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»Warum seid ihr hier? Euer Boot liegt doch sicher in der Bucht des Orakels. Warum lauft ihr davon, wenn ihr nichts mit den Piraten zu schaffen habt?«

»Mein Mann hatte Sorge, dass die Edlen Iskendrias sich nicht mit Fragen aufhalten würden wie du, mein Fürst. Er glaubte, nach den Kämpfen würden sie alle töten, die sie in der Bucht finden. Deshalb hat er entschieden, dass wir über die Berge fliehen und uns später ein Fischerboot mieten, das uns zurück in unsere Heimat bringt.«

Der Iskendrier sah abfällig zu ihm hinüber. »So, dein Kinderträger fällt also solche Entscheidungen. Dabei bist du es, die vorne geht. Und du bist es auch, die mit mir redet. Wie passt das zusammen?« Einige der Krieger lachten.

»Du bist ein kluger Mann, dem auch die kleinen Dinge nicht entgehen«, antwortete Emerelle höflich, doch glaubte Falrach einen leichten, gereizten Unterton wahrzunehmen. Unwillkürlich musste er an die Gerichtshalle in Feylanviek denken.

»Da ich tatsächlich mit den Piraten nichts zu schaffen habe, gibt es eine leichte Erklärung. Wir kommen aus Marcilla. Mein Mann versteht die Sprache, in der wir beide uns unterhalten, nur lückenhaft. Also bin ich es, die redet. Und ... « Sie senkte scheinbar verlegen den Kopf. »Ich gehe vorne, weil mein Mann gern den Schwung meiner Hüften betrachtet.«

Die Krieger brachen in schallendes Gelächter aus. Nur ihr Anführer nicht.

»Du sprichst leichthin über deine Reize, Weib. Und deine Antworten kommen zu schnell und sind zu klug. Soll ich dir sagen, was ich von dir halte? Mein Priesterfürst Promachos wurde von einem Weib ermordet, das sich sein Vertrauen erschlichen hatte. Oder sagen wir es geradeheraus: von einer Hure, deren Liebeskünste ihn nur noch mit seinem Schwanz denken ließen. Ich bin ihr nie begegnet, aber es heißt, sie sei eine zierliche, schöne Frau von schnellem Verstand und dunklem Haar gewesen. Eine Frau, die wusste, wie man Männerherzen gewinnt. Dieses Weib ist zu Fürst Tigranes geflohen, nachdem sie ihre Bluttat in Iskendria beging. Wir suchen sie seit Jahren. Wie es scheint, muss sie gemeinsam mit dem Piratenprinzen geflohen sein. Und nun steht vor mir eine schöne, zierliche Frau, die auch noch klug zu sein scheint...«

»Und wenn doch wahr wäre, was ich gesagt habe?«

»Du musst das von unserer Warte aus sehen, schöne Frau.« Er bedachte sie mit einem anzüglichen Lächeln. Falrach sah, wie Emerelle sich spannte. Auch er bewegte die Schultern, damit Nikodemus sich vorbereitete, zu springen.

»Für jeden Piraten, den wir in den Bergen aufspüren, bekommen wir ein Goldstück.

Wenn ich mir gar keine Gedanken über die Wahrheit deiner Geschichte mache, halte ich drei Goldstücke in der Hand. Solltest du aber die Frau sein, nach der gesucht wird, so werde ich tausend Goldstücke erhalten, wenn ich dich ausliefere. Und solltest du die sein, für die ich dich halte, muss es wohl außerordentliches Vergnügen bereiten, dich zu nehmen. Eine Freude, die ich auch meinen Männern nicht vorenthalten möchte, denn wir alle sind schon sehr lange auf unseren Schiffen und wissen kaum noch, wie es sich anfühlt, zwischen den Schenkeln einer Frau zu liegen.«

»Glaubst du, ich würde mir das Gesicht tätowieren lassen, wenn ich darauf angewiesen wäre, von meiner Schönheit zu leben?«

»Ich glaube, du würdest alles tun, um dem zu entgehen, was die Priesterschaft mit dir anstel en wird, um den Tod von Promachos zu rächen.«

»Du siehst also keine Möglichkeit, uns einfach ziehen zu lassen?« Emerelle hatte sich ein wenig geduckt, so als spreche sie in unterwürfiger Demut.

»Ich wäre dumm, es zu tun.«

»Siehst du die Möwe dort oben?«

Der Krieger blickte auf. In dem Moment griff Emerelle nach seinem Schwert. Sie zog es und durchschnitt mit fließender Bewegung den gereckten Hals. »Du hast dich dazu entschieden, weniger lange zu leben, als ein Möwenschiss braucht, um vom Himmel zur Erde zu fallen, kluger Mann.«

Der Krieger taumelte zurück. Er griff sich an die Kehle. Emerelle duckte sich an ihm vorbei und stieß dem nächsten das iskendrische Kurzschwert in den Bauch.

