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Anderan wusste, dass die Schätze zu dem Vulkan geschafft wurden, der sich an der Stelle der untergegangenen Trollfestung Königsstein erhob. Er war zugegen gewesen, als die erste Karawane ihr Ziel erreichte. Außer ihm waren nur drei andere Kobolde aus dem Kronrat mit anwesend gewesen. Für das letzte Stück des Weges waren die Schätze allein Trollen anvertraut worden. Die Steppenschiffe, die das letzte Stück ihres langen Weges als Eissegler zurückgelegt hatten, ankerten etwa zehn Meilen vom Vulkan entfernt. Und die Trolle, die kamen, stammten aus den neuen Höhlen, die nahe beim Königsstein in den Fels gegraben wurden. Diese Trolle schleuderten die Schätze Albenmarks in den Schlund des Vulkans. Drei Karawanen hatten den Vulkan erreicht.

Und unzählige Schiffsladungen mit Schätzen waren an den Ufern der Walbucht ange-landet worden. Gilmarak musste nur noch ein oder zwei Jahre an seinem Plan festhalten, dann würde es in ganz Albenmark nicht mehr genug Gold oder Silber geben, um eine Geldwirtschaft aufzubauen. Der Schwarze, ein Drucker, der zum geheimen Rat der Kommandanten gehörte, hatte zwar vorgeschlagen, man könne’

Wertpapiere drucken und mit ihnen Gold und Silber ersetzen, aber Anderan konnte sich nicht vorstellen, dass das eine Zukunft haben könnte. Wer würde schon einem Stück Papier vertrauen! Und wie leicht wäre es, sein Vermögen zu vermehren, indem man neue Papiere druckte. Das hatte weder Hand noch Fuß! Keine gesunde Wirtschaft würde auf der Basis von Papieren existieren können. Niemand im Volk würde diesen Papieren vertrauen. Gold und Silber waren etwas Handfestes! Seit Anbeginn der Zeiten waren sie das Rückgrat des Handels gewesen.

»Warum sollten Katander und Nestheus mich wählen?«

»Weil du das kleinste Übel bist, Kamerad. Sie werden wissen, dass sie niemals Herrscher Albenmarks würden. Und wenn sie dich nicht wählen, wer weiß, wer im dritten Wahlgang antritt.«

Anderan ließ sich auf das Gedankenspiel ein. »Gut, dann habe ich also die Stimmen der Kentauren und deine. Die beiden Trolle werden gegen mich stimmen. Wenn Alvias auch gegen mich stimmt, dann habe ich keine Mehrheit.«

»Alvias wird dann nicht mehr am Leben sein.«

»Was ... « Anderan fühlte sich vorgeführt wie ein Kind.

»Denk dich doch einmal in ihn hinein. Er war der treueste der Treuen. Unzählige Jahre war er der Hofmeister Emerelles. Er hatte Burg Elfenlicht zu dem gemacht, was es war.

Er hatte dafür gesorgt, dass Emerelles Herrschaft Glanz hatte! Ich bin sicher, er weiß, wie es hier aussieht. Weiß, was die Trolle aus seiner Burg gemacht haben. Und er wird sie dafür hassen, dass sie Emerel e ihre Macht entrissen haben und sie demütigten. Bis zum ersten Wahlgang wird er nicht an Gilmarak herankommen. Aber wenn der Trollkönig in der Wahl unterliegt, wird es zu einem Tumult kommen. Und diese Gelegenheit wird Alvias nutzen, um sich an Gilmarak zu rächen. Er ist nicht der Schwertmeister, aber ich weiß, dass er in einer Reihe von Schlachten gekämpft hat.

Vielleicht schafft er es, Gilmarak zu töten. Ganz sicher wird er nicht überleben. Dann sind nur noch fünf Fürsten übrig, die wählen können, und dir werden drei Stimmen zur Mehrheit genügen.«

»Ich weiß nicht, ob ich die Bürde des Königtums tragen kann«, wandte er unsicher ein.

»Glaubst du, du würdest schlechter herrschen als ein Troll? Natürlich werden wir dir alle zur Seite stehen. Du wirst auf dem Thron sitzen, aber du bist nicht allein.«

Schwang im letzten Satz eine Warnung mit? Sicherlich hatte Elija auch schon einen Plan dafür, was er tun würde, falls er nicht so regierte, wie der Lutin sich das wünschte. »Und was ist mit Emerelle? Glaubst du, sie wird nicht versuchen, wieder an die Macht zu gelangen?«

»Davon erzählt dir besser mein Bruder Nikodemus. Er war lange an der Seite der Königin. Er weiß besser, wie es um sie steht als irgendjemand sonst in Albenmark.«

Der Lutin sah noch sehr jung aus. Erst jetzt bemerkte Anderan, dass ihm ein Daumen fehlte. Auch wenn es widersinnig war, machte es ihm den Lutin sympathisch, dass sie beide auf die gleiche Art verstümmelt waren.

