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»Was habe ich falsch gemacht, als ich gegen die Männer Cabezans kämpfte?«

Der Junge war von der Frage überrascht. Wollte Jules ihn prüfen? Verzweifelt suchte er nach einer Antwort, mit der er möglichst wenig Schaden anrichten würde. »Mir scheint, dass der Tjuredkirche aus diesen Kämpfen kein Nutzen erwachsen ist«, sagte er schließlich vorsichtig.

Der Priester nickte. »Das ist wahr. Merke dir, ich schätze das offene Wort. Selbst wenn wir einmal verschiedener Meinung sein sollten. Ich will dich nicht zu einem Duckmäuser erziehen. Handle wie ein Ritter. Fang jetzt damit an. Sag mir, was du denkst!«

»Es war nicht ritterlich, was du getan hast. Deine Geschichte ist die Geschichte eines Meuchlers. Eines ...« Eine schallende Ohrfeige war der Lohn für seine Offenheit.

»Das war dafür, dass du mich Meuchler genannt hast.

Merke dir, ich bin dein Meister. Ich werde mich nicht von dir beleidigen lassen! Es hätte genügt, zu sagen, dass meine Taten nicht ritterlich waren. In diesen Worten war als Andeutung schon enthalten, was du danach aussprachst. Offene Beleidigungen sind nicht klug! Aber ja, es war nicht ritterlich. Du hast Recht. Das ist der Grund, warum du hier bist. Wenn deine Ausbildung abgeschlossen ist, wirst du ein Schwertkämpfer sein, mit dem sich kein anderer Mann in Fargon messen kann. Aber du würdest dich nicht im Nebel verbergen. Du würdest wie ein Ritter vor die Frevler treten und ihren Anführer zum Zweikampf fordern.«

»Das halte ich für nicht sonderlich klug. Was ist, wenn sie nicht ritterlich denken? Was, wenn sie mit Armbrüsten auf mich schießen? Was nutzten dann all die Jahre der Ausbildung?«

Jules brach in schallendes Gelächter aus. »Das ist das Problem mit ritterlichen Helden, sie werden meist nicht alt. Aber keine Sorge, mein Junge, ich werde dich vorbereiten.

Fargon ist ein Königreich, in dem Ritterlichkeit nicht mehr viel gilt. Du wirst das ändern. Es wird der Tag kommen, da wird dein Name in aller Munde sein. Die Männer finstren Herzens werden dich fürchten. Und die Mädchen werden erröten, wenn man von dir spricht.«

Er stellte sich vor, wie das Blumenmädchen von ihm hören würde, ohne zu ahnen, wer er einmal gewesen war. »Und du glaubst, ich könnte das schaffen?«

»Bei den Anlagen, die dein Vater dir mitgegeben hat, liegt dir die Welt zu Füßen. Alles, was du brauchst, sind Mut und Ausdauer. Und daran werden wir arbeiten. Ich werde dich jeden Morgen noch vor Sonnenaufgang wecken. Du wirst dein Tagwerk damit beginnen zu laufen, bis deine Beine dich nicht mehr tragen. Danach wirst du graben, um deine Arme zu kräftigen. Dann erst werden wir mit den Kampfübungen beginnen.

Nach der Arbeit mit Spaten und Spitzhacke wird dein Schwert dir sehr leicht erscheinen. Für eine Zeit lang.« Jules grinste ihn breit an. »Und wenn du kein Glied mehr rühren kannst vor Erschöpfung, dann werde ich deinen Geist schärfen. Du musst lesen lernen und schreiben. Du sollst rechnen können und in den Lehren der Tjuredkirche wohl bewandert sein. Du wirst mehr als nur ein Krieger sein. Du wirst ein Ritter werden, wie ihn die Welt noch nicht kennt. Ein Ordensritter. Ein Diener Tjureds und der Menschen. Gelehrter, Priester und Krieger.«

Männerabend

Er saß auf einem Stein, noch warm von der Hitze des Tages, und blickte in den Abgrund vor seinen Füßen. Die Schatten der Nacht hatten die Tiefe zur Erinnerung verschwimmen lassen. Das Licht der Sterne reichte nicht, um auch nur den halben Weg bis zum Grund ahnen zu lassen.

Falrach stieß mit dem Fuß gegen einen kleinen Stein, der klackernd im Abgrund verschwand, und dachte an den Abgrund von mehr als vierzig Jahrhunderten, der zwischen ihm und Emerelle klaffte. Und an Ollowain. Inmitten des stürmischen Liebesspiels hatte sie seinen Namen geflüstert. Wie sollte er es ihr verdenken?

Schließlich blickte sie in Ollowains Gesicht, wenn sie beide einander liebten. All sein Feuer war in jenem Augenblick verloschen. Er hatte versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Hatte gar nichts gesagt. Vielleicht hatte Emerelle in seinen Gedanken gelesen und entdeckt, was geschehen war?

