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Störe sie nicht!

Sie fuhr herum. Aus der Tiefe des Abgrunds erhob sich eine weißhaarige Gestalt.

Eleborn! Auch er war nackt. Störe mein Fest nicht, Emerelle.

Wer ist sie?

Nailyn, meine Geliebte.

Das passte, dachte Emerelle wütend. Er war schon immer völlig verdreht gewesen.

Was tut sie da mit Falrach?

Sie tanzen nur. Kannst du ihn nicht freigeben? Nur für eine Nacht. Ich kann Nailyn ziehen lassen. Und weil es so ist, wird sie immerzu mir zurückkehren. Was fürchtest du? Dass er bei einer anderen die Wärme findet, die du nicht zu geben vermagst?

Du kennst mich nicht!

In der Tat. Er eröffnete ihr eine Flut von Bildern. Sterbende Fische und Vögel. Winzige Lichtpunkte, die durch das Wasser gleiten. Und inmitten des Todes sie. Schwebend.

Das Licht mit ihrem Leib verschlingend. Diese Emerel e kannte ich noch nicht. Hast du genug gemordet? Hast du dir zurückgeholt, was du verloren hattest?

Er packte sie beim Arm und zog sie fort von dem Fest.

Ich wusste nicht… Bitte verzeih. Ich …

Und du glaubst, damit sei es gut. Die Lagune, in der du schliefst, war ein wunderbarer Ort.

Ein Platz zum Träumen. Deine Träume haben ihn zerstört, und ich frage mich, ob deine Träume womöglich zuletzt ganz Albenmark vernichten werden.

Du weißt, dass das nicht stimmt, Eleborn.

Weiß ich es? Ich dachte dich zu kennen, Emerelle. Doch wie mir scheint, kennst du dich selbst nicht. Ich wünsche, dass du mein Reich verlässt. Morgen schon. Du kannst dei nen Schwertkämpfer und deinen Fuchsmann mit dir nehmen. Diese Nacht jedoch gehört Falrach. Ich verzeihe dir nicht. Seine Freiheit in dieser Nacht ist der Preis, den ich für das einfordere, was du getan hast.

Lass uns an Land gehen. Ich mag es nicht, wenn du in meinen Gedanken und Erinnerungen lesen kannst.

Meine Gedanken stehen dir genauso offen.

Was interessieren mich die Erinnerungen eines Lüstlings!

Vielleicht könntest du von mir lernen, das Leben zu genießen.

Das ist wohl genau so wahrscheinlich wie, dass du eines Tages für Albenmark streitest.

Das ist bereits geschehen, empörte sich Eleborn.

Wir beide wissen, dass du nur halbherzig gegen die Trolle gekämpft hast.

Schweigend schwammen sie dem Ufer entgegen. »Was willst du von mir, Emerelle?

Ich habe dir Zuflucht gewährt. Du wurdest versorgt. Deine Wunden sind geheilt.

Erwarte nicht, dass ich mit dir in deine Kriege ziehe.«

Eine andere Welt

Emerelle sah Eleborn seinen Widerwillen an, als er das Wasser verließ. Auch er trug einen Albenstein, so wie sie. Kein Geschöpf in den Ozeanen Albenmarks kam ihm an Macht gleich. Er glaubte, dass seine Kraft aus dem Wasser geboren war. An Land fühlte er sich stets unwohl. Dabei erinnerte sich Emerelle noch gut an jene Tage, in denen er wie sie war. Eleborn entstammte einem der ältesten Elfengeschlechter Albenmarks. Auch er hatte im Krieg gegen die Devanthar gekämpft. Er war schwer verwundet worden. Verbrannt. Emerelle hatte ihn gesehen und hatte nicht geglaubt, dass er überleben würde. Doch das Wunder geschah. Er brauchte sehr lange, um sich zu erholen. Danach war er ins Wasser gegangen. Er hatte ihr einmal erzählt, dass er, obwohl seine Haut ohne Narben wieder nachgewachsen war, den Schmerz und die Hitze der Verbrennungen noch immer tief in seinem Fleisch spürte. Sich im Wasser aufzuhalten, brachte ihm Linderung. Und die Alben, die ihn als einen Treuen in schweren Zeiten schätzten, schenkten ihm die Seikies und einen eigenen Albenstein. So wurde Eleborn der Herrscher unter den Wogen. Dort war er fortan geblieben. Er hatte sein Leben genossen, das fast verloren gewesen war. Seine Feste waren bald berühmt und berüchtigt für ihren Prunk und ihre Ausschweifungen.

