Der Troll schob das schwere Lagerhaustor auf, und Sol-tan verschwand in die Dunkelheit.
Anderan lehnte sich an die Wand des Stapelhauses. Er sollte den Troll vielleicht fragen, ob er ihn tragen könnte. Wenn es ein Lager gab, dann mochte sich alles aufklären.
Vielleicht plante die Familie Verrak ja, einen Verwalter zu schicken, der ihre alten Geschäfte wiederaufnehmen sollte. Allerdings hätte der schon vor den Waren hier eintreffen sollen! Das ungute Gefühl, das ihn plagte, seit er die Spur der Pfeile aufgenommen hatte, wollte nicht weichen. Auch wenn es einen Verwalter gab, stellte sich immer noch die Frage, für wen die Pfeile bestimmt waren.
Soltan trat mit einer Laterne in der Hand aus dem Lagerhaus. »Komm mal mit, Bruder Kronrat.« Der Alte feixte vor Vergnügen. Vor der Revolte hätte er sich so eine Frechheit sicher nicht herausgenommen. Anderan war zu müde, um ihn darauf hinzuweisen, dass es auch zwischen Brüdern Unterschiede gab.
Es roch muffig im Lagerhaus. Irgendwo plätscherte Wasser. Das Dachgebälk ächzte leise unter der Schneelast.
»Weißt du, Bruder, die Stapelplätze haben früher einmal wesentlich mit über den Erfolg der Handelskontore entschieden. Bevor dieser unselige Krieg mit den Kentauren begonnen hatte, gab es nie genug Stapelplatz in der Stadt. Wo deine Waren in den Stapelhäusern liegen, entscheidet darüber, wie schnell ein Frachtkahn be- oder entladen wird. Die Stapelplätze auf den Märkten entschieden, wie gut deine Geschäfte gingen. Warst du der erste Anbieter, an dessen Stand die Händler kamen, oder erst der siebente? Um Stapelplätze haben die großen Kontore früher Fehden geführt. Ja, sie gaben sogar den Ausschlag für Hochzeiten. Du hättest Feylanviek vor dreißig Jahren sehen sollen, bevor die Trolle zurückkehrten. Selbst vor zehn Jahren, als der neue König den Tauschhandel noch nicht eingeführt hatte, waren wir eine stolze Stadt.«
Solton blieb vor einem Bretterverschlag stehen. Sie hatten bereits zwei ähnliche Verschlage passiert. Die Bretter waren einfach auf die schweren Balken genagelt, die das Lagerhaus trugen. »Hier siehst du den letzten Stapelplatz der Familie Verrak.« Die grob gezimmerte Tür war nicht verschlossen. Der Alte zerrte sie auf und leuchtete mit der Laterne hinein. Altes Stroh lag auf dem Boden. Ein paar zerrissene Säcke. Eine Ratte huschte eilig aus dem Lichtkreis. Der Verhau war kaum zweimal zwei Schritt groß.
»Weißt du, Bruder Kronrat. Solange sie mindestens einen Stapelplatz halten, gehen ihre alten Rechte nicht verloren. Fast alle Handelshäuser machen es so. Man kann ja nie wissen, ob die Zeiten nicht noch einmal besser werden. Wenn du wirklich ein Kronrat bist, wirst du es ja wissen. Geben uns die Trolle irgendwann das Geld zurück? Oder werden sie wenigstens dafür sorgen, dass der Mika wieder ein sicherer Fluss wird und man mit den Kentauren handeln kann? Ohne das Fleisch ihrer Herden ist Feylanviek nur ein Dreck. Diese Stadt wird sterben, wenn wir keinen Frieden mit den Kentauren schließen. Selbst der Rudelführer, der sich hier seinen Arsch plattsitzt, hat das begriffen. Aber auf ihn scheint keiner zu hören.«
Anderan schüttelte den Kopf. Er dachte an die Snaiwa-mark-Karawanen und ihr geheimes Ziel. Das Gold würde nie mehr zurückkommen. Dafür hatte Gilmarak gesorgt!
»Weißt du was, Bruder? Ich scheiß auf euch Kronräte und den neuen König. Ihr lasst diese Stadt verrecken! Da war es ja selbst zu Zeiten des Tyrannen Shandral besser!«
»Ihr seid frei, zu gehen. Andere Städte erblühen«, wandte Anderan halbherzig ein.
»Was heißt hier frei? Meine Sippe lebt seit über dreihundert Jahren in Feylanviek. Mein Name hat hier einen guten Klang! Ich bin der Stapelmeister. Weißt du überhaupt, was das bedeutet? Ich war einmal einer der bedeutendsten Männer dieser Stadt. Und jetzt bin ich der Herr über Spinnweben und verrottende Säcke. Trotzdem werde ich bleiben. Meinem Bruder hat der verdammte Shandral beide Hände abgeschnitten. Mein Onkel hat seinen Kopf unter einem der Schmiedehämmer der Flussschmiede verloren. Soll das alles vergebens gewesen sein?
Ist das deine Freiheit, Bruder Kronrat? Und jetzt sag mir, warum du wirklich hier bist.
Was für eine Fracht hätte hier verstaut werden sollen? Ein paar Kistchen mit Geschmeide?«
»Fünfzigtausend Pfeile.« Anderan stützte sich an einen der dicken Holzpfeiler. Er spürte seine Beine nicht mehr, und ihm war vor Erschöpfung übel.
