»Bald kommt der erste Schnee«, sagte der Schiffer. Er hatte in seiner rastlosen Wanderung innegehalten. »Du bist der Einzige, der nicht schläft. Frierst du zu sehr?
Oder tut es dir leid, dass du an Bord gekommen bist? Ich hatte dich gewarnt.«
»Ich hasse Schnee«, gestand Anderan.
»Ich auch. Mit dem Schnee kommt das Eis. Und das Eis nimmt die Lastkähne gefangen. Ich hab es einmal erlebt, dass der Kahn auf dem offenen Fluss von Eisschollen eingekeilt wurde und nicht mehr fortkam. Damals war Frieden. Wenn uns das jetzt passiert, dann sind wir dran.« »Nur noch drei Tage.«
Der Schiffer spuckte über Bord. »Wülste auch mal ‘nen Priem versuchen? Das zieht dir alle kranken Säfte aus dem Leib. Kommste auf andere Gedanken.«
»Nein, danke.«
»Ich weiß, was dir im Kopf umgeht. Denkst an irgendein nettes anschmiegsames Mädchen in Feylanviek. Nach so einer langen, kalten Fahrt gibt es nichts Besseres als einen ganzen Tag mit einer Hure in einem Bett direkt neben einem gut befeuerten Ofen. Ich werd’s genauso machen.«
Die Vorstellung hatte einen gewissen Reiz. Aber das würde er niemals zugeben, dachte Anderan. »Und ich dachte schon, du liebst nur die dicke Bascha.«
Der Schiffer lachte heiser. »Die ist jedenfalls das nützlichste Mädel, das mir je begegnet ist. Auf die Dicke ist Verlass! Die hat mir schon manchen guten Dienst geleistet.«
»Hast du sie schon benutzen müssen?«
»Nur zwei Mal. Ist schon ‘ne Weile her. Bin lieber vorsichtig. Ist besser, wenn man ihr nicht das Kleidchen hinabreißen muss.«
Anderan blickte zum Bug, wo die dicke Bascha über die Reling lugte. Am Mittag erst hatte der Schiffer sie geputzt und frisch geölt. Es war die größte Windenarmbrust, die der Herr der Wasser je gesehen hatte. Ein wahrhaft ehrfurchtgebietendes Ungeheuer.
Die Pfeile, die es verschoss, waren so lang und so dick wie ein Koboldarm.
»Du hast sie schon benutzt?«, hakte Anderan nach.
»Beim ersten Mal war es genug, das Öltuch von ihr herunterzunehmen und sie zu zeigen. Das war zu Zeiten, als es noch am ganzen Fluss Treidelpferde gab und wir jede Nacht ein schönes Lager mit einem ordentlichen Feuer am Ufer aufschlagen konnten.
Wenn sie sehen, dass einer von ihnen draufgehen könnte, dann haben Strauchdiebe keinen Mumm mehr. Nach dem ersten Mal hatten wir mehr als ein Jahr Ruhe ... « Er spuckte wieder über die Reling. »Werd den Abend nie vergessen. War vielleicht fünfzig Meilen östlich von hier. Kamen herangeprescht, die Pferdeärsche. Schon als ich den Donner der Hufe gehört habe, bin ich sofort rauf zur dicken Bascha. Braucht seine Zeit, bis man sie gespannt hat. Das ist der einzige Nachteil bei ihr. Aber wenn sie erst mal scharf ist, dann haut sie jeden Kerl um.«
Der Schiffer starrte wieder zum Ufer. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, aber die Sicht war nicht besser geworden.
»Und ... «, drängte Anderan.
»Beim zweiten Mal war es nicht genug, die Dicke zu zeigen. Hat so ein Pferdearsch doch mit dem Bogen auf mich angelegt. Blöd wie Büffelscheiße sind die! Spannt der seinen Bogen, wo ich mit der Bascha auf ihn ziele. Hab nicht lange gefackelt. Hättest du sehen müssen, wie es den von den Hufen geholt hat. Der Bolzen ging glatt durch ihn hindurch und ist danach noch ein gutes Stück weitergeflogen. Das war ein Geschrei! Wollten mich langmachen, die Pferdeärsche. Aber als ich nachgeladen hatte, haben sie es sich anders überlegt. Hinter der Bascha steht man gut in Deckung. Und die Pferdeärsche können nicht einfach an Bord klettern. Haben die nicht drauf. Haben Schiss, dass die sich an der Reling beim Springen ihre dünnen Beinchen brechen. Als die noch geschrien und rumpalavert haben, hatte ich schon nachgeladen. Und da hatten sie plötzlich keine Lust mehr auf Streit und sind auf und davon. Danach hatte ich nie wieder Ärger.«
Der Schiffer lehnte sich an die Reling und blickte zum Bug. »Gutes Mädel, meine Bascha«, sagte er leise. Dann schwiegen sie beide für lange Zeit.
Anderan litt unter der Kälte. Er hatte die Beine angezogen und die Arme um die Knie geschlungen. Aber die Wärme floh seinen Körper. Noch nie im Leben war ihm so kalt gewesen.
