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»Was ist mit dem Wasser?«, fragte Halgard.

»Ich weiß es nicht. Mag hat es entdeckt. Jeden Tag kurz nach der Mittagsstunde steigen hier die Blasen und das warme Wasser aus der Tiefe auf, als gäbe es am Grund des Sees eine Quelle, die aber nur manchmal fließt.«

Halgard schlang ihm die Arme um den Nacken. »Es ist schön hier. All die Luftblasen und die leichte Strömung von unten. Es ist, als liebkosten einen tausend zärtliche Hände. Überall ...« Sie lächelte sinnlich. »Wie lange sprudelt die Quelle?«

»Etwa eine halbe Stunde.« Er spürte ihre Hand zwischen seinen Schenkeln.

»Wird das reichen, mein Geliebter?« Er lächelte. »Wollen wir es herausfinden?«

Ein einfacher Plan

Die Fackel am Tor wies ihnen den Weg durch die Dunkelheit. Sie waren zu lange am See geblieben. Eine wohlige Wärme breitete sich in Ulric aus, als er an die gestohlenen Stunden dachte. Stunden, in denen sie beide die roten Fäden aus ihren Holzpuppen vergessen konnten.

Sein Brauner schnaubte unruhig. Der Prinz strich ihm über den Hals. »Bald bist du wieder in deinem Stall.«

»Ich sehe gar keine Wachen auf der Mauer«, sagte Halgard unruhig. »Sie hätten doch ein Hornsignal geben müssen.«

Ulric zügelte den großen Hengst. »Wahrscheinlich haben sie uns nicht gesehen.«

»Bei dem hellen Sichelmond?«

Das ließ sich nicht von der Hand weisen. Sein Vater hatte nur die besten Männer mitgenommen. Etwas musste in ihrer Abwesenheit geschehen sein! Er musterte die Zinnen. Auf der Mauer rührte sich nichts.

»Vielleicht solltest du zurückbleiben.« Er lockerte sein Schwert in der Scheide. Das Tor stand weit offen. Verdammt! Alle dort oben wussten, dass jederzeit mit einem Überfall von ein paar übermütigen Trollen zu rechnen war. Natürlich half ein verschlossenes Tor nur wenig, wenn drei von vier Burgmauern noch nicht vollendet waren. Doch hier ging es um Disziplin! Das Tor hatte nachts geschlossen zu sein. Und es gab keine Entschuldigung dafür, keine Wachen auf den Mauern zu haben!

»Etwas ist da oben«, sagte Halgard leise.

Sein Brauner peitschte unruhig mit dem Schweif.

Ulric konnte nichts entdecken, so angespannt er auch starrte.

»Spürst du es nicht? Da lauert jemand.«

»Dein Weib hat gute Augen, Prinz Ulric.« Wie aus dem Nichts stand eine Gestalt vor ihnen und griff seinem Hengst in die Zügel. Sie hatte mit einem seltsamen, singenden Akzent gesprochen. Ulric blickte in kalte graue Augen. Die Iris war von einem schwarzen Kranz eingefasst. Wolfsaugen! »Du bist ein Maurawan.«

Der fremde Krieger trat ein wenig zur Seite, sodass Mondlicht auf sein Antlitz fiel. Er lächelte. »Du kennst die Völker Albenmarks gut für einen Menschen.« Er hob den Arm und winkte zur Mauer.

»Was glaubst du, wie viele Bogenschützen dort oben warten, edle Dame?«

»Zwei«, sagte Halgard.

»Es sind drei. Aber den dritten kann selbst ich nicht sehen. Fingayn sieht niemand, wenn er es nicht will. Es heißt, selbst seine Mutter habe ihn unmittelbar nach der Geburt aus den Augen verloren.«

»Könnt ihr euch unsichtbar machen?«, fragte Halgard ungläubig.

Statt zu antworten, zog der Maurawan einen Zipfel seines Umhangs über den Kopf und kauerte sich nieder. Er sah aus wie ein Baumstumpf. Die Schattierungen des Stoffes hatten dieselbe Farbe wie von Wind und Wetter ausgeblichenes Holz; sein Pfeilköcher ragte wie ein abgestorbener Ast zur Seite.

Ulric wusste um die Fähigkeiten der Maurawan. Silwyna hatte ihm manchmal von ihrem Volk erzählt, allerdings war sie nur sehr selten in der Stimmung, von Albenmark zu sprechen. Der Prinz räusperte sich. »Ohne unhöflich erscheinen zu wollen...« Er machte eine kurze Pause, doch der Maurawan nutzte die Gelegenheit nicht, um sich vorzustellen. »Was verschafft mir die Ehre, von Jägern der Maurawan empfangen zu werden? Und warum sind die Wachen meines Vaters von den Wällen verschwunden?«

Der Maurawan erhob sich. »Weil dein Vater wünschte, dass alle Krieger die Rede des hässlichen Mannes ohne Nase hören.«

»Aber warum seid ihr hier?«

»Ohne dich drängen zu wollen, Prinz ... Die Antworten erwarten dich in der Festhalle. Ich bin nur ein Wachposten.« Ja, nur ein Wachposten! Ulric wusste sehr genau darum, wie empfindlich die Maurawan waren. Sie ließen sich von niemandem Befehle geben. Nur ein Wachposten! Lächerlich! Der Kerl war hier, weil ihm nicht der Sinn danach stand, in der verräucherten Halle zu weilen, und weil er es für sinnvoll hielt, dass ein paar Wachen auf Posten blieben. Wenn er ihm den ahnungslosen Wachposten vorspielte, dann geschah das, weil er keine Lust hatte, Erklärungen abzugeben.

