Etwas schlug auf die Reling. Alle Ruderer hielten sich geduckt. Noch ein Schlag! Etwas zerrte am Kahn. Dann begriff Anderan, was geschah. Enterhaken krallten sich in die Reling.
Der Holde hatte den Schiffer fast erreicht. Der Mund des Toten klaffte weit auf.
Anderan fluchte. Die verdammte dicke Bascha hatte den Narren umgebracht!
Hufe krachten auf das Deck. Ein Kentaur schlitterte über die nassen Planken. Ein zweiter folgte. Eine Fackel flammte auf.
Jetzt sah Anderan, dass er sich geirrt hatte. Es war ein Kentaurenweib, das zuerst an Bord gekommen war. Eine Schimmelstute. Ihr langes, weißblondes Haar war am Hinterkopf zusammengebunden. Sie hob die Plane von einem der Pfeilkörbe. Dann nickte sie ihrem Gefährten mit der Fackel zu.
Anderan ballte in hilfloser Wut die Fäuste. Die Kentaurin hatte genau gewusst, was für Fracht sie geladen hatten! Jemand musste sie verraten haben!
»Du da!« Das Pferdeweib deutete auf ihn. »Ihr steuert den Kahn zum südlichen Ufer!«
»Ich weiß nicht, wie man das macht. Ich bin nur ein Schreiber. Ich kann kein Boot lenken.« Natürlich war das gelogen. Er hatte bisher zwar nur kleinere Boote gelenkt, aber er hätte es sich durchaus zugetraut.
Die Kentaurin blickte zu den anderen Kobolden. Sie alle hatten sich inzwischen von ihren Nachtlagern erhoben. Mit demütig gesenkten Häuptern standen sie vor der Pfer-dekriegerin. »Und wie sieht es mit euch aus? Jemand dabei, der den Kahn steuern kann?«
»Ihr habt den Schiffer getötet«, sagte Anderan.
»Und ihr werdet bald meine Geduld getötet haben! Erzählt mir nicht, dass es an Bord nur einen Einzigen gab, der diesen Kahn steuern kann.«
Der Holde war sich nicht sicher, was er von ihr halten sollte. Ihr Gesicht war von einer harten Schönheit. Hatte sie ein kaltes Herz? Was würde sie als Nächstes tun? Gorbon war tot, obwohl er einfach nur auf ein dunkles Ufer gezielt hatte.
»Wir können in der Dunkelheit den Ankerplatz nicht verlassen«, erklärte der Holde.
»Es gibt zu viele Sandbänke. Euch ist nicht geholfen, wenn wir den Kahn hundert Schritt vor dem Ufer auf Grund setzen.«
Die Kentaurin beugte sich zu ihm hinab. Sie war wirklich schön, auch wenn sich erste Falten in ihren Mundwinkeln und um die Augen zeigten. »Sagtest du eben nicht, du könntest dieses Boot nicht steuern?«
»Nicht bei Nacht, Herrin. Niemand an Bord kann das. Nicht einmal der tote Schiffer hätte das gewagt.«
»Du hast eine flinke Zunge, Schreiber. Aber gut. Wir sind nicht in Eile.« Sie rief dem anderen Kentauren etwas in einer Sprache zu, die Anderan nicht verstand.
»Warten wir also auf das Morgengrauen.«
Es wurde eine lange Nacht. Noch zwei weitere Pferdekrieger kamen an Bord. Sie trieben Anderan mit den übrigen Kobolden zum Heck. Jetzt, da sie nicht mehr befürchten mussten, entdeckt zu werden, konnten sie endlich ein kleines Feuer in einer Eisenschale entzünden. Sie drängten sich dicht um die Flammen. Niemand wagte, davon zu sprechen, was der Tag bringen würde.
Die Kentauren waren redseliger. Sie unterhielten sich in ihrer Sprache. Die Kriegerin schien beliebt zu sein. Sie scherzte mit ihren Gefährten.
Es herrschte ein lockerer Umgangston, und doch blieb ein Rest respektvoller Distanz.
Der Schwertgurt der Kentaurin war mit prächtigen Türkisen besetzt. Sie trug eine ärmellose Lederweste mit Fellfutter. Zwei Lamassus waren auf die Vorderseite der Weste gestickt. Sie war reich. Je länger Anderan sie betrachtete, desto sicherer war er, schon von ihr gehört zu haben. Eine Kentaurenstute mit weißblondem Haar. Eine Fürstin. Das musste Kirta sein, die Gefährtin des Nestheus. Des Anführers des Aufstands im Windland. Der Verbannte, auf den sein eigener Vater ein Kopfgeld ausgesetzt hatte. Die Geschichten über Nestheus und Kirta waren selbst bis Vahan Calyd gedrungen. In diesen Geschichten war die Kentaurin eine edle, selbstlose Kriegerin. Hoffentlich war etwas dran an dem Garn, das Barden und Märchenerzähler gesponnen hatten.
