Das Seil war straff gespannt. Ein gutes Seil, das nicht zu sehr nachfedern würde, wenn er sich ihm anvertraute. Die Rolle mit dem Haltegriff war frisch geölt. Er würde fast lautlos dahingleiten. Ein Schatten, aus Schatten geboren. Fast fünf Schritt lief das Seil über dem Weg hinweg, den die Priester jede Nacht nahmen, wenn sie endlich ihren Tempelturm verließen. Das war mehr als genug. In der Dunkelheit musste Armand nicht fürchten, dass man das Seil vor der Zeit bemerken würde. Im Gegenteil, wenn sein Plan aufging, würde es den Schrecken noch vertiefen. Es war mit Öl getränkt, um den Hanf geschmeidig zu halten. Und er hatte einen ganzen Tag damit verbracht, fein gemahlenen Schwefel tief in die Faserstränge zu drücken. Es würde wie Zunder brennen, wenn sein Schauspiel vorüber war. Eigentlich schade, dass nur ein paar Priester Zeugen seines Auftritts werden würden. Aber Priester waren ja bekanntermaßen die größten Tratschmäuler. Bis zum Morgen würde die ganze Stadt wissen, was für ein himmlisches Strafgericht den weißen Ritter ereilt hatte.
Armand hatte sich ganz in Schwarz gewandet. So geziemte es sich für ein Geschöpf der Nacht. Nur die Maske, die er anlegen würde, war weiß. Sie war aus einem echten Totenschädel gefertigt. Nur der Vorderteil des Schädels war geblieben. Auf der Innenseite mit Lederstreifen gestärkt, die ihn zugleich auch zusammenhielten.
Armands Finger glitten über die kalte Schneide der Sense. Er hatte sie eigens für diese Nacht fertigen lassen.
Das Sensenblatt war dick und schwer wie eine Schwertklinge. Er hatte mit der Sense im Wald verborgen geübt. So tödlich scharf war das Blatt, dass man junge Bäume mit einem einzigen Hieb fällen konnte. Dem würde ein junger Ritter gewiss nicht widerstehen.
Armand hielt inne. Sie hatten im Tempelturm zu singen begonnen. Bald würden die Priester durch das große Portal kommen. Was für ein Glück, dass dieser Michel Sarti nie seine Rüstung ablegte. So würde Armand ihn auch im Dunkeln gut erkennen können. Wie eine Flamme würde er zwischen all den in dunklem Blau gewandeten Priestern erstrahlen. Den Helm unter dem Arm. Mit ernstem Gesicht würde der Ritter zwischen ihnen einhergehen. Wie weit sein Kopf wohl fliegen würde?, überlegte Armand. Vielleicht bis durch das offene Tempeltor?
Der Seilkünstler streifte die schwarzen Handschuhe über und setzte die Schädelmaske auf. Er hakte die Rolle in das Seil und duckte sich hinter den Giebel. Ein letztes Mal prüfte er den Faltenwurf des weiten Kapuzenumhangs. Wie schwarze Flügel würde er sich aufbauschen, wenn er am Seil dahinglitt. Armand wünschte, er könne sich bei seinem Auftritt zusehen. Morgen würde er in unauffälligen Kleidern den Platz vor dem Tempelturm besuchen und sich die Geschichte erzählen lassen. Das war fast genauso gut.
Sein Tod muss wahrlich außergewöhnlich sein, hatte sich sein Auftraggeber gewünscht. Einen ganzen Beutel voller Gold hatte er als Anzahlung bekommen. Zwei weitere Beutel würden folgen, wenn sein Auftraggeber zufrieden war. Armand lächelte selbstsicher. Einen Mord wie diesen hatte es noch nicht gegeben. Im ganzen Königreich würde man davon sprechen, dass ein Dämon oder ein böser Elf aus dem nächtlichen Himmel hinabgeschwebt war, um Michel Sarti am selben Ort zu töten, an dem vor langen Jahren der heilige Guillaume ermordet worden war.
Das Tor des Tempelturms öffnete sich. Wie immer trat als Erster ein alter Priester mit einer Laterne hinaus. Armand beobachtete das Konzil schon seit fünf Tagen. Das Gute an Priestern war, dass sie es liebten, Dinge immer auf die gleiche Art zu tun. Sie gaben sich Mühe, dass ihr Tag immer die gleiche Ordnung hatte, ihre Messen immer den gleichen Ablauf. Und immer kam der Alte mit der Blendlaterne zuerst aus dem hohen Turm.
Als Nächstes trat ein Trüppchen Priester ins Freie. Sie waren so tief ins Gespräch versunken, dass sie vermutlich gar nicht mitbekamen, ob es Tag oder Nacht war.
