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Der Lutin fluchte. »Wenn ich Angst habe, kann ich mich nicht auf meinen Zauber konzentrieren.«

»Dann würde ich dir raten, keine Angst zu haben.« Sie war ungerecht, das wusste sie.

Sie war einfach in der Stimmung dazu. Immer wieder blickte sie verstohlen zu Falrach.

Er hatte ihr erneut den Rücken zugedreht und beobachtete die Menschenkinder. Die wenigen Tage an Eleborns Hof hatten ihn verändert. Er war wieder mehr wie früher.

Stolzer. Ein Mann, den man nicht behalten konnte, wenn man nicht jeden Tag um ihn kämpfte. Er sollte ihr gleichgültig sein!

Ein steinerner Kai ragte weit in die Bucht hinein. Etliche kleine Boote drängten sich dort zusammen. Drückende Hitze lag über der Bucht. Es roch nach Blut, toten Muscheln und faulendem Seetang.

Emerelle fand einen freien Platz. Sanft stieß das Boot gegen die Mauer. Nikodemus vertäute es an einem rostigen Eisenring. Falrach war als Erster auf dem Anleger. Er streckte ihr eine Hand entgegen. Er sah wirklich gut aus. Obwohl es immer noch Ollowains Gesicht war, wirkte es irgendwie anders. Da war ein verwegener Zug, den es beim geradlinigen ersten Ritter nie gegeben hatte.

Falrach beugte sich tief hinab und half auch Nikodemus auf den Kai.

Emerelle sah die großen Blutflecken auf den Steinen. Die Verwundeten, die man von den Schiffen brachte, wurden auf Tücher gelegt. In diese Tücher gehüllt, trug man sie hinauf zu den Felsen. Dorthin, wo die Sonnensegel stickigen Schatten spendeten.

Die Männer stöhnten und fluchten. Manche weinten, ohne dass dabei ein Laut über ihre Lippen kam. Andere starrten in die gleißende Sonne hinauf. Ihre Pupillen waren klein wie Stecknadelköpfe. Emerelle sah die Wunden und wusste, dass viele der Krieger den nächsten Sonnenaufgang nicht mehr erleben würden. Ein dürrer, gelber Hund lief über den Kai und schleckte das Blut vom hel len Stein. Seine Rippen stachen durch sein struppiges Fell. Niemand störte ihn bei seinem schaurigen Mahl.

Plötzlich schrie einer der Wachposten. Er deutete auf das Meer hinaus. Am Horizont war ein einzelnes blaues Segel erschienen.

»Wir sollten hier fort«, zischte Falrach ihr zu. »Das ist ein Schiff aus Iskendria.«

»Bis es die Flotte nach hier bringt, sind wir längst fort.«

»Wer seid ihr? Was habt ihr hier zu schaffen?« Ein bärtiger Krieger mit zerfetztem Leinenpanzer stellte sich ihnen in den Weg. Andere Männer, die sich bisher allein um die Verwundeten gekümmert hatten, hielten inne und starrten sie an.

»Meine Herrin Camille ist eine Heilerin aus dem fernen Marcilla«, entgegnete Falrach glatt. »Sie ist gekommen, um das Orakel zu besuchen.«

Emerelle zog das grüne Tuch, das ihre Haare bedeckte, ein wenig in die Stirn und senkte demütig den Blick. Sie trug ein langes, grünes Kleid. Unten war es weit ausgestellt, so dass man leicht darin gehen konnte, die Beine aber vor neugierigen Blicken verborgen blieben. Von der Hüfte aufwärts allerdings war es kunstvoll verschnürt und betonte Taille und Brüste.

»Eine Heilerin also ...« Etwas Verzweifeltes lag im Blick des Kriegers. Er hatte tiefe, dunkle Ränder unter den Augen. »Deine Herrin trägt ein kostbares Kleid. Sie scheint reich zu sein. Dann ist sie wohl eine gute Heilerin.«

»Sie stammt aus vornehmer Familie und ... «

Der Krieger griff nach Nikodemus und zog einen Dolch. Doch noch bevor er dem Kind die Klinge an den Hals legen konnte, berührte Fairachs Schwertspitze seine Kehle.

»Siehst du die Bogeschützen, die auf dich angelegt haben?«, fragte der Krieger.

»Willst du es darauf ankommen lassen, ob ein Pfeil oder meine Klinge schneller ist?«

Falrach zog langsam das zweite Schwert.

Andere Krieger erhoben ihre Waffen.

»Ist nicht genug Blut geflossen?« Emerelle nahm Nikodemus und zog ihn langsam von dem Bärtigen fort. »Was willst du von uns?«

Der Krieger ließ seinen Dolch sinken. Sein Gesicht wirkte fahl. »Mein Herr liegt im Sterben. Nur ein Wunder kann ihn noch retten.«

»Warum hast du nicht einfach gefragt, ob ich euch helfe?«

»Weil ... « Er hob hilflos die Hände. »Ich habe wohl verlernt, um etwas zu bitten. Ich ...

