»Hast du etwa einmal ... «
Statt zu antworten, grinste Oblon nur breit. Dann nahm er etwas Verschrumpeltes, Dunkles aus dem Topf, den er aus dem Drachenschädel geholt hatte, und begann darauf zu kauen. Dabei machte er Geräusche, als zermalme er die Knochen eines kleinen Tiers zwischen den Zähnen.
»Also bei mir hilft das nichts. Der Mann, von dem sie spricht, ist schon tot.«
Oblon hob die Hände in fragender Geste. »Dann verstehe ich dein Problem nicht.«
»Es ist ... Wenn sie mich anblickt, dann sieht sie den Toten.«
»Nein, nein.« Er winkte großspurig ab. Er hatte ja keine Ahnung! »Das bildest du dir ein, Riese.«
»Es ist wirklich so! Ich bin im Leib des Toten gefangen. Ich ... «
Oblon hörte auf zu kauen und sah ihn forschend an. »Den Spaß verstehe ich nicht«, murmelte er schließlich mit vollem Mund.
»Es ist kein Spaß! Hör zu!« Falrach erzählte ihm die ganze Geschichte, und der Schamane unterbrach ihn nicht ein einziges Mal.
Als er schließlich endete, sah Oblon ihn lange nachdenklich an und rieb dabei nervös an seiner Nasenspitze. »Du bist also ein Geist«, sagte er endlich.
»Nein!«, entgegnete Falrach empört.
»Wieso? Du bist tot, das hast du doch gerade erzählt. Also bist du ein Geist. Versuch nicht, dich da herauszureden. Die Sache ist ganz klar!«
»Du verstehst nicht...«
»Oh, doch. Geister sind mein tägliches Geschäft. Ich bin Schamane!«
»Es gibt gar keine Geister!«
Oblon begann schallend zu lachen. »Das sagt mir ein Geist«, stieß er dabei prustend hervor. »Riese, du hast wirklich Humor.«
Falrach hatte genug. Er wollte gehen, doch der Kobold griff nach seinem Arm.
»Komm, bleib. Ich wollte dich nicht beleidigen. Iss etwas hiervon! Es gibt nichts Besseres zu Maisschnaps.«
»Was ist das?«
»Getrocknetes Kakteenfleisch. Das ist gut, solange man genug Zähne hat.«
Zögerlich langte Falrach in den Topf. Er zog einen ver schrumpelten Streifen von undefinierbarer Farbe daraus hervor. Er roch daran. Das Kakteenfleisch verströmte einen ganz leichten, würzigen Geruch. Er blickte zu Oblon hinab. Kobolden schien es nicht zu schaden. Er wog mindestens zehn Mal so viel wie der kleine Kerl. Da würde ihn ein Stück von diesem Zeug wohl kaum umwerfen.
»Du bist also kein Geist«, lenkte Oblon ein.
Falrach nickte und schob sich das verschrumpelte Ding in den Mund. Es schmeckte nicht unangenehm. Er biss darauf. Ein warmes, wohliges Gefühl breitete sich in seinem Mund aus und stieg ihm zu Kopf. Dann hatte er das Gefühl, dass ein weicher Pelz auf seiner Zunge und seinen Zähnen lag. Sehr merkwürdig!
Oblon hielt ihm die Kürbisflasche hin. Der Elf nahm noch einen Schluck. Der Schnaps brannte den Pelz weg. Er fühlte sich jetzt sehr entspannt.
»Ollowain und ich, wir sind ein und dieselbe Seele.« Es fiel ihm etwas schwer, zu sprechen. Seine Zunge verhedderte sich an Worten mit mehr als einer Silbe. Er lächelte selbstversunken. Sehr amüsant, wie er plötzlich sprach.
»Du solltest noch etwas Kaktus versuchen.«
Falrach hatte Schwierigkeiten, seine Hand durch die enge Öffnung des Topfes zu bekommen. Eben war es doch noch ganz leicht gewesen. Es schien fast, als sei seine Hand angeschwollen. Er kicherte. Das war natürlich Unsinn! Oblon war schließlich so nett, ihm ein Stück zu geben.
»Was ist mit dem anderen? Demjenigen, dem dieser Körper gehört.«
Der Elf zuckte die Schultern, was ihm nicht ganz gelang. Sein Leib fühlte sich schwer an. »Der ist weg. Niemand weiß, warum. Völlig verschwunden. Wie tot.«
»Ich werde dich befreien«, sagte der Kobold sehr entschieden. »So wie heute wird es dir nie wieder gehen!«
Falrach sank der Kopf auf die Brust. »Das wäre schön«, lallte er. Das zweite Stück Kaktus hatte eine andere Wirkung. Er fühlte sich plötzlich sehr schwer, so als lägen große Felsblöcke auf ihm. Er vermochte seine Glieder nicht mehr zu rühren. Auch seine Zunge wollte ihm nicht mehr gehorchen. Er brachte nur noch ein unartikuliertes Lallen hervor. Aber er fand das nicht beunruhigend. Eher amüsant.
