Выбрать главу

Ihre Liebe zu ihm hatte sie verloren. Aber die Zweifel waren geblieben.

»Woher weißt du, dass er nicht Ollowain ist? Hast du in seinen Gedanken gelesen.«

»Anfangs habe ich durchaus die Etikette geachtet. Aber als ich zum dritten Mal in Folge ein Falrach-Spiel gegen ihn verloren habe, war ich versucht zu schummeln. Ich habe tiefer in seine Gedanken geblickt, als höflich ist. Eigentlich wollte ich nur sehen, an was für Spielzüge er denkt.

Aber was ich sah, verriet mir, warum ich nicht gewinnen konnte. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich hatte schon früher gegen ihn gespielt. Der Halunke schafft es, dass man immer das Gefühl hat, nur sehr knapp verloren zu haben und im Grunde der überlegene Spieler zu sein.« »Warum magst du ihn?«

»Wir waren vor langer Zeit einmal Freunde. Wir waren uns ähnlich. Dann ging er mit dir. Ich habe nie begriffen, warum er das getan hat.«

»Du hast auch gegen die Drachen gekämpft.«

Er wirkte plötzlich ernst. »Ja. Aber er tat es aus Liebe zu dir. Ich, weil ich keine andere Wahl hatte.«

»Und zu so einer wunderbaren Männerfreundschaft gehört auch, dass du ihm deine Geliebte für eine Nacht überlässt?«

»Ich stehe nicht zwischen ihnen in dieser Nacht. Das ist ein großer Unterschied.«

Es fiel ihr schwer, sich zu beherrschen. Sie blickte auf das Meer. Auf das Leuchten.

Und sofort stieg in ihrer Erinnerung das Bild auf, wie diese junge Elfe neben Falrach im Wasser schwebte. Umspielt von blauem Licht. Nackt. So wie er.

»Du liebst doch Ollowain. Warum ist es so schwer für dich, Falrach seine Freiheit zu lassen? Vertraue ihm. Du ahnst nicht einmal, wie stark die Ketten sind, die ihn an dich binden.«

»Und du, der du ihn seit ein paar Tagen wieder kennst, weißt so unendlich viel über ihn.«

»Wie gesagt, manchmal schere ich mich nicht viel um Etikette. Du kannst seine schwierigen Eigenschaften nicht vergessen, ich hingegen weiß, was er für dich und deine Liebe zu Ollowain tut.«

Emerelle ahnte, dass Eleborn es bei Andeutungen belas sen würde und dass es sinnlos wäre, zu versuchen, weiter in ihn zu dringen. Er hatte sich unaufgefordert zum Verteidiger Fairachs aufgespielt. Aber mit all seinen schönen Worten konnte er nicht tilgen, was sie gesehen hatte. Nailyn machte sich an Falrach heran. Und er ließ es sich gefallen! Bei Ollowain wäre das undenkbar gewesen. Der weiße Ritter wäre nicht einmal auf diesem sittenlosen Fest erschienen. Er war ein Mann von festen Tugenden und Ehre gewesen.

Ein Kloß stieg ihr in den Hals. Und auch das hatte sie nicht ertragen können.

Die Spur der Pfeile

Anderan sah zu, wie die Körbe mit den Pfeilbündeln auf den Frachtkahn verladen wurden. Fünfzigtausend Pfeile, in Bündeln zu jeweils zwanzig Pfeilen. Mehrere Schmieden in Tanthalia hatten die Pfeilspitzen hergestellt. Der größte Teil der Schäfte kam aus Meliamer, wo Spitzen und Schäfte zusammengefügt worden waren, um dann hierher, nach Vahlemer, verschifft zu werden.

Der Herr der Wasser tastete nach der Pfeilspitze, die er an einem Lederriemen um den Hals trug. Dem Geschoss, das vor zwei Jahren seinen Sohn Baidan getötet hatte. Es ließ ihm keine Ruhe. Über ein Jahr lang hatte er versucht, sich damit abzufinden. Er konnte es nicht. Er musste wissen, wie eine Pfeilspitze aus Tanthalia zu den Kentauren gelangt war, wo es doch Schmieden bei ihren Verbündeten in Uttika gab oder auch Feylanviek, das inmitten der Steppe lag. Vielleicht ließ sich auch herausfinden, welcher Kentaurenstamm diese Pfeile besessen hatte.

Je länger er der Spur der Pfeile gefolgt war, desto merk würdiger erschien es ihm, auf welch verschlungenen Wegen sie nach Norden gelangten. Er wollte auch jenen Kobolden in die Augen sehen, die Pfeile an Kentauren verkauften, während dieselben Kentauren in der Steppe Krieg gegen jene Kobolde führten, die beim Bau der großen Straße halfen.

Anderan reiste inkognito. Er hatte sich sogar den Kopf geschoren und Hosen angelegt, damit man in ihm nicht allzu leicht einen Angehörigen aus dem Volk der Holden erkannte. Auch dass er ein Mitglied des Kronrats war, hielt er geheim.

