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Eine Böe packte ihren Adler und drückte ihn unbarmherzig hinab, den Felsen entgegen. Er kämpfte verzweifelt mit den Flügeln schlagend gegen den Wind an.

Zerfetzte Wolkenschleier hüllten die Klippen ein. Emerelle spürte, wie die Spitzen der Schwingen über Stein streiften. Der Adler legte die Flügel an und ließ sich an einer Steilwand vorbeistürzen. Sie wurde in ihrem Tragegerüst herumgerissen. Ihr Magen rebellierte.

Plötzlich breitete der Adler seine Flügel weit aus. Der Sturzflug wurde abgefangen. In weiten Spiralen und mit einigem Abstand zum Berg begann er wieder den Aufstieg.

Das sollten wir nicht noch einmal versuchen. Wolkentaucher, der Adlerfürst, der Melvyn trug, kreiste ein Stück weit über ihnen. Wir kommen nicht höher als bis zum östlichen Gletscher. Wir müssen euch dort absetzen. Wenn ihr klug seid, kommt ihr mit uns zurück.

Emerelle musste den Kopf verdrehen, um Wolkentaucher zu sehen. Fleckfuß, ihr eigener Adler, wirkte erschöpft. Emerelle hing dicht unter seiner Brust und hatte nur schlechte Sicht nach oben. All ihre Glieder schmerzten vom turbulenten Flug. Melvyn hatte für sie beide ganz neue Fluggeschirre entworfen. Sie besaßen Gurtzeug wie ein Rucksack, aber mit zusätzlichen Ledergurten, die bis hinab zum Schritt reichten und auch quer über die Brust verliefen. Alle Gurte waren mit einem starken Stück Wur zelholz auf ihrem Rücken verbunden. Es ragte bis über ihren Kopf, wo ein liegender, ovaler Ring in das Holz eingelassen war. Der mit mehreren Schichten aus Lederstreifen verstärkte Ring wurde von den Adlern gepackt. So konnten diese sie tragen.

Allerdings schnitt das Gurtzeug, auch wenn es straff angelegt war, mit der Zeit ins Fleisch. Es war eine alles andere als komfortable Art des Reisens.

Melvyn hatte sich in den letzten Wochen in jedem freien Augenblick auf diese Reise vorbereitet. Er schien keine Angst zu haben. Vielleicht war es eine willkommene Abwechslung von seinem Dasein als Familienvater. Er liebte Leylin und seinen Sohn Conlyn. Aber er vermisste auch seine Freiheit. Er hatte Steigeisen und Eispickel für ihre gefahrvolle Reise geschmiedet. Und er war zweimal für ein paar Tage mit ihr in die Berge gegangen, um sie im Klettern zu unterrichten. Sie hatten an einem gefrorenen Wasserfall geübt, wie man eine Eiswand erklimmt. Er hatte sie auch gelehrt, wie man sich im Klettergeschirr bewegte und gegenseitig sicherte.

Offensichtlich ging er das Unternehmen mit großer Begeisterung und Ernsthaftigkeit an. Und mit jedem Tag war Emerelle sich sicherer gewesen, dass er der Richtige für den Aufstieg auf das Albenhaupt war.

Wir nehmen den Gletscher.

Emerelle blickte hinauf zu dem brodelnden Wolkenmeer, das den Gipfel umgab.

Obwohl die Mittagsstunde kaum verstrichen war, war der Himmel bereits dunkel.

Emerelle schützte sich mit einem Zauber gegen die mörderische Kälte, und doch fühlte sie sich der Macht der Naturgewalten ausgeliefert. Weiter im Süden hielt der Frühling Einzug. Doch hier war von einem Ende des Winters nichts zu spüren.

Vor ihnen erschien eine weite, weiße Fläche. Der Hang war dort nicht zu steil. Die beiden Adler flogen den östlichen Gletscher an. Sie glitten durch feuchte Wolkenfetzen, die von der Macht der Winde die Bergflanken hinabgedrückt wurden.

Setz mich dort ab, Fleckfuß, dachte Emerelle. Sie spürte die Erleichterung des Schwarzrückenadlers. Die riesigen Vögel, die einen Büffel schlagen könnten, fürchteten den Berg. Mit weit ausgestreckten Flügeln glitt er über das Schneefeld dahin. Er wagte es nicht, tiefer als zehn Schritt über dem Schnee zu fliegen, aus Angst, eine Böe könnte ihn gegen den Hang schleudern. Emerelle entspannte sich, um den Aufschlag besser zu überstehen.

Jetzt!

Die Krallen des Adlers öffneten sich. Sie stürzte. Der Schnee federte ihren Aufprall ab.

Sie schlitterte ein Stück den Hang hinab und fand dann einen festen Stand.

Melvyn war vielleicht hundert Schritt über ihr am Hang gelandet. Er rief etwas, doch der heulende Wind verschlang seine Worte. Er deutete auf eine Felsnase, die sich wie ein dunkler Turm aus dem Schnee erhob.