Der Kobold mit dem aufgemalten Schädelgesicht beugte sich dicht über ihn. »Ich muss einmal kurz weg. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Riese. Al es wird gut!«
War etwas nicht in Ordnung? Der Kobold verschwand. Seine Worte hatten das Gegenteil erreicht. Falrach wollte aufstehen, aber er konnte es nicht. Und er begann, sich Sorgen zu machen.
Es dauerte nicht lange, bis Oblon zurückkehrte. Und er war nicht allein! Das halbe Dorf schien ihn zu begleiten. Falrach wollte aufspringen, aber es war, als sei er mit Eisenketten an den ausgedorrten Boden gefesselt. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn.
Seine Sinne aber waren wieder ganz klar.
»Es ist alles in bester Ordnung!«, sagte Oblon und tätschelte ihm dabei über das Gesicht, als sei er ein Kleinkind.
Die Kobolde hatten um ihn herum Aufstellung genommen. Was glotzten sie ihn so seltsam an? Und wie hatte er so blöde sein können, sich Oblon anzuvertrauen!
»Hebt ihn hoch!«, befahl der Schamane. Dutzende kleine Hände packten zu. Er stieß mit dem Kopf gegen den Felsen, an dem er gelehnt hatte.
»Passt besser auf ihn auf«, sagte Oblon schroff. »Der Körper gehört ihm gar nicht. Der arme Kerl, den ihr da tragt, ist besessen. Aber wir werden ihm helfen!«
Falrach traute seinen Ohren nicht. Was hatten sie mit ihm vor?
Unter vielen gemurmelten Flüchen trugen sie ihn dem Dorf entgegen. Alle paar Schritt mussten sie ihn wieder ablegen. Endlich schafften sie ihn durch den Dornenwall.
Es war wie ein böser Traum! Und er konnte nicht aufwachen.
Er glaubte den Eingang von Oblons Hütte zu erkennen. Sie trugen ihn daran vorbei.
Bis zu der zweiten Öffnung in dem jämmerlichen Lehmhaufen, in dem die Familie des Schamanen lebte. Die Perlschnüre und schmuddeligen Stoffstreifen in der Tür bewegten sich sanft, obwohl es windstill war. Hellgrauer Rauch quoll aus der Hütte.
Wie mit langen, geisterhaften Fingern griff er nach ihm.
»Der Riese passt nicht durch die Tür«, sagte jemand.
»Dann müssen wir sie erweitern«, entgegnete Oblon entschieden.
Falrach konnte an den Gesichtern der Umstehenden ablesen, dass viele dies offenbar für keinen guten Einfall hielten. Dennoch fand der Schamane ein paar Helfer. Sie schlugen mit Steinhacken auf den trockenen Lehm ein. Die Wand der Hütte zerbröckelte unter den wuchtigen Hieben. Ein Gitterwerk aus dürren Ästen kam zum Vorschein, dem sie mit Haumessern zu Leibe rückten.
Einige der umstehenden Kobolde kreuzten die Finger und machten Schutzzeichen.
Was hatte Oblon vor? Falrach versuchte verzweifelt sich aufzubäumen, doch sein eigener Leib war ihm zur Fessel geworden.
»Schlagt mir nicht das Haus zusammen!«, rief Firandi erbost.
Der Schamane hob beschwichtigend die Hände. »Ich glaube, das genügt. Aufhören!
Los, schafft ihn hinein! So viel, wie von ihm hineinpasst. Die Füße können ruhig draußen bleiben!«
Falrach wurde erneut gepackt. Sie zerrten ihn in die Hütte. »Tretet keinem auf die Füße! Und brecht mir keine Finger oder Nasen ab!«, schimpfte der Schamane. »Vorsicht, verdammt!«
Koboldschweiß tropfte Falrach aufs Gesicht. Oblons Helfer wirkten beunruhigt. Als der Schamane zufrieden war, hatten sie es sehr eilig, die Hütte zu verlassen.
Es war dunkel. Ein eigenartiger, muffiger Geruch hing in der Luft.
Oblon war hinter seinem Kopf, so dass er ihn nicht sehen konnte. Nicht einmal die Augen vermochte er zu bewegen. Er starrte einfach nur geradeaus. Der Kobold hinter ihm pustete aus Leibeskräften, das konnte er hören. Dunkelrotes Licht glomm auf.
Gegenüber kauerten Gestalten an der Wand der Hütte. Bewegungslos. In zwei Reihen.
Die Kammer war sehr eng. Sie waren kaum mehr als einen Fuß von ihm entfernt.