Falrach blickte hinab in die Dunkelheit. Seine Seele lebte in einem Leib, der ihm nicht gehörte. Er durfte nicht...

»He, Mann. Das ist kein guter Platz, um Trübsal zu bla sen. Von dieser Klippe habe ich meine Schwiegermutter gestoßen, nachdem sie versucht hatte, mich zu vergiften.« »Was?«

Oblon stand hinter ihm. Er grinste ihn an, was sein aufgemaltes Totenkopfgesicht besonders abstoßend wirken ließ. »Das war nur ein Scherz. Was machst du hier? Du hattest doch einen guten Tag.«

»Wie kommst du darauf?«

Das Grinsen des Kobolds wurde noch breiter. »Tja, mit Felsen hat es so eine seltsame Bewandtnis. Manchmal verschlucken sie jeden Laut, und manchmal tragen sie ein leises Flüstern eine Meile weit.«

Falrach schluckte. Das hatte gerade noch gefehlt, dass das halbe Dorf ihm und Emerelle zugehört hatte.

»Ich seh schon, dass dir irgendeine Laus über die Leber gelaufen ist. Du solltest lieber mit mir kommen. Wir machen uns einen netten Männerabend. Du wirst sehen, danach geht es dir besser.«

Falrach stand nicht der Sinn danach herauszufinden, was ein Kobold unter einem Männerabend verstand. »Wie kommst du darauf, dass ich nett bin?«, fragte er schroff.

»Das ist recht eindeutig. Nach dem bedauerlichen Zwischenfall in der Klamm hattest du Grund und Gelegenheit, mir den Kopf zwischen die Füße zu legen.« Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, fuhr er sich mit der Handkante über den Hals, als wolle er sich die Kehle durchschneiden. »Ich habe zwar nicht viel Erfahrung mit himmelsgeborenen Riesen, aber alles spricht dafür, dass du ein netter Kerl bist. Ich an deiner Stelle wäre nicht so ritterlich gewesen.«

Nüchtern betrachtet, war er schon jetzt abgelenkt. Und ein Abend mit einem Kobold konnte wohl kaum schlimmer sein, als in melancholischer Stimmung an einem Abgrund zu sitzen.

»Warum bist du hier?«

Oblon deutete über den Rand der Klippe. »Ich war mit drei Jägern da unten. Wir haben dir über eine Stunde lang zugesehen und gewettet, was du tun würdest. Ich habe die Muschelkette meines Weibs verwettet, dass du springst und nicht fliegen kannst. Aber nach einer Weile wurde uns allen das Warten zu langweilig. Wärst du gesprungen?«

Falrach sah den Kobold durchdringend an, was Oblon augenscheinlich nicht im Mindesten beeindruckte. »Ich fürchte, dieses Geheimnis werde ich mit ins Grab nehmen.«

Der Schamane nickte ernst. »Ja, solche Dinge sollten in der Familie bleiben. Wie sieht es aus, Riese? Willst du hierbleiben? Ich halte das nicht für klug!«

Was hatte er zu verlieren?, dachte Falrach. »Gut, gehen wir.«

Oblon führte ihn auf einem halsbrecherisch steilen Pfad durch die Felsen. Er wählte einen Weg, der sie vom Dorf fortführte. Falrach scherte sich nicht darum, wohin der kleine Schamane ihn bringen würde. Er dachte wieder an Emerelle, und er verfluchte sich dafür.

Schließlich stiegen sie über einen schroffen Hügel hinweg und blickten hinab in eine weite Bodensenke, die von seltsamen weißen Felsbrocken beherrscht wurde. Der Elf blinzelte. Das Licht war zu schwach, um deutlich erkennen zu können, was da vor ihm lag. Felsen waren es jedenfalls nicht! Ihm stockte der Atem.

»Eindrucksvoll, nicht wahr?«

»Ja ... « Mehr brachte er im ersten Augenblick nicht über die Lippen.

Der Kobold stieg in die Senke hinab. »Komm, er beißt ja nicht.« Ein leises Lachen begleitete seine Worte.

Fairachs Hände hatten zu zittern begonnen. Er konnte es nicht unterdrücken. Er schämte sich dafür. Der Schrecken des letzten Augenblicks seines Lebens stand ihm wieder vor Augen. Die Angst. Der Schmerz. Und die Gewissheit, dass es nur einen Weg gab, das Verhängnis abzuwenden.

»Kommst du?«

Zögerlich stieg er hinab. Das halb in Sand und Geröll vergrabene Skelett war mehr als fünfzig Schritt lang. Al ein der Schädel war schon gewaltig. Groß wie ein Haus lag er dort. Oblon stieg durch eines der Augenlöcher ins Innere.