Was gewinnen wir in einem Krieg, der auf lange Sicht unser Volk vernichtet?«
Sie wusste nur zu gut, dass sie nicht darauf hoffen durfte, an der Spitze einer Streitmacht stolzer Elfenritter ins Herzland zu ziehen und die Trolle zu vertreiben.
Und selbst wenn sie über eine solche Streitmacht verfügt hätte, wüsste sie nicht, ob sie einen Krieg führen wollte. Sie dachte wehmütig an ihre ersten Tage in der Snaiwamark, kurz nachdem sie den Thron aufgegeben hatte. Damals war sie sich noch nicht darüber im Klaren gewesen, wie groß der Unterschied zwischen Ollowain und Falrach war. Sie wollte Ollowain. Ihm gehörte ihr Herz. Sie wusste das genauso sicher, wie sie inzwischen wusste, dass er auf immer verloren war. Nur eine Kraft gab es, die ihn vielleicht zurückbringen könnte.
»Ich will keine Schlachten mehr«, sagte sie schließlich. »Ich suche etwas ganz anderes.
Glaubst du, es gibt noch Alben in unserer Welt?«
Eleborn sah sie fragend an. »Sprichst du von der Silbernacht?«
Emerelle hatte nicht an jenes Fest im Alten Wald gedacht, bei dem sie am letzten Herbsttag eines jeden Jahres die Stimmen der Alben zu hören vermochte. Oder waren es andere Stimmen? Wer wusste das schon? Bevor Falrach zu ihr in die alte Veste zurückkehrte und die Shi-Handan angriffen, hatte sie lange über Firaz’ Orakelspruch nachgedacht. Je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr kam Emerelle zu der Überzeugung, dass Firaz ihr einen klaren Hinweis darauf gegeben hatte, dass es noch Alben in Albenmark gab. Oder war es doch nur ihr Wunschdenken?
»Hast du dich jemals gefragt, ob sie wirklich alle gegangen sind?«
»Seit die Drachenkriege vorüber sind, hat niemand mehr einen Alben gesehen. Oder vielleicht schon länger ... Wie kommst du darauf, dass sie nicht alle gegangen sein könnten? Warst du nicht auf dem Entrückungsfest?«
»Doch ... Aber ich muss gestehen, ich konnte nicht erfassen, was in jener Nacht geschah. Meine Erinnerungen sind durcheinander. Dieses Fest war wie kein anderes, das ich je erlebt habe. All meine Sinne wurden mit so vielem zu gleicher Zeit überwältigt, dass meine Erinnerung an diese Nacht nicht klar ist. Es sind Dinge geschehen, die ich nicht verstehen konnte. Sie haben sich auch nicht erklärt … Ich bezweifele ja gar nicht, dass die meisten von ihnen unsere Welt verlassen haben. Aber was ist zum Beispiel mit dem Sänger? Ich kann mich nicht erinnern, ob er überhaupt dort war.«
»Du weißt, ich bin kein Philosoph. Ich wette mit dir, dass die halbe Bibliothek von Iskendria mit Schriften über die Alben, ihr Wirken und ihr Verschwinden gefüllt ist.
Jeder Weise fühlte sich irgendwann dazu berufen, darüber zu spekulieren, warum sie uns verlassen haben und wohin sie wohl gegangen sind. Ob sie uns im Mondlicht erwarten oder ob sie an einem ganz anderen Ort sind. Ob sie von uns enttäuscht waren oder ob sie uns unsere Welt zum Geschenk machten und dann gehen mussten, damit wir wirklich frei sind. Nur eines ist gewiss. Sie haben uns ein Rätsel hinterlassen.«
»Du weißt, dass Orakel nicht lügen können. Was würde ein Orakel antworten, wenn man ihm unwissentlich eine Frage stellt, deren Antwort enthüllen würde, dass nicht alle Alben entrückt wurden?«
Eleborn sah sie zweifelnd an. »Hast du das getan? Ich denke, ein Orakel in dieser Lage würde in einen unlösbaren Konflikt kommen. Vielleicht würde es auch einfach schweigen. Wenn die Alben die Schöpfer dieser Welt sind und möchten, dass ein Geheimnis bewahrt bleibt, dann wird es wohl keines ihrer Geschöpfe enthüllen können. Anderenfalls wären sie wohl nicht so allmächtig, wie wir glauben. Oder aber sie haben entschieden, dass ihr Geheimnis aufgedeckt wird, und lassen es zu. Ich bin zutiefst überzeugt, dass nichts geschehen kann, von dem sie nicht wollen, dass es geschieht. Und ich fürchte, wenn sie doch noch da sind, dann sind ihnen unsere Kriege und Sorgen sehr gleichgültig. Anders kann ich mir all das sinnlose Blutvergießen nicht erklären.«
Emerelle lächelte den Seefürsten an. »Verbirgt sich in dem alten Lüstling doch noch ein Philosoph?«
»Zum Philosophen werde ich erst, wenn ich einen Becher Wein zu viel hatte oder ein Mädchen mich verlassen hat, das um Jahrhunderte jünger war als ich.«
War da ein Hauch Melancholie?, fragte sich Emerelle. Oder war es einfach nur die unverblümte Wahrheit? Sie hatte Eleborn zu lange nicht mehr gesprochen, um noch behaupten zu können, dass sie ihn kannte.
