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Ulric sah die grausigen Szenen aus dem Gefangenenlager wieder vor sich. So viele Jahre hatte er sie vergessen gehabt. Es waren Steinmesser wie das im Gürtel des Trolls, mit denen sie das Fleisch zerteilt hatten.

Der Troll deutete auf den Eingang der Höhle. »Maidchen!«

Jetzt erkannte Ulric, dass der Kerl keine Keule hielt. Es war ein Schinkenstück, aus dem ein Knochen ragte.

»Ich werde dich umbringen und deine Leber an die Hunde verfüttern. Ich ...« Heiße Tränen rannen ihm über die Wangen. Er dachte an das Mädchen in dem blauen Kleid. Kadlin hatte bei dem Bogenschützenturnier wie eine Prinzessin ausgesehen. Sie hätte nicht so enden dürfen. Niemand durfte so enden!

»Halt dich mehr links! Du versperrst mir das Schussfeld!«, rief Eirik hinter ihm.

Ulric hörte die Worte, doch er war zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Er wollte dem Troll das Schwert in den Leib rammen. Er konnte ihn besiegen. Schon als Kind hatte er einen Troll getötet.

Der Hüne ließ die Hand mit dem Schinken sinken.

»Maidchen«, sagte er noch einmal. Er wich ein Stück in den Höhleneingang zurück.

»Verdammter Idiot! Halt dich mehr links!«, schrie Eirik.

Ulric hatte den Troll jetzt fast erreicht. Die Brust des Menschenfressers war mit wulstigen Narben bedeckt. Er hob seine riesige Pranke und schüttelte sie. »Nich kaimpfen!«

Ein Pfeil zischte so dicht an Ulrics Wange vorbei, dass er den Luftzug spürte. Das Geschoss bohrte sich tief in die Brust des Trolls.

Der Hüne taumelte zurück in die Höhle. »Nich ...« Der Geruch nach Gebratenem in Honigkruste war unerträglich intensiv. Ein Feuer brannte dicht hinter dem Höhleneingang. Etwas bewegte sich im Spiel von Licht und Schatten. Eine zierliche Gestalt humpelte ihm entgegen.

»Nicht schießen«, rief Kadlin. »Bei den Göttern, nicht schießen!« Ulric traute seinen Augen kaum. Neben dem Feuer lag Björn. Sein Lederhemd war zerrissen, die Brust mit einer grünen Paste bedeckt. Kadlin stützte sich auf ihren Bogen. Immer wieder rief sie, dass sie nicht schießen sollten. Der Troll kauerte neben dem Feuer. Er presste die Linke auf seine Brust. Dunkles Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor.

Ulric starrte fassungslos auf das Bild, das sich ihm bot. Das passte nicht! Das konnte nicht die Wirklichkeit sein.

»Was habt ihr getan?«, rief Kadlin. »Er hat uns gerettet. Was habt ihr getan!« Ein Schatten drängte sich neben Ulric in den Eingang. »Nicht!« Kadlin stellte sich vor den Troll.

»Weg da, Mädchen!«, schrie Eirik.

»Die Waffen nieder!« Ulric griff dem Jäger in den Bogen und drückte ihn zur Seite. »Nicht schießen. Es ist ... anders.« Er konnte kaum fassen, was er sah. Den beiden war nichts geschehen, obwohl sie wehrlos dem Troll ausgeliefert gewesen waren.

Die hünenhafte Gestalt erhob sich. Sanft schob der Troll Kadlin zur Seite. »Gehän, jetzt.«

»Nicht, Brud. Bitte! Es war ein Irrtum. Es war ...«

»Maidchen gut.«

Ulric wich vor dem riesigen Krieger zurück. Der Troll drängte zum Eingang. Einen Augenblick lang war er versucht, den Hünen in die Falle laufen zu lassen. Dann besann er sich; es war geradezu ein Wunder, dass Kadlin noch lebte. Ein Geschenk der Götter. Und vor den Göttern wollte er nicht als ehrloser Mörder dastehen. Er würde den Troll ziehen lassen. Diesmal.

»Nicht schießen! Hört ihr! Die Waffen nieder. Lasst ihn gehen!«

Ulric hielt Brud zurück. »Du kannst noch nicht gehen. Warte. Ich muss zuerst hinaus. Bitte vertraue mir.« Brud sah ihn eindringlich an. Er schien keine Angst zu haben. »Schneidding weg!« Ulric ließ sein Schwert fallen.

»Du wirst ihm doch nicht etwa trauen«, zischte Eirik.

»Ich komme jetzt heraus. Ich bin es, Ulric.« Der Königssohn trat aus der Höhle ins grelle Sonnenlicht. Etwas tiefer am Hang standen zwei Jäger. Sie hielten die Waffen gesenkt, doch lagen Pfeile auf den Sehnen.

»Kadlin und Björn leben. Der Troll scheint ihnen geholfen zu haben. Lasst ihn ziehen! Habt ihr mich verstanden? Lasst ihn durch, das ist ein Befehl!«

Eine schwere Hand legte sich auf Ulrics Schulter. Der Thronfolger stand wie versteinert. Er wusste, der Troll könnte ihm das Genick so leicht brechen, wie er ein Schilfrohr knickte. Ulric spürte warmen Atem in seinem Nacken. Was, bei den Göttern, tat dieses Ungeheuer? Ein schnaubendes Geräusch jagte ihm einen Schauer über den Rücken.