»Nein!« Der Stapelmeister hätte fast die Laterne fallen lassen. »Das wirst du meiner Stadt nicht anhängen, Kronrat. Das ist nicht wahr!«
»Ich weiß. Hier ist kein Platz für die Fracht, die auf dem Kahn war. Und Kirta, die Gefährtin des Nestheus, des Einigers der Stämme, hat den Angriff angeführt. Das kann kein Zufall gewesen sein. Diese Pfeile sollten niemals Feylanviek erreichen. Und ich fürchte, es ist nicht das erste Mal, dass so etwas geschah. Ich habe allein für die letzten drei Jahre Papiere über sieben Frachten mit Pfeilen finden können. Pfeilen, wie sie auch beim großen Angriff auf die Snaiwamark-Karawane verwendet wurden. Sie waren von Anfang an für die Kentauren bestimmt. Feylanviek hat mit diesen Geschäften nichts zu schaffen.« Er konnte nicht länger stehen. Alle Kraft wich von ihm. Er hatte den Verdacht schon lange gehabt, aber wider besseren Wissens hatte er darauf gehofft, dass er irrte. Er hatte auch einen Verdacht, wer dafür sorgte, dass diesem Krieg nicht die Waffen ausgingen. Aber würde er es jemals beweisen können? Alles, wofür er in den letzten Jahren gekämpft hatte, war zerbrochen. Und sein Sohn war für Lügen gestorben.
»Was ist mit ihm?«
»Verdammt, der stirbt«, flüsterte der Alte. »Der Marsch durch den Schnee war zu viel für ihn. Wenn der wirklich ein Kronrat ist und hier verreckt, dann wird alles noch schlimmer. Ruf deinen Troll.«
»Aber du kannst doch nicht...«
»Der Troll wird es tun. Der Winter kommt. Die Kanäle frieren zu. Wenn wir ihn da jetzt hineinwerfen, dann wird er bis zum Frühjahr nicht mehr hochkommen. Und wenn ihn dann jemand findet, dann würde ihn nicht einmal mehr seine Mutter erkennen. Ich hab solche Leichen schon gesehen. Los, hol deinen Troll!«
Anderan hatte alles klar verstanden, aber er hatte nicht einmal mehr die Kraft, seinen Kopf zu heben. Sollte es geschehen. Ertrinken war kein schlechter Tod für einen Herrn der Wasser.
Masken
Als sie die Augen öffnete, rang sie nach Luft.
»Und«, drängte Falrach, »können wir es schaffen?«
»Alle, die schon geschlafen haben, schlafen jetzt sehr tief. Aber jenen, die wach sind, kann ich nichts anhaben. Es sind viele. Es wird gefährlich werden.« Sie blickte zum Himmel. Wie zum Spott stand der Mond in all seiner Pracht über ihnen. »Im Dorf sind nur acht Posten. Aber auf den beiden Galeeren draußen sind noch viele wach. Sie haben doppelte Posten aufgestellt. Sie fürchten, dass es immer noch Piraten draußen auf See gibt, die von den Rauchwolken der brennenden Flotte angelockt werden. Sie haben dort seltsame Kessel unter Feuer. Ich glaube, das muss ihre Flammenwaffe sein.
Im Bug der Galeeren gibt es je ein großes Kupferrohr. Ich weiß nicht, wie diese Waffe eingesetzt wird.«
»Bei dem Licht kann man jedes Boot auf See von weitem sehen«, lamentierte Nikodemus. »Wir kommen hier nicht weg.«
»Wir können auch nicht bleiben. Die Toten in den Bergen sind sicher schon längst gefunden. Die Insel ist zu klein. Wir können uns nicht ewig verstecken. Wir nehmen ein sehr kleines Boot und setzen kein Segel, bevor wir die offene See erreicht haben.«
»Das erscheint mir auch am klügsten.« Emerelle blickte zum Strand. Sieben Boote lagen dort. Die Galeeren ankerten etwa hundert Schritt vom Strand entfernt. Auf jedem der beiden Schiffe brannten etliche Öllampen. »Wenigstens schlafen ihre Ruderer.«
»Kannst du die Schiffe nicht durch einen Zauber in Brand setzen?« Nikodemus sah sie mit seinen ganz und gar unschuldigen, falschen Kinderaugen an. Sie kam nicht umhin, erneut den Orakelspruch zu lesen, der ihm im Gesicht stand. Jene, die mir vertrauen, werde ich verraten. »Weißt du, wonach du da fragst? Ja, ich könnte es. Auf jedem der Schiffe sind achtzig Ruderer. Sie sind angekettet. Sie werden entweder bei lebendigem Leibe verbrennen oder aber ertrinken, wenn das brennende Schiff sinkt. Und dann sind da noch etwa fünfzig Seeleute und Krieger auf jedem Schiff. Von ihnen werden sich gewiss viele mit einem Sprung ins Wasser retten können. Aber wird ihnen das helfen? Ich habe gesehen, dass dieses Feuer sogar auf dem Wasser brennt. Einen Funken in jeden der kochenden Kessel zu schicken wäre nicht einmal ein Zauber, der mich viel Kraft kostet. Aber es würden mit Sicherheit zweihundert Menschenkinder sterben, wenn ich es tue. Habe ich das Recht dazu? Und wie ist es mit dir, Nikodemus?