Die Wunde in seiner Leiste öffnete sich, und dünnes Blut rann hinab auf das weiße Bettlaken. Auch unter der Achsel trat Blut hervor. Balduin wusste, dass der Pestarzt am Morgen zwei große Beulen voll mit dunklem Eiter aufgeschnitten hatte. Jeder andere Mensch wäre längst tot. Obwohl er nicht an die alten Götter glaubte und an die Wunder, die die Tjuredkirche versprach, war Balduin zutiefst überzeugt, dass Cabezan von einer geheimnisvollen, dunklen Macht durchdrungen war. Niemand konnte sagen, wie oft der König schon von der Pest befallen worden war. Sie kam selbst, wenn sie sonst nirgends im Königreich Unheil brachte. So wie jetzt. Er war der Erste, der an der Pest erkrankt war! Deshalb hatte auch der größte Teil der Dienerschaft und Wachen fluchtartig den Palast verlassen. Die armen Narren! Balduin kannte seinen König gut genug, um zu wissen, dass er unter diesen Verrätern, wie er sie nennen würde, ein grausames Gemetzel veranstalten würde, sobald er wieder zu Kräften kam.
»Das ist das Geschwätz des Volkes, mein König. Ihr wisst gut, dass sich viele Euren Tod wünschen. Doch was den weißen Ritter angeht, so scheint er noch nie gegen Euch gesprochen zu haben. Im Gegenteil. Er war an der Grenze zu Drusna eine große Hilfe.
Allein das Gerücht, dass er in der Nähe ist, hebt die Moral unserer Krieger und versetzt die Barbaren in Angst und Schrecken. Er wurde noch nie im Zweikampf besiegt. Und wenn er spricht, so heißt es, höre man die Stimme Gottes durch seinen Mund.«
»Unsinn!« Cabezan krümmte sich zusammen und hustete so anhaltend, dass in Balduin Hoffnung aufkeimte, der alte Tyrann werde endlich sterben.
Als der Anfall vorüber war, lag der König wie tot. Seine Finger waren in das Laken gekrallt. Kalter Schweiß stand ihm auf dem Gesicht. Seine Brust hob und senkte sich kaum, so flach ging sein Atem.
Balduin hob den Blick. Rings um das Bett des Königs waren seit Tagen Kleider aufgehängt. Vor allem Kinderkleider. Eines fiel ihm besonders auf. Es war dunkelblau und mit silbernen Rosenblättern bestickt. Balduin fragte sich, welchem Wahn der Herrscher nun wieder nachhing. Der Anblick der Kleider machte ihm mehr zu schaffen als das Bewusstsein, vor einem Pestkranken mit frisch geöffneten Eiterbeulen zu stehen. Was hatte er damit vor? Waren es die Kleider der Kinder, die er zu sich ins Bad kommen ließ?
»Hübsche Kleider ...« Er lachte. »Ich habe mir Flöhe zugelegt. Aber keine Sorge, ich werde sie mit den Kleidern in Kisten sperren lassen.« Er lachte erneut, bis sein Lachen in einen Hustenkrampf überging, bei dem dunkler Auswurf von seinen Lippen perlte.
»Balduin.« Cabezan schaffte es kaum, den Namen zu hauchen.
»Ja, mein König.«
»Der Ritter ... Seine Rüstung. Was weißt du darüber?«
Der Hofmeister ahnte, worauf das hinauslaufen würde. »Ja, ich habe die Geschichten auch gehört. Sie ist ungewöhnlich, diese Rüstung. Sie sieht ganz anders aus als die Rüstungen von irgendwelchen anderen Rittern. Sie wird nie schmutzig. Er trägt einen Helm, der wie ein Kopf aus Silber erscheint. Er wurde noch nie in einer Schlacht verletzt. Sein Schwert hingegen vermag jedes Kettenhemd zu durchdringen. Und manche sagen, dass sogar sein Pferd verwunschen ist und er mit ihm redet, wenn er sich allein wähnt. Ich glaube all diesen Unsinn nicht, mein König. Ja, er hat eine ungewöhnliche Rüstung, das lässt sich wohl nicht leugnen. Aber dieses Gerede über eine Zauberrüstung ist abergläubiges Geschwätz. Bitte, bedenkt, was man sich über ihn und sein Pferd erzählt. Das ist der blanke Unsinn! Ich glaube nicht, dass ein Mann wie er mit seinem Pferd spricht.«
»Er predigt... und er hat Refugien gegründet.« Cabezan sprach langsam und mit langen Pausen. Jedes Wort erschöpfte ihn. »Wer hat ihn zum Priester gemacht? Er verhöhnt die Kirche. Er ist ein Ketzer.«
Ja, sinnierte Balduin, das war sein König! Dies wäre unbestreitbar die einfachste und billigste Lösung, an die Rüstung zu kommen. Den Ritter zum Ketzer zu machen und ihn verbrennen zu lassen. Und es wäre auch noch die Kirche, die sich den Unmut des einfachen Volkes zuziehen würde. So grässlich sein Körper auch aussah, Cabezans Verstand war noch immer von tödlicher Klarheit. »Ich muss Euch enttäuschen, mein König. Die Kirche wird sich nicht gegen den Ritter stellen. Sie sieht in ihm schon fast einen lebenden Heiligen. Er hat Priester gerettet, die von den Heiden in Drusna gefangen genommen waren. Er kann über die Heiligen Schriften reden wie kaum ein anderer Tjuredpriester. Manche glauben, er sei ein Sohn des legendären Wanderpriesters Jules. Und dass dieser höchst angesehene Kirchenmann ihn selbst in die heiligen Lehren Tjureds unterwiesen habe. Die Kirche wird nichts gegen ihn unternehmen. Im Gegenteil, Gerüchten zufolge ist er auf das Konzil in Aniscans eingeladen, um dort vor den höchsten Kirchenfürsten zu sprechen.«
Cabezan schnitt eine Grimasse. Zu mehr reichte seine Kraft nicht.
