Der Thronfolger betrachtete das eingetrocknete Blut auf dem Stein. Vielleicht hatte ja auch Kadlin Glück gehabt. Mehr Glück als seine Schwester Kadlin, die zusammen mit seiner Mutter bei ihrer Flucht in die Berge umgekommen war.
»Ich werde sie finden. Ob tot oder lebendig. Ihr müsst mich nicht begleiten.« Eirik wurde bleich vor Zorn. »Glaubst du, es gäbe hier auch nur einen Mann, der weniger Mut hat als du? Was erlaubt dir, ihr Leben leichtfertig aufs Spiel zu setzen? Liegt es daran, dass du schon lange tot bist? Du ... du verdammter Wiedergänger!« Einer der Männer packte den Jäger und zog ihn von Ulric fort. Niemand sprach aus, was alle dachten. Das war ein ungeschriebenes Gesetz.
»Ich sagte doch, dass mir niemand folgen muss.«
»Herr, wenn du gehst, haben wir keine andere Wahl, als dir zu folgen«, sagte ein älterer Jäger. »Wer dich verlässt, der wird für immer Schande auf seinen Namen laden.« Er warf einen Blick auf Ulrics Schwert. »Du bist der Einzige hier, der ein Zauberschwert hat.«
Ulric verfluchte stumm die Geschichten des Skalden Vehleif. Seine Saga vom jungen Ulric Alfadasson hatte dafür gesorgt, dass jedes Kind im Fjordland darum wusste, wie Ulric mit nur sieben Jahren einen Troll getötet hatte. Und dabei hatte er das Schwert des legendären Königs Osaberg geführt, eines Helden aus alter Zeit, dessen Grab UIric auf seiner Flucht gefunden hatte.
»Ich kenne die meisten von euch seit meiner Kindheit. Ich würde für jeden dort hinaufgehen. Ich weiß, was es heißt, von Trollen gefangen zu sein. Finden wir mehr als einen von ihnen, dann ziehen wir uns zurück. Ich weiß, was ihr von mir denkt, aber ich werde kein Leben aufs Spiel setzen, um Tote zu retten.« Ulric wandte sich an Eirik. »Kennst du die Gegend hier? Was glaubst du, wo würden die Trolle lagern, wenn sie in der Nähe sind?«
Der Anführer der Jäger sah ihn finster an. »Ich war vor zwei Jahren schon einmal hier.« Er deutete zu einem Steilhang, der etwa fünfhundert Schritt östlich lag. »Dort gibt es eine große Höhle. Die Plünderer, die kommen, um das Vieh von unseren Höfen zu stehlen, benutzen sie manchmal als Lagerplatz.«
»Wie würdest du die Höhle angreifen?«
Eirik verdrehte wieder die Augen. »Gar nicht! Die Trolle brauchen nur da drinnen zu bleiben und zu warten, dass wir hineingehen. Sie werden uns einen nach dem anderen niedermachen. Sie sind Menschenfresser, Bestien. Aber sie sind nicht blöd.«
»Dann werde ich allein zur Höhle gehen und versuchen, sie herauszulocken. Du platzierst unsere Bogenschützen so, dass sie jeden Troll, der sich blicken lässt, mit Pfeilen spicken. Und sollten mehr Trolle aus der Höhle kommen, als wir töten können, dann habt ihr beste Aussichten, ihnen davonzulaufen. Als Bogenschützen müsst ihr ja nicht zu nahe heran.«
Der Anführer der Jäger sah ihn voller Verachtung an. »Das will nicht in deinen Schädel hinein, nicht wahr? Niemand kann davonlaufen, wenn es um deine Haut geht, Wiedergänger. Du bist der Sohn des Königs! Was glaubst du, was dein Vater mit uns macht, wenn wir ihm erzählen, dass wir fortgelaufen sind, als du dich mit einem Rudel Trolle angelegt hast?«
»Er wird euch dazu beglückwünschen, dass ihr mehr Verstand hattet als ich.«
»Schöne Worte, Ulric. Du musst uns nicht davon überzeugen, dass dein Vater ein gerechter Mann ist. Wir alle wissen das. Aber wird er sich daran erinnern, wenn er seinen einzigen Sohn zum zweiten Mal verloren hat?« Ulric war es müde, noch länger zu schwatzen. Der Jäger würde immer einen Grund finden, um ihn schlecht dastehen zu lassen. Er sollte sich nicht abhängig von seiner Meinung machen. Sein Herz sagte ihm, dass es falsch war, nicht alles versucht zu haben, um Björn und Kadlin zu retten. Auch wenn die Aussicht, sie noch lebend zu finden, noch so gering war. »Zeig mir, wo ich die Höhle finde.«
Er blickte in die Runde. »Euch entbinde ich von allen Treueiden. Tut, was ihr für richtig haltet.« Alle sahen Eirik an, ganz so, als habe er das Kommando, bemerkte Ulric verärgert.
