Dass Elija sich gut in diese Lage hineinversetzen konnte, überraschte Skanga nicht im Mindesten. Sie hatte seit geraumer Zeit Zweifel an seiner Treue, obwohl es keinerlei Beweise für einen Verrat gab. Es gefiel ihm, Fürst von Tanthalia zu sein. Und er hatte Ehrgeiz. Vielleicht dachte er schon längst daran, wie es sein würde, wenn ein Kobold auf dem Thron von Albenmark saß.
»Wie kann man sich gegen solchen Verrat schützen, Orgrim?«
Der Heerführer massierte sich die Augenbrauen, als habe er Kopfschmerzen.
Anzeichen des Unwillens zeigten sich in den Farben seiner Aura. Er hatte sich sehr verändert seit der Schlacht um die Schiffsburg. Auch dass die große Straße vollendet worden war und bereits die dritte Snaiwamark-Karawane auf dem Weg zum Königsstein war, schien ihm keine Genugtuung zu verschaffen. So wenig wie sie in der Lage waren, den flüchtenden Kentauren nachzusetzen, so wenig waren die Kentauren auf Dauer in der Lage, ihnen die Stirn zu bieten. Katander war schwer verwundet worden. Gerüchten zufolge vermochte der Fürst von Uttika nicht mehr aus eigener Kraft zu laufen. Er hatte sich aus den Kämpfen zurückgezogen und seine Krieger mitgenommen. Er war klug genug, um zu wissen, wie angreifbar die Städte seines Fürstentums waren.
»Wir wissen, wann Emerelle kommen wird und wohin«, sagte Orgrim. »Ein Komplott zu schmieden erfordert Zeit. Nehmen wir ihr die Zeit. Das Fest der Lichter findet nächstes Jahr im Herbst statt. Das sind noch fast zehn Monde ... «
»Wir könnten es vorverlegen. Das Jahr, in dem das Krönungsfest begangen wird, ist festgeschrieben, nicht aber der Mond. Begehen wir es im Frühjahr!«, schlug Elija vor.
»Das wird Unruhen geben«, flüsterte Birga ihr ins Ohr. »Die Hälfte der Ratsherren blickt missmutig. Ich glaube nicht...«
»Ich sehe ihre Auren«, zischte Skanga ihrer Schülerin zu.
»Es wäre klug, geheim zu halten, welche Fürsten zur Königswahl geladen werden«, sagte Orgrim. »Wenn ihre Namen nicht bekannt sind, weiß Emerelle nicht, wen sie unter Druck setzen muss. Am besten entscheiden wir erst am Tag des Festes, wer die Ehre hat, zur Königswahl geladen zu sein. Und verändern wir die Voraussetzungen der Wahl. Allein der Kronrat bestimmt, wer geladen wird. Und das erst am Morgen des Festes der Lichter. So wird es für Emerelle fast unmöglich sein, etwas zu unternehmen. Und beschränken wir die Zahl der Fürsten auf sieben.«
»Warum sieben?«, fragte Skanga.
»Weil es dann genügt, vier loyale Fürsten aufzubieten, um über das Schicksal Albenmarks zu entscheiden«, entgegnete er überraschend zynisch. »Das sollte uns gelingen. Machen wir uns also auf die Suche nach vieren, die Gilmarak um jeden Preis auf dem Thron behalten wollen.«
Der Piratenprinz
Der bärtige Krieger führte sie fort vom Kai, die Felsen hinauf. Überall rasteten erschöpfte Ruderer und Kämpfer. Die meisten Männer waren in schlechter Verfassung.
Sie waren dürr. In ihren Augen brannte Fieber.
»Wir sind seit vier Jahren im Krieg«, erklärte ihr Führer. »Seit bei einer Palastintrige der Hohe Priester Promachos getötet wurde. Sie haben behauptet, Prinz Tigranes habe eine Meuchlerin ins Bett des Priesterfürsten geschickt. Das ist eine Lüge! Seitdem jagen sie uns. Unsere Heimatinsel Zeola ist nur noch eine Wüste. Sie haben jedes Haus auf der Insel zerstört, jeden Busch und jeden Baum verbrannt und Salz auf unsere Äcker und Weiden gestreut. Fast alle Küstendörfer und Städte auf unseren Inseln haben sie heimgesucht. In mehr als einem Dutzend Seeschlachten sind ungezählte Galeeren gesunken. Unsere Frauen und Kinder haben sie auf die Sklavenmärkte von Iskendria verschleppt.«
»Wofür kämpft ihr dann noch?«, fragte Emerelle, als der Bärtige kurz innehielt, um Atem zu holen. Die Elfe wusste, dass auf den Aegilischen Inseln vermutlich genau so viele Piraten wie Kauffahrer lebten. Die Geschichte des Kriegers berührte sie nicht.
