Der Blick zur Möwe
Nikodemus lehnte keuchend an einem Fels. »Ihr könnt mich zurücklassen«, stieß er atemlos hervor. »Ohne mich werden die euch niemals fangen. Ich weiß, wie sehr ich euch aufhalte.«
Falrach wollte davon nichts hören. Sie würden es irgendwie schaffen. »Was das angeht, habe ich dieselbe Auffassung wie der Piratenprinz. Wir lassen niemanden zurück!«
»Das hat den Prinzen das Leben gekostet.«
»Das wissen wir nicht«, sagte Emerelle ruhig. »Geht es wieder ein Stück?«
Nikodemus raffte sich auf, doch es war unübersehbar, dass der Lutin am Ende seiner Kräfte war.
Falrach blickte über den Felsen, hinter dem sie sich in Deckung gekauert hatten. Weiter unten auf der Bergflanke konnte er zwei Verfolgertrupps ausmachen. Das Gelände war unübersichtlich. Tiefe Furchen und kleine Zedernwälder lieferten Deckung. Er musste den Iskendriern zugestehen, dass sie ihn überrascht hatten. Ihm war nicht entgangen, dass sich eine kleine Flottille vom Hauptverband der Flotte gelöst hatte. Als sie bis zur Dämmerung unbehelligt geblieben waren, hatte er gehofft, den Truppen der Priesterfürsten entgangen zu sein. Ja, er hatte sogar zugestimmt, ein Nachtlager zu suchen. Sie hatten sich nur ein paar Stunden Ruhe gegönnt.
Als sie am nächsten Morgen zu den Dörfern auf der anderen Seite der Insel hinabsteigen wollten, hatte sich offenbart, wie entschlossen und systematisch die Iskendrier vorgegangen waren. In jedem kleinen Fischerdorf lagen Kriegsgaleeren vor Anker. Und auf allen Pfaden, die man von der Höhe der Berge aus einsehen konnte, bewegten sich Krieger, die offenkundig von ortsansässigen Führern begleitet wurden.
Sie saßen in der Falle. Mit Vernunft allein war dieses Vorgehen der Iskendrier nicht zu erklären. Es war der blanke Fanatismus. Sie wollten niemanden aus der Piratenflotte entkommen lassen. Alle sollten für den Tod des Promachos büßen.
»Ich nehme dich auf die Schultern, Nikodemus.«
»Du wirst zu langsam. Lass mich zurück.«
Der Elf sah dem Lutin in das verschorfte Gesicht. Er hatte noch immer die Kindergestalt angenommen, weil sie hofften, dass ein Kind vielleicht verschont würde, falls man sie umstellte. Eine fuchsköpfige Missgeburt durfte nicht auf Gnade vor den Schwertern der Krieger hoffen. Falrach las wieder die Tätowierung. Jene, die mir vertrauen, werde ich verraten. Er mochte das einfach nicht glauben! Es entsprach nicht dem Bild, das er sich von dem Lutin gemacht hatte.
»Los jetzt, vertun wir unsere Zeit nicht mit Reden!« Ohne auf eine Antwort zu warten, hob er den Kobold hoch auf seine Schultern. »Wenn wir es schaffen, uns bis zur Dämmerung vor ihnen zu verstecken, dann werden wir ihnen entkommen.«
Emerelle hatte die Augen geschlossen. Sie wirkte völlig entrückt, wie so oft in letzter Zeit. Falrach wünschte, sie würde sich ihm mehr anvertrauen, doch sie schien entschieden zu haben, all ihre Sorgen mit sich allein auszumachen.
»Herrin!« Er berührte sacht ihre Schulter. Als sie die Augen aufschlug, wirkte sie einen Herzschlag lang verwirrt. Dann wurde ihr Blick klar. Hatte sie ihre Seele fliegen lassen?
»Eine halbe Wegstunde hinter uns ist ein großer Trupp Bewaffneter. Sie kommen genau in unsere Richtung. Und wenn wir dem Pfad weiter folgen, werden wir sehr bald auf eine andere Truppe Krieger treffen. Das Gelände ist so steil, dass wir abseits der Wege nicht weit kommen werden.«
»Dann würde ich vorschlagen, dass ihr beide euch in Vögel verwandelt. Allein werde ich schon durchkommen.«
»Wie war das mit dem Wir-lassen-niemanden-zurück? Nein, Schwertmeister. Wir gehen zusammen.«
»Ganz meine Meinung«, stimmte Nikodemus auf seinen Schultern zu.
Falrach erinnerte sich nur zu gut, wie wenig es nützte, mit Emerelle zu reden, wenn sie einmal einen Entschluss gefasst hatte. Man musste sie überzeugen, bevor sie eine Entscheidung fand. Und das ging nur, wenn man mögliche Probleme früher als sie erkannte, sie dann ganz behutsam auf den richtigen Weg führte und sie der Illusion überließ, sie sei es, die diesen Weg gewählt habe. Früher einmal war er sehr gut darin gewesen, sie auf diese Weise zu führen. Aber sie hatte sich verändert. Und er auch.