Die beiden Adler waren bereits in den treibenden Wolken verschwunden. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Leichtfüßig lief die Elfe über den Schnee. Trotz des schweren Gepäcks sank sie bei ihren Schritten kaum ein. Wie alle Elfen wusste sie, wie man mit dem Schnee ging, statt gegen ihn anzukämpfen wie Trolle oder Menschenkinder, die mit ihren plumpen Schritten tiefe Furchen in das Weiß zogen.

Melvyn kauerte sich in den Windschatten des Felsens. Eiskristalle glänzten in seinem Haar. »Hast du die Stufen weiter oben im Schnee bemerkt?«

Emerelle nickte.

»Das sind Bruchkanten ... Hier gehen ... Lawinen nieder… kann eine solche Bruchkante zurückbleiben. Wenn wir auf den Gletscher ... sol ten wir uns beeilen. Wir müssen ... schnell bis zu dem Felsgrat gelangen, der sich ... im Norden erhebt. Ich hoffe...wir ein weites Stück zum Gipfel hinauffolgen.«

Emerelle nickte. Die Hälfte von Melvyns Worten hatte sie ihm von den Lippen abgelesen, weil der heulende Wind jedes andere Geräusch überlagerte. Er trat dicht an sie heran und begann die Lederriemen des Adlergeschirrs zu lösen. Zwei Schritt hinter ihr gab es einen tiefen Einschnitt im Felsen.

»Wir werden die Geschirre ... verstauen. Wolkentaucher ... versprochen, dass er jeden Tag zwei Stunden ... Sonnenaufgang hierherkommt, um uns zu suchen.«

Wieder verstand sie nicht alles. Sie streifte das Gurtzeug ab und trat an die Spalte.

Leichte Kopfschmerzen pochten hinter ihrer Stirn. Vielleicht lag es an dem turbulenten Flug. Sie schob das Adlergeschirr in die Spalte. Mitten in der Bewegung hielt sie inne.

Dort kauerte eine Gestalt. Die Knie angehockt und mit den Armen umschlungen. Das Kinn auf die Knie gesetzt. Ihr Gesicht war dunkel vom Frost. Darin leuchtete das Weiß der Augen. Die Gestalt sah sie unverwandt an.

Sie musste tot sein. Das fein geschnittene, schmale Gesicht ließ an einen Elfen denken.

Emerelle beugte sich vor und wollte die Lider schließen. Sie waren gefroren. Je länger sie die Gestalt betrachtete, desto sicherer war sie, dass es ein Elf war. Er trug viel zu leichte Kleidung für die große Höhe. Das hieß, er war sich sicher gewesen, sich mit einem Zauber gegen den beißenden Frost schützen zu können.

Warum war er erfroren?

Sie stellte ihr Adlergeschirr vor den Toten. Melvyn bedachte ihn nur mit einem kurzen Blick. »Es heißt, der ganze Gipfel sei ein einziges Grab«, sagte er. »Komm jetzt. Wir müssen möglichst hoch hinauf gelangen, bevor es Nacht wird.«

Sie folgte ihm. Wind trieb Schleier aus Pulverschnee über den Gletscher. Melvyn ging mit sicheren Schritten. Man merkte, dass er im Schatten des Albenhaupts aufgewachsen war. Emerelle hingegen fühlte sich müde und ein wenig schwindelig. Alle paar Schritt musste sie innehalten und tief einatmen. Den Toten zu sehen, hatte ihr zu schaffen gemacht. Kälte war ihr tief in die Knochen gefahren. Es war die Kälte der Furcht.

Nach einer halben Stunde erreichten sie den felsigen Grat, den Melvyn zum Ziel ihrer ersten Etappe erwählt hatte. Auf der anderen Seite lag ein steiler Hang voller Geröll.

Vereinzelte Schneeflächen durchbrachen das Steinfeld.

»Alles in Ordnung?«

Sie sah verwundert zu Melvyn auf. »Ja. Warum fragst du?«

»Du atmest schwer. Ist dir übel?«

»Nein«, entgegnete sie gereizt. Die Kopfschmerzen setzten ihr zu. Vielleicht kamen sie vom Wind?

»Wenn du eine Rast brauchst, sag es bitte zeitig. In großer Höhe zu wandern zehrt sehr schnell die Kräfte auf. Manchmal sieht man Dinge ...« Eine Böe trug seine Worte davon.

Emerelle musste sich gegen den Wind ducken. »Was für Dinge?«, schrie sie.

»Dinge, die es nicht gibt!«

Sie schüttelte den Kopf. Sie war nicht verrückt! Melvyn sah sie lange an, dann entschied er sich wortlos, weiterzuklettern. Sie folgte dem Weg, den er wählte. Auch er war offensichtlich ein wenig erschöpft. Er hielt oft inne, um Atem zu holen, so dass sie immer wieder leicht zu ihm aufschließen konnte.