»Herrin, du kannst doch nicht…«
»Du hast keine Ahnung, was ich kann. Ich werde meine Tochter nicht Luth überlassen!
Und du, du suchst die besten Reiter. Sie sollen sofort aufbrechen und Melvyn folgen.
Er muss zurückkommen. Er und sein Weib werden Swana heilen.«
Olav senkte sein Haupt. »Herrin ... Die Elfen haben uns vor zwei Tagen verlassen. Und Elfen reisen schnell wie der Wind.«
»Du schickst ihnen Reiter nach!«
Er nickte. Dann hob er abrupt sein Haupt. »Du tötest dich! Swana kann niemand mehr helfen. Wer die Pest bekommt, der stirbt binnen drei Tagen. Auch wenn du das nicht wahrhaben willst. Dein Trotz und dein Hochmut fordern die Götter heraus! Luth hat sein Messer an Swanas Schicksalsfaden gelegt, und wir sind nur Sterbliche. Füge dich in dein Schicksal!«
»Du wagst es, mir zu drohen? Aus meinen Augen! Schick die Reiter aus! Wenn Swana nicht die Einzige ist, die erkrankt ist, dann werden die Elfen vielleicht den anderen noch helfen können. Melvyn kann ... « Tränen erstickten ihre Stimme. Sie konnte sie nicht länger zurückhalten. Sie ging zur Tür und warf sie mit aller Kraft zu. Dann legte sie den Riegel vor und ging zurück zu Swana.
Sie hörte Olav rufen. Aber es gab nichts mehr zu sagen.
Sie nahm den alten Schemel, der neben der Feuerstelle stand, und hockte sich neben Swanas Lager. Sie biss sich auf die Lippen, bis sie Blut schmeckte. Sie durfte nicht weinen! Swana sollte sie so nicht sehen, wenn sie aus ihrem Fieber erwachte.
Die Königin tauchte ein Tuch in die Wasserschüssel und tupfte ihrer Kleinen wieder über die Stirn. Dann begann sie leise zu singen. Das Lied, das sie ihr an der Wiege immer vorgesungen hatte. Ein Lied über ihren Onkel Ulric und dessen Liebe zur Tochter einer einfachen Wäscherin. Ein Lied darüber, wie er als Kind einen Troll besiegte und wie er gemeinsam mit seiner großen Liebe Halgard den Tod überwand, als mitten im Winter über dem Scheiterhaufen, auf dem sie beide aufgebahrt lagen, die Bäume erblühten.
Als sie mit dem Lied endete, bereute Kadlin, die Götter beleidigt zu haben, und sie begann zu beten, wie sie nie zuvor in ihrem Leben gebetet hatte. Und sie flehte darum, dass auch ihrer Swana ein Baum erblühen möge, obwohl es Herbst war und alle Blätter fielen.
Das Blau der Lüge
Ihr kleines Boot glitt auf ein Schneefeld, über das sich rings herum mächtige Berge erhoben. Die Kälte war atemberaubend! Eben noch waren sie auf dem Meer gewesen, und er hatte den Albenstern geöffnet.
Nikodemus schlotterte am ganzen Leib. Auch Falrach ging es nicht besser. Mit ihrer dünnen Sommerkleidung waren sie dem Frost schutzlos ausgeliefert. Nur Emerelle machte das nichts aus. Der Lutin versuchte sich zu erinnern, mit welchem Zauber man sich gegen die Kälte schützte. Er hatte ihn einmal gelernt...
»Du darfst dich nun zu den Deinen zurückziehen.« Die Königin deutete auf den Schnee. »Hier waren erst vor kurzem Maurawan. Ihre Spuren sind noch deutlich zu erkennen. Sie sollten dich besser nicht sehen. Ich schätze, sie werden auf dein Volk nicht gut zu sprechen sein.«
Nikodemus konnte keine Spuren entdecken! Sie wollte ihn loswerden, das war alles. Nach alldem, was sie gemeinsam erlebt hatten, schob sie ihn einfach ab! Undankbare Ziege! Ohne ihn wäre sie in der Alten Veste von den Shi-Handan getötet worden! Beim Orakel hatte er sich gegen seinen Willen aufgeopfert …
Er tastete über sein Gesicht. Damit konnte er nicht zu seinem Bruder zurück!
»Mein Gesicht, Herrin ... Der Orakelspruch. So sollte ich nicht vor Elija treten.«
Emerelle sah zu ihm herab. Es war unübersehbar, dass sie an etwas ganz anderes dachte. Er war stolz darauf gewesen, mit ihr zu reisen. Zumindest zuletzt. Welcher Lutin war je so lange so nah bei der Elfenkönigin gewesen! Aber ihr schien das alles gar nichts bedeutet zu haben.
Sie legte ihm die Hand aufs Gesicht. Sein Fell verdeckte die tätowierten Buchstaben fast völlig. Und durch seine andere Gesichtsform war der Orakelspruch wahrscheinlich bis zur Unleserlichkeit verzerrt. Dennoch wollte er kein Risiko eingehen. Elija war immer misstrauisch!
