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Der Ritter nickte. Ein harter Zug war um seine Lippen erschienen. Er wirkte plötzlich älter.

»Ich habe eine Bitte an dich, Michel Sarti.«

Ein Wangenmuskel des Ritters zuckte. »Warum sollte ich dir eine Bitte gewähren?«

»Weil du nicht bist wie ich.«

Michel antwortete ihm nicht. Der Blick des Ritters hielt ihn gefangen.

»Ich weiß, ich werde hingerichtet werden. Ich habe es verdient. Du bist ein Mann mit Macht und Ansehen. Bitte sag ihnen, dass sie mich hängen sollen. Ich war früher einmal ein Seiltänzer. In Zeiten, als ich noch nicht für Gold gemordet habe. Ich möchte noch ein letztes Mal am Seil tanzen. Und sei es ein Galgenstrick.«

Kein schlechter Tod

Als Anderan Feylanviek erreichte, waren seine Füße gefühllos und seine Finger so steif gefroren, dass er die Hände, mit denen er seinen Mantel zusammenhielt, nicht mehr öffnen konnte. Vier Tage hatte der Fußmarsch am Ufer des Mika entlang gedauert.

Immer wieder hatte es geschneit. Der Schnee reichte ihm jetzt bis über die Knie. Und die Schneeflocken schmolzen nicht mehr, wenn sie ihm auf die Hände fielen. Auch schmerzte ihn der Nordwind nicht mehr. Seine Messer schienen alles durchtrennt zu haben, was Schmerz empfinden konnte.

Anderan sah das Gesicht seines Sohnes vor Augen. Er sah ihn als kleinen Jungen spielen. Sah, wie er vor den Winkerkrabben davonlief. Das weiße Land war ein unbe-schriebenes Blatt, auf dem in immer lebhafteren Farben seine Träume erschienen. Er starrte vor sich hin. Ohne nachzudenken, setzte er einen Fuß vor den anderen. Stetig, unermüdlich, so wie ein Herz schlägt, obwohl man nicht daran denkt, dass es dies tun sollte.

Er hielt erst inne, als unmittelbar vor ihm ein Trollgesicht erschien. Es war so plötzlich da, als sei es auch nur ein Bild aus seinen Träumen.

»Wo willst du hin, kleiner Schneefurz?« Die Stimme durchdrang ihn. Seine Ohren dröhnten, so laut hatte der Troll gesprochen.

Anderan schwankte benommen. Er machte einen Schritt zurück. Neben dem Trollgesicht erschien ein vermummter Kobold, von dem wenig mehr als seine Nasenspitze und die Augen zu erkennen waren. »Woher kommst du, Bruder? Und antworte demnächst sofort, wenn du angesprochen wirst. Es sind unruhige Zeiten, und nicht alle Trollwachen sind so geduldig wie mein Freund hier.«

»Du hast mich angesprochen?«

»Dreimal habe ich dich angerufen, aber du bist einfach immer weitergegangen wie ein Schneegeist.«

»Ich muss zum Handelshaus Verrak.«

»Red keinen Unsinn. Du solltest dringend zu einem großen Feuer gebracht werden, damit du wieder auftaust. Du wirst dich wundern, welche Schmerzen es bereitet, wenn das Leben in deine Glieder zurückkehrt.« Er warf einen skeptischen Blick auf Anderans Hände. »Oder auch nicht.«

»Ich muss zum Handelshaus Verrak. Sofort!« »Du bist verrückt...«

»Ich bin Anderan, der Herr der Wasser von Vahan Calyd und Kronrat des Königs Gilmarak. Du wirst mich zu dem Handelshaus bringen. Jetzt!«

»Aber das Haus, zu dem du willst, gibt es gar nicht mehr, Herr. Die Verraks sind schon vor Jahren gegangen. Ihr Kontor ist vernagelt, sie haben ... «

»Das kann nicht sein«, beharrte Anderan. »Sie haben eine ganze Schiffsladung Pfeile gekauft. Du musst dich irren! Bring mich zu ihrem Kontor.«

Der Kobold zog sich zurück und tuschelte etwas mit dem Troll. Dann lief der Troll davon.

Anderan war wütend. Er wusste, dass er nicht mehr lange stehen konnte. Seine Kraft verließ ihn. Er musste weitergehen, sonst wäre er dazu bald nicht mehr in der Lage. Er musste es wissen!

»Komm«, sagte der Kobold. »Ich bringe dich zu den Verraks. Du wirst sehen, dass ich nicht gelogen habe.«

Sie schlurften durch den hohen Schnee. Nach einer Weile stützte der andere ihn. Er führte ihn an langen Reihen heruntergekommener Häuser vorbei über eine Brücke, auf der Mauerreste darauf hindeuteten, dass hier einmal ein großes Haus gestanden hatte.

Es ging weiter an einem Kanal vorbei, in dem Lastkähne wie dunkle Grabsteine lagen.

