Die Nadeln stachen auch rund um seine Augen! Der Schmerz wurde immer intensiver.
Dann umfing ihn Nacht.
Von der Wahrheit und Schmerzen
Nikodemus ging an der Hand der Priesterin. Er schlurfte kraftlos. Die Frau schob ihn Emerelle entgegen. Sobald die führende Hand losließ, blieb der Lutin stehen. Er hielt die Augen fest zusammengekniffen. Obwohl er sich offensichtlich gerade erst sein Gesicht gewaschen hatte, troff Blut über die helle Haut. Schnörkellose, klare Buchstaben waren ihm ins Gesicht geschrieben. Die Wahrheit. Und sie lautete so, wie Emerelle befürchtet hatte. Sie konnte nicht begreifen, dass Falrach bereit war, dem Kobold zu vertrauen.
Sanft legte sie Nikodemus die Hand auf die Schulter. Der Lutin zuckte zusammen. »Ich bin es. Du musst keine Angst mehr haben. Du kannst die Augen wieder öffnen.«
»Nein! Sie wird sie mir ausstechen. Ich darf nicht ...«
»Es ist vorbei.« Emerelle kniete sich vor ihm nieder. Vorsichtig strich sie über sein Gesicht, gezeichnet von Blut und blauschwarzer Tätowiertinte. Bei der Berührung spürte sie den brennenden Schmerz des Kobolds. Sie würde ihm helfen, wenn sie zurückkam. Jetzt brauchte sie all ihre Kraft. »Es ist vorbei.«
»Es tut so weh. Es ist, als würden die Nadeln immer noch zustechen, als hätten sie ein Feuer unter meiner Haut entfacht.«
Sie führte ihn nahe zum Höhleneingang, wo der Wind, der vom Meer kam, zu spüren war. »Bleib hier und warte. Wenn ich wiederkomme, werde ich dir helfen.«
»Geh nicht dort hinein!« Er hielt sie mit seiner winzigen Kinderhand fest. »Es tut schrecklich weh. Das ist es nicht wert. Geh nicht!«
Einen Herzschlag lang zögerte sie.
Sie blickte auf das Meer. Die Flotte der Priesterfürsten war nun deutlich zu erkennen.
Die Schiffe hatten sich zu einer weiten Sichel formiert. Verwundert sah sie, dass die Galeeren in der Bucht nun doch bemannt wurden. Ein Entkommen war jetzt unmöglich. Diese Entscheidung kam zu spät. Die Flotte aus Iskendria hatte Formation angenommen, die an einen weiten Halbmond erinnerte. Alle Schiffe hielten den gleichen Abstand zueinander. Für Menschenkinder waren sie erstaunlich diszipliniert.
Eine kleine Flottille hatte den Hauptverband verlassen und schien die Bucht umgehen zu wollen. Helme und Speerspitzen funkelten im Sonnenlicht. Vielleicht sollte sie Krieger anlanden.
Der Lutin drückte ihre Hand. »Geh nicht! Sie wird dich quälen!« Hatte Falrach doch Recht? Es war anrührend, wie sehr Nikodemus sich um sie sorgte, obwohl sie es doch gewesen war, die ihn hinab in diese Höhle der Schmerzen geschickt hatte. Sie blickte in sein geschundenes Gesicht, las erneut den Orakelspruch und befreite sich aus seinem Griff. Ihm war nicht zu trauen! Sie musste hinab.
Wie der Lutin wusch sie sich das Gesicht. Die Priesterin sah ihr dabei schweigend zu.
Auf dem Weg hinab vermied Emerelle es, in das Licht der Öllampe zu blicken. Ihre Augen gewöhnten sich schnell an das Dunkel. Die Höhle hatte eine hohe Decke. Etwas hing weit über ihr. Sie konnte es nicht genau erkennen. Dort oben schien es noch einen Zugang zu geben. Sie spürte einen leichten Luftzug. Er trug den Duft von Sandelholz und geöltem Leder zu ihr hinab.
Als sie sich auf den Höhlenboden legte, ermahnte die Priesterin sie streng, auf keinen Fall die Augen zu öffnen. Das Kissen war angenehm hart. Sie entspannte sich.
Lauschte auf die Schritte der Menschentochter. Sie roch den Angstschweiß des Lutin, der das Kissen durchtränkt hatte.