Armand langte nach dem Griff der Seilrolle. Mit der Rechten hob er die Sense an. Sie war schwer. Er könnte den weißen Ritter vermutlich zweiteilen, wenn der Hieb ihn am Rumpf traf. Das wäre noch eindrucksvoller als ein enthaupteter Ritter. Und der Rumpf war viel leichter zu treffen als der Hals.
Adrien zögerte. Es war nie gut, seine Pläne im letzten Augenblick zu ändern. Er dachte wieder an die jungen Bäume im Wald, die er mit dieser besonderen Sense gekappt hatte. Ein Mann, der in der Mitte durchgeschnitten wurde, war noch spektakulärer als ein Enthaupteter. Da konnte es keinen Zweifel geben. Armand sah vor seinem inneren Auge, wie die Beine des Ritters noch standen und einen Teil von dessen Torso trugen, während der Oberkörper mit zuckenden Armen auf dem Pflaster lag.
Er ließ die Hand über die schwere Sensenklinge gleiten. Da erschien Michel Sarti im Tor des Tempels. Auch er war tief in Gespräche verstrickt. Er lachte. Der junge Ritter machte einen netten Eindruck. Wenn er den Helm aufgesetzt hatte, wirkte er unheimlich in seiner merkwürdigen Rüstung mit dem silbernen Gesicht. Aber jetzt trug er den Helm unter den Arm geklemmt.
Armand durfte nicht länger zögern. Er dachte an all das Gold und stieß sich vom Dach ab. Fast lautlos glitten die hölzernen Rollen über das Seil. Er wurde immer schneller.
Das Seil federte nur wenig. Er hatte lange gezögert, ob er seinen Auftritt nicht mit einem dramatischen Ausruf würzen sollte. Etwas wie: Der Tod holt dich! Aber das wäre dumm. Sollte Michel Sarti sich daraufhin geistesgegen-wärtig zu Boden werfen, wäre alles verdorben. Er musste ihn überraschen!
Armand holte mit der Sense zum Schlag aus. Hals oder Torso? Torso. Er glitt über den vordersten Priester hinweg. Jemand blickte auf. Ein Schrei. Jetzt sah auch Michel zu ihm. Die Sense fuhr nieder. In weitem, kräftigem Schwung. Die gekrümmte Klinge traf den Ritter mitten auf der Brust.
Armand schrie auf. Er hatte das Gefühl, ihm würde der Arm ausgerissen. Seine Schulter krachte. Gleißende Lichtpunkte tanzten ihm vor den Augen. Michel war gestürzt. Der heftige Aufprall hatte Armand ein Stück am Seil zurückgleiten lassen.
Jetzt sauste er wieder vorwärts.
Der weiße Ritter rappelte sich auf. Er wirkte benommen. Das konnte nicht sein!
Niemand konnte einen solchen Hieb überstehen. Schon gar nicht in einer Lederrüstung.
Der Ritter zog sein Schwert. Die Priester schrien. Sie deuteten zu ihm hinauf. Manche waren niedergekniet, um zu beten. Armand glitt der Sicherheit des Baugerüsts entgegen. Niemand konnte klettern wie er. Er würde entkommen. Der Seiltänzer sah über die Schulter zurück. Michel hatte sein Schwert gezogen. Was für eine dumme, nutzlose Geste!
Der Ritter warf die Klinge hoch. Armands Füße berührten die Balken des Baugerüsts.
Er streckte die Hand vor, um sich auf eines der Bretter zu ziehen. Im gleichen Augenblick erschlaffte das Seil.
Er ließ die Sense fallen und stürzte. Verzweifelt versuchte er etwas zu greifen zu bekommen. Armand schlug hart auf den Boden auf. Heißer Schmerz stach durch seine rechte Schulter. Er wusste, er hatte sie sich ausgekugelt.
Der Sturz war nicht so tief gewesen, als dass er zer schmettert sein könnte. Armand setzte sich auf. Halb benommen blickte er auf den Platz. Eine weiße Gestalt kam auf ihn zu.
Der Ritter trat gegen die Sense. Schlitternd glitt sie über das Pflaster davon. Eine Schwertspitze berührte sanft Armands Hals.
»Wer schickt dich?«
»Das werde ich nicht sagen.«
»Man wird dich foltern.«
»Ich werde trotzdem schweigen.« Es gab auch nicht viel, was er hätte sagen können.
Wer einen Meuchler suchte, der stellte sich nicht mit Namen vor. Und er erklärte auch nicht, warum ein Mann oder eine Frau sterben sollten. Selbst wenn sie es schafften, seinen Willen zu brechen, würden sie von ihm nichts erfahren.
Der Ritter nahm ihm die Maske ab. Inzwischen waren Priester mit Laternen gekommen. Leute aus den angrenzenden Häusern traten zögerlich auf den Platz.
Fensterläden wurden aufgeklappt.
»Warum?«
»Weil ich einen Beutel voll Gold dafür bekommen habe.«