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»Und wen musst du fürchten?«

Der Schiffer lachte. »Nur Untiefen. Ich bin auf der sicheren Seite des Geschäfts. Es gibt keine Handelsbeschränkungen für Güter, die nach Feylanviek verschifft werden.«

»Was kostet es mich, wenn ich mit dir fahre?«

»Hast du solche Angst vor deinem Onkel?«

Anderan schwieg. Er hielt dem bohrenden Blick des Schiffers stand. Dass der Kerl so bereitwillig über seine Fracht geredet hatte, machte ihm Sorgen. Doch er folgte der Spur der Pfeile nun schon viele Wochen. Er würde nicht kurz vor dem Ziel aufgeben.

»Bring mir einen Sack Linsen, zehn Pfund Brot und fünf Pfund Fleisch, dann nehme ich dich mit. Für deinen Proviant musst du selbst sorgen, der ist in dieser Rechnung nicht enthalten.«

»Ein stolzer Preis für eine Fahrt auf einem Boot ohne Kabinen.«

Der Schiffer grinste ihn an und entblößte dabei vom Kautabak braun gefärbte Zähne.

»Wenn es dir zu teuer ist, kannst du ja zwei, drei Wochen warten, bis der nächste Frachtkahn den Mika hinauffährt, wenn der Fluss bis dahin nicht schon zugefroren ist.

Ansonsten wartest du bis zum Frühjahr.«

Anderan streckte ihm die Hand hin. »Ich akzeptiere. Schlag ein!«

Sein Gegenüber zögerte. »Wie willst du die Lebensmittel eintauschen? Du scheinst ja nicht viel bei dir zu tragen.«

»Schuldscheine. Mein Onkel ist ein bedeutender Kaufmann. Ich finde in fast jeder größeren Stadt ein Kontor, in dem ich Kredit habe.«

»Papiere!« Der Schiffer sagte das voll abgrundtiefer Verachtung. »Ich wünschte, man könnte noch mit ehrlichem Silber zahlen. Da war alles einfacher. Du kommst mir erst an Bord, wenn du den Proviant bringst. Kannst du mit einer Windenarmbrust umgehen?«

»Warum?«

»Ich wollte nur wissen, ob du zu was anderem taugst, als Papiere vollzukritzeln. Da draußen gibt es Flusspiraten und allerlei anderes Gesindel. Mit einem Federkiel wirst du da nicht weit kommen!«

Die geschlagene Flotte

Salz funkelte auf dem rissigen, grauen Holz des Bugs. Das Boot, das Eleborn ihr verschafft hatte, sah in der Tat so aus, als würde es sich kaum noch über Wasser halten können. Sein Segel war ein Lappen voller Flicken.

Emerelle stand im Heck und hielt das Ruder. Sie steuerte die kleine, von Felsen gesäumte Bucht an, zu der sie vor so langer Zeit Samur gebracht hatte. Damals hatten sich schneebedeckte Zedern über der Bucht erhoben. Sie war menschenleer gewesen.

Auf der Insel gab es nur ein paar Hirten und Fischer. Und auch die lebten viele Meilen entfernt an der freundlicheren Südküste.

Jetzt war alles anders. Die Zedern waren verschwunden. Dutzende Schiffe lagen in dem natürlichen Felshafen. Eines prunkte mit rotem Rumpf und purpurnen Segeln.

Zwischen den Felsen blähten sich Sonnensegel. Ein stetiger Wind blies vom Meer. Ihr Boot machte gute Fahrt.

Wachen standen auf den Felsen und blickten auf das Meer hinaus. Bärtige Männer mit harten, von Wind und Wetter gezeichneten Gesichtern.

Die Schiffe trugen die Spuren eines Kampfes. In manche Rümpfe waren gezackte Löcher gestanzt. Verwundete wurden auf kleinere Boote verladen und zum Ufer gebracht.

»Das ist kein guter Platz, Herrin«, murmelte Nikodemus. Der Lutin hatte auf ihren Befehl die Gestalt eines kleinen Jungen angenommen. Er sah hübsch aus mit seiner makellos braunen Haut und den Fuchsaugen. Schwarzes Lockenhaar rahmte sein kleines Gesicht. Er trug eine türkisfarbene Tunika. Genau wie Falrach. Zwei Schwertgurte kreuzten sich über der Brust des Elfen. Sie waren mit primitiven Amuletten geschmückt. Eines der Schwerter wäre für sie, falls es notwendig wurde, zu kämpfen.

Fast eine Woche waren sie zwischen den Aegilischen Inseln gekreuzt. Der Albenstern, durch den sie gekommen waren, hatte nahe der Küste Iskendrias gelegen. Emerelle hatte die Zeit genutzt, den beiden ein wenig vom örtlichen Dialekt beizubringen. Es war die derbe Sprache von Fischern und Bauern. Ohne jede Poesie.

