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Nikodemus zog sich eine weitere Treppenstufe hoch. Es war eine elende Quälerei!

Auch wenn er die Gestalt eines Menschenkindes angenommen hatte, war er noch sehr klein. So klein, dass ihn einige Krieger misstrauisch angesehen hatten, weil er laufen konnte und auch sonst zu klein für die Dinge war, die er tat. Er reichte den meisten Menschen gerade einmal bis zum Knie. Ihre Kinder schienen wohl größer zu sein, wenn sie laufen konnten.

Endlich erreichten sie den Eingang einer Höhle. Nikodemus rang nach Luft. Seine Waden brannten. Er hatte Mühe, die Verwandlung aufrechtzuerhalten.

»Du bleibst hier und sorgst dafür, dass uns niemand stört, Falrach. Viel eicht werde ich etwas länger mit Samur brauchen. Gazala sind manchmal etwas eigenwillig.«

Nikodemus setzte sich erschöpft hin. Ihm war es recht, eine Pause zu haben.

»Du kommst mit!«

Der Lutin schloss die Augen. »Warum? Ich will meine Zukunft nicht kennen. Ich finde, es lebt sich viel freier ohne Orakelsprüche, die einem auf der Seele liegen.«

»Dann endet deine Freiheit heute!«

Er traute seinen Ohren nicht. »Was ... Du willst mich zwingen?«

»Nein, ich will das nicht. Mir wäre es lieber, wenn du freiwillig mitkämst, einfach, weil ich dich darum bitte. Außerdem könntest du hier draußen im Weg stehen, wenn die Horden der Priesterfürsten die Bucht angreifen. Sieh einmal aufs Meer hinaus.«

Nikodemus wandte sich um. Der Horizont war keine klare Linie. Wasser und Himmel gingen nahezu übergangslos ineinander über. Und inmitten dieser ungewissen Grenze bewegten sich kleine Farbflecke. Wie die Schuppen einer riesigen Schlange sprenkelten sie den Horizont. Und dann begriff er, was sich dort bewegte. Er sah Segel! Eine gewaltige Flotte steuerte auf die Insel zu.

Auch Falrach hatte es gesehen. »Ihr beide würdet mich sehr glücklich machen, wenn ihr euch ein wenig beeilen könntet. Ihr habt vielleicht eine halbe Stunde. Wenn ihr länger braucht, werden die Aussichten schlechter, dass das Orakel euch etwas über eine Zukunft erzählt, die noch über die nächsten zwei Stunden hinausgeht.«

»Kommst du, Nikodemus?«

Er dachte an all die Menschenkrieger, die er gesehen hatte. Er würde keinen einzigen von ihnen aufhalten können. Und im Zweifelsfall könnte man sich in der Höhle wohl besser verstecken als draußen. Waren Orakel nicht unberührbar?

Emerelle trat in die Höhle, und er folgte ihr. Ein leicht abfallender Weg öffnete sich bald zu einer weiten Höhle. Überall waren kleine Öllämpchen aufgestellt. Sie verbreiteten warmes, gelbes Licht.

Eine junge Frau mit streng nach hinten gekämmtem, leicht geöltem Haar saß inmitten der Höhle vor einer Feuerschale, aus der sich blaugrauer Rauch erhob.

»Du wirst das Orakel fragen, was dein Schicksal ist.«

Genau das wollte er nicht. »Kannst du nicht mit ihm reden?«

»Nicht über dich. Samur ist etwas eigenartig. Sie wird nur dir Auskunft über dich geben. Ich werde nicht dabei sein. Aber ich werde sehen, was ich wissen muss, wenn du zurückkommst.«

»Warum soll ich ... «

»Falrach hält dich für sehr bedeutend. Er bereitet ein Spiel vor, in dem du eine wichtige Figur sein wirst.«

»Ein Spiel!« Die beiden waren verrückt! »Das ist doch ... «

»Als er das letzte Mal neue Figuren für sein Falrach-Spiel ersonnen hat, ist ein Drachenkönig gestorben. Unterschätze ihn nicht. Es ist seine Art, das Unmögliche wahr werden zu lassen.«

Nikodemus fragte sich, ob Falrach in seinem Spiel auch gesehen hatte, dass er sterben würde.

»Du träumst davon, so berühmt wie dein Bruder zu werden. Du bist auf dem Weg, auch wenn du es nicht ahnst. Falrach vertraut dir. Ich nicht. Und nun geh! Du weißt, wie wenig Zeit uns bleibt.«

So berühmt wie Elija ... War das möglich? Er sah hinab zu der Priesterin. Sie schien sie nicht einmal bemerkt zu haben. Unverwandt blickte sie in die Glut der Feuerschale.

Er ging hinab. Sie war eine Menschenfrau. Nicht die Gazala! Ihr Gesicht war stark geschminkt. Weiß und dazu blutrote Lippen. Die Augen hatte sie mit Kohle umrandet. Sie sah unheimlich aus.