Es fiel leichter Nieselregen. Alle Körbe waren mit gewachsten Leinentüchern abgedeckt. Wenn man es nicht wusste, würde man nicht darauf kommen, dass der Frachtkahn hundertfachen Tod lud.

Bald wäre der letzte Korb verstaut. Anderans Blick wanderte über das Hafenbecken.

Nur wenige Schiffe lagen hier. Der Seehandel war fast zum Erliegen gekommen. Ein regionaler Handel ließ sich leicht über Tauschgeschäfte abwickeln. Für den Fernhandel waren die Gesetze der Trolle reines Gift gewesen. Er war völlig in sich zusammengebrochen. Nur die größten Handelshäuser hatten überlebt und bemühten sich nun, Routen aufzubauen, die sie nach den Gütern benannten, die darauf befördert wurden. Die Kornstraße. Die Indigostraße. Selbst Elija Glops war inzwischen davon überzeugt, dass sich der Fernhandel langsam wieder erholen würde.

Anderan betrachtete die halb im Wasser versunkenen Frachtkähne, die nicht weit entfernt an einem baufälligen Landungssteg vertäut waren. Für diese Schiffe und ihre Eigner käme die Erholung der Märkte zu spät. Auch die verfallenen Lagerhäuser, die das Hafenbecken säumten, sprachen für sich. Der Herr der Wasser hatte noch auf Burg Elfenlicht die Steuerunterlagen von Vahlemer und den anderen Städten seiner Reise eingesehen. Ohne dass der Hafen in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt gewesen wäre oder ihn eine Seuche heimgesucht hätte, war die Bevölkerungszahl in zehn Jahren auf weniger als die Hälfte zurückgegangen. In Feylanviek, dem Ziel des Lastkahns, war es noch schlimmer. Der Handel mit Büffelhäuten und gepökeltem Fleisch war zur Bedeutungslosigkeit verkümmert.

Anderan trat aus dem Schatten des Lagerhauses, von wo aus er den Frachtkahn beobachtet hatte. Er ging geradewegs auf den drahtigen Kobold mit dem roten Kopftuch zu, der während des Verladens die Befehle gab.

»Bist du der Schiffer?«

»Wer will das wissen?«

»Ein Reisender, der einen sicheren Weg nach Feylanviek sucht.«

Der Kobold drehte sich um und musterte ihn. Er trug eine ärmellose Weste, zerschlissene Hosen und ging barfuß. Doch um seine Hüften war eine Bauchbinde mit zerfaserten Troddeln gebunden, die zu ihren besten Zeiten gewiss ein Vermögen gekostet hatte. »Es gibt keinen sicheren Weg nach Feylanviek. Die Zeiten haben sich geändert, wir fahren nicht mehr im Konvoi. Wir werden auf uns allein gestellt sein.

Und der verdammte Fluss führt wenig Wasser. Selbst in der Mitte des Stroms können uns die Kentauren ohne Schwierigkeiten beschießen.«

»Warum fährst du, wenn es so gefährlich ist?«

Der Drahtige spuckte einen Mund voll gelbbraunen Speichels auf das Pflaster. »Damit ich auch morgen noch einen Priem kauen kann. Das ist meine erste Fracht seit drei Monden. Allein der Vorschuss, den ich bekommen habe, reicht, um meine sämtlichen Schulden zu tilgen.« Er musterte ihn mit seinen dunklen Knopfaugen von Kopf bis Fuß. »Die Frage ist doch wohl eher, warum so ein feiner Pinkel wie du so eine gefährliche Reise auf sich nimmt. Ist dir in deinem Leben mit wohl gedeckter Tafel und feinen Kleidern langweilig geworden?«

»Mein Onkel hat mich mit der Leitung seines Handelskontors beauftragt.«

Der Schiffer lachte auf. »Was hast du gemacht, Kerl? Hast du eine deiner Nichten geschwängert oder das hübsche Weib deines Onkels verführt? In Feylanviek gibt es keine Kontore mehr, die gute Geschäfte machen. Dein Onkel schickt dich in das übelste Drecknest im ganzen Windland. Lass dir einen Rat geben. Schreib ihm, dass du krank bist, und komm nicht an Bord.«

Anderan deutete auf die abgedeckten Körbe, die in dichten Reihen auf dem Deck des Frachtkahns standen. »Irgendjemand scheint ja noch Geschäfte zu machen.«

Der Schiffer spuckte erneut aus. »Bist du dumm oder einfach nur hartnäckig? Das, was da drinnen ist, kann man in Feylanviek nicht weiterverkaufen. Zumindest nicht, ohne sein Leben zu riskieren.« Er beugte sich dicht an Anderans Ohr. »Das sind Pfeile, wie die Kentauren sie verwenden. Wer die zu denen bringt, der muss in der Angst leben, dass ihm ein hasserfüllter, pferdeärschiger Stammesfürst die Kehle durchschneidet, statt zu zahlen. Und wenn er zurück ist, muss er den Trollfürst fürchten, denn es ist verboten, Waffen an Kentauren zu verkaufen.«