Ein leises Sirren ließ sie die Augen öffnen. Wie eine Spinne glitt Samur von der Decke hinab. Doch statt an einem einzelnen, seidenen Faden hing sie an etlichen Lederbändern, die um ihre Arme, Gazellenbeine und Hüften geschlungen waren. »Ich habe lange auf dich gewartet, gefallene Königin. Du willst wissen, was meine Schwester dir nicht sagen konnte. Und auch diesmal folgen dir Tod und Verderben, so wie im Jadegarten.«
»Du weißt, dass die Flotte der Priesterfürsten nicht um meinetwillen kommt.«
»Ist das nicht ganz gleich? Dort, wo du bist, sind Unruhe und Krieg. Du musst wieder nach Albenmark und deine Krone zurückerobern, um unserer Welt Frieden zu bringen. Das ist dein Schicksal!«
»Willst du mir das auf mein Gesicht tätowieren?«
Die Gazala ließ sich tiefer hinabsinken, bis ihr Gesicht schließlich kaum eine Handbreit von Emerelles Antlitz entfernt war. »Auf deinem Gesicht wird die Antwort auf deine drängendste Frage stehen. Du weißt, meine Gabe ist nicht so stark wie die meiner Schwester. Für mich liefert die Zukunft keine klar umrissenen Bilder. Ich sehe erst im Nachhinein klar, wenn sich all meine unverstandenen Visionen zur Wirklichkeit zusammengefügt haben.
Vielleicht macht mich das auch zu einem echten Orakel, denn ich nehme keinen Einfluss. Stell mir eine Frage, und ich werde sehen. Deine Antwort wird in dein Gesicht geschrieben stehen. So kommt niemand zweimal zu mir. Ich habe für jeden nur eine Antwort, also bedenke deine Frage gut.«
Das Gesicht der Gazala war so dicht vor ihr, dass sie es nicht mit einem Blick erfassen konnte. Sie hatte schöne Lippen. Hörner schwangen sich über ihren Kopf hinweg dem Rücken entgegen. Sie strahlte Macht aus. Ihr Gesicht war bemalt wie das ihrer Priesterin.
»Hast du Angst vor den Menschen dort draußen?«
»Ich weiß, dass meine Priesterin heute sterben wird. Meine eigene Zukunft kenne ich nicht. Ich bin frei von Angst, denn ich bin mit meinem Leben im Reinen. Kennst du dieses Gefühl, Emerelle?«
Sie verschloss sich vor dieser Frage. »Du musst mir keine Antwort ins Gesicht stechen.
Du weißt, im Gegensatz zu den Menschenkindern habe ich die Macht, sie zu löschen.«
»Es geht um den Schmerz, der mit der Wahrheit einhergeht. Der körperliche Schmerz ist nur die Vorbereitung für den Seelenschmerz, den sie stets bereitet. Kannst du auch diesen Schmerz heilen?«
»Manche sagen, meine Seele sei tot und ich hätte tausend Gesichter.«
»Wir beide wissen, was du Ungeheuerliches in dir trägst. Und ich weiß, welche Frage du mir stellen wirst, obwohl du mir eine ganz andere stellen solltest. Und ich weiß auch, warum du diese Frage stellen wirst. Das genügt mir als Beweis, dass deine Seele nicht tot sein kann. Nun schließe deine Augen und frage!«
Emerelle gehorchte ihr. Sie atmete tief ein und lauschte noch einmal in sich hinein. Sie wusste, was Samur gemeint hatte. Aber sie konnte nicht anders, als jene Frage zu stellen, die sie vielleicht zu Ollowain führen würde. »Wenn einer der Alben in unserer Heimat verblieben wäre, wo müsste ich ihn suchen?«
Ein Stich drang in ihre Wange. Es brannte. Die Elfe spürte, wie ihr Tinte unter die Haut drang. Ein zweiter Stich ... Und dann in schneller Abfolge Hunderte. Sie verschloss sich gegen den Schmerz. Reiste in Gedanken an jene Orte, an denen sie glücklich gewesen war. Sie entfloh. Ihre Gedanken waren ein Kaleidoskop des Glücks.
»Emerelle!«
Mit der Stimme kam der Schmerz zurück. Er überfiel sie mit solcher Heftigkeit, dass ihr übel wurde. Über ihr schwebte Samur. Deutlich sah die Elfe die Handschuhe der Gazala. Die Fingerspitzen waren besetzt mit feinen Nadeln. Manchmal nur eine einzelne. Öfter waren es ganze Gruppen.
»Du warst sehr weit fort.«
Emerelle nickte. Ihre Wangen schienen in Flammen zu stehen.
»Du solltest dich beeilen, zu deinen Gefährten zu kommen. Flieh auf die andere Seite der Insel. Dort gibt es ein kleines Fischerdorf. Ihr werdet Boote finden.«
»Und du?«
Die Gazala streckte sich in ihren Gurten. »Ich werde mich in mein Versteck zurückziehen und hoffen, dass sie mich nicht finden werden. Sie werden meine Dienerin töten. Sie will nicht fortgehen, obwohl sie es weiß.«
Die Elfe dachte daran, dass Orakel niemals ihren eigenen Tod sehen konnten, und fragte sich, ob die Gazala sich etwas vormachte. »Du könntest mit uns nach Albenmark kommen.«
Samur lächelte. »So lange habe ich mich danach gesehnt. Aber jetzt ist meine Schwester tot. Ich habe mein Band zu unserer Welt verloren.