Gundaher legte den Umhang ab. Er begann sich zu strecken und hüpfte eine Weile auf der Stelle. Ein seltsamer Kerl, der Baumeister. Dann verneigte er sich in Richtung des Silberstreifs am Horizont.
Kadlin stellte sich auf die Zehenspitzen und beugte sich so weit wie möglich über den Rand der Mauer hinaus.
Jetzt hob Gundaher seine ausgestreckte Arme über den Kopf, sodass sich die Handflächen berührten. Der Baumeister war ein korpulenter Mann mit einem kurz geschorenen Kinnbart. Er musste wohl etwa vierzig Jahre alt sein; sein Haupthaar wurde bereits dünner. Dennoch bewegte er sich erstaunlich gewandt. Jetzt machte er einen Satz mitten in eine Fläche aus unberührtem Schnee. Von Mag hatte Kadlin erfahren, dass der Baumeister jeden Winter im ersten Morgenlicht in den Schnee hinausging, um zu tanzen. Er war ein Fremder und ein einflussreicher Mann bei Hof. Niemand hatte ihn je gefragt, warum er das tat.
Es gab viele Gerüchte. Die meisten glaubten, dass Gundaher damit einen Wintergott aus seiner Heimat ehrte.
Kadlin wusste, dass es einen anderen Grund geben musste. Sie verließ Björns Kammer stets noch vor dem Morgengrauen. Dabei war sie auf die morgendlichen Spaziergänge des Baumeisters aufmerksam geworden. Und auf seine seltsamen Tänze. Und sie kannte sein Geheimnis, zumindest einen Teil davon. Wahrscheinlich könnte ihn die ganze Besatzung der Burg beobachten, und keiner würde sehen, was sie sah. Außer Silwyna vielleicht ...
Die Jägerin dachte an jenen fernen Sommer zurück, als Silwyna sie und ihre Schwester die Priesterrunen gelehrt hatte. Immer wieder hatten sie beide die Elfe bedrängt, ihnen Zaubern beizubringen. Sie wussten, dass es Magie war, wenn Silwyna selbst im kältesten Winter nie fror oder leichtfüßig über Zweige lief, die so dünn waren, dass sie kaum ein Eichhörnchen getragen hätten. Und sie wollten genauso sein wie Silwyna. Doch sie scheiterten immer und immer wieder. Dennoch wurden sie es nicht müde und bettelten die Elfe an, sie in die Kunst einzuweihen, Magie zu weben.
Kadlin erinnerte sich noch gut an jenen Abend am See, als sie alle drei im weichen Sand gesessen hatten und es wieder einmal um das leidige Thema gegangen war. Damals hatte Silwyna gesagt, Worte seien wie der Wind. Einmal ausgesprochen, seien sie verschwunden und würden nur als ein Echo in unserer Erinnerung weiterleben. Doch wie ein Echo Worte veränderte, die man in eine Felsklamm rief, so veränderte auch die Erinnerung die Worte, und das sei schlimm, denn die Hälfte aller Lügen auf der Welt hätten ihre Wurzeln in diesen falschen Erinnerungen.
Wie immer, wenn die Elfe erzählte, hatten die beiden Mädchen ihr an den Lippen gehangen. Sie hatte eine lustige Geschichte über einen Luthpriester vorgetragen, der sich in den Kopf gesetzt hatte, einen Zauber zu ersinnen, mit dem man den Wind einfangen könne. Ein weit gereister Händler hatte ihm nämlich einmal erzählt, der Wind sei in Wirklichkeit ein unsichtbares Pferd, das Firn, dem Gott des Winters, einst davongelaufen sei. Der Priester hoffte, sich Firn zum Freund zu machen, wenn er dessen Pferd einfing, und er wollte versuchen, den Gott zu überreden, dem Fjordland mildere Winter zu schenken.
Sein ganzes Leben widmete er dem Versuch, das unsichtbare Pferd zu fangen, doch alles, was er erreichte, war, einen Zauber zu weben, der es ihm erlaubte, Worte einzufangen. Er erfand die Priesterrunen.
Und diesen Zauber hatten die beiden Mädchen in jenem Sommer erlernt. Es war der einzige Zauber, den sie jemals bewältigt hatte, dachte Kadlin wehmütig. Sie dachte daran, wie sie mit Stöcken in den Sand gemalt hatten und mit verkohlten Ästen auf Birkenrindenstücke. Ganz besessen waren sie davon gewesen. Und Vater und Mutter hatten ihnen nur staunend zugesehen. Kalf hatte sogar manchmal Angst gehabt. Einmal hatte er sehr mit ihnen geschimpft, weil sie Runenzeichen in einen der Deckenbalken ihrer Hütte geschnitzt hatten und Kalf befürchtet hatte, die Zeichen würden am Ende gar böse Geister herbeirufen.
