»Ganda?«, fragte der Mausling leise. »Soll ich später noch einmal wiederkommen? Möchtest du lieber allein sein?«
Die Lutin seufzte. Rika hatte schon Recht. Sie war es Breitnase schuldig, sich die Hand wenigstens anzusehen. Man sollte schließlich nicht von ihr sagen können, sie sei undankbar wie eine Elfe. Immer noch zögerlich streckte sie die Hand aus.
Das Silber fühlte sich warm an. Lebendig. Ungläubig hob sie das Kleinod vom Samttuch. Es war, als gebe sie jemandem die Hand! Das Silber gab leicht unter ihrem Druck nach, ganz so, wie eine Hand aus Fleisch und Sehnen es getan hätte.
Zutiefst verunsichert sah sie Breitnase an. »Das ist wirklich Silber?« Man sah dem Mausling den Stolz auf seine Arbeit an.
»Das war einmal Silber. Ich habe mit sehr reinem Silber meine Arbeit begonnen und verschiedene andere Metalle hinzugefügt. Und Magie. All mein Wissen über Anatomie steckt darin. Im Inneren der Hand gib es genaue Nachbildungen jedes Handknochens. Sehnen und Muskeln habe ich auch nachgebaut. Es gibt feine Seilzüge und Winden aus Draht, den ich aus Silberstahl gezogen habe. Der einzige Unterschied zu deiner richtigen Hand besteht darin, dass du mit der Silberhand wesentlich kräftiger zupacken kannst. Und ... nun ja, du wirst kein Gefühl in der Hand haben. Kein Schmerzempfinden und kein Gefühl für Hitze oder Kälte.«
Ganda legte die Hand zurück auf den Samt. Sie streckte ihre Rechte daneben aus und verglich die Kunsthand mit der Hand, die ihr geblieben war. Sie scheute davor zurück, dass etwas künstlich Erschaffenes etwas natürlich Gewachsenes ersetzen sollte. Die kurze Zeit in Rikas Hütte hatte sie schon gelehrt, wie hilflos man in den banalsten Dingen plötzlich war, wenn eine Hand fehlte. So hatte sie die Verschnürung ihres Kleides nicht mehr mit einer Schleife schließen können. Wie ein Kind musste sie um Hilfe bitten, wenn sie sich anziehen wollte! Das empfand sie als demütigend, auch wenn Rika ihr gerne half.
»Du weißt, dass wir Lutin gut darin sind, die Gestalt von Tieren anzunehmen. Was geschieht, wenn ich mich verwandele?«
Breitnase kratzte sich hinter dem Ohr. »Ja, das war in der Tat ein großes Problem. Es hat mich viele Stunden gekostet, eine Lösung zu finden. Wie du weißt, umgibt alles Lebendige eine Aura. Wenn die Hand eins mit dir geworden ist, wird sie auch mit deiner Aura verschmelzen. Ich glaube, sie wird sich mit dir verwandeln! Ganz sicher kann man das aber erst wissen, wenn wir es versucht haben. Ich habe mich da in neue Bereiche vorgewagt. Bisher musste ich noch nie ein künstliches Glied erschaffen, das sich auch noch in der Form verändern musste.«
Ganda hatte ein flaues Gefühl im Magen. »Was heißt, wenn es eins mit mir geworden ist?« Der Mausling zog die Schutzkappe vom Stumpf der Hand, sodass sie Drähte und die in Silber nachmodellierten Knochen erkennen konnte. Ganda war überrascht zu sehen, dass die Hand hohl war. Sie hatte sich massiv angefühlt.
»Wenn ich die Hand auf deinen Stumpf aufsetze, wirke ich einen Zauber, der Knochen, Muskeln und Sehnen mit dem lebenden Silber verbindet. Die Prothese wird so beweglich sein wie eine Hand aus Fleisch und Blut. Du könntest Flöte mit ihr spielen oder Harfe. Der Augenblick der Verschmelzung ist schmerzhaft. Rika kann dir gewiss eines ihrer wunderbaren Zaubermittel geben, um den Schmerz zu lindern. Nach zwei oder drei Tagen sind die Schmerzen dann völlig verschwunden. Aber im Augenblick der Verschmelzung werden einige Drähte tief in dein Fleisch eindringen. Das lebende Silber wird eins mit dir werden.«
Die Vorstellung, dass sich Drähte wie Würmer tief in ihren Arm fressen würden, hatte etwas Abstoßendes. Die Lutin betrachtete die Hand mit neuem Widerwillen. »Kann man die Hand wieder abnehmen, wenn ich nicht mit ihr zurechtkomme?«
»Tja«, Breitnase wich ihrem Blick aus. »Also, dir ist klar, dass die Hand wirklich eins mit dir wird, wenn ich sie anlege. Sie abzunehmen ... Das wäre wie eine Amputation. Man müsste ein Messer nehmen.« Er zupfte verlegen an seiner Nase. »Aber du solltest dir nicht solche Gedanken machen, Ganda. Es hat mich noch nie jemand darum gebeten, eine Pothese aus lebendem Silber wieder abzunehmen.«
»Hast du was zu trinken, Rika? Etwas Richtiges. Einen starken Schnaps oder schweren Wein.« Als Rika sich erhob, purzelte die kleine Jadeechse von ihrer Schulter, die sie mit einer Strähne ihres Haars angebunden hatte. Hilflos ruderte sie mit ihren Beinen in der Luft. »Du hast dich also entschieden«, sagte die Hexe mit warmer Stimme.
