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Conlyn beugte sich über Swana. Er strich ihr Haar zur Seite, um ihr Gesicht zu sehen.

In dem Moment fuhr das Mädchen herum. Sie tippte sacht mit dem Holzschwert auf die Brust des Elfenjungen. »Flink sein allein reicht manchmal nicht«, stieß sie kichernd hervor.

Conlyn sah beleidigt zu Kadlin auf. »Du hast gewusst, dass sie das tun würde.«

Kadlin lächelte. »Mädchen halten eben zusammen.«

»Du bist kein Mädchen. Du bist eine Königin«, brummte er. »Das gehört sich nicht.«

»Den Spruch >Das gehört sich nicht< habe ich, glaube ich, an jedem Tag seit meiner Krönung mindestens einmal zu hören bekommen. Aber ich muss dir danken. Du bist ein guter Fechtmeister, Conlyn. Es freut mich, dass du meiner Tochter Unterricht gibst.«

Er war immer noch wütend. Er zog eine Grimasse. »Sie hat kein Talent. Sie ist so steif wie ein gefrorener Hundehaufen.«

Kadlin schluckte kurz. Ihr war klar, dass Conlyn jetzt in einem Alter war, in dem er sich an den fantasievollsten Flüchen versuchte. Sie konnte ihm ansehen, wie sehr er darauf wartete, dass sie ihn schalt. Der kleine Elf hockte genau wie ihre Tochter gerne in Lambis Langhaus und hörte sich die Geschichten des Alten an. Dieser Fluch hörte sich verdächtig nach Lambis Worten an.

»Und du hast Umgangsformen wie ein gefrorener Hundehaufen«, empörte sich ihre Tochter an ihrer Stelle.

Conlyn hob herausfordernd das Holzschwert. »Sag das noch mal!«

»Königin?« Answin, der Befehlshaber ihrer Leibwache, und ein korpulenter Fremder kamen das Ufer hinunter. Die zwei schleppten eine große Holzkiste.

Die beiden Streithähne waren endlich stil .

»Was gibt es?«

»Ein Geschenk von Finn, dem Jarl von Stayndam bei Gonthabu! Nicht weit von der Stadt ist ein großes Handelsschiff gestrandet. Es war niemand mehr an Bord. Das war während des schweren Sturms in der letzten Woche. Wahrscheinlich haben die Seeleute sich lieber den Booten anvertraut als dem entmasteten Schiff.«

Kadlin sah den Jarl von Stayndam forschend an. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen oder auch nur seinen Namen gehört. »Ich hoffe, es brannten keine falschen Leuchtfeuer an der Küste.«

Der Jarl war ein korpulenter Mann in mittleren Jahren. Er hatte ehrliche graue Augen.

»Was denkt Ihr, Königin. Manchmal holen wir uns etwas mit dem Schwert, wie es schon unsere Vorväter taten. Aber auf diese Weise ...« Er schüttelte ärgerlich den Kopf.

»Wir sind doch keine Aldarviker! Wir sind keine Schmuggler und Strandpiraten!«

»Was hatte das Schiff geladen?«

»Stoffe und Kleider, Herrin. Ein wahrer Schatz.« Er blickte auf die Kiste und lächelte.

»Ihr solltet es einmal ansehen. Solche Stoffe finden sich im ganzen Fjordland nicht.

Diese leuchtenden Farben ... «

»Bitte, Mutter, mach die Kiste auf«, bettelte Swana.

»Hier am Ufer?«

»Bitte!«

Auch Conlyn reckte neugierig den Hals. Wenigstens hatten die beiden vergessen, sich weiter wie betrunkene Schankmaiden anzugiften.

»Setzt die Kiste ab«, befahl sie gut gelaunt. »Mir scheint, ihr kamt gerade zur rechten Zeit, um den Ausbruch eines Krieges zwischen Albenmark und dem Fjordland zu verhindern.«

Der Jarl lächelte. »Ihr werdet es nicht bereuen, Herrin.«

Auch Kadlin war jetzt neugierig. Gespannt sah sie zu, wie der Fremde das schwere Schloss der Kiste öffnete. Als er den Deckel aufklappte, strahlte sie ein Stoff an, so strahlend gelb wie die Sonne am Sommerhimmel.

»Ihr müsst es berühren, Herrin.«

Kadlin kniete nieder. Sie streichelte über das Gelb. Auch Swana streckte die Hand aus.

»Bitte, nimm es heraus. Lass es uns ansehen!«

Ein leicht muffiger Geruch haftete dem Kleid an. Wahrscheinlich war der Stoff feucht geworden. Kadlin nahm das Kleid und hielt es vor ihre Brust.

Answin schnalzte mit der Zunge. Kadlin strafte ihn mit einem strengen Blick, doch der Hauptmann der Leibwache grinste nur. »Das sieht aus wie für euch gemacht, Herrin.

