»Darf ich ihm einen Finger ausreißen?«, fragte Birga. »Das wird seiner Erinnerung auf die Sprünge helfen, das verspreche ich dir.«
»Noch nicht.« Skanga lächelte ihn an. »Willst du wirklich den Weg der Schmerzen gehen?«
»Du selbst hast mich beauftragt, Emerelle zu suchen!«
»Das war vor elf Jahren. Ich weiß nicht, wie Lutin das sehen, aber mir erscheint das eine sehr lange Zeit. Ich habe dich ausgeschickt, um Emerelle zu finden, damit sie hingerichtet werden kann. Nun kommst du wieder, und du wurdest vor nicht langer Zeit von der Elfe geheilt, der du den Tod bringen solltest. Du musst mir zugestehen, dass dich das nicht in einem guten Licht dastehen lässt. Und dann ist da noch deine Aura, die beherrscht ist vom kalten Blau größter Angst. Was fürchtest du, Nikodemus?«
Der Lutin räusperte sich. »Dass ich nicht die Zeit haben werde, dir diese -
zugegebenermaßen - merkwürdig erscheinenden Umstände erklären zu dürfen.«
Die alte Schamanin ließ sich auf einer Truhe nieder. »Rede! Und vergiss nichts!«
Stockend begann er zu erzählen. Als Skanga und Birga ihn nicht unterbrachen, gewann er an Selbstvertrauen. Er berichtete alles. Nur seinen Besuch beim Orakel ließ er aus.
Als er endete, war seine Angst fast verflogen.
»Und was sind Emerelles Pläne?«, fragte Skanga.
»Sie will sich mit den Maurawan treffen. Und sie will zum Gipfel des Albenhaupts. Ich glaube, Falrach wird sie auf diese Reise nicht begleiten.«
»Wenn sie versucht, das Albenhaupt zu ersteigen, müssen wir uns wohl keine Sorgen mehr machen«, sagte Birga gut gelaunt.
»Und wenn sie wusste, dass der Lutin uns alles erzählen wird?«, wandte Skanga ein.
»Dieser Falrach ist doch berühmt dafür, sehr verwickelte Pläne auszuhecken. Viel leicht haben sie den Lutin getäuscht, damit wir uns in Sicherheit wiegen, wenn er das erzählt. So verrückt kann Emerelle nicht sein, dass sie versucht, einen Berg zu erklimmen, der jeden umbringt. Und was glaubst du, warum sie so kurz vor der Königswahl in Vahan Calyd zurückkehrt, nachdem sie viele Jahre verschwunden war.
Das ist kein Zufall! Sie wird niemals auf diesen Berg steigen. Sie ist hier, um Gilmarak zu stürzen. Und weil sie weiß, dass ihr das auf dem Schlachtfeld nicht gelingen kann, sucht sie bei den Maurawan nach Meuchlern, die ihr dabei helfen sollen, unseren König zu ermorden.«
Die Worte der Schamanin ernüchterten Nikodemus. War es möglich, dass Falrach und Emerelle ihm etwas vorgemacht hatten? Auch Falrach?
»Ich sehe, auch du zweifelst jetzt«, fuhr ihn Skanga an. »Und durch das Schlammbraun des Zweifels dring erneut die Farbe der Angst in deine Aura. Du verheimlichst uns doch etwas!«
»Nein, Herrin, das würde ich niemals ...«
»Und jetzt sehe ich auch noch die Farbe der Lüge. Ein mattes Gelb.«
Nikodemus blickte zur Tür. Würde er es schaffen ... Noch bevor er den Gedanken vollenden konnte, packte ihn Birga. Er stemmte sich gegen ihre Kraft. Aber es war vergeblich. Er fühlte sich hilflos wie ein strampelndes Kleinkind in den Armen seiner Mutter.
»Du solltest uns jetzt sagen, was du uns verheimlichen willst.« Skangas Stimme klang müde.
Nikodemus dachte an die Tätowierung auf seinem Gesicht. Diese Geschichte würde ihn den Kopf kosten. Wer wollte schon einen Verräter um sich haben! Er konnte es nicht sagen.
»Fang an, Birga«, sagte Skanga. »Bring ihn nicht um. Er muss leben, hast du das verstanden?«
»Er wird leben, meine Herrin. Und er wird uns zuletzt mit Begeisterung alles sagen, was er weiß!«
Das Trollweib hörte sich beängstigend zuversichtlich an. »Hast du einen Lieblingsfinger, Lutin?« Was sollte das nun wieder? Ihm schwante das Schlimmste.
