Ich werde hierbleiben.«
»Du weißt, warum ich dich verbannt habe?«
Sie glitt einige Handbreit nach oben. »Ich weiß, dass ich dir Ärger bereitet habe. Es würde wieder geschehen, wenn ich in Albenmark wäre. Ich bin ein Orakel. Ich sage immer die Wahrheit.« Mit diesen Worten glitt sie ins tiefe Dunkel unter der Höhlendecke.
Emerelle eilte hinauf zum Becken und wusch sich das Gesicht. Sie versuchte zu lesen, was in ihrem Angesicht stand, aber sie konnte die Schrift nur undeutlich erkennen.
Ungeduldig lief sie zum Eingang der Höhle. Die Priesterin stand dort bei Falrach und blickte hinaus auf das Meer. Der ungleiche Kampf hatte begonnen.
Eine Flammensäule schoss fast waagerecht aus dem Bug eines der iskendrischen Schiffe. Sie verfehlte knapp die Galeere mit den Purpursegeln. Dafür setzte sie das Wasser in Brand.
»Das muss destilliertes Steinöl sein«, sagte Falrach sachlich. »Es ist mit Wasser nicht zu löschen. Ich glaube, sie haben die Bucht verlassen, weil Flut ist. Wenn die Isken-drier dieses Öl ins Wasser gegossen hätten, wäre es vom Meer in die Bucht getrieben worden. Sie hätten die ganze Flotte verbrennen können, ohne dass es auch nur zu einem Kampf gekommen wäre.«
»Was steht in meinem Gesicht?«
Falrach drehte sich um. Sie sah ihm sein Entsetzen an. »Was steht dort?«
»Du siehst fürchterlich aus. Wie konnte sie das tun! Wie sehr sie dich hassen muss.«
»Was …«
Er legte ihr die Hand auf den Mund. Dann zog er sie an sich und küsste sie auf die Stirn. »Ich liebe dich«, sagte er sanft. »Wirf dein Leben nicht leichtfertig fort. Bitte ... Ich…«
Falrach hatte es schon immer verstanden, sich die un passendsten Momente für seine Liebeserklärungen auszusuchen. »Was ... «
Wieder strich er ihr über die Lippen. »>Auf dem Albenhaupt ruht der Alben Haupt.< Das hat sie dir ins Gesicht geschrieben. Verdrehte Orakelprosa, die alles und nichts bedeuten kann.«
»Nein! Das heißt, der Sänger ist dort. Er ist nicht gegangen, genau wie ich es erhofft hatte!«
»Es könnte genauso gut bedeuten, dass er tot ist und sein Leichnam dort beigesetzt ist.
Und ganz gleich, was es heißt, niemand kann den Gipfel des Albenhauptes erreichen.
Keine Albenkinder und kein Menschenkind. Alle, die es versucht haben, sind verschollen. Bitte tu das nicht! Geh nicht dorthin! Oder sag mir, dass es sich in den langen Jahren, die ich nicht hier war, geändert hat.«
»Man kann dort hinauf.« Emerelle wusste, dass er Recht hatte. Niemand hatte je den Gipfel dieses geheimnisvollen Berges erklommen. Von jenen, die es versucht hatten -
und das waren viele gewesen -, war niemand zurückgekehrt. Nicht einmal die mächtigen Schwarzrückenadler wagten es, in der Nähe des Berggipfels zu fliegen.
»Was steht in mein Gesicht geschrieben?«, fragte Nikodemus leise. Der Lutin hatte die Augen jetzt geöffnet. Er blinzelte, als sei ihm ein Staubkorn in die Augen gekommen.
Blut und Tränen hatte dunkle Bahnen auf seinen Wangen hinterlassen.
»Du solltest nichts auf Samur geben. Sie war blind vor Hass«, sagte Falrach.
»Jene, die mir vertrauen, werde ich verraten/ Das ist es, was dort steht. Ich werde die Schrift auslöschen können.« Es war genau das, was Emerelle von dem Lutin erwartet hatte. Sie würde ihm niemals vertrauen. Er war der Bruder von Elija Glops, dem größten Aufwiegler, der je aus den Völkern der Kobolde erwachsen war.
»Ich vertraue dir«, sagte Falrach trotzig. »Und nun kommt, sonst gibt es kein Entrinnen mehr.«
Emerelle blickte aufs Meer. Das Schiff mit den Purpursegeln hatte die erste Reihe der gegnerischen Galeeren durchbrochen. Es war das einzige Schiff der Piratenflotte, das es geschafft hatte. Die Übrigen brannten oder waren in Entergefechte verstrickt. Drei Galeeren aus der zweiten Reihe versuchten den Piratenfürsten zu stellen.
»Wir können nicht hoffen, mit unserem Boot zu entkommen«, sagte Falrach. »Und die Iskendrier werden uns nicht fragen, ob wir vielleicht nur Besucher des Orakels waren.