Vielleicht müsste es um die Hüften etwas enger sein, aber die Länge stimmt.«

»Man schnürt es auf dem Rücken«, belehrte Swana ihn. »Es wird ganz ohne Änderungen passen.« Sie beugte sich über die Kiste und holte ein zweites Kleid heraus, das von einem lichtem Blau war. Ganz wie Kadlin hielt sie es sich vor die Brust und drehte sich dann keck.

»Du siehst aus wie ein Nachtalb, der die Kleidertruhe eines Trolls geplündert hat. Das ist viel zu groß für dich.«

Swana vergrub ihr Gesicht im Stoff. »So weich wie Blütenblätter«, seufzte sie.

»Weiter unten in der Truhe sind Kleider, die euch noch besser passen werden, Prinzessin«, sagte Jarl Finn freundlich.

Swana war nicht zu halten. Sie wühlte mit einem Jauchzen in der Truhe. Alle Farben des Regenbogens schienen in der dunklen Holztruhe gefangen zu sein.

»Haben wir etwas verpasst?«

Kadlin zuckte kurz zusammen, obwohl die Stimme ihr wohlvertraut war. Melvyn und Leylin waren zum Strand des Fjordes gekommen. Es war unheimlich, dass sie sich selbst auf dem groben Kies am Ufer völlig lautlos bewegen konnten. Leylin erschien ihr ein wenig verlegen. Das lange schwarze Haar trug die Elfe jetzt offen. Kadlin entdeckte ein welkes Blatt zwischen den schweren Strähnen. Wie ein Umhang umschloss sie ihr Haar. Ihr Kleid war ein wenig in Unordnung. Als sie Kadlins prüfende Blicke bemerkte, zupfte die Elfe es errötend zurecht.

Melvyn grinste frech. Ihn störte nicht im Mindesten, dass man erraten konnte, was die beiden im Wald getan hatte, während Conlyn sich mit Swana duellierte. Seine Fröhlichkeit drang einem wie ein Pfeil ins Herz. Kadlin musste einfach lächeln. Ein wenig beneidete sie die beiden. Sie hatte in all den Jahren keinen neuen Mann er-wählen wollen, obwohl ihre Jarls keine Gelegenheit ausließen, sie wie eine Zuchtstute anzupreisen.

Unter all den Männern, die in den letzten elf Jahren um ihre Hand angehalten hatten, war keiner wie Björn. Sie dachte an ihre erste Begegnung mit Björn Lambison, den eitlen Stutzer im Gefolge des Prinzen Ulric. Sie beide waren gleich bei ihrem ersten Treffen aneinandergeraten. Seid ihr so arm, dass du die alten Hosen deines Vaters auftragen musst, Mädchen? Das war das Allererste, was er zu ihr gesagt hatte. Ein Wort gab das andere, und ein paar Augenblicke später hatte sie ihn mit einem Kinnhaken in den Staub geschickt. Sie hatte nicht gerade ritterlich gekämpft. Aber Björn hatte die Niederlage vor den Augen seiner Kameraden und des Prinzen wie ein Ehrenmann genommen. Ja, er hatte sie vor aller Augen eingeladen, ihr ein Kleid als Wiedergutmachung zu schenken.

Schweren Herzens blickte sie auf die Kleidertruhe. Sie vermisste Björn auch nach all der Zeit noch. Manchmal, wenn Swana lachte, sah sie sein Gesicht in den Zügen des Mädchens.

Ein heller Freudenschrei riss sie aus ihren melancholischen Gedanken. Swana hatte ein dunkelblaues Kleid gefunden, das mit silbernen Blättern bestickt war. »Das werde ich morgen auf dem Fest tragen! Ist es nicht wunderschön?«

»Du siehst wahrlich wie eine Prinzessin aus«, sagte Leylin mit schwerem Akzent. Die Sprache des Fjordlands ging ihr immer noch schwer von den Lippen. »Die Farbe passt gut zu deinem schönen weißen Haar. Du musst allerdings den Saum noch etwas kürzen. Wenn du magst, helfe ich dir dabei.«

Melvyn blickte etwas unglücklich drein, sagte aber nichts.

»Bitte, bleib bis nach dem Fest«, sagte sie leise.

Er rollte mit den Augen. Aber Kadlin wusste nur zu gut, dass er Leylin nichts ausschlagen konnte. »Du könntest den ganzen Winter bleiben.«

»Elfen im Winter wecken schlechte Erinnerungen bei deinen Leuten.«

»Das ist so lange her ...«

Er schüttelte den Kopf. »Es ist unvergessen. Ich sehe, wie sie mich anschauen. Auch Leylin merkt es. Wir sind den Deinen unheimlich, auch wenn du davor die Augen verschließt.«

»Ich könnte nach Conlyn sehen. Dann habt ihr mehr Zeit für euch«, sagte sie mit verschwörerischem Lächeln.

Leylin schien es gehört zu haben. Jedenfalls wurde sie erneut rot.

»Nein, Kadlin. Wir kommen nächsten Sommer zurück. Aber nach dem Fest müssen wir aufbrechen. Es hat in den Bergen schon zu schneien begonnen. Wenn wir zu lange warten, kommen wir nicht mehr über die Pässe.«