Sie dachte wieder an Firaz. Wie du Olowain zurückholen kannst, kann ich dir nicht sagen.
Das waren ihre Worte gewesen. War es ein störrisches Kann, das man auch durch ein Will hätte ersetzen können? Durfte man es so auslegen, dass sie wusste, wie man Ollowain zurückholen könnte, aber es nicht sagen durfte. Und wenn ja, wer oder was hätte sie daran hindern können, es zu sagen? Sie war ein Orakel. Sie war der Wahrheit verpflichtet. Und sie fürchtete den Tod nicht. Sie hatte gewusst, dass noch zwei Besucher zu ihr kommen würden. Sie hatte von dem Shi-Handan gewusst. Und Emerelle hatte spüren können, dass das geisterhafte Ungeheuer kurz zuvor die Gazala getötet hatte, als die Kreatur nach ihrem Licht griff.
Was also hatte die Macht, der Gazala die Lippen zu versiegeln? Kein Orakel in Albenmark kann dir deine Frage beantworten. Das hatte Firaz ihr noch nachgerufen. War es ein Hinweis auf eine Macht, die nur in Albenmark herrschte, aber anderswo nicht?
»So still«, sagte Eleborn überraschend.
Sie sah ihn an. »Ich werde nach den Alben suchen. Ich glaube, sie sind nicht alle gegangen.«
»Ist das klug? Wenn noch welche von ihnen hier sind, dann wollen sie nicht gefunden werden. Ich weiß um deine Macht, Emerelle. Und um deine Dickköpfigkeit. Doch all das wird dir nicht helfen, wenn sie nicht gefunden werden wollen.«
»Vielleicht warten sie ja darauf, dass jemand ernsthaft nach ihnen sucht.«
»So wie die Jungfrau auf den ersten Kuss ihres Galans, unfähig es selbst zu wagen, sosehr sie ihn auch herbeisehnt?«
Emerelle lächelte. »Hast du schon viel getrunken in dieser Nacht?«
»Ich denke auch an Jungfrauen, wenn ich nüchtern bin, falls es das ist, was du meinst.«
»Dafür, dass du einer der edelsten Familien unseres Volkes entstammst, bist du ein erstaunlich ungehobelter Klotz, Eleborn.«
»Ich würde eher sagen, ich hatte genügend Zeit, unnötigen Ballast über Bord zu werfen und ganz zu mir selbst zu finden.«
Wenn sie das Gespräch nicht in eine andere Richtung lenkte, würde er ihr wahrscheinlich bald erzählen, was für ein unglaublich guter Liebhaber er war, dachte Emerelle. »Kannst du mir ein kleines Segelboot besorgen? Eines, das man zu zweit segeln kann. Es soll echt schäbig und unauffällig sein. Auf keinen Fall von Elfen gebaut.«
»Ich herrsche im Reich unter den Wogen. Wie kommst du darauf, dass ich ein Segelboot besitze? Und obendrein noch ein schäbiges. Die Boote, die mir gehören, haben ihre beste Zeit schon lange hinter sich. Die willst du nicht.«
»Ich würde auch ein Boot annehmen, das verlorengegangen ist.«
»Du meinst wohl gestohlen!« Er lachte. »Das glaube ich nicht. Die großmächtige Emerelle fragt mich, ob ich für sie ein schäbiges Boot stehle.«
»Und, wirst du es tun?«
»Das hat einen Preis. Du lässt Falrach in Frieden, bis er von sich aus zu dir kommt. Das wird nicht lange dauern. Er war jeden Tag bei der Lagune.«
»Du meinst, ich soll ihn dieser kleinen Tänzerin überlassen!«
»Nein, du sollst ihn sich selbst überlassen. Er soll tun können, was er will.«
»Ich dachte, sie ist deine Geliebte?«
»Was nicht bedeutet, dass sie mein Besitz ist.«
Emerelle atmete langsam aus und wieder ein. Mit Eleborn über Moral zu reden, war sinnlos. Falrach liebte sie. Aber sie wusste auch, wie er früher gewesen war. Der Hof des Seefürsten war dazu angetan, all seine alten, schlechten Angewohnheiten wiederzuerwecken. Früher einmal war er ein Spieler und Frauenheld gewesen. Sie würde das nie vergessen. Selbst in jenen fernen Tagen, in denen sie ihn von ganzem Herzen geliebt hatte, war da immer ein Zweifel an seiner Treue geblieben. Seltsam.