»Ich habe mich entschieden, es dem Schicksal zu überlassen. Wenn du genügend Schnaps hier in der Hütte hast, um mich sturzbesoffen zu machen, dann nehme ich die Hand. Und wenn nicht ...« Sie zuckte mit den Schultern. »Dann hat das Schicksal eben anders entschieden.«
»So große Angst hast du?«, fragte Rika mitfühlend.
Ganda konnte den Blick ihrer Reptilienaugen nicht ertragen und wandte sich ab. Aber Rika hatte Recht. Sie hatte Angst. Angst vor den Schmerzen. Angst davor, was es bedeutete, ein Krüppel zu sein. Angst, dass die Silberhand an ihr hing wie ein Mühlstein um den Hals, wenn sie versuchte, sich zu verwandeln.
Die Hexe zog einige Schilfmatten zur Seite, und ein großer Holzdeckel kam zum Vorschein. Sie klopfte mit der flachen Hand auf das Schloss und murmelte etwas. Rostige Angeln kreischten wie ein Falke im Sturzflug. Wie von Geisterhand schwang der Deckel auf. Rika hatte offensichtliche eine große Kiste im Boden eingegraben. Leise vor sich hinmurmelnd, kramte sie darin herum. Sie warf ein Bündel Amulette heraus. Ein knapp geschnittenes schwarzes Kleid, einen großen verbeulten Hut und etliche dünne Hefte aus vergilbtem, billigem Papier.
Ganda beugte sich vor. Eines der Hefte kam ihr bekannt vor. Sein Einband war ganz zerfleddert. Ungläubig las sie den Titel.
Wider die Spiel- und Trunksucht
Streitschrift des ehrwürdigen Elija Glops, Begründer der Liga zur Wahrung der inneren Größe Albenmarks
Die Lutin griff nach den anderen Heften und las die Titel. AUF WELCHER SEITE STEHST DU?, GEBOREN ZU HERRSCHEN?, VON DER DIALEKTIK DER OHNMACHT, KOBOLDE ZUM LICHTE EMPOR und HALT STAND, TAPFRES ROTMÜTZENBLUT. Sie alle waren von Elija Glops verfasst.
»Rika!« Breitnase war bis zur Kiste zurückgewichen.
»Was?« Die Hexe richtete sich auf. In jeder Hand hielt sie eine verkorkte Flasche. Die kleine Echse war in ihr Haar zurückgeklettert und lauerte über ihrer Stirn.
»Sie hat die Hefte gesehen.«
Rika stellte ruhig die Flaschen ab. Während sie falsch lächelte, kramte sie mit der Linken in der Kiste weiter. »Kannst du eigentlich lesen, Herzchen?«
Ganda lachte auf. »Ob ich lesen kann? Die meisten dieser Hefte kenne ich nicht. Sie sind neu. Aber dieses hier ...« Sie hielt ein besonders abgegriffenes Exemplar hoch. »Das ist mir wohl vertraut! Ich habe für Elija die Druckfahnen von WIDER DIE SPIEL- UND TRUNKSUCHT korrigiert.«
»Elija Glops macht keine Fehler!«, sagte Breitnase entrüstet, und Rika sah sie auf eine Art an, dass es Ganda kalt den Rücken hinablief.
»Hör mal, Rika. Ich weiß nicht, was ihr beiden habt, aber ich kenne Elija Glops gut. Wirklich gut ...« Sie zögerte. Vielleicht war es klüger, nicht zu verraten, wie nahe sie sich einmal gestanden hatten.
»Wirklich gut?«, fragte Rika lauernd.
»Ja. Ich ... Ich kenne seine ganze Familie. Wir sind auf denselben Hornschildechsen geritten. Und seinem kleinen Bruder habe ich die Windeln gewechselt.«
»Sprichst du von Kommandant Nikodemus?« Fast hätte Ganda losgelacht, aber Rika hatte etwas an sich ... So wie sie von dem Rotzlöffel Nikodemus gesprochen hatte, würde sie wohl als Nächstes behaupten, der hätte niemals in die Hosen geschissen. Was, um alles in der Welt, war passiert, seit sie Iskendria verlassen hatten? Warum kannte eine Hexe, die in einer Schilfhütte hauste, Elija und Nikodemus? Und wie kam sie an die Schriften von Elija?
»Ich war einmal die Pfadfinderin von Elija. Ich habe ihn durch das goldene Netz geführt.«