»Spring!« Der Lutin reagierte sofort. Falrach zog seine beiden Schwerter und sprang vor.

Die Krieger waren noch immer so überrascht, dass erst einer von ihnen seine Waffe gezogen hatte.

Emerelle schleuderte ihr Kurzschwert, das ihm tief in die Brust drang.

»Gib mir ein richtiges Schwert, Falrach«, sagte sie, als er an ihre Seite gelangt war.

Jetzt war der Bann gebrochen. Die verbliebenen fünf Krieger fluchten und zogen ihre Klingen, noch immer überzeugt, dass sie mit einer vermeintlichen Hure und deren Leibwächter leichtes Spiel haben würden.

Falrach stürmte vor. Er täuschte einen Stich nach dem Bein des Kriegers vor ihm an.

Als dieser tief parierte, hackte er ihm den Arm dicht unter der Armbeuge ab. Ohne weiter nachzudenken, überließ er seinem Körper das Kämpfen. Es war ein blutiger Tanz. Und Emerelle schien ihn nicht minder vollkommen zu beherrschen als er.

Nach zehn Herzschlägen lebte nur noch der Bauer.

»Du kommst mit uns«, sagte Emerelle entschieden. »Du wirst uns zum nächsten Fischerdorf führen und uns helfen, ein Boot zu stehlen.«

»Herrin, alles, was ihr sagt... Aber die Dörfer sind vol er Krieger. Es sind Hunderte!«

Emerelle wischte die Klinge ihres Schwertes an der Tunika eines der Toten ab. »Hast du den Eindruck, dass es mir Schwierigkeiten bereitet, die Krieger der Priesterfürsten zu töten?«

Der Seiltänzer

Armand mochte seinen Beruf. Schon als kleines Kind war er von Seilläufern fasziniert gewesen. Nie würde er den Tag vergessen, an dem die Seilläufer gekommen waren und ein Seil quer über den Markt gespannt hatten. Vom Giebel des Rathauses zu den Zinnen des alten Tempelturms. Hoch in der Luft tanzten sie und machten allerlei Kunststücke. Die ganze Stadt war zusammengekommen und hatte ihnen zugesehen. Und in der Nacht hatte sich seine Mutter einen der Seiltänzer in ihr Bett geholt. Diesem Tanz hatte nur er allein zugesehen. Sein Vater war wieder einmal nicht im Haus gewesen. Wie meistens.

Als er elf Jahre alt war, war Armand fortgelaufen. Er wollte aus dem Dreck emporsteigen in den Himmel, so wie die Seiltänzer. Ein Jahr war er über die Landstraßen gewandert, bis er eine Schaustellertruppe fand, die ihn aufnahm. Dann begann die glücklichste Zeit in seinem Leben. Die Zeit, in der er lernte, den Himmel zu erobern.

Als er fünfundzwanzig war, hatte der Himmel seinen Glanz verloren. Er hatte begriffen, dass er immer arm bleiben würde. Drei seiner Lehrmeister hatte er begraben.

Zwei mit zerschmetterten Gliedern, weil eine plötzliche Bö sie in den Tod gestürzt hatte. Den dritten hatte ein Fieber hinweggerafft. Er hätte nicht sterben müssen, aber es hatte kein Geld gegeben, einen Heilkundigen zu rufen.

Sie alle waren abseits der Gräberfelder an einem Wegkreuz verscharrt worden. Das war das Schicksal der Heimatlosen. In jenem fünfundzwanzigsten Jahr seines Daseins hatte sein Leben erneut eine Wende genommen. Er war seinem letzten Lehrer begegnet. Dem Mann, der ihm beigebracht hatte, wie man den Tod brachte. Und seit er ihn bei sich aufgenommen hatte, war Armand nicht einen Abend mehr mit knurrendem Bauch ins Bett gegangen.

Jetzt war er zweiunddreißig. Seinen letzten Meister hatte er getötet. Gewissermaßen als sein Meisterstück. Auch in dieser Nacht würde er wieder töten. Tjured schien seinem weißen Ritter nicht sehr gewogen zu sein, sonst hätte er die Wolken vom Himmel vertrieben und die Nacht mit Sternenlicht erleuchtet. Oder er hätte den Priestern eine Eingebung geschickt, dieses eine Mal nicht bis nach Mitternacht im Tempelturm zu beten und zu streiten. Sie fochten darum, auf welche Weise das Wort Gottes unter die Menschen getragen werden sollte. Und ob es statthaft war, dass Tjured künftig seine eigenen Ritter hatte.

Armand zog an dem Seil, das vom Dach des Badehauses vorbei am Stumpf der verbrannten Eiche zum Baugerüst am Tempelturm führte. Dass seine eitlen Priester ständig an ihren Tempeltürmen bauten, das war ein Geschenk Tjureds!