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Emerelle blickte zu den Wachen. Trotz der Worte des Heilers sah sie bange Hoffnung in ihren Gesichtern. Ihre Blicke flehten sie an zu bleiben.

»Wir sollten gehen, Mutter«, sagte Nikodemus leise. »Der alte Mann hat uns einen wohlmeinenden Rat gegeben.«

Die Elfe berührte noch einmal das Bein des Prinzen. Sie wäre nicht bereit, noch einmal seine Schmerzen zu teilen. Aber es gäbe einen anderen, dunkleren Weg, ihm zu helfen.

»Verdient er zu leben?«

Der Alte runzelte ärgerlich die Stirn. Er sah sie wütend an. Seine klaren, grauen Augen waren voller Lebenskraft. »Dir steht es wohl nicht zu, über ihn zu urteilen.«

»Deshalb frage ich ja auch dich«, entgegnete Emerelle freundlich. »Verdient er zu leben?«

Der Heiler richtete sich auf. Er war ein kleiner, gedrungener Mann. »Scher dich davon, Weib! Tigranes hat es nicht verdient, eine wie dich an seinem Sterbebett zu haben!«

»Jeder von uns hier würde für ihn sterben«, sagte einer der Krieger. Es war ein blonder Mann mit stoppeligen Wangen, der vor der Zeit gealtert war. »Er war ein Held. Er war unsere Hoffnung. Wenn er bei Bewusstsein wäre, würde er nicht dulden, wie du redest, Serenas. Er würde einen freundliehen Scherz über dich machen, Kräuterhexe. Er würde uns zum Lächeln bringen und es mit ein paar Worten schaffen, wieder Hoffnung in unsere Herzen zu pflanzen.«

Emerelle betrachtete den Sterbenden. Über sie würde wohl niemand so sprechen. Wie alt der Prinz wohl war? Er hatte jedenfalls nicht die Beine eines alten Mannes. An seinem Gesicht konnte man sein Alter nicht ablesen. Obwohl die Verbrennungen nicht seine Nase und Lippen zerstört hatten, war es doch so zerschunden, dass alle Haut verloren war. Auch die Augenbrauen und sein Haupthaar waren verschwunden.

Miridas kehrte zurück. Er zerrte an einem Strick den räudigen, gelben Hund hinter sich her, der Emerelle am Kai aufgefallen war. »Ist das Fleisch frisch genug? Wir haben hier keine Schafe und Ziegen zum Schlachten.« Der bärtige Krieger zog seinen Dolch.

»Wie willst du es haben? Soll ich ihm die Kehle durchschneiden?«

Falrach rückte etwas näher zu ihr. Und Nikodemus klammerte sich an ihre Beine.

Miridas’ Stimme klang schrill. Der alte Heiler hatte mit seinen Warnungen Recht gehabt. Man sollte den Krieger besser nicht enttäuschen.

»Ein lebendes Tier ist besser als ein Stück Fleisch«, sagte sie ruhig. Sie blickte den Hund an und flüsterte ein Wort der Macht. Das Tier wurde ruhiger. Sie streichelte ihn hinter den Ohren. Dann zog sie ihm die Lefzen zurück. Auch wenn er räudig aussah, war er doch kein altes Tier. »Verzeih mir«, sagte sie in ihrer Muttersprache. Dann wandte sie sich wieder dem Krieger zu.

»Halt ihn fest! Du darfst ihn auf keinen Fall loslassen, ganz gleich, was auch geschieht.

Wenn er nach mir schnappt und mich verletzt, während ich versuche, Tigranes zu heilen, dann wird alles verdorben sein, und dein Prinz stirbt.«

»Was sollte denn geschehen?«

»Du wirst es sehen.« Emerelle legte sanft eine Hand auf den Rücken des Hundes. Dann berührte sie mit der anderen Hand die verbrannte Brust des Prinzen.

»Sind deine Finger sauber, Hexe?«, fuhr Serenas sie an.

Sie schloss die Augen und begann zu flüstern. Worte der Macht. Dunkle Magie, geboren aus Blut und Leid. Wieder spürte sie den Schmerz des Prinzen. Ein Flammenstrahl hatte ihn verletzt, als er den Rückzug seiner Männer von einem brennenden Schiff deckte.

Emerelle gab den Schmerz weiter. Sie war nur eine Brücke. Sie ließ es durch sich fließen. Der Hund jaulte auf. Es stank nach verbranntem Fell. Dann nach verbranntem Fleisch. Der Hund kämpfte kaum noch gegen den Griff von Miridas an.

Jemand erbrach sich. Sie hörte hastig davoneilende Schritte. Der Schmerz ließ nach.

Die Haut des Prinzen fühlte sich glatt und warm an. Sie öffnete die Augen. Der Hund war nur noch ein zusammengekrümmter, schwarz verbrannter Kadaver. Tigranes war nicht ganz geheilt. Dort, wo die Verbrennungen am schlimmsten gewesen waren, war seine Haut noch von dunklem Rot. Vielleicht würde die Verfärbung bleiben. Aber der Prinz würde nicht mehr sterben. Jetzt erst war offensichtlich, wie jung er noch war.