Es gibt keine Entschuldigung. Ich ... Du musst ihm helfen! Du scheinst in deiner Heimat eine bedeutende Frau zu sein. Bitte, sieh ihn dir wenigstens an!« Er sah an ihr vorbei zum Horizont. »Noch ein oder zwei Stunden, dann sind sie da.«

»Und wenn ihr ihn auf sein Schiff bringt?«

»Das würde er nicht überleben.«

Emerelle gebot Falrach mit einem Blick, das Schwert zu senken. »Und wer ist dein Herr?«

»Komm mit und sieh. Wenn du ihn rettest, dann sollst du dein Gewicht in Gold dafür erhalten.«

Emerelle drehte sich um und sah zum Horizont. Das blaue Segel war verschwunden.

Sieben

»Wo ist Anderan?« Skanga konnte zwar nur die Auren der Anwesenden sehen, aber sie waren genauso unverwechselbar wie Gesichter.

»Er ist nach Vahan Calyd gereist. Er wird in zwei Monden zurück sein«, sagte Elija.

Skanga betrachtete jeden einzelnen der Anwesenden eine Weile. Sie hasste die Treffen des Kronrats. Das endlose Gerede, an dem sich Kobolde so sehr begeisterten. Doch dieses Mal war es wichtig.

»Emerelle ist nicht länger verschollen!« Die Schamanin beobachtete die Reaktion der Kobolde. Es waren doppelt so viele aus dem kleinen Volk wie Trolle anwesend. Nur zweien machte diese Mitteilung keine Angst. Orgrim und Elija.

»Kann sie ein Heer aufstellen, Herzog Orgrim?«

Der Feldherr ließ sich Zeit mit der Antwort. Seine Aura verstrahlte selbstsichere Ruhe.

»Gewiss kann sie das, doch es wird nicht sehr stark sein. Wenn sie kämpfen will, muss sie zu den Kentauren. Nur dort wird sie leicht Verbündete finden. Die wenigen Maurawan fallen militärisch nicht ins Gewicht. Die übrigen Elfen sind verstreut. Sie wird lange brauchen, um ein schlagkräftiges Heer aufzustellen. Wir werden stärker sein. Ich würde es begrüßen, wenn sie eine offene Feldschlacht sucht. Doch wahrscheinlich wird sie nicht so dumm sein.«

»Könnte man ihr nicht ein paar Meuchler schicken?«, fragte Elija.

Die Frage ärgerte Skanga. Elija sollte es eigentlich besser wissen. »Wenn wir Meuchler schicken, gefährden wir lediglich das Leben derjenigen, die so dämlich sind, diesen Auftrag anzunehmen.« Orgrims Antwort hatte die Schamanin vorhergesehen.

Emerelle hatte kein Heer, und sie würde auch keines bekommen. Dennoch würde sie um ihren Thron kämpfen.

»Ich denke, wir müssen niemanden auf die Suche nach Emerelle schicken. Sie wird zu uns kommen.«

Totenstille. Skanga studierte die Flut der Gefühlsregungen, die sich in den Auren spiegelte. Sie waren zu schillernden Regenbögen geworden. Jeder hier hatte Gründe, die Rückkehr Emerelles zu fürchten. Selbst Elija hatte nun Angst.

»Du glaubst, sie kommt zum Fest der Lichter nach Vahan Calyd?«

Skanga nickte Orgrim zu. »Ja. So wird es sein. Sie wird zum Fest der Lichter kommen und sich zur Königswahl stellen. Sie wird sich unter das einfache Volk mischen, lä-

cheln, und diese Dummköpfe, die jahrhundertelang von Elfen ausgebeutet wurden, werden ihr zujubeln.«

»Das werden sie nicht!«, rief Elija wütend. »Es geht unseren Brüdern und Schwestern viel besser, seit wir regieren!«

»Du weißt, wie das Volk ist, Elija. Emerelles Glanz wird sie blenden. Wie viel Glanz haben wir schon zu bieten? Sieh dir Burg Elfenlicht an. Das Lager vor den Mauern. Es geht ihnen besser. Aber sie blicken nicht zu uns auf.«

»Aber es ist nicht das Volk, das den Herrscher Albenmarks wählt«, wandte Orgrim ein.

Skanga hätte ihn küssen mögen. Unter all den eingebildeten Kronräten war er der Einzige, der ihren Gedanken zu folgen vermochte.

»Was würdest du tun, um die Krone zurückzuerlangen, Herzog?«

Orgrim schüttelte nachdenklich den Kopf. »Das ist nicht meine Art, Schlachten zu schlagen, Skanga. Du fragst den Falschen.«

Die Schamanin betrachtete aufmerksam die Aura des Heerführers. Hatte er Sorge, dass sie ihm unterstellte, er sei ein Verschwörer?

»Ich würde versuchen, die Fürsten, die zur Wahl kommen, zu erpressen und einzuschüchtern«, meldete sich Elija zu Wort. »Und den Unbeugsamsten würde ich ermorden lassen, um die anderen gefügig zu machen. Außerdem würde ich Aufwiegler in die Menge schicken. Große Volksaufläufe sind viel leichter zu beherrschen und zu verführen als kleine Gruppen. Wenn hundert schreien und mit den Füßen stampfen, dann hören tausend um sie herum auf, klar zu denken, und folgen ihnen.«