Ein ziehender Schmerz ließ ihn aufkeuchen. Es fühlte sich an, als reiße man ihm das Fell vom Angesicht. Dann war es vorbei.
»Nun bist du frei, Nikodemus Glops«, sagte sie kühl. »Berichte deinem Bruder, was du erlebt hast. Und hüte dich vor Skanga! Sie wird es sicherlich nicht schätzen, dass du mich vor dem letzten Shi-Handan gerettet hast. In ihren Augen wird das wie ein Verrat aussehen.«
Die Warnung wunderte ihn. Sie hatte zweifel os Recht! War er ihr doch nicht egal? Er wurde nicht schlau aus ihr. Vielleicht musste man so sein, wenn man erfolgreich herrschen wollte. Undurchschaubar!
Sie stieg aus dem Boot. Doch Falrach blieb. Der Elf kniete vor ihm nieder. »Gräme dich nicht. Du weißt ja, wie sie ist.«
Nein, das hätte er nicht zu behaupten gewagt, dachte Nikodemus bei sich.
»Du kannst über alles frei reden, was du mit uns er lebt hast. Sie werden dich sicher befragen. Wenn die Zeit kommt, dann werde ich dich vielleicht um Hilfe bitten. Du bist ein Mann von Macht und Einfluss. Ich nicht mehr.
Ich würde mich glücklich schätzen, wenn du mein Freund wärst.« Falrach streckte ihm die Hand entgegen. Nikodemus ergriff sie und drückte sie fest. Für einen Elfen war Falrach wirklich in Ordnung!
Dann stieg auch sein Gefährte aus dem Boot. Er konnte sehen, wie der Elf vor Kälte zitterte. Er besaß keine Zaubermacht. Er konnte sich nicht gegen den Frost schützen.
Und Emerelle hatte ihn wieder einmal vergessen. Was Falrach wohl an sie band? Er hätte sie schon längst verlassen sollen!
Nikodemus sah den beiden noch eine Weile nach. Falrach drehte sich zweimal zu ihm um, während sie das weite Schneefeld hinabwanderten. Emerelle nicht.
Der Lutin schlang sich schlotternd die Arme um die Brust. Er sollte wirklich schnellstmöglich fort von hier, bevor ihm noch die Schnauze zufror. Er brauchte vier Versuche, bis es ihm endlich gelang, das magische Tor zu öffnen. Mit klappernden Zähnen war das Zaubern wahrlich nicht leicht! Hastig trat er durch den schillernden Torbogen in das Dunkel des Nichts. Hier war es weder warm noch kalt. Er stellte sich das Goldene Netz in Gedanken vor. Es war anders als früher. Viele Reisende schienen um den Albenstern in Burg Elfenlicht unterwegs zu sein. Er war noch nie jemand anderem im Netz begegnet, obwohl es Gerüchte gab, dass das vorkommen konnte.
Nikodemus glaubte, dass die Alben dieses Wunderwerk der Magie so geschaffen hatten, dass es unmöglich war, sich zu treffen. Wie hätte man auf den schmalen Wegen einander ausweichen sollen? Sie mussten irgendeinen genialen Trick mit der Zeit in ihre Zauber gewoben haben, so dass nie zwei Gruppen von Reisenden im selben Augenblick am selben Fleck sein konnten. Vielleicht war dieser Aspekt der Zeit, der in das Goldene Netz eingebunden war, auch der Grund, warum es einen in die Zukunft verschlug, wenn man beim Zaubern einen Fehler machte.
Bald hatte er den großen Albenstern gefunden, der ihn in den Thronsaal bringen würde. Und wieder überkam ihn das Gefühl, dass viele andere neben ihm im Netz wanderten. Er schritt durch das Tor. Vor ihm brannte ein Feuer. Zwei Trollkrieger sahen ihn gelangweilt an.
»Weitergehen!«, herrschte ihn eine heisere Stimme an.
Nikodemus gehorchte und sah sich verwundert um. Doch, er war im Thronsaal der Königin Emerelle. Aber es bedurfte eines zweiten Blicks, um das erkennen zu können.
Der Boden lag voller Binsen und Stroh. Überall hockten Gruppen von Reisenden, die wohl darauf warteten, in das Goldene Netz zu treten. Geschöpfe aus allen Welten-gegenden waren hier versammelt. Konsterniert sah er eine ganze Reihe von Kobolden, die dicht vor der Wand aus fallendem Wasser standen und in die schmale Rinne pin-kelten, in der sich das Wasser sammelte, bevor es in verborgene Rohre abfloss. Er kannte den Drang, sich noch einmal zu erleichtern, bevor man in das Goldene Netz trat. Viele hatten Angst vor dieser Art des Reisens. Was Emerelle wohl sagen würde, wenn sie ihren Thronsaal sehen könnte? Bei dem Gedanken an das Gesicht, das sie machen würde, musste er grinsen.