Kurz vor Morgengrauen frischte der Wind auf. Er kam jetzt von Norden. Und er fühlte sich genauso an, wie der Schiffer ihn beschrieben hatte. Er schnitt wie mit Messern ins Fleisch. Mit dem Wind kam der Schnee. Es waren kleine, staubzarte Flocken, die schmolzen, kaum dass sie das feuchte Deck berührten.
Die Mannschaft fügte sich den Befehlen der Kentaurenfürstin. Sie hoben die Anker und brachten den Lastkahn zum Ufer. Dort warteten noch weitere Pferdekrieger. Sie hatten Lastpferde mitgebracht. Alles war bestens organisiert.
Es dauerte etwas mehr als eine Stunde, die Ladung zu löschen. Fünfzigtausend Pfeile in den Händen der Kentauren! Wie viele Leben würde diese verlorene Fracht kosten?
Während sie die Pfeilkörbe von Bord schleppten, beobachtete sie eine Elfenkriegerin.
Sie hielt sich abseits der Kentauren. Eine schlanke Gestalt mit flatterndem Umhang. Ihr Gesicht war mit Bandag bemalt. Einmal kam Anderan ihr nah genug, um zu erkennen, dass sie sich stilisierte Wolfsköpfe auf die Wangen gemalt hatte. Sie war die Mörderin von Gorbon.
Als der letzte Pfeil von Bord geschafft war, brachte ihnen die Kentaurin einen großen Sack voll mit getrocknetem Büffelfleisch. »Für eure Rückfahrt. Und wenn ich euch einen Rat geben darf: Verkauft den Kahn und kommt nie wieder den Mika hinauf.
Andere Kentaurenführer sind weniger freundlich zu Schiffern, die Pfeile für unsere Feinde bringen.«
Ohne auf eine Antwort zu warten, preschte sie davon.
Die Ruderer beeilten sich, zurück auf den Kahn zu kommen. Doch Anderan nahm sich seinen Teil vom Proviant und blieb am Ufer. Er musste nach Feylanviek. Er musste wissen, wohin die Pfeile hätten geliefert werden sollen. Er hatte einen Verdacht... Aber er brauchte Gewissheit.
Der Schnee begann am Ufer liegen zu bleiben, als der Herr der Wasser sein Bündel schulterte und weiter nach Westen wanderte.
Von der Zukunft berührt
Nikodemus hatte Angst. Die Menschen hier warteten auf den Tod. Sie waren auf eine trotzige Art hoffnungslos. Sie hätten weglaufen können, zumindest einige von ihnen, aber sie taten es nicht. Er hatte dem Gespräch mit dem verwundeten Anführer nicht ganz folgen können, aber so viel hatte er verstanden: Dieser Pirat wollte nicht fliehen und seine Verwundeten den Feinden überlassen. Das war verrückt! Viele hätten entkommen können. Jetzt würden sie alle sterben. Verrückt, aber eindrucksvoll. Der Kerl war ein Pirat und ein Held zugleich. Je länger er reiste, desto unübersichtlicher fand er das Leben. Da war Madra, der Troll, der ihn gemocht hatte.
Und er hatte Emerelle das Leben gerettet, obwohl er geschickt worden war, sie aufzuspüren und dann Meuchler zu ihr zu führen. Gut, genau genommen hatte er auch sich selbst gerettet, als er das Tor mitten auf dem Albenpfad geöffnet hatte ... Aber das Leben war eben verwickelt.
Falrach zog ein grimmiges Gesicht. Ärgerte es ihn, dass hier eine ganze Flotte in sinnlosem Kampf geopfert wurde? Aus ihm war nicht leicht schlau zu werden.
Sie waren zurück zum Kai gegangen und folgten von dort aus nun einer Treppe mit unregelmäßigen Stufen hinauf in die Felsen. Überall waren kurze Steinstelen aufgestellt, um die man bunte Tücher gewickelt hatte. Die Felsen entlang des Weges waren bemalt oder mit Ritzzeichnungen bedeckt. Sie zeigten Schiffe und Krieger, Tiere, verschlungene Muster und Ungeheuer, wie es sie nicht einmal in Albenmark gab. Wie es aussah, hatten einige Besucher des Orakels lange warten müssen, bis sie empfangen worden waren.
Selbst hier bei der Treppe lagen Verwundete. Aber nicht so viele wie unten an der Anlegestelle. Als Nikodemus zurück zur Bucht blickte, war er überrascht, wie hoch sie schon gestiegen waren. Etwas schien sich im Dunst am Horizont zu bewegen. Oder bildete er es sich nur ein? Er hielt einen Augenblick inne. Es war nichts deutlich zu erkennen. Aber er hatte das Gefühl, dass sich dort etwas bewegte. Etwas Riesiges, das fast den ganzen Horizont ausfüllte.