»Elodia?«
»Ja, genau die meine ich! Schreibst du ihr eigentlich noch Briefe im Namen ihres verstorbenen Bruders?«
»Nein, seit über einem Jahr nicht mehr. Mein letzter Brief an sie war im Namen der Frau, die ihr Bruder nie hatte, verfasst. Ich habe ihr mitgeteilt, er sei an der Pest gestorben.«
Cabezan traute seinen Ohren nicht. »Was? Wie kannst du dich unterstehen! Das untergräbt ihre Moral! Du hättest mich fragen müssen, du verdammter alter Narr! Was hast du dir dabei gedacht?«
Balduin gehörte zu den wenigen Männern, die es wagten, seinem Blick standzuhalten, wenn er in Rage geriet. »Ich konnte das Mädchen nicht mehr länger belügen. In Drusna ist ihr übel mitgespielt worden. Sie hätte es fast nicht mehr zurück geschafft.«
»Und weil du ein Menschenfreund bist, hast du ihr noch geschrieben, dass ihr Brüderchen verreckt ist? Was wolltest du damit erreichen? Dass sie sich erhängt?«
»Ich konnte sie nur einfach nicht mehr belügen«, antwortete der Alte ruhig. »Ich fürchte, ich habe mir nicht viel dabei gedacht. Ich wollte mich nur einer unangeneh-men Pflicht entledigen.«
Dass er sich nichts gedacht hatte, mochte Cabezan nicht glauben. Das war nicht Balduins Art. Was würde er als Nächstes tun? Dem Mädchen einen Brief schreiben, in dem die Wahrheit über den Tod ihres Bruders stand? »Du wirst meinen Befehl ausführen, Balduin! Dieses Mädchen soll den edlen Ritter verführen und ihm dann einen Becher mit vergiftetem Wein einschenken. Dann hat der Ärger ein Ende. Davor wird ihn seine Rüstung ja wohl nicht bewahren!«
»Bitte entschuldigt, Herr, aber das ist etwas anderes, als Heidenfürsten in Iskendria oder Drusna zu töten. Michel Sarti ist ein Held. Womit soll ich die Notwendigkeit seines Todes begründen?«
»Ich bin der König! Ich bin so einer kleinen Hure keine Erklärungen schuldig. Was denkst du dir!«
»Ich denke, dass wir sie zur Hure gemacht haben und dass sie Fargon im Kampf gegen seine Feinde in den letzten Jahren weit größere Dienste erwiesen hat als all unsere Krieger zusammen, den weißen Ritter eingeschlossen. Wir sollten ihr nicht einen so schmutzigen Mord anhängen. Es wird herauskommen, dass sie den Ritter getötet hat.«
»Umso besser, wenn die Kleine stirbt. Dann kann sie auch nicht mehr herausfinden, wie sehr du sie über ihren Bruder belogen hast. Tankret wird sich darum kümmern, dass der Pöbel sie aufspürt und sie am nächstbesten Baum aufgeknüpft wird.« Sein Leibwächter lächelte. Er hatte kein Gewissen. »Du darfst dich jetzt zurückziehen, Balduin. Bis zur Dämmerung will ich den Brief sehen, den du der kleinen Hure schreibst.«
Cabezan legte den Kopf in den Nacken und lauschte auf die schlurfenden Schritte seines alten Hofmeisters. So offen hatte sich Balduin noch nie zuvor widersetzt. Das konnte er nicht dulden! Er blickte in den Himmel hinauf. Eine Wolke war vor die fahle Herbstsonne gezogen. Es wurde kühl auf der Terrasse. Er zog das Bärenfell höher.
Als Balduin verschwunden war, winkte er Tankret zu sich. »Die Frechheiten des Hofmeisters haben mich verärgert. Ich würde es begrüßen, wenn er keine Gelegenheit mehr hätte, mich noch einmal zu kränken. Es sollte wie ein Unfall aussehen. Er hat viele Freunde. Aber niemand würde sich wundern, wenn so ein alter Mann die Treppe hinabstürzt. Allerdings soll er vorher noch den Brief aufsetzen. Morgen wäre ein guter Tag für seinen Tod.«
Tankret trat vor ihn. »Mein König, ist es klug, den Alten zu töten?«
Cabezan hob verärgert eine Braue. Es war das erste Mal, dass sein Leibwächter einem Mordauftrag widersprach. War er plötzlich von Verrätern und Weichlingen umgeben?