Mit einem mürrischen Seufzen ließ sich Eleborn am silberweißen Strand nieder. Er streckte die Beine, so dass die Meeresdünung seine Zehen liebkoste. Ein Stück entfernt tanzte blaues Licht im Wasser. Kurz glaubte Emerelle, auch den Schatten einer Selkie zu sehen, doch sicher war sie sich nicht.

»Nun, was willst du von mir hören in dieser Welt, in der Lügen leichter zu verbergen sind als in meinem Reich.«

Emerelle tastete über Nase und Lippen. Das seltsame Geschöpf, das sich an ihr Gesicht geklammert hatte, um ihr Atem zu spenden, war abgefallen, ohne dass sie es bemerkt hatte. »Ich möchte wissen, was in der Zeit geschehen ist, die ich auf den Albenpfaden verloren war.«

»Wo soll ich anfangen? Seit deinem Kampf auf der Shalyn Falah und dem Sieg der Trolle sind mehr als elf Jahre vergangen.«

»Erzähle mir vom Trollkönig. Wie macht er sich auf dem Thron? Wie behandelt er die Völker Albenmarks? Ist er ein gerechter Herrscher oder grausam?«

Eleborn berichtete ihr von den neuen Gesetzen der Trolle. Davon, wie die Reichen ausgeplündert worden waren, und dass der Geldhandel durch Tauschhandel ersetzt worden war. Er erzählte, dass es sein Gefühl war, dass es den einfachen Bauern und Handwerkern besser ging als je zuvor. Und dass jeder vor den Kronrat in Burg Elfenlicht treten durfte, auch wenn man lange warten musste, bis man erhört wurde. Auch vom Krieg der Kentauren und den geheimnisvollen Karawanen in die Snaiwamark wusste er zu erzählen. Und davon, dass seit zwei Jahren sehr viele vollbeladene Schiffe von den fernsten Küsten Albenmarks die Walbucht ansteuerten, um dann mit leeren Frachträumen in ihre Heimathäfen zurückzukehren.

Die beiden saßen nebeneinander auf dem Strand und blickten auf das leuchtende Meer. Emerelle zeichnete gedankenverloren mit einem Stock Muster in den Sand und versuchte die Pläne der Trolle zu ergründen. »Was glaubst du, was sie in die Snaiwamark bringen?«

»Ich hatte damit gerechnet, dass die Schiffe mit exotischen Speisen beladen sind. Oder mit Pelzen, schönen Schmucksteinen, Kuriositäten. Al erlei Merkwürdigkeiten, an denen nur Trolle Gefallen finden. Ich war sehr überrascht, als ich ein gesunkenes Schiff besuchte und mir die Fracht angesehen habe. Das Schiff war voller Gold und Silber.«

Auch Emerelle war überrascht. Trolle hassten verhüttete Metalle. Sie hatten ihnen noch nie etwas bedeutet. »Vielleicht war es nur dieses eine Schiff?«

Eleborn schüttelte nachdenklich den Kopf. »Ich glaube nicht. Du solltest sehen, wie tief die Snaiwamarkfahrer im Wasser liegen. Sie tragen samt und sonders schwere Fracht.

Ich glaube, es ist ihrem König sehr ernst damit, den Geldhandel abzuschaffen. Mir scheint es so, als würde alles gemünzte Gold und Silber in ihre Höhlen geschafft.

Damit ist es für immer verloren, denn wer könnte es schon aus den Trollfestungen zurückholen. So sorgen sie dafür, dass unsere Welt im Tauschhandel verharrt, ob wir wollen oder nicht. Und ganz unabhängig davon, ob ein Troll herrscht oder du, Emerelle. Sie schaffen unumkehrbare Tatsachen.«

Emerelle strich die Zeichnung vor sich im Sand glatt. Das Verhalten der Trolle war eine Überraschung. Aber wenn sie glaubten, ihre Burgen seien sicher, irrten sie.

Eigentlich hätten sie es besser wissen müssen. Sie hatte ihnen schon einmal all ihre schmutzigen Felsennester abgenommen.

»Denkst du an Krieg?«

Emerelle blieb ihm eine Antwort schuldig. Sie glättete immer noch den Sand. Es war eine angenehme, warme Nacht. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal am Meer im Sand gesessen hatte. Ihr Leben ließ ihr nie die Muße dazu. Ein wenig beneidete sie Eleborn.

»Du weißt, wie ausgeblutet die großen Adelshäuser unseres Volkes sind, Emerelle. Es gibt zu wenige Kinder. Zu viele Seelen gehen verloren, indem sie ins Mondlicht gehen.