»Welchen deiner Finger findest du besonders bedeutend in deinem Leben? Welcher ist dir besonders nützlich in deinem Leben? Ich möchte ihn gern beschützen.«
So blöd wäre er noch, ihr das zu glauben! »Der kleine Finger meiner linken Hand. Ich benutze ihn beim Liebesspiel. Ich kann damit Weibern ... «
»Das will ich gar nicht wissen«, unterbrach ihn Birga. »Deine Weibergeschichten sind nicht von Belang. Du wärst also sehr unglücklich, diesen Finger zu verlieren? Bist du dir da ganz sicher? Andere schätzen besonders ihren rechten Daumen.«
Nikodemus schwitzte vor Angst. »Schwertkämpfer und Bogenschützen brauchen ihren rechten Daumen. Ich nicht. Meine Magie liegt in meinem linken kleinen Finger.
Aber können wir nicht über etwas anderes reden?«
»Nein!« Birga nahm seine beiden Hände und obwohl er sich nach Kräften mühte, sie zu Fäusten zu ballen, drückte sie ihm mühelos die Finger auseinander. »Ich möchte dir helfen«, sagte sie mit honigsüßer Stimme. »Was nun zu tun ist, soll dein Leben, nachdem wir zur Wahrheit gefunden haben, so wenig wie möglich beeinträchtigen. Du bist schließlich ein bedeutender Mann!« Sie nahm seinen rechten Daumen zwischen ihren Daumen und Zeigefinger. Ihre Hände waren bandagiert. Der Stoff kam Nikodemus so rau vor wie der Sand, den der Drachenatem im Verbrannten Land aufgewirbelt hatte. Sie drehte seinen Daumen leicht zwischen ihren Fingern.
Er schrie. Mehr als der Schmerz peinigte ihn die Erwartung dessen, was kommen musste.
Sie drehte weiter. Der Daumen sprang aus seinem Gelenk. Der Schmerz war so stark, dass er nicht einmal mehr schrie, sondern nur noch keuchend atmete.
»Wir sind gleich fertig«, sagte sie und drehte noch etwas weiter.
Nikodemus wurde schwarz vor Augen. Als er wieder zu sich kam, hielt Birga ihn immer noch fest. »Bist du wieder bei uns, kleiner Fuchsmann? Sieh einmal auf den Boden!«
Zitternd gehorchte er. Dort lag sein Daumen. Sie hatte ihn abgedreht, so wie er als Kind Fliegen die Flügel ausgerissen hatte. Ihm wurde schlecht!
»Reden wir weiter über deine Finger, Lutin. Du solltest mir jetzt sagen, welcher dir am zweitwichtigsten ist. Und bitte, sei ehrlich mit mir.«
»Mein linker Daumen«, schrie er auf. Er spürte, wie sein Blut an der rechten Hand hinablief. Er dachte an die Tätowierung auf seinem Gesicht. Er konnte das nicht sagen.
Sie würde ihm den Hals umdrehen, wenn sie das hörte!
»Und welcher der verbliebenen Finger bedeutet dir am wenigsten?« Sie sagte das in einem Tonfall, als habe sie es schon hundertmal gesagt.
»Mein rechter kleiner Finger. Aber bitte, wir können ... «
Sie nahm seinen linken Daumen. »Leider kann ich diesmal auf deine Bedürfnisse keine Rücksicht nehmen. Da du noch immer nicht sprichst, werde ich dir zeigen müssen, dass ich auch streng sein kann. Du zwingst mich dazu, es zu tun.« Sie drehte leicht.
Nikodemus schrie.
»Lass ihn sofort los!«
Durch den Schleier seiner Tränen sah Nikodemus eine kleine Gestalt in schwarzem Ledermantel.
»Der König ist über euer Tun unterrichtet. Lasst ihn los, oder es wird euch übel ergehen! Ich weiß, dass er für deine Grausamkeiten nur wenig Verständnis hat und schon lange auf eine Gelegenheit wartet, dich für deine Vergehen am Volk zur Rechenschaft zu ziehen. Für verkommene, grausame Individuen wie dich ist in unserer neuen, gerechten Gesellschaft kein Platz, Schwester Birga!«
»Lass den Lutin los«, sagte Skanga mit tonloser Stimme. »Natürlich stellen wir uns nicht gegen den Willen des Königs und seinen Lieblingsohrenbläser.«
Birga stellte ihn auf die Füße. Nikodemus konnte nicht aus eigener Kraft stehen. All seine Kraft hatte ihn verlassen. Er ging in die Knie. Schluchzend hob er den blutigen Daumen auf, der auf dem Boden lag.
»Komm mit mir, Bruder.« Elija nahm ihn und half ihm auf. Er packte ihn unter den Achseln und zog ihn mit sich. Kein Wort fiel mehr.
Nikodemus konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Er schluchzte hemmungslos.
Vor der aufgegebenen Küche erwarteten ihn weitere Kobolde. Er sah das Gesicht von Liza. Liza, seine Geliebte! Er kämpfte gegen seine Tränen an. Er wollte vor ihr nicht wie ein weinerlicher Weichling aussehen.
»Das werden sie büßen«, zischte Elija ihm ins Ohr. »Nicht mehr lange, dann kommt der Tag der Abrechnung.«
Abtrünnig