»Hol Maidchen in Rudel, gut.«

Jetzt erst begriff Ulric, was der Hüne tat. Er schnupperte an ihm, wie ein Raubtier, das Witterung aufnahm. Mit einem Grunzen richtete sich der Troll auf. Dann trat er aus der Höhle. Falls er begriffen hatte, dass dort draußen Bogenschützen lauerten, ließ er sich nichts anmerken. Hoch erhobenen Hauptes schritt er den Hang hinab.

»Du wirst ihn doch nicht einfach ziehen lassen«, protestierte Eirik. »Er ist ein Feind!«

»Dieser nicht!«, mischte sich Kadlin ein. »Er hat Björn das Leben gerettet. Und mir auch. Er hat den Schneelöwen getötet.«

Ulric konnte immer noch nicht fassen, dass Kadlin und Björn noch lebten. Es war richtig und ehrenhaft gewesen, den Troll ziehen zu lassen. Auch wenn sie an einem anderen Tag einander vielleicht als Feinde begegnen würden. Seit er als kleiner Junge den Ritter für Halgard gespielt hatte, hatte er nicht mehr so empfunden. Die widerstreitenden Gefühle drohten ihn zu übermannen. Er hustete verlegen, kämpfte gegen Tränen. Die anderen sollten nicht bemerken, wie aufgewühlt er war! »Was ist das für ein Fleisch?«, fragte er, um einen kühlen Ton bemüht.

Kadlin sah ihn an, als sei er ein Idiot. »Der Schneelöwe«, sagte sie schließlich. »Er ist zurückgegangen, um ihn zu holen. Dort unten vor der Höhle hat er ihn zerlegt. Und er hat Honig aus einem Bienenstock in einem hohlen Baumstamm geholt. Damit hat er das Fleisch eingerieben, um es haltbarer zu machen. Ohne ihn wäre Björn gestorben. Er hat die Blutung gestillt und seine Wunden mit kühlem Moos bedeckt.«

»Warum?«, fragte Eirik. »Welchen Nutzen hatte er davon? Trolle tun so etwas nicht!«

Kadlin sah sie hilflos an. »Ich hatte das Gefühl, dass er mich kennt. Ich ... Ich bin noch nie einem Troll begegnet, glaube ich. Außer ... Das hört sich verrückt an. Manchmal habe ich einen Traum. Ich bin noch sehr klein, und ich bin in einer Höhle. Mir ist sehr kalt. Um mich herum sind große Männer, die trotz der Kälte nackte Oberkörper haben. Einer reibt mir vorsichtig die Glieder. Seine Hände sind riesig, aber er ist sehr behutsam. Langsam wird mir dann warm. Und ich sehe Mutter. Sie nimmt mich in die Arme. Der Mann, der mir die Glieder gerieben hat

... Er hatte schlimme Narben auf der Brust. Narben, die aussahen wie ein Vogel. So wie dieser Troll welche hatte. Vielleicht war es ja kein normaler Traum. Vielleicht ...«

»Dummes Weibergeschwätz!«, schimpfte Eirik. »Der Kerl bezweckt irgendetwas. Und du bist ihm auf den Leim gegangen. Bist du dem Geräusch brechender Äste gefolgt, als du zu den umgestürzten Kiefern kamst? Denk nach, Kadlin! Kann es sein, dass er dich absichtlich in die Nähe des Schneelöwen gelockt hat?«

Die Jägerin sah Eirik verwundert an. »Das ... Ich weiß es nicht. Nein. Was soll diese Frage?«

»Vielleicht wollte er, dass der Schneelöwe euch angreift. So hatte er Gelegenheit, euch beide zu retten. Und nun fühlst du dich ihm gegenüber schuldig. Womöglich wollte er eben das erreichen.«

»Warum sollte es nicht einfach das sein, wonach es aussieht?«, fragte Kadlin zornig. »Wir waren in Not, und der Troll hat uns geholfen. Warum musst du eine verwickelte Intrige in die Ereignisse hineindeuten? Trolle sind halbe Tiere. Sie denken nicht lange. Sie handeln.«

»Seit ich ein Kind bin, leben wir im Krieg mit den Trollen. Sie sind grausame Menschenfresser. Und nun kommt einer daher und kümmert sich um dich und Björn. Das stinkt doch zum Himmel! Da steckt mehr dahinter.« Ulric hatte nicht viel übrig für Eirik, aber diesmal hatte er Recht. Das Mädchen stand ganz offensichtlich noch unter Schock und konnte die Wahrheit nicht erkennen.

»Du glaubst, mit diesem Troll stimmt etwas nicht?«, fragte Kadlin wütend. »Betrachte es doch einmal anders herum. Vielleicht stimmt mit dir etwas nicht, wenn du nicht hinnehmen kannst, dass mir und Björn von unerwarteter Seite etwas Gutes widerfuhr. Wäre es dir lieber, ich wäre tot, aber dein Bild über Trolle würde noch stimmen?«