Ohne auf seine Antwort zu warten, griff der Maurawan nach den Zügeln seines Braunen.

Ulric ließ ihn gewähren.

Halgard warf ihm einen fragenden Blick zu, doch er war genauso überrumpelt wie sie. Das Einzige, was er sicher wusste, war, dass von den Maurawan mutmaßlich keine Gefahr ausging. Andernfalls wären sie beide schon tot.

Der Elfenkrieger brachte sie durch das Tor hinauf zur Burganlage. Auf dem Hof standen zwei schlanke, feingliedrige Pferde. Es waren wunderbare Tiere. Im Mondlicht sah ihr Fell sandfarben aus, Schweif und Mähne waren milchweiß. Ihr Zaumzeug war mit silbernen Beschlägen verziert. Als sie die Köpfe hoben, erklangen leise Glöckchen. Die Pferde wären eines Königs würdig gewesen, dachte Ulric. Sein Vater hatte einige Elfenpferde aus Albenmark mitgebracht und sie mit den drahtigen, kleinen Pferden des Fjordlands gekreuzt. Das Ergebnis waren sehr ausdauernde, trittsichere und kluge Reittiere. Doch die Anmut der Elfenpferde hatten sie verloren.

Tosendes Gelächter ließ seinen Braunen scheuen. Es tönte von der Königshalle herüber. Dann erklang aus hunderten Kehlen der Kriegsruf der Fjordländer. »Sieg und Ruhm! Sieg und Ruhm!« Ulric hatte ein ungutes Gefühl, als er sich aus dem Sattel schwang. Sein Vater stand den Elfen zu nahe! Den letzten Dienst, den er ihnen erwiesen hatte, hatten hunderte von Fjordländern mit ihrem Leben bezahlen müssen.

Halgard trat an seine Seite. Sie schien seine Unruhe zu spüren.

»Was geschieht hier?« Ulric blickte dem Maurawan nach, der ihre Pferde fortführte. »Ich fürchte, uns steht ein Feldzug bevor.«

»Jetzt, kurz vor Einbruch des Winters? Kein vernünftiger Mensch führt Krieg, wenn man das Wetter mehr fürchten muss als seine Feinde.«

Er lächelte traurig. »Da stimme ich dir zu. Kein vernünftiger Mensch! Elfen und Trolle hingegen scheren sich nicht um Schnee und Eis. Und ich fürchte, was uns erwartet, wird mit Vernunft nicht viel zu tun haben.« Er stieß das Tor zur Königshalle auf. Das Licht und der beißende Rauch blendeten ihn. Der schwere Honigatem von Festen, bei denen der Met in Strömen floss, schlug ihm entgegen.

»Sieg und Ruhm! Sieg und Ruhm!«, dröhnte es von den Wänden. Die Krieger hielten ihre Trinkhörner hoch. Immer wieder grölten sie den Schlachtruf.

»Viele von euch kenne ich, seit sie Knaben sind. Und ich kannte eure Väter, die im Elfenwinter ihr Leben gegeben haben, um euch zu retten. Um das Fjordland gegen die Blut saufenden Bestien zu verteidigen. Ihr seid unser Schild und unser Schwert, seit ihr alt genug seid, eine Waffe zu halten. Auch ihr seid Blut saufende Ungeheuer geworden, und endlich ist der Tag gekommen, euch von der Kette zu lassen. Der Tag, an dem die Scharmützel enden und wir Rache nehmen werden für all unsere Toten! Die Trolle waren es, die die Fackel des Krieges in unsere Dörfer und Städte getragen haben. Nun sollen sie lernen, wie es ist, sein Heim brennen zu sehen. Eine Elfenflotte ist unterwegs zur Nachtzinne, und wir werden an der Seite unserer Waffenbrüder stehen, um die Trolle aus ihrer Festung zu locken. Und wenn wir sie da haben, dann werden wir ihnen in den Arsch treten, dass sie unsere Stiefelspitzen auf der Zunge spüren!«

Die Krieger brachen in begeisterten Jubel aus.

Ulric schmunzelte. Diesen Spruch mit der Stiefelspitze hatte Lambi schon hunderte Male gebraucht, aber die Männer mochten ihn. Eine Rede des Herzogs ohne seinen Lieblingsspruch war undenkbar. Ebenso, wie es stets um Ärsche, Schlappschwänze, Hurensöhne oder Bastarde ging. Ulric hätte eine dieser Reden wortwörtlich wiederholen können, und die Männer hätten ihm bestenfalls ein mitleidiges Lächeln geschenkt. Aber Lambi schaffte es auf seine unvergleichliche Art, die Herzen der Krieger in Flammen zu setzen. Dabei war er wohl der hässlichste Mann des Fjordlands. Ihm war die halbe Nase weggeschnitten, sodass man in eine dunkle Höhle blickte, wenn man ihm ins Gesicht sah. Selbst hart gesottene Krieger senkten vor dem Herzog den Blick. Aber wenn er vor einer Schlacht oder auch an einem offenen Kriegergrab eine Rede hielt, dann vermochte niemand anderes mit seinen Worten so tiefe Gefühle zu wecken wie er. Und niemand erzählte so unterhaltsame Geschichten über seine Heldentaten — erfundene und tatsächliche -, wie Lambi es tat. Sogar etliche Skalden beneideten ihn um sein Geschick, die Zuhörer an seine Lippen zu fesseln.