Sie werden jeden in dieser Bucht töten. Wir müssen über die Berge zur anderen Seite der Insel fliehen. Das ist unsere einzige Hoffnung.«
Und du glaubst nicht an die Prophezeiungen von Orakeln, dachte Emerelle und folgte ihm auf einem schmalen Pfad in die Berge. Dabei dachte sie an die Schiffe, die sich vom Hauptverband der Flotte getrennt hatten. Hatten sie die Küste schon erreicht? Wo würden sie die Krieger anlanden?
Gefrorene Hundehaufen und Strandgut
»Nimm das! Stirb, hinterhältiger Troll!«
»Ha, mein alter Hund schnappt ja schneller als du!«
»Geschwätz hilft dir nicht mehr!«
Kadlin lauschte auf den schnellen Wechsel von Schlägen, der den Worten folgte. Sie lehnte an einem Felsen, den die Mittagssonne erwärmt hatte, und blickte auf den Fjord hinaus. Die Abendstunde war nicht mehr fern. Schon glitten lange Schatten über die fernen Berghänge. Ein stetiger Südwind verfing sich im Fjord und trieb das dunkle Wasser in kleinen Wellen gegen das Ufer.
Am Kai der kleinen Stadt lag ein unförmiges Frachtschiff, das vor einer Stunde erst angelegt hatte. Fässer und Säcke stapelten sich. Morgen würden sie das Apfelfest feiern. Ihr Vater Alfadas hatte es eingeführt. Und inzwischen war es Sitte geworden, dass sich an diesem Tag jeder auf Kosten des Königshauses den Bauch vollschlug. Das Fest verschlang ein Vermögen. Allein zehn Ochsen würden morgen gebraten. Dreißig Fass Apfelwein standen bereit und noch einmal dieselbe Menge an Bier. Kadlin fürchtete, dass es nicht reichen könnte. Seit Tagen versuchte sie, noch weitere Vorräte aufzutreiben. Vielleicht brachte das Schiff ja Hilfe. Sie betrachtete die Waren am Kai.
Die Fässer waren klein. Das waren wohl eher gesalzene Heringe.
»Du schummelst!«, erklang lauthals eine Mädchenstimme. »Kein Troll ist so flink!«
Dann kam sie um den Felsen gelaufen. Einer ihrer Zöpfe hatte sich gelöst. Ein roter Striemen lief quer über ihren Unterarm. Ihre Augen funkelten vor Zorn. Der Hieb auf den Arm hatte sicherlich wehgetan. Aber das war es nicht, was sie wütend machte.
»Conlyn ist ein Blödmann!«
Kadlin strich ihrer Tochter durch das zerzauste Haar. »Was ist denn passiert?«
»Der ist so flink wie ein Wiesel. Wir haben gespielt, dass er ein Troll ist und ich eine ruhmreiche Kriegerin, so wie du, Mama.«
Die Königin lächelte, aber sie nahm sich fest vor, herauszufinden, welcher Tunichtgut ihrer Tochter die falschen Heldengeschichten über den Trollkrieg erzählte. Vielleicht war es ihr Großvater Lambi?
Conlyn kam zu ihnen. Er ließ spielerisch sein Holzschwert wirbeln.
»Angeber!«, zischte Swana ihn an.
Der Junge hatte langes schwarzes Haar, ganz wie seine Mutter. Er war mehr als einen halben Kopf kleiner als Swana, obwohl er nur fünf Monde jünger war. Von zierlicher, drahtiger Gestalt, bewegte er sich mit einer Anmut, die jeden aufblicken ließ. In seinen Augen funkelte der Schalk. »Du wirst nie eine Trollkämpferin, wenn du es nicht einmal schaffst, mit mir fertigzuwerden.«
»Ich werde einmal eine Königin sein, du eingebildetes Langohr. Und dann wirst du sehen, wie ich mit dir fertig werde.«
»Pah, Titel sind nur Worte.«
Swana machte einen überraschenden Ausfall. Selbst Kadlin war überrascht vom plötzlichen Zorn ihrer Tochter. Doch Conlyn wich mit einer grazilen Drehung aus und versetzte Swana einen Klaps auf den Hintern. Ihre Tochter strauchelte. Sie schlug der Länge nach hin. Kadlin wollte sich schon nach ihr bücken, da sah sie, wie das Mädchen ihr verstohlen zuzwinkerte.
Conlyn hatte das nicht sehen können. Als sie sich nicht regte, wurde er schließlich unruhig. »Was ist mit ihr?«
»Sieht so aus, als hättest du sie gründlich besiegt.« Es kostete Kadlin alle Mühe, ernst zu bleiben.
»Aber ich habe ihr doch nur ganz leicht auf den Hintern geklatscht. Das kann doch nicht ... «
»Menschenfrauen sind da sehr empfindlich.«