Emerelle fand es stets schwer, das Alter von Menschenkindern zu schätzen. Sie alterten zu schnell! Doch der Prinz hatte wohl nicht einmal sein zwanzigstes Jahr vollendet.

Einer der Krieger aus der Wache fehlte. Die Übrigen waren sehr blass. Sie starrten mit schreckensweiten Augen.

»Was hast du mit ihm gemacht, Hexe?«, fuhr Serenas sie an.

»Er wird leben, so wie ich es versprochen habe. Er braucht Ruhe und sehr viel zu trinken. Du solltest seine Haut mit Gänsefett einreiben, dann werden hoffentlich auch die letzten Wundmale verschwinden.«

»Sag mir, was du mit ihm gemacht hast, Hexe!«, schrie Serenas. »Sie hat ihm die Seele gestohlen! Das ist Blutmagie.«

Miridas hielt den alten Heiler fest. »Sie hat uns Tigranes zurückgegeben. Du hältst jetzt den Mund. Sie und die Ihren können gehen, wohin sie wollen.« Er blickte zu den Wachen auf. »Niemand redet darüber, was hier geschehen ist. Holt Polios zurück. Auch er muss schweigen.«

Er verneigte sich vor ihr. »Habt Dank. Wer immer Ihr auch seid, Ihr seid mehr als eine Heilerin aus Marcilla. Habt Dank!«

»Ihr solltet schnell eure Schiffe besteigen und fliehen.« Es war das erste Mal, dass Falrach zu den Menschenkindern sprach. »Die Bucht ist eine Falle. Ihr werdet nicht entkommen, wenn ihr zögert.«

»Ich weiß«, sagte der Bärtige. Er hatte den Heiler wieder losgelassen, der Emerelle immer noch finster anblickte.

Der Prinz stöhnte. Er schlug die Augen auf. Serenas gab ihm ein wenig Wasser zu trinken. Tigranes sah sie an. Obwohl er noch sehr jung war, hatte er alte Augen. »Wir bringen die Verwundeten auf die Schiffe. Es gehen alle oder keiner.« Er stockte erschöpft. »Sag ihr, was sie tun.«

Miridas seufzte. »Wenn wir die Verletzten und Kranken zurücklassen, dann werden die Iskendrier sie an kurzen Pfählen dicht oberhalb der Flutlinie am Strand festbinden.

Für die Scharlachkrabben. Sie fressen Aas, oder was sie dafür halten.«

»Wir werden hier unsere letzte Schlacht schlagen«, sagte der Prinz. »Geht eurer Wege.

Ihr seid es, die schnell von hier fortmüsst.«

Die dicke Bascha

Der schwere Lastkahn war in der Mitte des Stroms vor Anker gegangen. In der Dämmerung hatte der Schiffer die Ruder einziehen lassen. Drei Tage waren es noch bis Feylanviek. Anderan kauerte sich an die Bordwand. Es regnete wieder. Was für ein verfluchtes Land! Seit Tagen wurden seine Kleider nicht mehr trocken. Schüttelfrost plagte ihn. Die ganze Mannschaft war erschöpft. Seit zehn Tagen gab es keine Treidelpferde mehr, die den Lastkahn gegen die Strömung flussaufwärts ziehen konnten. Seitdem ruderten sie oder segelten, wenn der launische Wind es zuließ.

Der Herr der Wasser presste seine brennenden, wunden Hände auf die nasse Jacke. Er war nicht verweichlicht! Er war es gewohnt, zu rudern, auch wenn er in den letzten Jahren nur noch selten Gelegenheit gefunden hatte, in einem Nachen hinaus in die Mangroven zu fahren, um Krabben zu fangen.

Aber die Arbeit hier an Bord des Lastkahns war mörderisch! Kobolde waren einfach nicht dazu geschaffen, ein so langes und schweres Boot gegen den Strom zu rudern!

Der Schiffer stapfte unruhig an Deck auf und ab. Er spähte ins Dunkel. Der Himmel war wolkenverhangen. Man konnte kaum etwas sehen. Auf dem ganzen Schiff gab es kein Licht. Kein Feuer, um die durchgefrorenen Knochen zu wärmen. Nicht einmal tagsüber durften sie ein Feuer anmachen, weil der Verrückte glaubte, die Kentauren könnten den Rauch noch weit im Land riechen. Dabei war der Lastkahn von den Hügeln aus leicht zu entdecken.

Anderan klopfte auf das Deck. Bisher hatten sie noch keinen Kentauren zu Gesicht bekommen. Hoffentlich blieb das so. Nur noch drei verdammte Tage bis Feylanviek. Er würde als Erstes ein langes, heißes Bad nehmen, wenn er in die Stadt kam. Mindestens drei Stunden lang!