Letzte Erinnerungen an den gestorbenen Handel.

Endlich hielten sie vor einem Haus mit einer hohen roten Tür. Bretter waren davor genagelt. Der Rost auf den Türangeln ließ keinen Zweifel daran, dass hier schon lange niemand mehr ein und aus ging. »Das ist das Handelskontor Verrak«, sagte sein Begleiter und klang beleidigt.

Anderan starrte die Tür an. »Das kann nicht sein.« Er wollte nicht, dass es wahr war.

Dass sich seine Befürchtungen, die ihn zu dieser Reise getrieben hatten, bestätigten.

»Ich habe die Papiere gesehen. Alles ist in Ordnung gewesen. Das Haus Verrak hat mit drei Schiffsladungen Lebensmitteln für die Fracht bezahlt, die hierherkommen sollte.

Das ist erst drei Monde her.«

»Die Verraks sind in den Süden gegangen. Sie führen sicher noch Geschäfte. Vielleicht geben sie auf ihren Papieren sogar das Kontor in Feylanviek als ihr Stammhaus an.«

Sein Führer, von dem er nach wie vor nur die tropfende Nase und die Augen kannte, schien aufrichtig bemüht zu sein, das vermeintliche Missverständnis aufzuklären.

Der Troll, den sein Begleiter fortgeschickt hatte, stampfte durch den Schnee auf sie zu.

Er trug einen Kobold in seinen Armen, der sich einen schreiend bunten Schal um Hals und Gesicht gewickelt hatte.

»Das ist Solton, der Stapelmeister von Feylanviek. Er weiß alles über die Kontore in der Stadt.«

Solton war augenscheinlich nicht glücklich darüber, dass man ihn geholt hatte. Er blickte Anderan feindselig mit kleinen, dunklen Augen an. Sie erinnerten ihn an die Augen der großen Sumpfratten in den Mangroven.

»Es geht um eine Fracht für das Haus Verrak.«

»Die kann nicht für Feylanviek bestimmt gewesen sein! Kannst du überhaupt Frachtbriefe lesen? Ohne dir zu nahe treten zu wollen, aber nur lesen und schreiben zu können, genügt nicht, um Frachtpapiere zu verstehen. Vielleicht schreiben die Verraks ja immer noch den Namen ihres Stammhauses in die Briefe. So könnte es zu dieser Verwechslung gekommen sein.«

»Genau das habe ich ihm auch schon gesagt, Onkel!«

»Ich war auf dem Frachtkahn, der die Ladung hierherbringen sollte«, entgegnete Anderan müde. Er hatte das Gefühl, dass er jeden Moment zusammenbrechen könnte.

Er spürte seine Beine nicht mehr. Und das, was ihn so viele Wochen gequält hatte, war ihm jetzt fast gleichgültig. Er wollte sich nur noch hinlegen und die Augen schließen.

Schlafen. Sehr lange schlafen.

» ... und deshalb ist es unmöglich ... Hörst du mir noch zu?«, fuhr ihn der Stapelmeister scharf an.

»Ich war auf dem Frachtkahn ... «

»Und wo ist dieser Frachtkahn, bitte schön? Hier ist seit vielen Wochen kein Kahn mehr angekommen.«

»Wurde von Kentauren gekapert«, murmelte er.

»Die verbrennen Lastkähne. Sie beschießen sie mit Feuerpfeilen, aber sie kapern sie nicht. Wie sollte so ein Pferdearsch auf den Fluss kommen!«

»Flöße.«

Der Stapelmeister wirkte jetzt weniger mürrisch. »Fracht für das Haus Verrak ... « Er schüttelte den Kopf. »Sie haben noch etwas Lagerraum in der Stadt. Aber das ist wirklich nicht viel. Komm mit!« Er dirigierte den Troll ein Stück den Kanal entlang, bis sie einen Abschnitt erreichten, an dem hohe Holzhäuser mit steilen Giebeln dicht an dicht standen. Jedes Einzelne hatte einen langen Balken unter dem Dachfirst, an denen früher wohl einmal Flaschenzüge gehangen hatten. Türgroße Öffnungen, versperrt mit bunten Holzläden, untergliederten die Fassaden. Einige der Dächer waren eingestürzt.

Solton ließ sich vor einem gelben Tor absetzen, auf das ein roter Hundekopf gemalt war. Der Stapelmeister zog einen schweren Schlüsselbund unter seinem Mantel hervor. Ein rostiges Schloss hing von einer schweren Eisenkette. Anderan hörte Metall knirschen. Der alte Kobold fluchte. Dann zog er die Nase hoch, spuckte auf das Schloss und versuchte es erneut. Schließlich öffnete sich der Bügel des Vorhängeschlosses mit einem elenden Knirschen. »Na

also«, grinste der Alte. »Brauchte nur ein bisschen Schmier. Wartet hier!«