»Ich glaube, Emerelle ist wahnsinnig geworden«, begann er mit ruhiger Stimme. »Ich selbst habe gesehen, wie sie sich nackt auszog, von Wilden mit Lehm einschmieren ließ und so durch die Wüste lief. Als ich die Elfe verließ, hatte sie den Plan gefasst, auf das Albenhaupt zu steigen. Sie ist davon überzeugt, dass die Alben nicht unsere Welt verlassen haben, sondern auf dem Gipfel des Berges zu finden sind. Möglicherweise wird ihr Schwertmeister versuchen, die Krone Albenmarks zu erlangen. Aber er vertraut mir. Er wird mit mir wieder in Verbindung treten. So werde ich über alles im Bilde sein, was er plant.«

Anderan hatte Emerelle beim letzten Fest der Lichter in ihrem Schmetterlingskleid gesehen. Die Königin hatte so majestätisch und unnahbar gewirkt! Und jetzt irrte sie mit Lehm beschmiert unter Wilden umher? Wie tief musste sie gesunken sein!

»So wie ich es sehe«, übernahm nun wieder Elija das Wort, »gibt es drei Gruppen, die um die Krone streiten werden. Die Trolle, der Schwertmeister und wir. Wir sind die Einzigen, die die Pläne aller kennen. Deshalb werden wir siegen. Der Kampf um die Krone ist eine Schlacht! Doch diese Schlacht wird nicht durch die Kraft des Schwertarms entschieden, und deshalb sind wir Elfen und Trollen nicht unterlegen.

Wir werden siegen, weil dies der einzige logische Schluss aus dem Verlauf der Geschichte Albenmarks ist. Die Koboldvölker stellen die bei weitem überwiegende Mehrheit aller Albenkinder. Die Zeit der Herrschaft der wenigen über die vielen ist vorüber. Wir leben in der Epoche, in der das Volk sein Schicksal selbst in die Hand nimmt.

Und wir sind die legitimen Vertreter des Volkes. Aber wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass kurz vor dem endgültigen Sieg die größte Gefahr droht. Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass sich die Elfen noch ein letztes Mal gegen den unabänderlichen Lauf der Geschichte aufbäumen werden. Sie werden Meuchler schicken. Du wirst in Gefahr sein, Anderan. Bruder Madrog und seine Spinnenmänner werden dich beschützen, wenn du auf der Prunkbarkasse zum König erhoben wirst.

Und wir werden in den nächsten Wochen Tausende der treuesten Rotmützen nach Vahan Calyd bringen. Sie werden bereitstehen, um notfalls einen Putsch anzuführen, wenn die Königswahl nicht den gewünschten Verlauf nimmt.«

Damit war wohl sein Tod gemeint, dachte Anderan zynisch. Er versuchte sich nicht auszumalen, was Skanga ihm antun würde, wenn er statt Gilmaraks zum Herrscher Albenmarks wurde.

»Jeder von uns hat in den letzten Jahren großes Leid erdulden müssen. Ich verlor mit Ausnahme meines Bruders und unserer Kameradin Liza meine ganze Sippe bei der Schlacht um die Snaiwamark-Karawane. Ich weiß, dass es niemanden in dieser Runde gibt, der keine Toten zu beklagen hätte. Denkt an eben diese Toten, wenn ihr nach Vahan Calyd geht. Der Tag, an dem wir den Preis für ihre Opfer einfordern, ist nicht mehr fern. Der Tag, für den sie gestorben sind. Wir schulden es ihnen zu siegen und unsere Welt in jenen Ort zu verwandeln, von dem sie nur träumen konnten. Und die vollkommene Gesellschaft, in der kein Schwacher mehr die Tyrannei der Starken zu fürchten hat. Eine Welt, in der wir alle vor den Gesetzen gleich sind. Erhebt euch, Brüder und Schwestern! Gedenkt eurer Toten! Und wenn wir auseinandergehen, dann lasst uns mit all unserer Kraft für unser ruhmreiches Ziel streiten. Wenn wir das nächste Mal zusammenkommen, wird Anderan Herrscher Albenmarks sein.«

Das Lied des Berges

Sieben Wochen hatten die beiden ihr gestohlen! Das war der Preis, den Kadlin und Melvyn ihr abverlangt hatten. Sie hatte so lange im Fjordland bleiben müssen, bis die Pest besiegt war. Und Kadlin war eisern geblieben. Melvyn war einer der besten Krieger Albenmarks, aber der Willensstärke Kadlins hatte er nichts entgegenzusetzen.