»Dann ein Meuchler ... Wir zerstören seine Legende ... Sein Tod muss aufsehenerregend sein.«
»Bitte, mein König. Dieser Ritter ist ein Gewinn für Fargon. Wir haben ihm in den Kämpfen in Drusna viel zu verdanken. Ihr könnt ihn doch nicht...«
»Schreib mir nicht vor, was ich kann!« Cabezan richtete sich halb auf seinem Lager auf.
Seine Augen waren noch immer voller Kraft und Bosheit. Allein sein Blick besaß die Macht, Balduin erschrocken einen Schritt zurückweichen zu lassen.
»Ich kenne jemanden, der ihn töten kann«, sagte Tankret ruhig. »Aber er ist teuer. Er war früher ein Jahrmarktskünstler und Seiltänzer. Bis er entdeckte, um wie viel einträglicher Geschäfte mit dem Tod sind. Ich verspreche dir, er wird diesem Ritterchen ein Ende bereiten, von dem man noch genau so lange spricht wie vom Tod des Guillaume.«
»Dann soll er auf dem Konzil sterben«, sagte der König und ließ sich in seine Kissen zurücksinken.
»(...) 1. Tag. Endlich haben sie das Glibberding von meiner Schnauze genommen, und ich habe wieder festen Boden unter den Füßen. Zwei Tage musste ich unter Eleborns Gefolge verbringen, bis sie mich endlich zu der Insel gebracht haben. Eleborn hat den seltsamsten Fürstenhof, den ich je gesehen habe. Ich glaube, zu lange im Wasser zu leben, verwässert den Verstand. Sie sind einfach nur seltsam! Eleborn ist mächtig wie ein König, aber er hat keinen Palast. Es gibt nur ein paar unterseeische Höhlen, in denen ich auch kurz untergebracht war.
Eleborn ist dort nicht. Ich glaube, sie wollten mich verspotten. Als ich nach Häusern und Palästen fragte, haben sie gesagt, Häuser brauchte man, um sich vor Regen zu schützen, aber hier würden sie einen nicht davor bewahren, nass zu werden.
Falrach überrascht mich. Er fühlt sich sehr wohl unter den Wassertretern. Und er gaukelt ihnen vor, dass er Olowain sei. Naja, vielleicht ist er das ja auch. Man wird einfach nicht schlau aus ihm! Er verführt Eleborn dazu, mit ihm das Falrach-Spiel zu spielen. Um Gold! Ich hab mir das angesehen. Falrach ist zweimal nach langen Spielen besiegt worden. Und dann, als es um einen wirklich hohen Einsatz ging - der Irre hat sich verpflichtet, drei Jahre lang Eleborns Leibwächter zu sein, wenn er verliert -, da hat er den König in einem über sieben Stunden dauernden Spiel besiegt. Eleborn ist überzeugt, dass es nur eine sehr knappe Niederlage war, aber ich habe einen ganz anderen Verdacht. Ich habe das Gefühl, Falrach hat anfangs absichtlich verloren, um dann den König in die Fal e zu locken und auszunehmen. So etwas hätte Olowain sicher niemals getan. Ich verstehe allerdings nicht, wie man so ein Spiel spielen kann, während man einander in den Gedanken liest. Hier ist al es merkwürdig!
(...) 3. Tag. Es hat große Aufregung gegeben. Sie haben Emerelle in eine Lagune gebracht. Sie schläft noch immer. Diese Lagune war ein schöner Ort. Ich habe sie mir angesehen. Vol er bunter Fische und Meeresblumen. Jetzt ist dort al es tot. Sie haben mit Netzen die Kadaver herausgeholt. Niemand wagt sich in die Nähe der Königin. Al es, was in die Lagune schwimmt, stirbt! (...)