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7. Tag. Ich hasse Fisch! Ich kann ihn nicht mehr sehen. Jeden Tag bringen sie mir Fisch! Und auch noch roh. Bestenfal s ist er in ein paar grüne Blätter eingewickelt. Irgendein Meereskraut.

Sie geben sich ja Mühe, dass er hübsch aussieht, aber er ist roh! Ich kann keinen Fisch mehr sehen. Ailis kann das einfach nicht begreifen. Sie ist ja auch selbst ein halber Fisch. Wenn sie mich auf der Insel besucht, dann nimmt sie Elfengestalt an. Aber ich bin ihr einmal heimlich gefolgt und konnte sehen, wie sie in eine Seehundshaut kriecht, wenn sie ins Wasser zurückkehrt. Sie wird kleiner und verwandelt sich tatsächlich in einen Seehund. Kein Wunder, dass sie gerne rohen Fisch frisst! (...)

9. Tag. Ailis hat mich wieder besucht. Sie hat mir entrüstet erklärt, dass ihr Vater Olowain beim Falrach-Spiel betrügt. Er habe ihm schon mehrere Beutel mit Goldstücken überlas sen, doch überal in Albenmark ist Geld abgeschafft. Gold und Silber sind durch ein Dekret des Kronrats für wertlos erklärt worden. Ich kann kaum glauben, dass mein Bruder so weit gegangen ist. Er hat immer gegen die Vermögen der Reichen gewettert. Aber sie gänzlich abzuschaffen. Ich würde ihn gerne wiedersehen. Ailis kann nicht sehr viel über das Leben an Land berichten. Sie kann nur erzählen, was sie bei plaudernden Fischern auf See erlauschte. Es scheinen auch viel weniger Handelsschiffe als früher zu fahren. Leider gibt es auf der Insel keinen einzigen Albenpfad und ich habe nicht den Mut noch einmal ins Wasser zu steigen.

Sonst wäre ich schon längst geflohen! (...)«

Aus: Die Tagebücher des Nikodemus Glops, Band IV, Auf Verbotenen
Wegen - meine Reisen mit dem Troll Madra und Anderen, s. 43 FF.

Eleborns Reich

Kein Orakel in Albenmark kann dir deine Frage beantworten. Die Stimme durchdrang sie.

Die Stimme des Orakels. Sie war tief in ihr. Firaz hatte sie verspottet. Sie hatte ihr niemals verziehen, dass sie sie und ihre Schwester verbannt hatte. Aber sie war ein Orakel. Sie musste Fragen beantworten und durfte nicht lügen.

Kein Orakel in Albenmark kann dir deine Frage beantworten. Darin verborgen lag die ganze Wahrheit. Die Antwort war sehr klar, wenn man sie nur richtig betrachtete. Sie musste Albenmark verlassen. Sie musste in die Andere Welt zu Samur.

Emerelle schlug die Augen auf. Etwas umklammerte Mund und Nase. Sie kämpfte einen Anflug von Panik nieder. Sie war im Wasser. Klares, flaches Wasser. Über ihr ein weiter, hellblauer Himmel.

Sie drehte sich.

Sie schwebte inmitten eines Korallenbeckens. Aber um sie herum war alles tot.

Anemonen und bunte Korallenstöcke waren abgestorben. Einige bunte Fische trieben leblos an der Wasseroberfläche. Was für ein seltsamer Ort!

Sie versuchte sich zu erinnern, wie sie hierhergekommen war. Die Shi-Handan ...

Emerelle tastete über ihren Leib. Der Albenstein lag auf ihrer Brust. Sie war nackt. Jede Spur des grauen Lehms war von ihrem Körper gewaschen. Langsam drehte sie sich im Wasser. Sie entdeckte einen engen Tunnel, der aus der kleinen Lagune zum offenen Meer führte.

Die Elfe lächelte. Eine kreisrunde Lagune. Ein Tunnel hinaus. Es war, wie in ein neues Leben geboren zu werden. War das Absicht?

Sie schwamm zu dem Durchgang. Scharfkantige Korallenstöcke ragten in den Tunnel.

Vorsichtig tastete sie sich hindurch. Kaum war sie der Enge entronnen, umgab sie ein unermessliches Farbenspektakel. Jenseits der Lagune boten sich die Korallen in all ihrer Pracht dar. Schwärme bunter Fische bevölkerten das Riff. Der hässliche Kopf eine Muräne lugte aus einer Felsspalte. Die schlangengleiche Räuberin beäugte sie misstrauisch.

Emerelle schwamm mit kräftigen Stößen ins offene Wasser hinaus. Sie genoss es, ihren Körper zu spüren. Das Wasser war angenehm. Es streichelte sie.

Sie tauchte am Riff entlang in die Tiefe. Walgesang durchdrang sie. Er berührte etwas tief in ihr. Sie schlang die Arme eng um ihren Körper und zog die Beine an. Langsam sank sie tiefer. Sie schloss die Augen und gab sich ganz dem melancholischen Lied der Wale hin.