Ihm fiel es schwerer, Entscheidungen zu treffen. Manchmal hatte er das Gefühl, er sei nicht er selbst. Ob das Ollowain war? Formte sich das neue Bewusstsein des Schwertkämpfers heran? Wie lange würde er brauchen, bis er seinen Körper wieder in Besitz nehmen konnte?
Falrach ließ den Blick über die karge Berglandschaft schweifen. Sie hatte eine wilde Schönheit, auch wenn es hier für seinen Geschmack zu heiß für einen Herbsttag war.
Er sollte den Augenblick leben. Irgendwann würde er einfach hinter Ollowain zurücktreten. Wie das wohl war? Wäre er dann ein unbeteiligter Zuschauer, gezwungen, dem Leben Ollowains beizuwohnen, ohne Einfluss darauf nehmen zu können? Oder würde er ganz verblassen?
Er betrachtete Emerelle, die vor ihm auf dem engen Ziegenpfad ging. Sie setzte ihre Schritte sicher und ohne zu zögern. Jede ihrer Bewegungen war von Anmut. Sie war eine wunderschöne Frau. Es war leicht, sich in sie zu verlieben. Unter dem Kopftuch, mit dem sie ihre Ohren verbarg, lugten zwei Strähnen ihres braunen Haars hervor.
Leicht eingerollt schwangen sie mit jedem ihrer Schritte. Er dachte an ferne Liebesnächte, als er sein Gesicht in diesem Haar verborgen hatte. Er konnte sich noch daran erinnern, wie es roch. Lieber als jedes Parfüm hatte er den Duft des Waldes darin gemocht.
Er dachte an ihr Liebespiel in dem Bergbach im Verbrannten Land. Er vermisste es, sie zu berühren. Er vermisste es, bei ihr zu liegen. Falrach wusste nur zu gut um seine Schwächen. Er brauchte es, geliebt zu werden. Nicht allein das Gefühl. Nein, er brauchte es, eine Frau in den Armen zu haben, die sich ihm ganz hingab. Er hätte Nailyn besitzen können. Sie war eine wunderbare Tänzerin gewesen. Allein die Erinnerung daran, wie sie sich an ihn geschmiegt hatte, als sie inmitten dieses seltsamen blauen Meeresglühens schwebten, erregte ihn. Sie hatte ihn gewollt, und sie war sehr verführerisch gewesen. Ein wenig bereute er es, sie zuletzt zurückgewiesen zu haben. Er hatte sie gewollt. Mit jeder Faser seines Körpers. Und sie hatte das gespürt. Es war nicht zu verbergen gewesen, als sie nackt miteinander getanzt hatten.
Dennoch war Falrach auch stolz, ihr widerstanden zu haben. Nein, sich widerstanden zu haben. Jenem unseligen Begehren nach körperlicher Liebe. Dem Verlangen nach der Ekstase einer erfüllten Liebesnacht. Er wollte Emerelle. Wieder blickte er auf ihre Haare. Vielleicht würde er ihr nie mehr näher kommen als in diesem Augenblick.
Plötzlich blieb sie stehen. Ein Stück voraus weitete sich der enge Pfad. Im Schatten einiger Zedern rastete ein Trupp Krieger. Sie hatten die Helme abgenommen. Es waren acht Gewappnete und ein Bauer.
»Lass mich mit ihnen reden«, befahl Emerelle.
Falrach haderte mit sich, so tief in Gedanken gewesen zu sein, dass er überrascht worden war.
Emerelle ging den Kriegern entgegen. Jetzt hatte man sie bemerkt. Einer sagte etwas, und die anderen lachten. Zumindest fühlten sie sich nicht bedroht, dachte Falrach. Das war gut. Und warum hätten sie auch beunruhigt sein sollen? Sie sahen ja nur eine Frau und einen Mann, der zwar bewaffnet war, aber seine auf den Rücken gegürteten Schwerter nicht ziehen konnte, solange er ein Kind auf den Schultern trug.
»Wir haben das Orakel besucht, wie du sehen kannst, ehrwürdiger Krieger. Wir tragen seine Zeichen in unserem Angesicht und haben mit den Piraten, die ihr sucht, nichts zu schaffen.«
Der Mann, den sie angesprochen hatte, schien der Anführer zu sein. Er war von stämmiger Figur. Sein Bronzepanzer und seine Beinschienen waren, nach menschlichen Maßstäben, von vorzüglicher Qualität. Er hatte fleischige, vorgestülpte Lippen, die nicht recht zu seinen markanten Gesichtszügen passen wollten. Zu den harten grauen Augen, dem blauschwarzen Bartschatten auf seinen Wangen und dem schütterer werdenden Lockenhaar mit den ergrauten Schläfen.