Weil sie beide kleine Mädchen gewesen waren, hatte es ihnen nicht ausgereicht, die Schrift zu kennen. Eines Tages hatten sie entdeckt, dass die Runen ganz anders aussahen, wenn man ein beschriebenes Stück Birkenrinde an einem windstillen Tag über das unbewegte Wasser des Sees hielt. Sie hatten die Zeichen nachgeahmt, bis sie so gut darin geworden waren, dass man einen Text über Wasser halten musste, um ihn richtig lesen zu können. Diesen neuen Zauber, um Worte einzufangen, der nur ihnen beiden gehörte, hatten sie Wasserrunen genannt. Und in genau diesen Wasserrunen schrieb Gundaher!
Kadlin war regelrecht erschrocken, als sie es erkannt hatte. Der Baumeister hatte etwas gestohlen, von dem sie ganz sicher gewesen war, dass es ihr und ihrer Schwester bis ans Ende aller Tage allein gehören würde. Seine großen Füße stanzten die Wasserrunen in den jungfräulichen Schnee. Und wenn er ein Zeichen vollendet hatte, dann machte er einen tänzerischen Sprung, um ein Stück entfernt die nächste Wasserrune zu beginnen. Jeden Tag waren es nur zwei oder drei Runen, die der Tänzer in den Schnee schrieb.
Kadlin beobachtete den Baumeister. Kurz blickte sie zum Torturm. Natürlich war auch er ein Zauberer. Wer sonst als ein Zauberer hätte einen so gewaltigen Turm bauen können! Er hatte auch etwas von einem Priester, die stille Art und all das Wissen, das er besaß. So viele Geheimnisse konnte man doch nur kennen, wenn man den Göttern näher war als andere Sterbliche!
Gundaher machte einen letzten Sprung und ging dann zu seinem Umhang, der im Schnee lag.
E H T hatten seine Füße in den Schnee gestampft.
DER FREUND GEHT.
Das war seine Botschaft. Jetzt war sie vollständig. Kadlin runzelte die Stirn. Was wollte Gundaher damit sagen? Sie hatte mit einem Geheimnis gerechnet. Mit etwas, das einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Aber das hier ... So eine Enttäuschung. Der Freund geht. Wollte Gundaher sie vielleicht veralbern? Hatte er das nur geschrieben, weil er wusste, dass sie ihm zusah?
Der Baumeister lehnte sich an die Burgmauer. Er presste beide Hände an die Schläfen, als habe er schreckliche Kopfschmerzen. Er sah wirklich nicht gut aus.
Kadlin lief den Wehrgang entlang und eilte die steile Steintreppe hinab. Als sie aus dem Tor bog, kam ihr Gundaher entgegen. Mit einer Hand tastete er sich an der Mauer entlang. Seine Augen waren geschlossen. Mit der Rechten rieb er sich die Stirn.
»Kann ich dir helfen, Baumeister?«
Er blinzelte sie an. »Lass mich!«
»Im Küchenhaus müssten die ersten Brote fertig sein. Es wird dir besser gehen, wenn du etwas isst und trinkst.« Er stieß ein trockenes Lachen aus, das an das Krächzen eines Raben erinnerte. »So, wird es das? Du bist also eine Heilerin.«
»Ich könnte dir auch einen Sud aus Weidenrinde kochen.« Er blinzelte sie erneut an. Offensichtlich bereitete es ihm sogar schon Schmerzen, die Augen offen zu halten. »Du kennst dich ja tatsächlich aus, Mädchen. Verzeih, ich dachte, du seiest nur die Hure des Herzogsohns.«
»Dann wäre ich ja in bester Gesellschaft. Man erzählt sich, seine Mutter sei auch einmal eine Hure gewesen.«
»Zuzuhören gehört wohl nicht zu deinen Gaben. Seine Stiefmutter war einmal eine Hure. Aber man sollte die Leute nicht nach dem beurteilen, was sie einmal waren, sondern nach dem, was sie sind.« Er lehnte sich an die Mauer und presste wieder beide Hände an die Schläfen.
»Und zu deinen Gaben gehört es wohl nicht hinzusehen. Sonst könntest du vielleicht zwischen einer Hure und einer Jägerin, die es gut mit dir meint, unterscheiden.«
»Bin ich jetzt in Gefahr, von dir niedergeschlagen zu werden?«
»Ich mag meine Fehler haben, Baumeister. Aber ich schlage nicht auf Dunghaufen. Bleib doch hier und verrecke im Schnee. Mich wundert es nicht, dass deine Freunde gehen!« Sie wandte sich um und trat in das Dunkel des Torgangs.
»Warte!«
Sollte er ihr doch den Buckel runterrutschen! »Hörst du mich, Mauer? Sag deinem Baumeister, ich schlage nicht auf Dunghaufen, und ich rede auch nicht mit ihnen!«
»Es tut mir leid, Mädchen. Wenn ich diese Schmerzen habe, sage ich manchmal Dinge, die ich später bereue.«