»... Der Herbst war schon fortgeschritten, als der Vormarsch der Trolle begann. Nur wenige Bewohner Feylanvieks waren dem Befehl der Königin gefolgt und hatten die Stadt verlassen. Ich glaube, viele von denen, die blieben, konnten sich nicht wirklich vorstellen, dass man ihre Stadt aufgegeben hatte. Bis zuletzt hielt ich mit einer Nachhut der Reiterei Stellung. Ich war gefangen zwischen meinen Befehlen und der militärischen Notwendigkeit, den Vormarsch des Feindes so schwer wie möglich zu machen. Ich entschied mich gegen die Königin ...
Die letzten Elfen, die Feylanviek verließen, setzten die Lagerhäuser am Mika in Brand. Es geschah noch, während die ersten Trolle über den Mika übersetzten. Die Eroberer hätten die Vorräte an sich genommen, so sagt es die Logik des Krieges. Sie brauchten alle Lebensmittel, um ihr riesiges Heer über die weite, karge Steppe zu bringen. Ich wusste ja nicht, wie es in Talsin kommen würde. Ich war überzeugt, das Richtige zu tun. Mir war klar, dass Feylanviek den ganzen Winter über abgeschnitten sein würde. Kein Schiff aus Vahlemer würde kommen, und kein Stamm der Pferdemänner würde seine Herden zu den Schlachthäusern der Stadt führen, solange die Trolle dort regierten.
Die Königin zwang mich später, die Berichte zu lesen. Und ich musste die Überlebenden besuchen. An jenem Tag, als ich befahl, die Brände zu legen, hatte ich mir nicht vorstellen können, wozu Hunger führen mag. All die geöffneten Gräber und die Morde an jenen, die zu schwach waren, das bisschen Fleisch zu schützen, das sie noch auf den Knochen trugen ... Die Albenkinder sind entsetzt über den Kannibalismus der Trolle. Nur wenige ahnen, wie dünn die Wand ist, die uns von ihnen trennt. Ich habe keinen Gedanken an die Bewohner jener Stadt verschwendet, deren Gast ich so lange war. Ich dachte nur an den Winterkrieg in der Steppe, der uns erwartete.
Vierzig Meilen südlich von Feylanviek sammelte Orimedes die wenigen Kentauren, die er zu den Waffen rufen konnte. Erst als das Heer der Trolle die Ruinen von Jerash erreichte, war der Fürst des Windlands bereit gewesen, die Verfolgung seines Sohnes aufzugeben.
Wir wähnten uns in Sicherheit, da wir davon ausgingen, dass die Plünderung von Feylanviek das Heer der Trolle mindestens einen Tag lang aufhalten würde. Doch Orgrim führte auf andere Weise Krieg, wie wir noch oft erfahren sollten. So waren wir völlig überrascht, als aus dem Frühnebel Trolle hervorbrachen und unser Lager umzingelten. Nie zuvor hatte ich ein so verzweifeltes und blutiges Gefecht erlebt. Und nie sah ich so viele Männer sterben, um einen dem Tod Geweihten in Sicherheit zu bringen ...«
Klaves
Er trug einen schweren Leinensack, der mit einem breiten Lederriemen über seine Schulter geschlungen war. Das braune, vertrocknete Sommergras war von einer zarten Schicht Raureif überzogen. Das Gras knisterte, während er hindurchlief und nach Hornschildechsendung Ausschau hielt. Es war diesig. Die Herde hatte schon vor Sonnenaufgang ihre Wanderung begonnen. Ganda hatte ihn sehr früh geweckt. Ganda war immer gut zu ihm. Er mochte sie. Heute Morgen hatte sie ein braunes Pulver auf den grauen Griesbrei geschüttet, das ihn viel besser schmecken ließ.
Klaves lauschte in den Nebel. Die Schreie waren jetzt verklungen und auch das helle Klingen von Metall. Er hatte gespürt, wie die Geräusche die großen Hornschildechsen unruhig gemacht hatten. Und auch in seinem Bauch hatte sich ein kaltes, stacheliges Gefühl eingenistet. Dort im Nebel musste etwas Fürchterliches geschehen.
Ganda war heute Morgen unruhig gewesen. Ob sie gewusst hatte, dass dieser Lärm kommen würde?
Ein dampfender Dunghaufen ließ ihn die Grübeleien vergessen. Klaves kniete nieder. Den Dung von Mondkragen konnte er am Geruch erkennen. Doch dies hier war von einem Bullen und nicht von einer Kuh. Er betrachtete die unverdauten Grashalme, die in dem dunklen Gemenge schimmerten. Sie hatten die Farbe von Sonnenstrahlen. Manchmal stellte er sich vor, dass die Echsen Sonnenstrahlen fraßen. Und wenn sie den getrockneten Dung abends in die Feuer warfen, dann befreiten sie die Wärme der Sonne.