»Dein erster Winter?«
Dem Holden klapperten die Zähne. »War nie so weit im Norden«, stieß er abgehackt hervor.
»Wart mal ab, bis es schneit«, sagte der Schiffer voller Schadenfreude. »Da wirst du morgens wach, und deine nassen Haare sind auf dem Deck festgefroren.«
»Das dauert doch noch, oder?«
»Kann niemand sagen. Wenn der Nordwind kommt, dann schlägt das Wetter von einem Augenblick auf den anderen um. Die Kentauren nennen ihn den Klingenwind, denn seine Kälte schneidet dir wie Messer ins Fleisch. Dann wirst du dir wünschen ... «
Er hielt inne. Dann lief er plötzlich zum Bug des Lastkahns. Die Dunkelheit verschluckte ihn. Anderan sah zu den schlafenden Ruderern. Keiner war erwacht. Vom Bug drangen seltsame Geräusche zu ihm.
Er richtete sich auf. Und jetzt sah er, was den Schiffer beunruhigt hatte. Lichter waren auf dem Fluss. Er konnte fünf zählen.
Anderan tastete sich an der Reling entlang zum Bug. Der Schiffer hatte das Öltuch von der dicken Bascha gezerrt. Leise drehte er an der Kurbel, mit der man den Bogen der schweren Armbrust spannte. Jede Drehung wurde von einem metallischen Klacken begleitet.
»Siehst du das?«, flüsterte der Schiffer. »Die Laternen. Sie stehen zu tief. Die sitzen ja mit dem Arsch auf dem Wasser! Das müssen Flöße sein!«
»Wer kann das sein?«
»Früher kam es vor, dass Bauholz den Strom hinab nach Vahlemer geschifft wurde.
Aber da baut keiner mehr. Weder Schiffe noch Häuser. Hier stimmt was nicht. Niemand fährt nachts auf dem Strom. Allerdings leben wir in seltsamen Zeiten. Ich will die anderen nicht wecken und mich am Ende zum Gespött machen. Vielleicht sind es auch Totenflöße. Doch auch die hat es lange nicht mehr gegeben.«
»Totenflöße?«
»Einige der wilden Elfen aus den Wäldern im Norden bestatten ihre Toten, indem sie sie auf Flöße betten. Einmal hab ich ein gestrandetes Totenfloß gesehen. Es war unheimlich. Nicht weit entfernt kauerte ein Elf und wachte über den Toten. Er war ganz nackt und mit rotbrauner Farbe bemalt. Sie überlassen ihre Toten den Tieren und Naturgewalten. Aber wehe, jemand anderes streckt nach ihnen die Hand aus.« Der Schiffer legte einen schweren Bolzen auf die Führungsschiene der Armbrust.
Wahrscheinlich meinte er die Maurawan, dachte Anderan. Solch seltsame Rituale passten nur zu ihnen.
Die Flöße waren jetzt ganz nahe. Dennoch konnte man sie immer noch nicht deutlich erkennen. Die Laternen waren rußverschmiert, ihre Scheiben fast blind. Das Licht erhellte nur ein paar miteinander verbundene Stämme. Der größte Teil der Flöße blieb im Dunkel. Anderan glaubte den Schatten eines Reiters zu sehen.
»Gorbon, tritt von der Armbrust zurück!«
Anderan duckte sich. Die Stimme kam vom Ufer. Sie hatte einen unverwechselbar elfischen Akzent. Es war eine Frauenstimme. Der Holde hatte noch nie gehört, dass jemand den Schiffer mit seinem Namen ansprach.
»Keine Angst, die können uns nicht sehen«, flüsterte Gorbon. »Ist viel zu finster.«
»Tritt von Bascha zurück«, rief Anderan. »Glaub mir, sie sieht dich.«
»Einen Dreck sieht sie.« Er schwang die Armbrust herum. Das Ufer war eine Wand der Finsternis.
»Hau ab, Schlampe, oder ich kitzele dich mit meiner Liebsten.«
Anderan warf sich flach auf das Deck. Einige der Ruderer waren erwacht. »Haltet die Köpfe unten«, schrie der Holde. »Gorbon, bitte ... «
»Ich habe keine Angst. Deshalb bin ich Schiffer. Ich ... «
Ein Zischen schnitt durch die Nacht. Gorbon sank gegen Bascha. Er umklammerte sie mit weit ausgestreckten Armen wie ein Liebender.
Langsam sackte er tiefer.
Anderan kroch auf den Schiffer zu. Eine Windbö drückte gegen den großen Frachtkahn. Der Regen erstarb.
»Gorbon?«
Der Schiffer sank auf das Deck. Ein langer Pfeil ragte aus seiner Brust. Ein Elfenpfeil mit Eulenfedern am Schaft, das sah der Holde auf den ersten Blick. Seit Baidans Tod kannte er sich mit Pfeilen aus. Viele Maurawan glaubten, die Eulenfedern ließen den Pfeil genauso lautlos fliegen wie den Raubvogel.