Wer sein Leben mit Raub und Mord bestritt, der sollte nicht jammern, wenn seine Taten ihn eines Tages einholten.
Der Krieger sah sie verbittert an. Er öffnete den Mund, fand aber keine Worte. Er murmelte etwas vor sich hin.
Dann standen sie vor Tigranes. Der Prinz lag auf einem von Feuer gezeichneten, nassen Teppich. Er zitterte. Gesicht, Brust und Arme waren von grässlichen Brandwunden entstellt. Er lag im Sterben. Keine Heilerin der Menschenkinder hätte ihn noch retten können.
Einige Krieger standen hilflos um den Teppich herum. Ein alter Mann kniete neben dem Prinzen und versuchte, ihm aus einer Silberschale Wasser einzuflößen.
»Du weißt, wie es um ihn steht?«, fragte Emerelle den Bärtigen milde.
»Du bist eine große Heilerin!«, entgegnete der Mann mit rauer Stimme. »Die Fähigkeit zur Hoffnung ist die letzte Tugend, die wir uns erhalten haben. Hilf ihm!«
Sie sah zu Falrach. Der Krieger streckte sich und lockerte die Muskeln von Schulter und Hals. Mit dem Bärtigen waren sieben Krieger beim Prinzen. Die Felsen schirmten sie gegen die Blicke der übrigen Piraten ab. Sie würden siegen können, aber es wäre dann unmöglich, in Ruhe mit der Gazala zu sprechen.
»Ich brauche frisches Fleisch, wenn ich ihn heilen soll. Es muss noch warm sein!«
Der Bärtige sah sie fragend an. »Fleisch?«
»Willst du mit dem Fleisch seine Wunden kühlen?« Der Alte, der neben dem Prinzen kniete, sah sie durchdringend an. »Er muss vor allem trinken. Er verliert zu viel Flüssigkeit. Lass das Weib in Frieden, Miridas. Alles, was wir dem Prinzen noch geben können, ist ein gnädiger Tod. Sieh ihn dir doch an. Nur die Götter könnten ihn noch heilen.«
»Ich hole das Fleisch!«, entgegnete der Krieger störrisch und eilte davon.
Der alte Heiler stellte die Silberschale auf den Boden. Er griff nach einer kleinen, abgestoßenen Holzschatulle und klappte sie auf. Emerelle sah, wie seine Hände zitterten, als er eine Phiole mit einer milchigen Flüssigkeit aus der Schatulle nahm.
»Schlafmohn?«
Der Alte blickte zu ihr auf. Ihm standen Tränen in den Augen. »Weißt du, er ist besser als sein Ruf. Die meisten Untaten, die man ihm angedichtet hat, sind die Taten anderer Männer gewesen.«
Emerelle kniete sich neben den Prinzen. Sie griff nach einem seiner nackten Beine. Die Haut war kühl und trocken. Sie schloss die Augen. Der Schmerz traf sie wie ein Peitschenhieb. Sie griff nach dem Albenstein an ihrem Hals. Sie teilte den Schmerz des Sterbenden. Sein Körper kämpfte verzweifelt gegen die Verbrennungen an. Er versuchte die Wunden zu kühlen. Ständig troff Sekret von den Wunden. Es dörrte ihn aus, ohne zu helfen.
Emerelle nahm die Hand fort. Sie atmete schwer aus.
Der alte Heiler beobachtete sie misstrauisch. »Seit über fünfzig Jahren helfe ich Verletzten und Kranken. In all den Jahren habe ich nicht erlebt, dass der Hokuspokus einer Kräuterhexe je geholfen hätte. Alles, was ihr vermögt, ist, Hoffnungen zu wecken. Hoffnungen, die ihr nie einhalten könnt. Du bist eine junge, hübsche Frau. Die meisten Männer glauben dir gewiss alles, was du ihnen sagst. Geh deiner Wege. Ich werde dafür sorgen, dass Miridas dich in Frieden lässt. Besuch das Orakel.
Wunderheilerinnen und Orakelpriesterinnen passen gut zusammen.«
»Du hast dich mit einem Tod schon abgefunden. Was also hast du zu verlieren, wenn ich versuche, ihm zu helfen?«
Er lächelte milde. »Deine Bemühungen in allen Ehren, Weib ... Aber nicht ich bin es, der etwas zu verlieren hat. Und auch nicht der Prinz. Er ist schon fast bei den Göttern.
Du bist diejenige, um die es geht. Wenn ich dich eine Scharlatanin nenne und dich fluchend davonjage, wenn Miridas zurückkehrt, dann wird er sich nicht mehr nach dir umdrehen. Wenn du hier aber irgendwelche barbarischen Possenspiele mit blutigem Fleisch aufführst und der Prinz stirbt, dann wird sich alle Wut und Enttäuschung von Miridas gegen dich wenden.«