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Wird es dich kaltlassen, wenn auf deinen Rat zweihundert Menschenkinder sterben, damit wir leichter entkommen können? Wirst du das einfach vergessen können, wenn wir nach Albenmark zurückkehren? Oder werden dich die Bilder in deinen Träumen verfolgen? Bilder von brennenden Menschenkindern, die in ein Meer springen, das sie vor dem Feuer nicht zu retten vermag. Und die Schreie! Hast du schon einmal die Schreie eines Verbrennenden gehört? Ich habe es.«

Der Lutin senkte den Blick. »Würden sie so auch über uns denken?«

»Dürfen wir zulassen, dass ihre Taten unsere Taten bestimmen? In den Bergen hatten wir keine Wahl. Hier haben wir sie. Noch …«

»Dann los«, sagte Falrach. »Der Himmel ist wolkenlos. Es wird nicht besser werden, wenn wir warten. Bringen wir es hinter uns.«

Emerelle blickte wieder auf die weite Bucht. Die beleuchteten Galeeren sahen hübsch aus. Ihre Lichter spiegelten sich im Wasser. Auf einem der Schiffe sang ein Mann. Er hatte eine dunkle, weit tragende Stimme. Es war ein Lied über ein Mädchen, das auf ihren Seemann wartete. Jeden Tag stand sie am Ufer und blickte auf die See, bis sie grau wurde und man sie eines Morgens tot am Strand fand.

Wie viele der Ruderer hatten wohl noch ein Mädchen, das auf sie wartete?

Sie schlichen geduckt über den Kiesstrand. Emerelle wusste, dass die Wachen im Dorf die Hügel beobachteten. Die See überließen sie ihren Kameraden auf den Schiffen.

Sie wählten das kleinste der Boote. Blaue Farbe blätterte von seinem Rumpf. Auf jede Seite des Bugs war ein großes Auge gemalt. Es stank nach Fischabfällen. Als sie es auf dem Kiesstrand anschoben, war Emerelle sicher, dass man den Lärm noch eine Meile entfernt hören musste. Doch kein Wachhorn erklang. Kein Ruf. Sie hatten Glück!

Endlich glitt das Boot in die Dünung. Falrach hob den Lutin an Bord. Dann half er ihr.

Er fasste sie um die Hüften. Und sie genoss es, von ihm berührt zu werden. Sie dachte daran, wie sie sich im klaren Wasser des Bergbachs geliebt hatten. Bis der Name Ollowains über ihre Lippen gekommen war ... Er war ein guter Liebhaber. Offenbar, weil dieser verdammte Herumtreiber viel Erfahrung gesammelt hatte! Bei dem Gedanken stieg heiße Wut in ihr auf. So war es früher nicht gewesen. Sie war zu unbe-herrscht, ermahnte sie sich. Warum?

Falrach stieg ins Boot und griff sofort nach den Rudern. Mit kräftigen Zügen brachte er das Boot vom Ufer fort. Die Ebbe half ihnen.

Plötzlich blickte er auf. »Geht es dir gut?«

Hatte er ihren Zorn bemerkt? »Ich dachte an das Albenhaupt.«

»Du solltest dort nicht hingehen. Der Berg wird dich umbringen.«

»Vielleicht habe ich mehr Glück als die anderen?«

»Ich werde mitkommen und es mir ansehen.«

Er sagte das in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran aufkommen ließ, dass er seine Worte wahrmachen würde. Mit einem Mal war all ihre Wut dahin. »Das ist nicht klug.

Du könntest sterben.«

Er lachte leise. »Du weißt ja, dass es eine alte Gewohnheit von mir ist, an deiner Seite zu sterben.«

»Eine Gewohnheit ist es, wenn es öfter als einmal geschieht. Dazu werde ich es nicht kommen lassen!«

Er sah sie an und lächelte dabei auf eine Art, die ihr das Herz zerriss. Er verheimlichte ihr etwas! Und er würde niemals zulassen, dass sie hinter die Maske dieses Lächelns sah. Die Maske ... Das war es! Sie flüsterte ein Wort der Macht.

»Was hast du getan?«, fragte Nikodemus unruhig. »Haben sie uns entdeckt?«

»Das werden sie nicht mehr. Wenn sie zum Boot blicken, dann werden sie nur noch die Umrisse eines Wals sehen, der sich mit der Dünung treiben lässt.«

Luths Messer

Kadlin tupfte Swana den Schweiß von der Stirn. Sie lag ganz nackt auf ihrem Lager.