Erst als er unmittelbar vor ihr stand, hob sie den Kopf.

»Das Kind, das keines ist.« Ihre Stimme klang dunkel. Gar nicht weiblich. »Folge mir.«

Er atmete tief ein. Der Rauch aus dem Becken machte ihn ein wenig schwindelig. Sie wusste, wer er war. Was er war! War sie doch das Orakel?

Sie führte ihn in einen Winkel der Höhle, in dem nur eine verlorene Öllampe brannte.

Dort war ein Becken. Das Wasser war wie ein schwarzer Spiegel. »Sieh dich an!«, befahl sie.

Er musste auf einen Stein klettern, um in das flache Becken blicken zu können.

»Wasche dein Gesicht und streich dir das Haar aus der Stirn. So ein kleines Gesicht. So wenig Platz ...«

Nikodemus gehorchte. Das Wasser war kühl. Er hatte die Worte der Orakelpriesterin nicht richtig verstanden. Hatte sie gesagt: so wenig Platz? Kälte stieg seinen Nacken hinauf.

Die seltsame Frau nahm das Licht vom Wasserbecken. »Folge mir!«

Im tiefen Schatten lag ein Abstieg, der weiter in den Berg führte. Hier brannten keine Lichter mehr. Nikodemus strauchelte zweimal. Die Treppenstufen waren unregelmäßig. Jede hatte eine andere Höhe und Breite. Schließlich nahm die Priesterin ihn bei der Hand.

Endlich erreichten sie halbwegs ebenen Boden. Die Dunkelheit ringsherum war vollkommen. Die Öllampe schnitt nur einen kleinen Lichtkreis. Vor ihnen auf dem Boden lag ein Kissen. Es roch nach Sandelholz und feuchtem Fels.

»Leg dich hier hin. Verrutsche das Kissen nicht. Schließe deine Augen und öffne sie nicht, bis ich dich wieder holen komme.«

»Und das Orakel?«

»Es wird dich berühren, wenn ich gegangen bin.«

Nikodemus spürte sein Herz immer schneller schlagen. Diese Höhle war unheimlich.

Er wollte seine Zukunft gar nicht mehr wissen! Und was sollte das schon wieder hei-

ßen? Das Orakel wird mich berühren!

»Leg dich hin«, sagte die Priesterin sanft.

Er gehorchte.

Sie bettete seinen Kopf auf das Kissen. Es war hart, als sei es mit Kernen gefüllt.

Dunkle Flecken waren darauf. Trocknes Blut?

»Beruhige dich. Du darfst die Augen nicht öffnen, ganz gleich, was auch geschieht.

Hast du das verstanden, kleiner Mann? Öffne nicht die Augen! Es könnte dich sonst dein Augenlicht kosten!«

Sie erhob sich.

»Kannst du das Licht hierlassen?«, bettelte er.

»Wenn du die Augen geschlossen hältst, brauchst du kein Licht. Und wenn du sie vor der Zeit öffnest, wirst du nie wieder ein Licht sehen. Lieg ganz still!«

Nikodemus lauschte auf die leiser werdenden Schritte. Er versuchte seinen Atem zu beherrschen, doch es gelang ihm nicht. Er ging keuchend und unregelmäßig. War da ein Geräusch? Über ihm? Ein Gleiten, als rieben geölte Lederbänder aneinander. Ein ähnliches Geräusch machten die breiten Gurte der Hornschildechsen, wenn die Tiere zu wenig Futter bekommen hatten und das Gurtzeug, das die Plattformen auf ihrem Rücken hielt, nachgezogen werden musste.

Nikodemus wollte die Augen öffnen. Nein!

Etwas berührte sein Gesicht. Etwas Spitzes! Er spürte Atem auf seinem Antlitz. Der Sandelholzduft war stärker geworden. Etwas schwebte über ihm. Da war er sich ganz sicher!

»Was will du wissen?«

Die Worte berührten ihn regelrecht, so dicht war die Sprecherin über ihm. Was hatte Emerelle gesagt? Er wollte gar nichts wissen! Er würde am liebsten fortlaufen, aber er hatte zu große Angst. »Also...« Seine Stimme zitterte. Aber wenigstens erinnerte er sich wieder, was Emerelle gefordert hatte. »Was ist mein Schicksal?«

Stille. Ihr Atem strich über sein Gesicht. Wie lange dauerte das? Er wurde immer unruhiger. Plötzlich stach etwas in seine Wange.

»Was …«

»Halt still oder es ist dein Verderben!«

Und dann berührten ihn tausend Nadeln. Sie stachen überall auf sein Gesicht. So schnell, dass er die einzelnen Einstiche nicht mehr voneinander unterscheiden konnte und das Ganze ein einziger, brennender Schmerz war. Blut und Tränen rannen ihm über die zerschundenen Wangen. Er wimmerte, wagte es aber nicht, sich zu bewegen.