Sanft berührte sie weichen Sand. Sie verharrte in der Hocke. Lauschte. Lange.

Als sie die Augen schließlich öffnete, war es dunkel. Die Sonne war verschwunden.

Seltsames, blaugrünes Licht schwebte im Wasser. Es bewegte sich mit der Strömung. Neugierig schwamm sie dem Licht entgegen. Bald war sie umgeben von dem Leuchten. Ihre Bewegungen er-zeugten kleine Lichtwirbel, die sie umspielten. Sie folgte dem Leuchten weiter hinaus auf das Meer. Selbstverloren betrachtete sie die immer neuen Formen, die das Wasser dem Licht gab.

Kein Orakel in Albenmark kann dir deine Frage beantworten.

Plötzlich drängte der Orakelspruch wieder in ihre Erinnerung. Sie hatte kein Recht, sich einfach treiben zu lassen. Sie musste herausfinden, wo sie war. Wie viel Zeit war seit dem Angriff der Shi-Handan verstrichen? Was ist mit Falrach geschehen? Und mit dem Lutin? Warum war sie allein?

Sehnsüchtig blickte sie nach dem blauen Licht. Sie wollte mit ihm im Wasser tanzen.

Sich treiben lassen und frei sein. Sie würde niemals frei sein, dachte sie traurig. Es war ihre Entscheidung ... Ihr Herz war unfrei.

Die Elfe schloss die Augen. Sie verschloss ihre Sinne. Lauschte nur noch mit dem Geist.

Das Wasser war von Leben erfüllt. Sie berührte die Gedanken einer Gruppe großer Rochen, die schwerelos durch das Wasser segelten. War eins mit einem Schwärm Rotrücken, die sich in völliger Harmonie miteinander bewegten. Tausende Fische, wie ein Leib.

Sie spürte die Wale weit draußen im Meer im tiefen Wasser. Fast hätte sie sich erneut ihren Gesang geöffnet. Plötzlich aber war da Todesangst. Ein Streifenhai jagte einen Trompetenfisch. Tod.

Emerelles Geist tastete weiter. Da waren andere Geschöpfe. Deren Gedanken ihr ähnlicher waren. Eine Frau. Sie betrachtete Falrach. Sie machte ihm schöne Augen. Ein Fest.

Eine Bewegung. Ganz nah. Emerelle öffnete die Augen. Ein langer, mit bleichen Saugnäpfen bewehrter Arm tastete in ihre Richtung. Sie sah den gebogenen Schnabel, dort wo das Knäuel von Armen zusammenstieß. Sie sah den Oktopus an und griff nach seinen verwickelten Gedanken.

Er wusste, dass sie zu groß war, um sie zu fressen. Er überlegte, ob sie Aas war, weil sie bewegungslos trieb wie ein Kadaver.

Sie sandte ihm einen Gedanken an Fangzähne, die seinen Leib zerrissen. Eilig verschwand der Oktopus und ließ eine schwarze Wolke hinter sich, die seine Fangarme an den Rändern zu Spiralen verwirbelten.

Emerelle folgte dem Gedanken der Frau. Sie war Falrach jetzt sehr nahe. Sie berührte ihn. Sie wollte ihn! Emerelle rang die Versuchung nieder, sich in die Gedanken der Frau einzumischen. Es wäre ein Leichtes gewesen, ihr Angst zu machen.

Die Elfe schwamm. Mit kräftigen Stößen. Sie wusste jetzt, wo sie war. Sie spürte Eleborns Macht. Er hatte seinen Hof um sich versammelt, um eines jener ausschweifenden Feste zu feiern, um die sich so viele Geschichten rankten.

Musik erklang. Getragen vom Wasser, erschien sie fremd. Sie drang nicht nur ins Ohr, sie berührte den ganzen Leib und brachte ihn zum Vibrieren. Es war eine erregende, sinnliche Erfahrung. Fast wie eine Berührung im Liebesspiel.

Schleier aus blauem Licht wogten durch das Wasser, gefangen im Rhythmus der Musik. Emerelle folgte ihnen. Sie strebten einem Abgrund entgegen. Einer tiefen Spalte im Meeresboden, deren Wände über und über mit Korallen bedeckt waren.

Die Tänzer schwebten schwerelos im Wasser. Ihre Körper waren bemalt. Manche trugen Masken. Sie waren umgeben von dem blauen Leuchten. Jede ihrer Bewegungen schnitt eine helle Bahn durch das lebende Licht. Die meisten tanzten für sich allein.

Paare waren selten. Sie bewegten sich in perfekter Harmonie.

Emerelle entdeckte Falrach. Auch er war nackt wie all die anderen. Muster aus stilisierten Blüten bedeckten seinen Leib. Eine Elfe drehte sich dicht neben ihm im Tanz. Ihr langes schwarzes Haar, durchwoben von blauem Leuchten, liebkoste ihn.