Eine Woche hatte sie versucht, Falrach zu entlocken, was mit Nailyn gewesen war.

Direkt hatte sie ihn nicht darauf angesprochen. Und er hatte Spaß daran gehabt, sie einfach nicht zu verstehen. All die Metaphern und Andeutungen falsch zu deuten.

Selbst Nikodemus wusste inzwischen, worum es ihr ging!

Aber Falrach sagte nichts. Gewiss hatte er nur mit der Elfe getanzt. Schon hundert Mal hatte sie sich das gesagt. Aber sie kannte ihn zu gut, um es wirklich glauben zu können. Sie wusste, dass es Narretei war. Sie würde ihm ja nicht einmal glauben, wenn er sagte, dass nichts gewesen wäre.

Falrach lehnte am Mast und beobachtete die Krieger in der Bucht. Bogenschützen standen auf den Felsen. Der Elfenritter griff nach den Schwertern auf seinem Rücken und vergewisserte sich, dass die Klingen leicht aus den geölten Scheiden gleiten würden. Er sah gut aus in der Tunika. Unter einem breiten, geflochtenen Lederband verbarg er seine verräterischen Ohren. Er trug scharlachrote Sandalen. Auch wenn sein Aufzug albern war, sah Emerelle überdeutlich, was sich dahinter verbarg. Er war bereit, zu töten. Sie hatte er ganz vergessen. All seine Sinne waren gespannt.

Es war Pech, dass die Flotte des Piratenprinzen Tigranes von Zeola ausgerechnet hier Zuflucht gesucht hatte. Zweimal hatten sie in kleinen Fischerdörfern angelegt, deshalb wussten sie, wem das Schiff mit den purpurnen Segeln gehörte. Tigranes war der Held des ungleichen Kampfes mit Iskendria. Seit Jahren schaffte er es immer wieder, der überlegenen Flotte der Priesterfürsten zu entkommen. Vor wenigen Tagen erst war es zu einem Seegefecht gekommen. Ob auch der Piratenfürst hier war, um das Orakel um Rat zu befragen?

»Diese Bucht anzusteuern, ist nicht klug«, sagte Falrach, ohne die Bogenschützen auf den Felsen aus den Augen zu lassen. »Wir sollten weitersegeln und in ein paar Tagen zurückkehren. Sie werden bestimmt nicht lange hierbleiben.«

»Meine Rede!«, stimmte Nikodemus zu. »Das ist ein einziger Haufen von Halsabschneidern.«

»Die Fischer nannten sie Freiheitskämpfer«, entgegnete Emerelle gelassen.

Falrach drehte sich zu ihr um. Es war das erste Mal seit Stunden, dass er sie ansah.

»Kämpfen wir oder ergeben wir uns?«

»Warten wir es ab. Du hast doch nicht ernsthaft Sorgen, dass Menschenkinder uns gefährlich werden könnten?«

»Es sind viele«, entgegnete er. »Und sie sehen verzweifelt aus. Es wäre klug, ihnen aus dem Weg zu gehen.«

»Ich muss zu Samur! Die Zeit drängt.« Sie konnte ihm ansehen, dass er ihr nicht glaubte.

»Wenn ich dich richtig verstanden habe, ist es Jahrhunderte her, dass du die Gazala das letzte Mal gesehen hast. Warum kommt es dir jetzt auf jede Stunde an?«

»Weil ich nicht weiß, ob uns noch weitere Shi-Handan folgen. Sie finden uns sogar in der Welt der Menschen. Ein Geisterhund hat mich vor einigen Jahren in Firnstayn im Fjordland aufgespürt. Ich möchte nicht, dass die Menschenkinder noch einmal in die Machtkämpfe Albenmarks hineingezogen werden.« Das alles war eine Lüge. Falrach hatte mit seinem Einwand Recht. Es wäre vernünftig, noch zu warten, aber sie hatte keine Geduld mehr. Sie wollte Ollowain. Oder die Gewissheit, dass er für immer verloren war.

»Du meinst, es jagen uns noch mehr von diesen Geisterhunden!«, rief Nikodemus entsetzt. »Das hättest du vorher sagen müssen!«

»Mir kam es so vor, als seiest du sehr unglücklich auf deiner Insel gewesen.«

»Ich bin lieber unglücklich als tot«, ereiferte er sich.

»Dann sei jetzt lieber still! Vergiss nicht, du bist ein braves Kind und kein vorlauter Lutin. Und achte darauf, dass du deine Gestalt beibehältst. Auf deinen Handrücken beginnt Fuchsfell zu wachsen!« Emerelle steuerte das Boot um den steilen Felsen, der am Eingang der Bucht aufragte.