Klaves grub seine Finger tief in den Haufen. Er war angenehm weich und warm. Mit beiden Händen schaufelte er seine Beute in den Leinensack. Dann sprang er auf. Der Riemen auf seiner Schulter drückte auf die alten Wunden auf der Brust. Überall hatte er rote Striemen auf dem Leib, die nur langsam blasser wurden. Ganda und auch die anderen hatten ihm nicht erzählen mögen, was mit ihm geschehen war. Wenn er sich streckte, dann stach es in seiner Schulter und Brust. Und manchmal sprang ihn ein Kopfschmerz an, als habe sich ein Rabe in sein Haar geklammert, um mit seinem Schnabel auf die kahle Stelle an seinem Kopf einzuhacken.
Klaves beschleunigte seine Schritte. Er konnte im Nebel den alten Dickhaut sehen. Auf seinem Rücken war das große Trockengerüst festgeschnallt, auf dem er den Dung ausbreiten musste. Erst wenn er ganz hart und bröckelig wurde, konnte man ihn ins Feuer werfen.
Geschickt kletterte Klaves die Strickleiter zu dem Gerüst hinauf, während Dickhaut gemächlich weitertrottete. Er schüttete den Dung auf eine der geflochtenen Matten mit ihren hohen, wulstigen Rändern, die zwischen das Gitterwerk aus dünnen Stangen gespannt waren, das sich wie Stacheln über den Rücken der Echse erhob. Sorgsam verteilte er die braungoldenen Haufen, damit der Dung gleichmäßig trocknen konnte.
»He, Mistträger! Komm herunter, wir brauchen dich.«
Klaves sah sich verwirrt um, ob noch jemand anderes auf Dickhauts Rücken war.
»Hörst du nicht, du Stinkbeutel?« Klaves hob den Beutel auf, in dem er den Dung trug. Was wollte Nikodemus von der Leinentasche? Die konnte er nicht haben! »Klaves! Komm endlich herunter!« Der Diener war erschrocken. Offenbar hatte der Kommandant schon die ganze Zeit ihn gemeint. Aber warum rief er ihn dann nicht bei seinem Namen? Klaves packte sich an die rasierte Stelle an seinem Kopf. Die Schmerzen kamen wieder. Alles war so verwirrend. Er hatte sich an seinen Namen nicht mehr erinnern können, bis der große Kommandant Elija so freundlich war, ihn zu erwähnen.
Elija war ein guter Kerl. Er kam oft zu ihm. Meist wenn Ganda nicht in der Nähe war. Er erklärte ihm all die Dinge, die er nicht verstand. So vieles gab es, das er nicht verstand! Offenbar war er wohl etwas dumm! Selbst die Kinder konnten ihm Dinge erklären.
Elija sagte, es liege daran, dass er so anders sei. Anfangs hatte er sich große Sorgen deshalb gemacht. Er war viel zu groß! Seine Arme und Beine waren ungelenk. Und er hatte nicht so einen hübschen Kopf wie die Lutin. Manchmal betrachtete er morgens seinen Kopf in der Trinkschüssel. Er war voller kahler Stellen, an denen kein einziges Haar wuchs. Und seine Schnauze war platt und eingedrückt. Den anderen musste es schwer fallen, eine so hässliche Gestalt anzuschauen.
»Klaves! Komm endlich da runter, du Riesentrottel!« Er beeilte sich, die Strickleiter hinabzuklettern. Unten wartete eine ganze Gruppe von Lutin auf ihn. Dass es so viele waren, machte ihn unruhig. Er stellte sich ungeschickt an, als er vom Ende der Stickleiter absprang, und rollte ins Gras.
Die Lutin lachten. Und auch er fiel in ihr Gelächter ein. Dann waren sie netter zu ihm.
»Du stinkst zum Erbarmen!«, maulte Nikodemus. »Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du deine Finger im Gras abwischen sollst, wenn du in der Scheiße gewühlt hast!«
»Zehnmal, Kommandant.« Das stimmte nicht. Es war öfter gewesen, aber Klaves wusste nicht, wie es nach zehn weiterging. Er wusste, dass es weiterging, aber seine Erinnerung hatte ihn verlassen. Bis zehn konnte er nur deshalb zählen, weil es ihm die Kinder beigebracht hatten. Morgen wollten sie ihm zeigen, wie man an den Zehen weiterzählte, wenn man mit den Fingern fertig war. Das hatten sie versprochen. Aber Klaves freute sich nicht darauf. Sie hatten ihm erklärt, dass er zum Zählen barfuß laufen müsste. Das war nicht gut in dem kalten Gras!