»Wir kommen mit«, entschied der Anführer der Jäger. Er beschrieb seinen Gefährten, wie sie sich der Höhle nähern sollten, um ein möglichst gutes Schussfeld zu haben. Dann wurden die Hunde angeleint. Man würde sie zurücklassen, damit ihr Kläffen die Jäger nicht verraten konnte.
»Ich werde an deiner Seite gehen, Ulric Alfadasson.«
»Ich brauche keinen Leibwächter«, entgegnete der Königssohn gereizt.
Der Jäger wartete mit seiner Antwort, bis die übrigen Männer außer Hörweite waren. »Mir geht es nur darum zu sehen, dass du diesmal wirklich stirbst, Wiedergänger.«
»Und? Wirst du nachhelfen, wenn die Trolle ihre Sache nicht gut machen?«
»Ganz gleich, was du von mir halten magst: Ein Mörder bin ich nicht. Aber ich gestehe, ich werde mit Genugtuung zusehen, wenn sie dich schlachten. Dann bleibt nichts mehr, was deine Elfenfreunde noch einmal ins Leben zurückrufen können. So hätte es schon während des Elfenwinters sein sollen.«
Die Offenheit des Jägers machte Ulric sprachlos. Was hatte er Eirik getan, dass dieser ihn so sehr hasste?
Sie beide warteten schweigend, bis die anderen Jäger ihre Positionen bezogen hatten.
Endlich gab Eirik ihm ein Zeichen. Sie gingen los. Ihr Aufstieg wurde durch zwei abgestorbene Kiefern gedeckt. Sie versperrten die Sicht auf die Höhle. Bleich wie Knochen ragten die Stämme aus dem felsigen Grund.
Der Wind kam ihnen entgegen. Es war eine schwache, unstete Brise. Sie trug den Duft von Gebratenem den Hang hinab.
Sie verharrten bei den toten Kiefern. Jetzt konnten sie den Höhleneingang sehen. Es war ein breiter Spalt, der sich am Fuß der Steilklippe erhob.
»Warte einen Augenblick«, sagte Eirik leise. Er deutete zu zwei Gestalten, die sich seitlich den Hang hinaufarbeiteten. Die beiden Jäger sollten oberhalb der Höhle Stellung beziehen.
Der Bratengeruch quälte Ulric. Ihm haftete etwas Süßliches an. Er erinnerte ihn an das Lager bei Honnigsvald. Die Trolle hatten in der Stadt etliche Fässer mit Honig gefunden. Damit hatten sie das Fleisch bestrichen, das sie brieten. Beim bloßen Gedanken daran wurde Ulric ganz übel. Sein Vater hatte Recht. Mit diesen Ungeheuern konnte es keinen Frieden geben. Niemals!
Ulric zog das Schwert des toten Königs Osaberg. Er hatte es sich nach seiner Weihe zum Krieger aus der Königsgruft geholt.
»Los!«, stieß er hervor und musste dabei ein Würgen unterdrücken.
Eirik sah ihn zweifelnd an. Hatte der Jäger etwa gehofft, er werde es sich noch einmal anders überlegen? Ulric hob sein Schwert und deutete nach vorn. Er hatte Angst vor dem, was er in der Höhle finden würde. Und er wollte Blut vergießen!
Er trat aus der Deckung hervor. »Hört ihr mich? Hier steht Ulric Alfadasson! Kommt heraus und zeigt euch!«
Der Königssohn stapfte den Hang herauf. Loses Geröll rutschte unter seinen Stiefeln weg. Fast wäre er gestrauchelt. »Hört ihr mich, ihr Trolle? Habt ihr Angst vor einem Menschenkind? Ich habe schon einmal einen von euch getötet. Ich werde es wieder tun!«
Am Eingang zur Höhle bewegte sich etwas. Aus den Augenwinkeln sah Ulric, wie der Anführer der Jäger einen Pfeil auf seinen Bogen legte.
Der Geruch nach Gebratenem wurde stärker. Ulric hielt den Atem an und beschleunigte seine Schritte.
Eine riesige Gestalt trat aus dem Schatten des Höhleneingangs. Dem Troll hingen drei federgeschmückte Zöpfe von seinem kahlen Schädel. Ein großes Steinmesser steckte im Gürtel, der seinen Lendenschurz hielt. In der Hand hielt er eine Keule.