Eben erst hatte sie die Wadenwickel ausgewechselt. Das Fieber war sehr plötzlich gekommen. Vor dem Essen war es ihr noch gutgegangen.

Die Königin blickte zu dem alten Heiler. Er machte ein ernstes, fast grimmiges Gesicht.

Er tastete über Swanas Leiste, was Kadlin mit missbilligendem Blick strafte. Sie konnte sehen, wie sie im Schlaf zusammenzuckte, als er auf eine Schwellung presste.

»Bei den Göttern! Sei doch nicht so grob!«, zischte sie ihn an. Sie hätte ihn nicht rufen sollen. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Kleine Fieber hatte. Sie würde es überstehen. Gewiss ging es ihr morgen schon wieder besser!

Der Heiler hob Swanas Arme an und tastete über ihre Achselhöhlen. Sein Atem ging jetzt schneller. Er stand auf und wich zur Tür zurück. »Herrin, du musst sofort dieses Haus verlassen. Wir müssen es verbrennen! Leg deine Kleider ab. Nimm nichts mit dir!« Noch während er das sagte, begann er sich auszuziehen.

»Bist du verrückt geworden, Olav? Kennst du keine Scham mehr?«

»Herrin, ich bin verrückt vor Sorge. Und weiß nicht, wie ich dir sagen soll...« Er streifte seine Beinkleider so hastig und ungeschickt ab, dass er fast stürzte.

Kadlin begriff, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste. Sie sah zu Swana.

»Aber ich kann doch nicht ... Was ist mit ihr?«

»Sie muss hierbleiben. Ich weiß, du kannst nicht... Ich werde die Fackel ans Dach halten.«

Sie sah ihn an. »Geh!«

»Herrin ... «

»Geh hinaus und wage es nie wieder, mir vor die Augen zu treten. Wie kannst du es wagen, meine Tochter bei lebendigem Leib verbrennen zu wollen? Geh! Verflucht seist du, Olav Erikson. Mögen dir auf immer die Goldenen Hallen verschlossen bleiben.«

»Herrin, sie hat die Pest! Bitte. Wir müssen dieses Haus verbrennen. Den Göttern sei es gedankt, dass du hier lebst und nicht im Palast. Vielleicht können wir noch das Schlimmste verhindern. Aber gegen die Pest kommt nur das Feuer an. Und wer von der Pest berührt wurde, der ist verloren. Nicht einmal einer unter Hundert überlebt!«

Kadlin sah zu ihrer Tochter. Das Fieber hatte ihr Gesicht erblühen lassen. Ein rosiger Schimmer lag auf ihren Wangen. Ihr weißes Haar war auf dem Kissen ausgebreitet. Ihr Körper war noch knabenhaft. Ihre Brüste hatten noch nicht zu schwellen begonnen. Sie war so jung!

»Es ist nur ein Fieber«, beharrte Kadlin. »Sie war nie schwer krank. Niemand im ganzen Königreich hat die Pest. Warum sollte sie erkrankt sein? Du musst dich irren, Olav!«

»War sie an einem Ort, wo sie verdorbene Luft atmen konnte?«

»Nein!«, fuhr Kadlin ihn an.

»Herrin, ich verstehe deinen Schmerz. Aber du bist die Königin. Du musst an dein Königreich denken. An all jene, deren Leben jetzt in deiner Hand liegt. Ja, es gibt keine Berichte über andere Pestfälle. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir das Haus niederbrennen. Wir können die Krankheit ausmerzen, bevor sie um sich greift und Tausende sterben werden.« Der Heiler stand jetzt in der Tür.

»Wenn du meine Tochter verbrennen willst, dann musst du mich mit ihr verbrennen.

Und was meine Königsherrschaft angeht ...« Sie sah sich suchend um, bis sie den prächtigen Helm, der einst König Osaberg gehört hatte, entdeckte. Kadlin packte ihn und schleuderte ihn dem Heiler entgegen, der es gerade noch schaffte, sich zu ducken.

»Nimm du diese verfluchte Krone! Sie ist es mir nicht wert, meine Tochter zu opfern. Ich werde dieses Haus nicht verlassen. Ich werde die Krankheit nicht über die Schwelle tragen. Keine Sorge. Aber wenn du eine Fackel an dieses Dach halten willst, dann wirst du auch mich verbrennen!«