»Nicht, dass Ihr mich missversteht, mein Herr. Lange Jahre habe ich nur darauf gewartet, dass Ihr mir befehlt, ihn zu töten. Er hält mich für einen tumben Mörder. Er lässt keine Gelegenheit aus, mir seine Verachtung zu zeigen. Ich würde seinen Tod nicht bedauern. Und manches Mal habe ich überlegt, ob ich das Schicksal nicht ohne Euren Befehl in die Hand nehmen soll. Aber Balduin ist zu wichtig ... Er ist in zu viele Geheimnisse eingeweiht. Er versteht sich zu gut darauf, die Verwaltungsaufgaben in Eurem Sinne zu erledigen, ohne dass Ihr danach schauen müsstet. Es gibt am ganzen Hof niemanden, der ihn ersetzen könnte. Schon am Tag nach seinem Tod würden Schwierigkeiten beginnen. Wenn ich mir einen Rat erlauben darf, mein Herr. Lasst ihn erst einen Nachfolger ausbilden. Dann werde ich ihn mit Freuden umbringen.«
Cabezan strich sich müde über die Stirn. Ein Leibwächter, der seine Befehle hinterfragte ... Er sollte Tankret auch damit beauftragen, einen Nachfolger auszubilden!
Das Haus der Königin
Die Maurawan hatten Emerelle überrascht. Sie hatten ihr einen prächtigen Schimmel geschenkt und ein wunderbares Kleid. Man konnte ihm ansehen, woher es kam. Und doch war es einer Königin angemessen. Es war aus weichem, weißem Leder mit langen Fransen an den Ärmeln, die die Nähte gegen Regenwasser schützten. Hunderte kleiner Flussperlen waren darauf aufgestickt und bildeten verschlungene Spiralmuster. Dazu kamen schenkelhohe, weiße Stiefel. Das Kleid war geschlitzt, so dass es beim Reiten nicht störte, obgleich es vermutlich die Blicke der Männer anziehen würde. Stiefel und Lederkleid waren schön und praktisch zugleich. So würde sie auch das Albenhaupt erklimmen können.
Emerelle führte den Hengst über das Schneefeld hinauf zum Albenstern. Immer wieder blickte sie zu dem Berg, der sich in der Ferne erhob. Sein Haupt war in dichte Wolken gehüllt. Es hieß, noch nie habe ein Albenkind den Gipfel dieses Berges erblickt. Falrach hatte ihr etwas gesagt, das sie zunächst einfach nur abgetan hatte, doch die Worte waren wie ein schleichendes Gift in sie eingedrungen. Wenn kein Albenkind und kein Menschenkind den Weg zum Gipfel finden konnten, dann mochte dort oben auch ein Devanthar lauern. Vielleicht war der Bann, der auf dem Berg lag, ein Schutz? Jener letzte Devanthar, der sich vor etlichen Jahren ins Herzland gewagt hatte, um mit der Zauberin Noroelle ein Kind zu zeugen, war seitdem verschwunden. Wartete er auf dem Albenhaupt?
Das war Unsinn, sagte ihr der Verstand. Warum sollte er sich dorthin zurückziehen?
Vielleicht um die blutige Fehde mit den Alben zu Ende zu bringen?
Emerelle erreichte das Boot, das noch immer auf dem Berghang lag. Es war halb in einer Schneewehe versunken. Die Elfe entspannte sich und befreite ihren Geist von allen Zweifeln. Dann griff sie nach der Macht des Albensterns. Sie spürte die Kraft des Goldenen Netzes und ließ sie durch sich fließen. Dabei dachte sie an das Hartungs-kliff hoch über Firnstayn, wo inmitten einer steinernen Krone auf dem Gipfel des Berges der Albenstern lag, der ihr Ziel war.
Das magische Tor öffnete sich. Sie spürte die Unruhe ihres Hengstes. Er ließ sich zwar ohne zu scheuen ins Goldene Netz führen, doch seinen Augen waren weit vor Angst, und seine Nüstern bebten. Nur wenige Schritt, dann war sie auf der anderen Seite. In einer anderen Welt. Wind zerzauste ihr Haar, als sie durch das magische Tor trat. Sie blickte hinab auf das graue Wasser des Fjords. Es lag noch kein Schnee auf dem Hartungskliff, doch der Winter war nicht mehr fern. Kalter Nieselregen wob silberne Wasserperlchen in die Mähne ihres Hengstes.
Leichter Nebel lag über dem Ufer des Fjords. Sie konnte Firnstayn nicht sehen, doch leuchteten dort, wo die kleine Stadt liegen musste, zwei helle Lichter. Nein, nicht Lichter. Es waren Feuer wie von brennenden Häusern!
Emerelle saß auf und trieb ihren Hengst den Hang hinab. Trittsicher brachte er sie über ein Geröllfeld auf einen steil abfallenden, grasbewachsenen Hang. Als ein Windstoß den Nebel zerriss, sah sie deutlich das Feuer, und Menschenkinder, die am Fjord entlang flüchteten. Ein Haus nahe der Festhalle der Königin brannte! Ein zweites mitten in der Siedlung. Was ging dort vor sich? Feindliche Krieger konnte sie nicht entdecken.