmete durch den Mund und versuchte, sich dem Ekel zu verschließen. Dennoch musste er immer wieder vom Bett zurückweichen, um den Würgereiz niederzukämpfen.

»Erzähl mir vom Ritter!«

»Er hat mehrere Refugien für Krieger gegründet. Wir schätzen, dass etwa fünfzehn Ritter den Aschenbaum gewählt haben. Und fast hundert einfache Krieger, Bauern und Handwerker. Es heißt, dass er die Grenze zu Drusna verlassen hat und nun nach Süden reist.«

»Und das Volk?«

Balduin leckte sich die Lippen. Kurz erwog er, was gefährlicher war, eine Lüge oder die Wahrheit. Cabezan hatte zu viele Spitzel, die ihm Bericht erstatteten. Der Hofmeister sah zu Tankret, der wie immer am Bettende stand. Der Krieger war in die Jahre gekommen, aber immer noch ein exzellenter Kämpfer. Balduin wusste, dass es dem Mistkerl eine Freude sein würde, ihm den Kopf abzuschneiden, wenn der König es befahl. Der Hofmeister entschied sich für die Wahrheit.

»Das Volk liebt ihn. Es gibt unzählige Geschichten über ihn. Angefangen damit, dass er ein illegitimer Sohn von Euch ist, mein König, bis hin zu völlig märchenhaftem Unsinn, er sei Tjureds Sohn und geschickt, um das Königreich in ein neues, glorreiches Zeitalter zu führen. Viele glauben auch ... « Er zögerte noch einmal kurz. »Viele glauben, dass er Euch eines Tages vom Thron stoßen wird.«

»Sag ruhig, dass er mich ermorden wird.« Cabezan hus tete. Sein ganzer Körper verkrampfte sich dabei. Er war nur noch Haut und Knochen.